Aktion gegen Magerkost Kampfansage gegen den 90-60-90-Wahn
5.09.2012, 19:33 Uhr
Auch Bloggerin Anne Schüssler hat sich am Projekt beteiligt.
Die Zeit der superdünnen Models scheint vorbei zu sein. Das heißt aber noch lange nicht, dass es dicke Menschen in der Gesellschaft einfach haben. Eine Frau hat die Faxen dicke und twittert Protest.
Von Verena Kuhlmann

In etlichen Geschäften ist gut sitzende und schicke Mode oft nur bis Größe 38 zu finden. Frauen mit mehr oder weniger deutlichen Rundungen haben es schwerer, im wahrsten Sinne des Wortes gut passende und attraktive Klamotten zu finden. Diese Erfahrung machte Bloggerin Journelle zuletzt Anfang August, als sie sich ein paar hübsche Sachen kaufen wollte. Das brachte sie auf eine Idee: Sie beschloss, sich regelmäßig vor dem Verlassen des Hauses zu fotografieren und die Aufnahmen bei Instragram und Facebook hochzuladen. Ein Statement. Sie will zeigen, dass man sich auch jenseits der Modelmaße schön und wohl fühlen kann.

"Warum ist es nicht möglich, dass Mode nicht für einen Idealkörper von 60-90-60 sondern für individuelle Körpergruppen gemacht wird?" Mit dieser Frage und dem Zahlenfehler bei der Beschreibung der angeblichen Idealmaße - eigentlich ja 90-60-90 - in ihrem Blogeintrag vom 10. August fing ihr Protest an. Nachdem sie auf die unkorrekte Reihung der Zahlen aufmerksam gemacht wurde, fand sie den Begriff gerade deshalb noch treffender, um die Intention der Aktion zu verdeutlichen. Von da an nahm das Twitter-Phänomen #609060 seinen Lauf. Denn Journelle hat scheinbar ausgesprochen, was sich etliche Frauen und - man staune - viele Männer ebenso denken. Und so hat sie schnell Unterstützung bei ihrer Aktion bekommen.

Mit der Unterschrift "normale Menschen in Oberbekleidung" und dem Schlagwort #609060 sind mittlerweile viele Fotos von Unterstützern beider Geschlechter mit Figuren fern von Size Zero hochgeladen worden. Etwa vier Wochen später schreibt Journelle einen neuen Blogeintrag. Es geht wieder um das Fotoprojekt. Einige Anmerkungen und Fragen zu #609060 will sie nicht einfach im Raum stehen lassen. Denn mit der vielen Unterstützung ging auch Kritik einher.

Anke Gröner zum Beispiel hat in ihrem eigenen Blog auf #609060 reagiert. Sie will aus verschiedenen Gründen nicht an der Aktion teilnehmen. Zum einen stellt sie zur Diskussion, ob das Wort "normal" die Aktion nicht in eine völlig falsche Richtung treibt. Sie plädiert für eine Abschaffung jeglicher Kategorien: "Ich will mit meinem nicht-normalen Körper nicht in einer Reihe von Mädels stehen, die – und hier unterstelle ich mal ganz fies etwas – beim Anblick meines Körpers als erstes NICHT denken, wow, total normal, sondern: Puh, bin ich froh, dass ich nicht so aussehe."

Außerdem hat sie ein Problem mit der Tatsache, dass auf fast allen Fotos, die hochgeladen werden, der Kopf der jeweiligen Personen abgeschnitten ist. Damit fallen die Aufnahmen unter die Rubrik der "headless fatties", die ihrer Meinung nach bisher einzig und allein der Abschreckung dienten. Gröner will nicht, dass Dicke auf ihre Üppigkeit reduziert werden: "Ihr fotografiert euch ohne Kopf, ihr reduziert euch selbst auf eure Kleidung, auf eure Äußerlichkeit" – mit diesen Worten fordert sie die Teilnehmer auf, ihr Gesicht zu zeigen, und sich nicht länger zu verstecken. Ihrer Meinung nach gibt es keinen Grund, sich für seine Rundungen zu schämen. Zum Schluss gibt sie noch zu bedenken, dass diese Bilder leicht zweckentfremdet werden und auf fragwürdigen, erniedrigenden Seiten wieder auftauchen könnten. Und lädt am Ende des Beitrags ein Foto von sich ins Netz: mit Kopf und der Überschrift "Das bin ich, und so sehe ich aus".

So ist durch einen kleinen Tippfehler und ein einzelnes Fotoprojekt eine konstruktive Diskussion über die heutigen Normen und Ansichten entstanden. Ganz ohne Shitstorm, Trolle und Diskriminierung. Es formieren sich zwei Gruppen – Pro und Contra #609060 –, aber jede Meinung wird beachtet und respektiert. Außerdem gibt es viele Kommentare und Beiträge, die zeigen, dass sich die Teilnehmer solidarisieren und gegenseitig Mut schenken. Man will sich zeigen, nicht länger verstecken. Nur bleibt die Kritik bisher noch weitgehend kopflos. Vielleicht ist es ein Anfang. "Best practice: Konstruktiver Streit unter Frauen bringt ihren Anliegen öffentliche Sichtbarkeit" zwitschert @antjeschrupp treffend, während weiter fleißig Fotos von Menschen in Oberbekleidung hochgeladen werden.