User Image User
User Image User

Der letzte Insulaner

Ausnahme-Baby: Joui Jensen kam am 16. Januar im bereits geschlossenen Kreißsaal von Wyk zur Welt

Von:

Irmgard Hochreither

Ein einziges Kind kam in diesem Jahr auf Föhr zur Welt. Regelwidrig. Denn seit der Schließung des Kreißsaals in Wyk sind hochschwangere Frauen zur häufig riskanten Reise aufs Festland gezwungen.

Von Irmgard Hochreither

Eine stürmische Nacht. Dichter Nebel liegt über der Insel und dem Wattenmeer. Im idyllischen Dörfchen Borgsum schlafen Vanessa und Jörg Wriedt. Auch ihr zweijähriger Sohn Len schlummert tief und fest. Um ein Uhr nachts weckt Vanessa ihren Mann. Sie ist hochschwanger mit ihrem zweiten Kind. Die Wehen haben eingesetzt, die Fruchtblase ist geplatzt. Eigentlich kein Grund zur Panik. Alles im Normbereich, drei Tage vor dem errechneten Geburtstermin. Und doch beginnt jetzt ein nervenaufreibender Wettlauf gegen die Uhr.

Vanessa muss aufs Festland gebracht werden. So schnell wie möglich. Len hatte sie noch ganz entspannt in der Inselklinik im acht Kilometer entfernten Wyk zur Welt bringen dürfen. Doch Ende September 2015 entschied die Klinikleitung in einem Hauruckverfahren, die Entbindungsstation sofort zu schließen. Damit hat nun auch der letzte Kreißsaal auf einer Nordseeinsel dichtgemacht. Das Haftungsrisiko sei zu hoch. Zu wenig Laborpersonal. Kaum Blutkonserven für Notfälle. Eine harte Entscheidung für die Menschen auf Föhr.

Die Insulaner gehen auf die Barrikaden

Die Insel ist eine echte Schönheit. Kilometerlange weiße Sandstrände, Surfbuden und Strandcafés, Pferde und Schafe auf sattgrünen Wiesen, idyllische Dörfer mit reetgedeckten Friesenhäusern, umgeben vom Weltnaturerbe Schleswig-Holsteinisches . Die Föhrer sind stolz darauf, geborene Insulaner zu sein und damit der friesischen Minderheit anzugehören. Selbstbewusst und engagiert pflegen die rund 8300 Bewohner ihr kulturelles Erbe. In der Schule steht Friesisch auf dem Stundenplan, untereinander wird Friesisch gesprochen. Das Besondere bewahren, darum geht es. Dabei werden Zugereiste und Besucher herzlich aufgenommen. Zur Hochsaison lassen sich die rund 40.000 Sommergäste gern mit dem Slogan "Willkommen in der friesischen Karibik" begrüßen.

Doch nun ist die Lässigkeit dahin. Seit bekannt wurde, dass kein Kind mehr hier geboren werden darf, gehen die Insulaner auf die Barrikaden. Markus Herpich, Inhaber einer Heizölfirma, ließ den Schriftzug "Herr Pietrowski: Der auf Föhr muß bleiben!" auf einen seiner Tanklastzüge pinseln. Und kassierte prompt eine Unterlassungsklage. Sein Angriff richtete sich gegen den Geschäftsführer des Klinikums Nordfriesland, Frank Pietrowski, zu dessen Verbund auch das kleine Föhrer Inselkrankenhaus gehört. Auf Grundlage eines geheim gehaltenen Gutachtens habe er über die Köpfe der Bürger hinweg die Schließung der Wyker Geburtsstation verfügt. Eine Bürgerinitiative macht dagegen lautstark Front und formuliert in einem offenen Brief scharfe Kritik an dem "intransparenten, undemokratischen" Vorgehen. Bemängelt wird die fehlende Bereitschaft, sich zusammenzusetzen und gemeinsam nach praktikablen Lösungen zu suchen.

"Die “, heißt es in dem Papier, "verkommt zum Versicherungsrisiko." Und weiter: "Wir Insulaner finden uns nicht damit ab, wegen vermeintlicher Haftungsrisiken zu Opfern dieses Zentralisierungswahnes zu werden. Wir setzen dem die Geborgenheit, die Vertrautheit, die Individualität eines kleinen Krankenhauses entgegen."

Bei Familie Wriedt haben in fiebriger Eile die Reisevorbereitungen begonnen. Weil das Paar den kleinen Sohn nicht mitten in der Nacht aus dem Schlaf reißen will, setzt sich Jörg Wriedt ins Auto und fährt durch die Nebelsuppe nach Wyk, um seine Mutter nach Borgsum zu holen, damit der Zweijährige versorgt ist. Man sieht die Hand vor Augen nicht. Wriedt weiß, was das bedeutet: Der normale Rettungshubschrauber wird nicht fliegen. Die Rettungsleitstelle, die Gynäkologin Juliane Engel und die Hebamme Kerstin Lauterberg sind alarmiert. Vanessa und Jörg Wriedt hoffen jetzt auf den großen Bundeswehrhubschrauber des Such- und Rettungsdienstes SAR. Aber der fliegt nur mit einem Notarzt an Bord. Schnell wird klar: Es ist kein Arzt verfügbar, den man von der Insel abziehen könnte. Am Ende macht ohnehin der Nebel einen Flugeinsatz unmöglich. Nun bleibt nur noch eine Option: das Seenotrettungsschiff der Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Der Schwangerentransport gehört zwar nicht zu deren Aufgabe, "aber auf diese Jungs ist immer Verlass", sagt Jörg Wriedt. "Wenn nichts mehr geht, die kommen." Doch das Schiff liegt vor der Nachbarinsel Amrum und braucht mindestens 30 Minuten.

Ein funktionsfähiger Kreißsaal, in dem gebären verboten ist

Unterdessen werden Vanessas Wehen heftiger. Sie hat das Nötigste zusammengepackt und lässt sich von ihrem Mann in die Klinik nach Wyk fahren, wo Hebamme Kerstin Lauterberg auf ihre Patientin wartet, um sie noch einmal zu untersuchen. Nur ein paar Schritte weiter steht der funktionsfähige Kreißsaal, in dem keine Geburt mehr stattfinden darf. "Wir haben kurz überlegt", sagt Ärztin Juliane Engel, "ob wir das Verbot ignorieren." Doch dann schreckt sie doch zurück und folgt der Anweisung der Klinikleitung, jede Frau, die nur irgendwie transportfähig ist, zu verlegen.

Der letzte Insulaner war am 16. Januar geboren worden. Regelwidrig. Sarah Jensen brachte ihren Sohn Joui im bereits geschlossenen Kreißsaal zur Welt. Der zuständige Landrat drohte mit verschärften Sanktionierungsmaßnahmen, sollte so etwas noch einmal passieren. Sarah Jensen aber war hochzufrieden. "So ein Glück", sagt die junge Mutter und streicht dem Baby zärtlich über den Kopf. "Wir sind alle hier geboren. Mein Mann, unsere bald siebenjährige Tochter Leni und ich. Nun bin ich megastolz, dass auch mein Sohn ein echter Föhrer ist." Die Klinikleitung hatte der 29-Jährigen unterstellt, sie habe die Situation mutwillig herbeigeführt, habe die Schwangerschaft "ausgesessen". Sarah Jensen ist empört über diese Ausdrucksweise. "Ich war nicht dagegen, am Ende doch aufs Festland zu fahren, aber meine Tochter bekam eine Mandelentzündung, da wollte ich sie auf keinen Fall alleine lassen. Welche Mutter bringt das denn übers Herz?"

Die Empfehlung an alle Schwangeren, aus Sicherheitsgründen schon zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin ihr Zuhause zu verlassen und sich auf dem Festland in einem Boardinghaus einzuquartieren, wird von den Familien als Zumutung empfunden. Sarah Jensen sagt, sie hätte keine Chance mehr gehabt, rechtzeitig wegzukommen. Alles sei superschnell gegangen. "Etwa zwei Stunden nach den ersten Wehen war Joui da. Mein Mann war dabei, und am gleichen Tag konnten wir schon wieder nach Hause."

Insel-Hebamme Kerstin Lauterberg will weiter für ein Geburtshaus auf Föhr kämpfen


Kerstin Lauterberg stand und steht der jungen Mutter zur Seite. Sie ist Hebamme aus Leidenschaft, "aber leben könnte ich von meinem Beruf nicht“, sagt die 52-Jährige, die gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten ein Strandcafé und eine Wassersportschule betreibt. Für eine Geburt gibt es 300 Euro. Allein die Prämie für ihre Berufshaftpflicht steigt demnächst auf rund 7000 Euro. "So langsam kann ich mir das gar nicht mehr leisten." Die Bremerin, die im Jahr 2000 nach Föhr zog, hat in ihrem Berufsleben rund 1500 Geburten begleitet. Jetzt soll sie sich "nur noch" auf die Vor- und Nachsorge beschränken. Ihr bleibt die Hoffnung, dass ihr Wunsch doch noch in Erfüllung geht: "Ein Geburtshaus hier auf Föhr. Wenn dann die echten Notfälle kommen, können wir die immer noch verlegen. Wir wissen, wo unsere Grenzen sind."

Sie jedenfalls will dafür kämpfen, auch wenn es noch viele ungeklärte Fragen gibt und die Erfolgsaussichten alles andere als rosig sind. Als Frau und Mutter könne sie nachvollziehen, dass man sein Kind lieber in der vertrauten Umgebung zur Welt bringen möchte. "Da will man sein Nest bauen und nicht irgendwo alleine in einem Boardingzimmer sitzen." Aber als Hebamme gerate sie jetzt unter Druck. "Ich habe die Anweisung, die Frauen gefälligst zur rechtzeitigen Abreise zu zwingen. Das widerstrebt mir. Denn die derzeitige Praxis sorgt bei den Schwangeren für jede Menge Stress und Verunsicherung." Damit die Frauen besser planen können, erhöht sich außerdem die Zahl der Kaiserschnitte. Gut für die Kliniken-Kassen, weniger gut für Mutter und Kind.

Ihre Kollegin Kirsten Rickmers geht den Verlust der Entbindungsstation eher pragmatisch an. "Vielleicht", sagt die gebürtige Insulanerin "ist das einfach der Lauf der Zeit." Natürlich seien auch bei ihr Tränen geflossen. Zu allem Übel sei die Schließung auch noch am Tag ihres 25-jährigen Dienstjubiläums verkündet worden. "Aber es hilft meinen Muttis ja nicht, wenn ich jetzt hier sitze und heule. Ich versuche, die Frauen stark zu machen, und rate ihnen dringend, sich frühzeitig um alles zu kümmern. Ich sage jeder: Du schaffst das."

Vanessa Wriedt mit Tochter Emi auf dem Seenotrettungsschiff. Das Baby ist Flensburgerin


Anna Früchtnicht aus dem Föhrer Dörfchen Midlum ist da nicht so sicher. Die 41-Jährige erwartet ihr drittes Kind. Stichtag: 1. Juli. Seit Wochen hat sie Schlafstörungen. "Ich konnte diese Schwangerschaft überhaupt nicht genießen. Ständig quäle ich mich damit, wie ich alles organisieren soll." Ihr Mann Björn ist selbstständig und kann sie nicht begleiten. Die jüngste Tochter Franziska muss mit auf die Festlandsreise. "Sie ist erst vier Jahre alt", sagt Anna, "sie würde es nicht verstehen, wenn ihre Mama für zwei oder drei Wochen verschwindet und dann plötzlich mit einem Baby zurückkommt. Keiner weiß ja, wie lange es dauern wird. Dann sitze ich mit Franzi alleine in einem Apartment, in dem ich uns noch nicht mal was kochen kann. Wer hilft mir, wenn ich nachts mal rausmuss und alleine kaum noch hochkomme? Diese Schließung hat uns alle ins Herz getroffen." Im Morgengrauen klettert Vanessa Wriedt endlich über die schmale Treppe an Bord des Rettungsschiffs, begleitet von ihrem Mann und ihrer Hebamme, die bis Dagebüll mitfahren darf. Mit fast 4000 PS und 24 Knoten geht es Richtung Festland, wo am Anleger der Notarztwagen wartet.

Blaulicht an und los. Um fünf Uhr morgens erreicht das Paar die Klinik in Flensburg. Die Untersuchung ergibt: Das Kind wird nicht auf natürlichem Wege zur Welt kommen können, weil Vanessas Gebärmutter viel zu dünn ist und zu reißen droht. Wenig später wird die Frau von der Insel in den OP geschoben und ihre Tochter Emi Maria per Kaiserschnitt geholt. "Herzlichen Glückwunsch", sagt die Flensburger Hebamme zu den Eltern, "sie können heute eigentlich gleich zweimal Geburtstag feiern. Das war wirklich kurz vor knapp."

Wissenscommunity