Dieser Artikel stammt aus dem stern, Nr. 32, vom 31. Juli 2014
Die Welt war sehr okay, wenn Anna* schniefte. Sie schniefte, seit sie 13 war. Sie schniefte "krasse Mengen". Es war ja immer genug da. Es machte sie glücklich, euphorisch. Es hielt sie wach, manchmal tagelang. Mein Gott, war sie gut drauf.
Und was war schon dabei, es machten ja alle, jedenfalls alle Freunde, jedenfalls alle, die sie nun kannte. Sie hatte sogar die Prüfungen für den Hauptschulabschluss hinbekommen, hatte zwei Wochen nicht geschlafen und unter Hochdruck gelernt. Auf Crystal. "Die Leistungen waren nicht schlecht." Bei ihrer mündlichen Prüfung hatte sie einen "echten Laber-Flash", was von Vorteil gewesen sei. Sie hat sogar weiter Fußball gespielt in ihrem Verein in Weimar. Annas Crystal-Welt war sehr okay.
Nervenzusammenbruch. Ohnmacht. Geschlossene Psychiatrie. Neun Monate ist das jetzt her, dass ihre Mutter sie fand und ins Krankenhaus brachte. Anna hatte 1,5 Gramm auf einmal geschnupft und geraucht. Jetzt sitzt sie auf einer Bank in der Raucherecke vor der "Alten Flugschule". In der Therapieeinrichtung in Großrückerswalde, einer kleinen Gemeinde mitten im Erzgebirge, bereiten sich 60 Patienten auf ein neues Leben ohne Drogen vor. Einer ist wegen Alkohol hier, 59 wegen Methamphetamin. Sachsen ist Crystal-Land, so wie Bayern und Thüringen, wo sich die Droge von der Grenze auch immer weiter ins Inland frisst.
Anna zieht an der Zigarette. Helle Haare, sportlich, ein normales, hübsches Mädchen, kein zahnloses Meth-Gesicht, wie man es von Fotos aus Amerika kennt. Oder von Thomas*, der gerade mit ihr in der "Fliegerschule" seine Therapie durchläuft. Öffnet der den Mund, erschrickt man.
Anna dagegen kann noch lächeln, als sie von ihrer Zeit mit Crystal erzählt. Sie gerät sogar ins Schwärmen. "Es war leider sehr geil", sagt sie. Sie weiß, wie bescheuert das klingt, heute, ein paar Monate nach der Psychiatrie. Sie ist jetzt 17 Jahre alt. Die vergangenen vier Jahre war ihr Leben bestimmt von den kleinen Kristallen, die so harmlos aussehen wie Kandiszucker.
Crystal ist kein Kandiszucker
Aber Crystal ist kein Kandis. Viele sehen in Crystal die gefährlichste Droge der Welt. Leicht herzustellen aus Erkältungsmitteln, die aufgekocht und mit Chemikalien versetzt zu klaren Salzen kristallisieren. Crystal, ein Methamphetamin, ist erheblich stärker als normales Amphetamin wie Speed. Es wirkt länger, heftiger. Es lässt sich schniefen, rauchen, spritzen. Es macht meist schneller süchtig, es ruiniert Körper und Geist. Wenn der Trip vorüber ist, können Depressionen auftreten.
Mögliche Spätfolgen sind neben Zahnausfall epileptische Anfälle, Hirnblutungen und Herzversagen. Manchmal dauert der Verfall nur zwei, drei Jahre. Doch wer denkt schon an Verfall, wenn der Rausch einsetzt, nur Minuten nach der Einnahme. Wenn das Ego wächst, alle Sorgen verschwinden, weil Überdosen Glückshormone die Synapsen überschwemmen: Der Dopamin-Level, der dann steigt, wenn uns Gutes widerfährt, explodiert. Man hat den Effekt bei Tieren nachgewiesen: Sex ließ ihren Dopamin-Pegel von 100 auf 200 Einheiten steigen, bei Crystal schoss er auf bis zu 1250.
So viel Glück findest du nirgendwo im echten Leben. So viel Glück bekommst du nur beim Dealer oder direkt hinter der Grenze zu Tschechien auf den von Vietnamesen betriebenen Asia-Märkten, am Rande von Orten wie Děčín oder Cheb, zwischen gefälschten Markenjeans und raubkopierten CDs, wo man nur an der Nase reiben und „Piko“ nuscheln muss, "Crystal" oder "Ice". Ein Gramm für 20 Euro, manchmal schon für zwölf. Ein Gramm reicht für locker zehn Portionen. Anfangs.
Neu ist die Droge nicht
Ende der 90er Jahre tauchte der Stoff vereinzelt in Sachsen und Bayern auf, eingeschmuggelt aus Tschechien, wo in den 70er Jahren eine Szene entstand, die sich mit selbst gekochtem Methamphetamin über die Depression nach dem gescheiterten Prager Frühling hinweghalf. Erst seit vor einigen Jahren vietnamesische Händler ins Geschäft einstiegen, stießen auch deutsche Zoll- und Drogenfahnder öfter auf die Kristalle. Sie wurden immer billiger, immer reiner, immer mehr. Vor Jahren warnte schon das BKA vor einer Welle, die das Land überschwemmen könnte. Doch bisher schien Crystal ein zwar wachsendes, aber letztlich regionales Problem zu bleiben. Begrenzt auf drogenaffine Party-People im Südosten der Republik. Bisher.
Ein Mittwochnachmittag Anfang Juli. Der Bundestag hebt die Immunität eines Abgeordneten auf. Wenig später durchsucht die Polizei die Wohnung des SPD-Parlamentariers Michael Hartmann. Der Innenpolitiker war den Fahndern bei der Überwachung einer Berliner Dealerin ins Netz gegangen. Es ist ein Schock. Es geht nicht um Kiffen. Es geht nicht um Koks. Es geht um eine der gefährlichsten Drogen der Welt. Wieso treibt sich ein angesehener Parlamentarier im Schattenreich dieser Drogen herum? Oder liegt dieses Reich vielleicht schon lange nicht mehr im Schatten? Ragt es hinein in die Mitte der Gesellschaft – bis hinauf in den Bundestag?

Immer mehr Konsumenten
Laut aktuellen Daten des Bundeskriminalamtes stieg allein die Zahl der jährlich erfassten Erstkonsumenten 2013 auf über 2700. Das sind fast achtmal mehr als vor fünf Jahren. Im gleichen Zeitraum hat sich die sichergestellte Menge Crystal mehr als verzehnfacht, von 7,2 auf 77 Kilogramm. Keine Welle, es sind viele kleine Kanäle, die ins Land fließen. In Leipzig, sagt die Polizei, bekomme man Crystal an jeder Schule der Stadt. Neuerdings ist die Droge auch im Raum Stuttgart zu haben, bis weit hinein nach Nordrhein-Westfalen und natürlich in Berlin. Es gibt Dealer, die Crystal per Post verschicken, Kunden müssen nur wissen, auf welchen Webseiten und mit welchen Codewörtern man bestellt.
"Das ging rasend schnell", sagt Nina Queer. Die Berliner Dragqueen veranstaltet Partys, sie moderiert und legt als DJane auf. Sie ist ein bekannter bunter Vogel der Berliner Schwulenszene. "Vor knapp zwei Jahren tauchte Crystal vereinzelt auf, aber seit einem halben Jahr gehört es einfach dazu, so normal wie früher Ecstasy", sagt Nina Queer. Morgens, wenn ihre Partys enden und selbst Nina müde wird, ziehen einige ihrer Gäste einfach weiter. Und wenn sie fragt: "Kinder, wo wollt ihr denn noch hin?", flöten sie aufgedreht: "Wir gehen noch ins Berghain." Und wenn sie fragt: "Das schafft ihr noch?", dann lachen sie und sagen: "Klar, mit ’nem bisschen Crystal." Es klingt so selbstverständlich. So normal. Inzwischen hat Nina Queer den Eindruck, dass es jeder nimmt, der sich Kokain nicht leisten kann – jedenfalls nicht in den Mengen, die man brauchte, um von Freitagnacht bis Sonntagmittag durchzufeiern.
Es gibt noch einen anderen Grund, der Crystal in der Szene so beliebt macht: Methamphetamin steigert die sexuelle Leistungsfähigkeit. Es löst Hemmungen und wirkt schmerzlindernd. Auf schwulen Sexpartys und in der Fetischszene der Hauptstadt sei Crystal mittlerweile so verbreitet wie Kondome, sagt Nina Queer. "Die nehmen das Zeug und poppen zwei Tage lang durch. Das klappt nicht auf Koks, da wirst du nur arrogant. Auf Crystal geht’s sofort zur Sache."
Meth gibt es in ganz Deutschland
Queer selbst ist vorsichtig geworden mit Drogen. Sie hat in den 15 Jahren Nachtleben zu viele sterben sehen. Es macht ihr Angst, dass niemand Angst hat. Bislang tobt sich Crystal in der Hauptstadt zwar nur in der Subkultur aus. 700 Gramm hat die Berliner Polizei 2013 beschlagnahmt, es gibt mehr Menschen, die mit Kokain oder Heroin aufflogen. Der Berliner Drogen- Notdienst betreut pro Jahr 6000 Betroffene, bislang keinen einzigen wegen Crystal. Aber Queer sagt auch: "Die schwule Szene setzt Trends. Ich fürchte, das gilt nicht nur für Mode und Musik. Warte ein Jahr ab. Dann ist das Zeug auch bei den Heten richtig angekommen."
Landeskriminalamt Bayern. Joachim Huber legt eine Karte auf den Tisch. Die Crystal-Gebiete haben er und die Kollegen blau eingefärbt. Landkreis um Landkreis, Jahr für Jahr, das Blau kriecht über die Dörfer, in die kleinen und größeren Städte, nach Hof, Bayreuth und Nürnberg bis hinunter in seine Stadt München. Crystal wird in Bayern inzwischen öfter beschlagnahmt als Heroin und Kokain zusammen. "Die größten Fallzahlen haben wir immer noch an der Grenze", sagt Huber. Er leitet die "Task Force Crystal" des LKA. Seine Gruppe gibt es erst seit ein paar Monaten. Die Bürgermeister im Osten Deutschlands haben seit Jahren um Hilfe gerufen, weil immer mehr Jugendliche wie Geister durch die Gassen ihrer Gemeinde laufen.
Polizist Huber weiß, dass sie bislang nur an der Oberfläche des Problems kratzen, dass sie nur einen Bruchteil der Droge entdecken. Rauschgiftdelikte seien nun mal "Kontrolldelikte", sagt Huber, je mehr kontrolliert wird, desto mehr wird gefunden. Oft sind es Drogenhunde, die den seifigen Geruch der Kristalle wittern – in Unterhosen und Körperöffnungen, in Coladosen mit doppeltem Boden oder in Kindersitzen. Auch Touristen werden missbraucht. Die Schmuggler befestigen magnetische Pakete mit GPS-Sendern unter deren Autos. Nach dem Grenzübertritt werden sie einfach wieder abgepflückt.
Längst geht es um mehr als nur den "Ameisenhandel", mit dem kleine Druffis den Eigenbedarf decken. Hubers Task Force interessiert sich vor allem für die Strukturen, für Händlernetze – und noch mehr für die Quellen. Der Kriminalrat zieht noch eine Karte hervor. Sie stammt von seinem tschechischen Kollegen Petr Kočí, und sie zeigt, wo die Asia-Märkte liegen, auf denen mit Crystal gehandelt wird. 33 sind es inzwischen. Huber telefoniert ständig mit Kočí. Große Funde, große Schmuggler, neue Routen, die beiden tauschen sich aus.
Drogenküche Tschechien
Wenn Petr Kočí auf einen der verwinkelten Märkte tritt, dann gehen schnell die Rollläden der kleinen Verschläge runter. Viele Händler kennen Kočí und seine Leute. Er ist stellvertretender Leiter der Prager Drogenbekämpfungszentrale, der wichtigste Crystal-Jäger des Landes. Seit mehr als 20 Jahren macht er nichts anderes. Allein im vergangenen Jahr nahmen seine Leute 260 Crystal-Küchen hoch. In Deutschland gibt es nur wenige, denn wer in großem Stil für den Markt produzieren will, der braucht auch große Mengen an Chemikalien. Da reichen nicht ein paar Packungen Erkältungsmittel. Sobald jemand auffällig viel davon kauft, schlagen deutsche Apotheker bei den Behörden Alarm. Die tschechischen Drogenküchen nutzen ihre kriminellen Kontakte, ein Großteil der Zutaten soll inzwischen aus Polen stammen.
Kočí kennt alle Varianten der Küchen, vom Mini-Labor im Kofferraum eines Autos, darin Chemikalien, Gummihandschuhe und eine Wärmequelle, bis hin zum Drogenkeller mit Baustellenbottichen und Bohrmaschinen zum Rühren. Mitte April wurde in der Nähe von Karlsbad eines der bislang größten Labors entdeckt. Die Küche stand in einer alten Industrieanlage, sie sah aus wie eine kleine Fabrik. Für den Abtransport der Chemie und der Geräte brauchten die Ermittler zwei Lkws. Es war ein Erfolg, aber ein schaler, denn es ist wohl so, wie ein deutscher Fahnder sagt: "Nimmst du eine hoch, gibt es woanders schon zwei neue." Niemand weiß, wie viel Crystal in Tschechien gekocht wird, aber geschätzt sind es bis zu zehn Tonnen pro Jahr.
Crystal als Leistungsdroge
Und diese Tonnen finden ihre Abnehmer. Allein in Tschechien soll es bis zu 40 000 Süchtige geben. In Deutschland ist die Szene noch immer weitgehend unerforscht. Man vermutet, es sind Zigtausende, die hierzulande ihre Tage stumpf und fröhlich aneinanderreihen. Die einfach gut drauf sein wollen, euphorisch. Das ist der Unterschied zu anderen Drogen. Wer Crystal nimmt, will nicht sein Bewusstsein erweitern, der Welt im Rausch entfliehen. Wer Crystal nimmt, will den Körper zu Höchstleistungen peitschen. Er will den Hunger abstellen, die Müdigkeit, er will hellwach sein. Für mehr Party, mehr Sex, mehr Arbeit. Crystal macht nicht schlauer oder kreativer, aber es gibt einem genau dieses Gefühl – egal, wie kümmerlich die Konsumenten nach Jahren auch aussehen mögen, wie langsam sie ihre Gedanken fassen. Sie fühlen sich unbesiegbar.
"Bei Konsumenten spielt die Droge oft auch im Beruf eine wichtige Rolle", sagt der Psychiater Ingo Schäfer. "Sie nehmen dann Crystal Meth, um fit und wach zu bleiben." Schäfer ist Geschäftsführer im Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg. Vor Kurzem hat er die erste große Studie über Crystal in Deutschland veröffentlicht. Fast 200 Konsumenten in Kliniken und Beratungsstellen hat er mit seinen Kollegen befragt. Sie stammen aus allen Bevölkerungsschichten. Die wenigsten sind typische Junkies, viele standen einmal mitten im Leben, waren zuverlässige Schüler, manche haben eine abgeschlossene Berufsausbildung, ein Viertel sogar Abitur.
Jeder zweite Befragte gab an, Crystal auch bei der Arbeit zu nehmen. Darunter Handwerker, die unter Auftragsdruck stehen, Studenten mit Prüfungsstress, Alleinerziehende, die sich verlieren zwischen Job und Kind. Es sind keine Manager, eher Menschen, die unter Schichtarbeit oder der Monotonie ihres Jobs leiden, Call- Center-Angestellte oder Fließbandarbeiter. Die einfach funktionieren wollen. Auch Bettina* funktionierte. Und niemand hat es bemerkt. Nicht die Kollegen, nicht der Chef. Sie arbeitete selbstständig "und immer ergebnisorientiert", wie sie sagt. Wenn es sein musste, saß die Buchhalterin bis 22 Uhr im Büro. "Ich war der Prototyp für ein neues Arbeitszeitmodell", sagt sie. Ihre Kraft schien unerschöpflich. Sie arbeitete bei einem Energieversorger, später in einer Behörde, dann bei einer Sicherheitsfirma, immer bekam sie beste Zeugnisse.
Meth wirkt bei jedem anders
Ein Bröckchen am Morgen brauchte sie nur, damit sie in die Gänge kam, damit das "normale Leben" funktionierte. Der Stoff lag im Nachttisch. Erst rauchte sie eine Zigarette, dann schluckte sie Crystal, auf dem Bett sitzend, mit Eistee gegen den Chemiegeschmack. "Ich nahm Crystal so, wie andere Kaffee trinken." Der Push reichte für acht Stunden. Manchmal schluckte sie im Büroklo eine zweite Ration. Ein Zehntel, drei Zehntel Gramm, höchstens ein Gramm pro Tag, normalerweise. Bettina ist 47 und so etwas wie eine Crystal- Veteranin. Mit Unterbrechungen war sie mehr als 15 Jahre auf der Droge. Und sie wäre es wohl bis heute, wenn sie nicht irgendwann begonnen hätte, das Zeug an Bekannte zu verkaufen. Wenn dieses Zeug nicht diese verdammten "Laber-Flashs" verursachen würde. Die Polizei hatte Telefone ihrer Bekannten abgehört und mit ihr ein Dutzend andere Kleindealer verhaftet
Gemeinsam mit ihrem Anwalt Alexander Schmidtgall ist Bettina in ein Restaurant gekommen, irgendwo in Bayern. Sie trinkt Apfelschorle und raucht tschechische Zigaretten. Die Sucht hat Spuren hinterlassen. Sie ist blass, ihre Haut hat sich noch immer nicht erholt, unter dem Spitzentop wölbt sich ein Bauch. Sie habe 25 Kilogramm zugenommen. Crystal macht schlank. "Das war ein angenehmer Nebeneffekt." Doch darum war es ihr nie gegangen. Sie fühlte sich "erhaben" und hellwach. Das war es, was sie liebte an dem Stoff, den ihr ein Freund aus Prag mitbrachte. Stoff, für den sie in den heftigsten Phasen bis zu 60 Euro ausgab, täglich. Jahrelang glaubte sie, es steuern zu können. "Ich hab mich nicht so doll weggeschossen." Sie brauchte kein Cannabis oder Schlafmittel, um wieder zur Ruhe zu kommen. Sie hielt es ein halbes Jahr ohne Crystal aus. Sie war damals 30, und ihr Vater – höherer Verwaltungsbeamter, Respektsperson – kontrollierte sie fast täglich.
Er hatte einen Tipp bekommen von einem befreundeten Polizisten. Als die väterliche Kontrolle nachließ, war Bettina wieder drauf. "Es gibt große individuelle Unterschiede", sagt ihr Anwalt Schmidtgall, "die einen laufen nach einem Jahr als Zombies durch die Gegend, die anderen funktionieren jahrelang." Bettina gehörte zu den anderen. Sie machte keinen "Gesichtsfasching" – Grimassen, typisch für Meth-Süchtige. Sie kratzte sich nicht die Haut auf, litt nicht an Verfolgungswahn wie so viele. Wenn sie nachts nicht runterkam, sortierte sie stundenlang Kleider, heftete Post ab, "schön mit Registerkarten". Wem fällt so eine Marotte schon auf, bei einer Buchhalterin?
2012 landete Bettina in U-Haft. Sie setzte sich selbst sofort auf Entzug. Sie wollte keinen Arzt, sie wollte kein Tavor gegen Ängste und Schlafstörungen, sie wollte einfach ihre Ruhe. "Ich war extrem müde." Ihre Therapie sei einzig ihre Willenskraft gewesen, sagt sie. Und die Drohung, dass es nicht bei viereinhalb Monaten Haft bleiben könnte. Der Richter verurteilte sie zu zwei Jahren auf Bewährung. Zweimal pro Jahr muss sie eine Haarprobe abliefern. Seit zwei Jahren ist sie clean. Ob das so bleibt? Bettina sagt: "Die Sucht ist im Kopf."
Das harte Erwachen
Ohne Therapie, mit reiner Willenskraft – das schafft fast niemand, der jahrelang Crystal konsumiert hat. Abgesehen von den körperlichen Folgen ist die Psyche meist so nachhaltig geschädigt, dass nach sechswöchiger Entgiftung mindestens sechs Monate Klinikaufenthalt nötig sind.
"Die meisten unserer Klienten haben praktisch die ganze Jugend auf Crystal verbracht. Sie wissen oft gar nicht, was normales Leben ist", sagt Uwe Wicha, der Chef der Drogenklinik "Alte Flugschule" in Sachsen. Hier sollen die Patienten lernen, was dieses langweilige, scheißnormale Leben wert sein kann. Trotz all der Probleme und mancher Schmerzen, die sie auf Crystal gar nicht wahrgenommen haben. Für manche ist es ein regelrechter Schock: Dafür sollen sie clean werden?
Eine Zigarette noch, dann muss Anna wieder rein, die Therapie geht weiter. Zwölf Wochen noch, dann ist sie hier fertig, dann beginnt die nächste Stufe: Adaption. Sie wird nach Leipzig ziehen in eine betreute Wohngemeinschaft. Sie will beweisen, dass sie es schafft, der Versuchung zu widerstehen. Sie hat Pläne, sie will den Realschulabschluss schaffen und einen Beruf erlernen, Grafikdesignerin wäre nicht schlecht.
Sie hat sich hier in der Klinik in einen Jungen verliebt. Er ist schon wieder draußen. Anna hofft, dass er wartet, es könnte was Ernstes draus werden. Sie haben dasselbe Ziel, vielleicht ist es gut. Vielleicht ist es auch schlecht, denn sie haben dieselbe Vergangenheit. Und die war, wie Anna sagt, "leider oft sehr geil".
*Die Namen wurden von der Redaktion geändert.