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Interview

Eignen sich Reismilch und Co. für Säuglinge?

Muttermilch ist die beste Nahrung in den ersten Lebensmonaten

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In Belgien stirbt ein kleiner Junge - offenbar an Unterernährung. Seine Eltern hatten ihm Milchersatz aus Reis und Hafer zu trinken gegeben. Der Fall wirft Fragen auf: Sind diese Produkte für Kinder grundsätzlich geeignet? Wir haben bei einer Expertin nachgefragt.

Der Tod eines Säuglings sorgt derzeit für Schlagzeilen in belgischen Medien: Wie die Tageszeitung" Het Nieuwsblad" berichtet, starb ein belgisches Baby im Alter von sieben Monaten, nachdem seine Eltern dessen Ernährung auf Milchersatz aus Reis und Hafer umgestellt hatten. Säuglingsnahrung habe der Junge nicht vertragen, heißt es weiter. Laut eines im Bericht zitierten Gutachtens soll der Junge "pathologisch unterernährt" gewesen sein. Ob die Mangelernährung auch zum Tode des Kindes geführt hat, ist jedoch unklar. Ärzte konnten dem Baby dem Bericht zufolge nicht mehr helfen, es starb demnach auf dem Weg ins Krankenhaus.

Milchersatz aus Reis, Hafer oder Soja ist auch in Deutschland beliebt - vor allem unter Menschen, die sich vegan ernähren. Doch sind die Produkte für Säuglinge überhaupt geeignet? Wir haben bei Dr. Anke Weißenborn nachgefragt. Sie arbeitet am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in der Fachgruppe Ernährungsrisiken, Allergien und Neuartige Lebensmittel - und warnt vor möglichen Risiken.

Frau Dr. Weißenborn, wie sieht die perfekte Ernährung für einen Säugling aus?

Muttermilch ist am besten für fast alle Säuglinge. In den ersten sechs Monaten sollten Säuglinge deshalb ausschließlich gestillt werden. Frühestens ab Beginn des fünften Monats, aber spätestens mit dem siebten Monat sollten Eltern Beikost einführen – zum Beispiel einen Gemüsebrei mit Kartoffeln und Fleisch. Hier können Eltern entweder selbst kochen oder auf Gläschen aus dem Supermarkt zurückgreifen. Wichtig dabei: Die Beikosteinführung bedeutet nicht Abstillen. Der Übergang zur Beikost sollte allmählich stattfinden und die Milchmenge langsam reduziert werden. Wann der Zeitpunkt zum Abstillen erreicht ist, bestimmen Mutter und Kind dann gemeinsam zu einem späteren Zeitpunkt.


Sie betonen, Muttermilch sei für fast alle Babys die beste Nahrung. Warum diese Einschränkung?

Es kann sein, dass gesundheitliche Gründe gegen ein Stillen sprechen, auch wenn das extrem selten ist. In sehr seltenen Fällen kann es vorkommen, dass das Baby die Milch der eigenen Mutter nicht verträgt. Aber auch bei bestimmten seltenen Stoffwechselerkrankungen des Kindes wird empfohlen, nicht zu stillen. Auch manche Mütter können aus gesundheitlichen Gründen nicht stillen oder wollen das nicht. Dann muss man auf Alternativen zurückgreifen.

Die wären?

In Drogerien und Supermärkten gibt es Muttermilch-Ersatzprodukte, die hohen Standards auf Basis der Empfehlungen der Europäischen Lebensmittelbehörde (Efsa) entsprechen müssen. Jede Mutter, die ihrem Kind keine Muttermilch gibt, sollte auf diese Produkte ausweichen. In der Regel enthalten sie Eiweiß aus Kuh- oder Ziegenmilch. In Ausnahmefällen können Eltern auch auf Säuglingsnahrung mit Sojaprotein zurückgreifen, allerdings nur nach Rücksprache mit dem Kinderarzt. Muttermilchersatz mit Sojaprotein kann zum Beispiel bei einer bestehenden Allergie gegen die Proteine in Kuhmilch sinnvoll sein. Sie ist aber nicht erste Wahl.

Was ist mit herkömmlichem Milchersatz aus Soja, Hafer und Reis, wie ihn viele Veganer trinken? Ist der als Nahrung für Kinder geeignet?

In den ersten Lebensmonaten sollten neben Muttermilch oder industriell gefertigter Säuglingsmilch keine anderen Lebensmittel gefüttert werden. Schließlich muss gewährleistet sein, dass über die - die ja im ersten Lebenshalbjahr alleinige Nährstoff- und Energiequelle ist - das Kind ausreichend versorgt ist. Milchersatz aus Soja, Hafer oder Reis ist für Säuglinge nicht geeignet - als alleinige Nahrung schon einmal gar nicht.

Und später als Beikost?

Bei Milchersatz aus Soja oder Hafer muss man bedenken, dass es sich um Produkte handelt, die nicht für Säuglinge oder Kleinkinder gefertigt werden und die nicht die strengen Auflagen an Schadstoff- und Pestizid-Rückstände wie für Säuglingsnahrung und Beikost üblich erfüllen müssen. Ich würde daher eher davon abraten. Als erste Beikost ab dem fünften oder siebten Monat empfiehlt sich ein Brei aus Gemüse, Kartoffeln und Fleisch. Beikost mit Getreide sollte erst als zweite Beikost nach rund zwei weiteren Monaten eingeführt werden, zum Beispiel als Milch-Getreidebrei.

Warum wird zwischen der Einführung von Gemüsebrei und dem aus Milch-Getreide unterschieden? 

Das hat verschiedene Gründe: Zum einen ist es aus Sicht der Allergieprävention sinnvoll. Zum anderen wissen wir, dass Kinder im Alter von einem halben Jahr dringend zusätzliches Eisen benötigen. Und dieses lässt sich mit einer Beikost, die Fleisch enthält, leichter aufnehmen.


Wie sieht es mit Kuhmilch aus?

Kuhmilch kann zum Zubereiten für den Milch-Getreidebrei verwendet werden. Trinken sollten Kinder Kuhmilch allerdings erst gegen Ende des ersten Lebensjahres, und dann auch nur in kleineren Mengen. Das liegt daran, dass Kuhmilch die Eisenaufnahme behindern kann, die im Säuglingsalter sehr wichtig ist.

Was raten Sie Eltern, die bemerken, dass ihr Kind abnimmt oder unter Verdauungsbeschwerden leidet?

Gewichtsverlust beim Kind, Probleme beim Essen, beim Stillen oder der Verdauung sollten immer mit dem behandelnden Kinderarzt besprochen werden. Der Kinderarzt kann Symptome einordnen und behandeln sowie gegebenenfalls Ernährungsalternativen aufzeigen. Eltern sind dann auf der sicheren Seite.

Weitere Informationen rund um das Thema Stillen und Säuglingsnahrung gibt es auf der Seite der Nationalen Stillkommission


ikr

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