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Interview

"Ich bin dem Brustkrebs davongelaufen"

Sandra Otto: Laufen mit, trotz, gegen Brustkrebs

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Sandra Otto bekommt mit 34 Jahren die Diagnose Brustkrebs. Für viele wäre das ein Grund zum Aufgeben. Nicht so für Otto. Sie schnürt ihre Sportschuhe und läuft – trotz Chemo, trotz Schmerzen. Heute sagt sie, sie sei dem Krebs dadurch immer einen Schritt voraus gewesen.

Sandra Otto hatte eigentlich alles richtig gemacht. Sie rauchte nicht, trank keinen Alkohol, aß wenig Fleisch und war sportlich. Sie wog 48 Kilogramm bei einer Größe von 1,62 Meter. Sie lief Halbmarathons. 21 Kilometer in einer Stunde und 43 Minuten.

Dann kam im September 2011 die Diagnose Brustkrebs – und für Sandra Otto brach eine Welt zusammen. Trotz oder gerade wegen des Schocks entschied sich die damals 34-Jährige, am Sport festzuhalten. Heute sagt sie über sich, das Laufen habe ihr Leben gerettet. Ein Gespräch über Zuversicht, Hoffnung und die Kraft des Willens.

Frau Otto, Sie sind heute 39 Jahre alt. Mit 34 Jahren bekamen Sie die Diagnose . Zwei Jahre später folgte das Rezidiv. Was schätzen Sie: Wo stünden Sie heute ohne das Laufen da?

Es mag sich befremdlich anhören, aber ich glaube, dass ich ohne das Laufen heute vermutlich tot wäre.

Können Sie das näher erklären?

Gern. Das Laufen ist für mich die einzige Konstante in meinem Leben, die ich trotz Erkrankung beibehalten konnte. Ich habe diese Konstante selbst in der Hand, kann sie kontrollieren und darüber verfügen. Daraus schöpfe ich sehr viel Kraft. Das Laufen ist quasi mein geschützter Raum, in geistiger, aber auch in körperlicher Hinsicht. Wenn ich laufe, mache ich nichts anderes, ich höre keine , lasse mich nicht ablenken. Ich bin ganz bei mir. Das lässt mich alle belastenden Dinge für einen Augenblick vergessen.

Durch das Laufen konnten Sie einen Teil Ihres Ichs bewahren, sagen Sie. Wie hat Sie der Krebs verändert?

Ich war schon immer ein sehr sachlicher Mensch und wenig gefühlsbetont. Meine große Leidenschaft war das Laufen. Vier bis fünf Mal in der Woche habe ich die Sportschuhe geschnürt und habe auch Marathons absolviert. Dann kam die Diagnose. Sie hat mich völlig aus der Bahn geworfen. Ich bin weder familiär vorbelastet, noch habe ich besonders ungesund gelebt. Die Diagnose kam wie aus heiterem Himmel. Ich habe nur noch geheult und mich gefragt, wie viel Zeit mir noch bleibt. Meine Gedanken kreisten um das Sterben und den Tod. Eine sehr belastende Situation.

Die wenigsten Menschen dürften in so einer Situation an Sport denken.

Verständlicherweise, ich kann auch nur für mich sprechen. Mir hat das Laufen sehr geholfen. Es zeigte mir, dass ich noch Kraft hatte, körperlich wie geistig. Ich verstand, dass die Krankheit mir nicht alles genommen hatte und ich noch lange nicht am Ende bin. Dass ich noch lebe. Und vom Tod auch noch ein ganzes Stück weit entfernt bin. Daraus schöpfte ich Hoffnung.

Sie mussten zweimal eine Chemotherapie durchstehen. Woher nahmen Sie in dieser Zeit die Kraft zum Laufen?

Meine Routine als Läuferin gab mir Zuversicht. Ich wusste, wie es geht. Manchmal bin ich total langsam gelaufen, aber ich wusste, was ich tat. Außerdem gaben mir die Trainingseinheiten Halt. Ich stand für sie morgens auf und konnte mich ablenken. Das war auch ein Stück Freiheit, denn ansonsten war mein Leben durch Arztbesuche getaktet.

Wie schlimm waren die Schmerzen? Eine Chemotherapie zehrt am Körper, sie belastet Knochen und Muskeln.

Natürlich hatte ich Schmerzen beim Laufen, vor allem zu Beginn. Aber wie bei so vielen anderen Sportarten auch schüttet der Körper mit der Zeit Endorphine aus. Das sind schmerzlindernde Stoffe. Nach einigen Metern war dann die Schmerzmauer durchbrochen. Ich konnte heulend loslaufen, aber am Ende des Trainings habe ich meist gelächelt. 'Das schaffst du', habe ich dann zu mir gesagt. 'Wenn du das hier schaffst, schaffst du auch die Chemo und besiegst den Krebs.'

Wie sah Ihr Laufpensum währen der Chemo aus?

Meine erste Chemotherapie ging über sechs Zyklen im Abstand von je drei Wochen. In der ersten Woche nach der Infusion ging erstmal gar nichts. Ich bin meist spazieren gegangen oder gewalkt. In der zweiten Woche habe ich mich allmählich wieder an das Laufen herangetastet. Und in der dritten Woche nach der Infusion habe ich schon wieder meine zehn, zwölf Kilometer geschafft. Das dauerte aber eineinhalb Stunden, was früher meine Halbmarathon-Zeit war. Zwischen meiner normalen Laufzeit und der Leistung während der Chemo klaffte eine große Lücke. Das war mir aber egal. Ich bin nach Gefühl gelaufen und wollte erstmal nur am Ball bleiben.

Wussten Ihre Ärzte vom Lauftraining?

Ja, natürlich. Am Anfang waren meine Ärzte allerdings skeptisch. Meine Onkologin riet mir, zunächst nur fünf Kilometer um den Block zu joggen. Meine Ärztin am Brustzentrum der Uniklinik Leipzig sagte, ich solle auf meinen Körper hören. Er sende mir schon ein Stoppsignal. So war es dann auch. Ich konnte nur sehr langsam und in begrenztem Umfang laufen. Aber ich habe dadurch gelernt, mehr auf meinen Körper zu hören. Mit der Zeit hat auch bei meinen Ärzten ein Umdenken stattgefunden. Meine Chemotherapie verlief ausgesprochen gut, ich musste sie nicht unterbrechen und bekam keine Infektionen. Außerdem lernte ich, besser mit körperlichen Schmerzen umzugehen. Ich vermute, dass ich durch das Laufen ein Stück weit zu dieser positiven Entwicklung beigetragen habe.

Wie haben Familie und Freunde auf Ihr Training reagiert – machten die sich keine Sorgen?

Mein Mann ist selbst ambitionierter Läufer, erfuhr und erfährt selbst die positiven Effekte des Laufens. Er unterstützte mich in jeder Hinsicht. Selbstverständlich war auch er verunsichert, wie mein Körper die Belastungen der Therapie parallel zum Laufen verkraften würde. Er bat mich anfangs, mein Handy für den Notfall mitzunehmen. Relativ schnell gingen wir jedoch dazu über, dass ich mich nach meinen Lauf- oder Spazierrunden mit einem kurzen Lebenszeichen bei ihm meldete. Im Zeitverlauf lernte ich ebenfalls sportlich aktive Krebspatienten über das "Haus Leben Leipzig" kennen, die mich bestätigten. Der Freundeskreis motivierte mich. Allerdings hegte die nicht laufende Familie doch Befürchtungen, die ich im Zeitverlauf ausräumen konnte. Ich bin dem Krebs einen Schritt voraus.

Gab es auch Momente, in denen Sie einfach auf dem Sofa liegen bleiben wollten?

Ja, natürlich. Ich bin ja auch nur ein Mensch. Wenn ich mich einen Tag lang zu nichts aufraffen konnte, ging es mir danach aber körperlich und geistig schlecht. Das war eine Art Abwärtsspirale. Ich konnte nachts nicht schlafen, weil ich nicht ausgepowert war. Die Chemo-Medikamente bringen ziemlich viel im Körper durcheinander, und das hat sich durch das Liegenbleiben bei mir noch verschlimmert.

Wie haben Sie sich zum Weitermachen motiviert?

Für mich war das Laufen eine Art Job, eine Arbeitsaufgabe. Ich habe mir gesagt: Wenn ich rausgehe, laufe ich dem Krebs ein Stück weit davon. Das war meine imaginäre Vorstellung. Sie hat mir Kraft gegeben.

Haben Sie noch andere Dinge zur Unterstützung unternommen?

Als ich zwei Jahre später an einem Rezidiv erkrankte, habe ich begonnen, mich mit Yoga, Qigong und Akupunktur zu beschäftigen. Das tut mir neben dem Laufen sehr gut. Ich tausche mich regelmäßig mit anderen Betroffenen im Haus des Lebens in aus. Das ist eine Begegnungsstätte für Menschen mit Krebserkrankungen. Ich muss bestimmte Dinge, die mich bewegen, nicht großartig erklären und weiß, dass es Menschen gibt, denen es ähnlich ergeht. Außerdem entlasten die Gespräche meine Familie und Freunde.

Was würden Sie anderen Betroffenen raten, die derzeit mit einer Diagnose konfrontiert sind?

Leider wird mit der Angst vor dem Krebs und dem Tod jede Menge Geld verdient. Ich würde Betroffenen raten, erst einmal einen Schritt zurückzutreten und sich in Ruhe umzusehen: Mit welchen Angeboten kann ich meine Therapie unterstützen? Welche Sportangebote passen zu mir? Will ich eine Gesprächstherapie beginnen? Es sollten Dinge sein, die zum Alltag und zur eigenen Persönlichkeit passen. Im Zweifelsfall kann man auch erst einmal ein paar Schnupperstunden nehmen und bestimmte Dinge ausprobieren. Das ist wichtig, um festzustellen, ob es einem liegt und Spaß macht.

Sie haben ein Buch geschrieben – wie kam es dazu?

Ich liebe es, zu laufen, zu lesen und zu schreiben. Das Buch gab mir die Möglichkeit, diese Hobbys zu verbinden. Außerdem wollte ich meine Erfahrungen mit anderen Menschen teilen. Vielleicht kann ich auch den ein oder anderen zu mehr Bewegung motivieren. Wäre super, wenn es das Laufen ist. Mir ist aber auch bewusst, dass nicht jeder ein begnadeter und begeisterter Läufer ist.

Wie geht es Ihnen heute aus gesundheitlicher Sicht?

Nach heutigem Stand bin ich krebsfrei. Meine Ärzte halten sich mit einer Prognose allerdings zurück, weil ich an einer aggressiven Brustkrebsvariante erkrankt war. Den offenen Umgang damit finde ich fair. Als Patientin will ich mich informiert fühlen. Was ich aber definitiv sagen kann: Ich lebe im Hier und Jetzt. Ich bin ja nicht nur eine Krebspatientin, sondern noch so viel mehr. Krebs ist nur ein kleiner Mosaikstein meiner Persönlichkeit.


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