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Jeder Unfalltod betrifft 113 Menschen - Kampagne warnt mit echten Schicksalen

Straßenverkehr

Mehr als 3200 Menschen sind im vergangenen Jahr bei Unfällen auf deutschen Straßen ums Leben gekommen. Die Kampagne "Runter vom Gas" will mit drastischen Mitteln aufklären. Sie zeigt echte Schicksale.

"Hallo" - Das mit der angefangenen Nachricht klemmt noch zwischen den Beinen des Fahrers. Der Tacho steht bei Tempo 70. Es dauerte nur einen winzigen Augenblick, das Wort zu schreiben - dieser Augenblick war tödlich. Der Autofahrer kam in einer Rechtskurve von der Straße ab und raste frontal in einen entgegenkommenden Lastwagen.

Wie "eingefroren" sei die Szenerie gewesen", erinnert sich Polizeihauptkommissar Thomas Hennemann, der 2010 am Unfallort in Münster ankam. Das Bild steht ihm bis heute vor Augen. Ablenkung am Steuer ist immer häufiger der Grund für schwere , neben unangepasster Geschwindigkeit und zu geringem Abstand.

Die vom und vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR) getragene Kampagne "Runter vom Gas" will mit neuen Plakaten an den Autobahnen auf diese Unfallursachen aufmerksam machen. Im Mittelpunkt stehen dabei die Schicksale von Hinterbliebenen und anderen Mitbetroffenen. Von einem einzigen Unfalltod sind laut der am Dienstag in München vorgestellten Studie im Schnitt 113 Menschen unmittelbar betroffen: 4 enge Freunde, 56 Bekannte, 42 Einsatzkräfte - und 11 Angehörige.

Eine Frau verlor Sohn, Mann und Bruder

Katharina Körner: Vor zwölf Jahren verlor sie ihren dreijährigen Sohn, ihren Mann und ihren Bruder. Ein Freund hatte die drei mit seinem nagelneuen 400-PS-Sportwagen am Morgen des 13. August 2005 abgeholt. Es sollte ein entspannter Ausflug werden - zu einer Autoschau. Körner blieb mit den zweijährigen Zwillingsmädchen zu Hause. Alle drei Kinder sollten am nächsten Tag getauft werden. Es gab noch so viel vorzubereiten. "Gegen 17.00 Uhr hat die Polizei geklingelt." Die Beamten kamen mit der Todesnachricht.

Der Wagen war auf der Schwarzwaldhochstraße beim Überholen aus einer Kurve getragen worden und gegen Bäume gerast. Sohn, Mann und Bruder verbrannten in den Trümmern. Die Aufprallgeschwindigkeit lag bei Tempo 150, erlaubt waren 70. "Der Unfall hätte vermieden werden können", sagt Körner. Der Unfallfahrer überlebte. Er sei nicht verurteilt worden. Wut auf den Fahrer, der ihr die Liebsten raubte? Anfangs ja. "Dann habe ich gemerkt, dass die Wut mich zerstört."

Körner brauchte Jahre für den Weg zurück ins Leben. "Ich bin in den Wald gelaufen und habe geschrien, weil ich so wahnsinnige Schmerzen im Körper hatte", berichtet sie. "Teilweise will man gar nicht mehr weiterleben." Heute arbeitet die 48-Jährige als Therapeutin - und hilft Menschen bei den Themen Verlust und Tod.

Kampagne soll aufrütteln

Zu hohes Tempo katapultierte auch den jüngeren Bruder von Til Schwartz aus dem Leben. Mit seinem Motorrad war er im vergangenen Sommer mit 100 Stundenkilometern in Berlin unterwegs, verlor die Kontrolle und prallte gegen einen Baum. Den aufgerissenen und zur Seite verschobenen Helm hat Schwartz nun bei sich zu Hause. Seinen eigenen Roller hat er nicht mehr angerührt. Und: "Mein großer Sohn hat gesagt, er möchte den Motorradführerschein nicht machen."

3214 Menschen starben 2016 bei Verkehrsunfällen. 2011 waren es noch 4009. Damals legte die Bundesregierung das Ziel von 40 Prozent weniger Todesopfern im Straßenverkehr bis 2020 fest. Zuletzt hob das Bundesverkehrsministerium den Etat für Prävention um gut eine Million Euro auf nunmehr 14 Millionen Euro an. 


"Runter vom Gas" solle aufrütteln - und die dramatischen Ausmaße eines tödlichen Unfalls aufzeigen, sagt die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesverkehrsministerium, Dorothee Bär (CSU). "Denn jeder Verkehrstod zerbricht mehr als ein Leben."

Handys haben im Straßenverkehr nichts zu suchen

DVR-Geschäftsführerin Ute Hammer betont, es gehe nicht nur um notorische Raser. "Jeder von uns ist gelegentlich mal zu schnell." Im immer hektischeren Verkehr werde gleich gehupt, wenn es nicht rasch genug voran gehe. "Hier muss auch eine neue Kultur Einzug halten."

Ablenkung wiederum sei ein "ganz komplexes Thema, weil heutzutage fast jeder praktisch mit dem Handy in der Hand geboren wird", sagt Hammer. "Es ist ganz schwer Menschen zu vermitteln, dass Handynutzung im Straßenverkehr nichts zu suchen hat." Schon fünf Buchstaben können das Leben kosten.


tis/Sabine Dobel/DPA

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