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Was ist mit Mutti? Wenn Eltern pflegebedürftig werden

Kester Schlenz und seine Mutter Traute im Flur der Seniorenwohnanlage

Was macht es mit einem, wenn die eigene Mutter pflegebedürftig wird? stern-Autor Kester Schlenz beschreibt das in einem neuen Buch.

Von Kester Schlenz

Ich war gerade von der Arbeit nach Hause gekommen, als das Telefon klingelte. Mein Bruder Gerald war dran, und die drei Sätze, die er sagte, änderten eine ganze Menge in unserem Leben: "Mutti ist wieder gestürzt. Sie kommt nicht mehr allein hoch. Es geht wohl nicht mehr."

Von diesem Tag an war das selbstbestimmte Leben meiner Mutter, Traute Schlenz, zu Ende. Und meine beiden Geschwister und ich begannen, in ihren Alltag hineinzuregieren. Es war eine unfreiwillige Machtübernahme. Mutti hätte von uns aus immer die souveräne und gern auch mal kratzbürstige Alleinherrscherin in ihrem 64-Quadratmeter-Reich bleiben können. Aber es kam anders. So wie es immer anders kommt.

Traute war damals, im März vergangenen Jahres, 81 Jahre alt. Und die Verhältnisse kehrten sich endgültig um. Jeder, dessen Eltern pflegebedürftig werden, kennt das: Aus den Autoritäten Mutter und Vater, die einen aufgezogen haben, werden auf einmal große Kinder, um die man sich kümmern muss. Die Hilfe brauchen und oft auch Hilfe einfordern. Was das mit uns erwachsenen Kindern macht, ist angesichts des elterlichen Leidens zweitrangig, aber deswegen ist es nicht weniger bedrückend und anstrengend. Manchmal kündigt sich dieser "Machtwechsel" an. Manchmal kann man sich darauf vorbereiten. Aber oft können oder wollen beide Seiten die Zeichen nicht sehen. Dann wird gehofft und gebangt, dass alles irgendwie weitergeht. Und dann kommt das Elend praktisch über Nacht. So war es auch bei uns. Meine Mutter lebte allein in ihrer Wohnung. Zwei Jahre zuvor war mein Vater an Krebs gestorben. Nach seiner Beerdigung hielt sich Mutti noch ziemlich gut. Sie trauerte, schien aber auch irgendwie erleichtert, dass mein Vater es nun hinter sich hatte. "Ich schaff das schon allein, macht euch keine Sorgen", sagte sie. Und sie schaffte es.

Aber nicht lange. Ihre Anrufe häuften sich. Und sie klangen selten fröhlich.

Der Rücken, das Herz und die massiv schwindende Sehkraft beider Augen machten ihr zunehmend zu schaffen. Ohne Rollator wagte sie sich zudem nicht mehr aus dem Haus. Traute wurde immer schwächer. Es war erschütternd mit anzusehen, wie aus unserer kampfeslustigen Mutter mit den oft derben Sprüchen binnen weniger Wochen ein unsicheres, wackeliges Persönchen wurde, das ständig zu fallen drohte. Ich kannte diese Frau nicht. Das war doch nicht Traute Schlenz! Das musste irgendwie ein Irrtum sein! Anfangs wussten meine Geschwister und ich überhaupt nicht mit dieser neuen Version von Mutti umzugehen. Wir fremdelten. Hofften, dass es sich nur um eine Episode handelte.


Und dann der erneute Sturz.

Traute wurde mit einem Krankentransport ins benachbarte Schwesternstift gebracht. Es stellte sich heraus, dass unsere Mutter schwer dehydriert war, und das erklärte nach Meinung der Ärzte ihre Schwäche, die Verwirrung und die ständigen Stürze. Aber bei dieser simplen Diagnose blieb es leider nicht. Schon ein paar Tage später kam es ganz dicke. Bei einer weiteren Untersuchung stellte sich heraus, dass unsere Mutter an Brustkrebs erkrankt war. Sie hatte ihren Kindern und auch ihrem Arzt verschwiegen, dass es seit Monaten eine offene, ständig blutende Wunde an ihrer rechten Brust gab, die sie notdürftig mit Pflastern zu Hause selbst versorgt hatte. Es sollte nicht sein, was nicht sein durfte. Wir Kinder schwankten zwischen Entsetzen, Mitleid und Fassungslosigkeit.

Die Ärzte rieten zu einer ambulanten Chemotherapie, durch die sich der Tumor in zwei, drei Monaten im besten Falle so verkleinern würde, dass eine Operation gewagt werden könne. Anderenfalls müsse man nach einem sofortigen Eingriff Hautgewebe transplantieren. Und das sei unserer Mutter keinesfalls zuzumuten.

Traute kam nach einer Woche wieder nach Hause, und wir hatten ab sofort alle einen Zweitberuf: "Mutti-Beauftragte". Der war nicht immer leicht. Ständig schwankten wir zwischen Mitleid, Überforderung und Genervtheit. Beinahe täglich war unsere Mutter Thema bei uns Geschwistern. Irgendeiner musste immer irgendwas machen, klären, beantragen oder entscheiden. Aber auch unser Leben ging ja weiter. Mit all den Problemen, die wir alle täglich lösen mussten. Mit allen Sorgen und Freuden. Mutti vergrößerte den Sorgen-Stapel immens.

Mutter und Sohn beim Blättern im Fotoalbum. "Ich sah eigentlich ganz flott aus damals", sagt Traute Schlenz.


Die Chemotherapie sollte ambulant in der Praxis eines Onkologen durchgeführt werden. Ich machte einen Termin für meine Mutter und mich. Dummerweise war ich der Familienbeauftragte für den medizinischen Bereich. Ausgerechnet ich – der Hypochonder. Aber meine Schwester wohnte zu weit weg, und mein Bruder war Muttis Wohnungsbeauftragter und kümmerte sich schon um Reparaturen, Behörden und – zusammen mit meiner Schwester – um alle möglichen Anträge. Ich musste also ran.

Als es so weit war, stand ich mit gemischten Gefühlen sehr rechtzeitig vor Muttis Tür. Ich wusste, ich musste ihr Zeit lassen. Sie war natürlich noch nicht reisebereit. "Mutti, wo ist deine Jacke? Wir müssen jetzt echt los."

"Ich hab keine Jacke", war die Antwort.

"Doch Mutti, du hast mehrere."

Ich öffnete eine kleine Kammer, die ihr als Garderobe diente, und holte eine hervor.

"Die nicht", protestierte meine Mutter.

"Die sieht scheiße aus."

Ich atmete tief durch, holte eine andere raus und half ihr hinein. Diesmal kam kein Protest. Mutti nahm ihren Rollator, und wir zuckelten langsam zu meinem Auto. Traute hielt sich mühsam aufrecht. "Der verdammte Rücken", brummte sie.

Nach einer gefühlten Ewigkeit betraten wir verspätet die Praxis des Onkologen. Für mich die Vorhölle. Ich war auf einen Schlag umgeben von Leuten, die Krebs hatten. Die Krankheit, vor der ich mich am meisten fürchtete. Dauernd fielen Worte wie "Tumor" oder "Metastasen".

"Immer wieder gab es Momente der Verwirrung. Und manchmal wurde es richtig skurril."

Zwei Stühle waren im Wartezimmer noch frei. Auf den anderen saßen schweigende, teils sehr krank aussehende Menschen. Eine Wanduhr klickte leise. Mein Blick traf ein großes Regal. Dort lagen etliche blaue Broschüren mit Titelzeilen in großen Lettern. "Ratgeber Brustkrebs", "Ratgeber Darmkrebs", "Ratgeber Blasenkrebs" und so weiter. Eine Buchmesse des Grauens! Die Zeilen sprangen mich an wie kleine Raubtiere. Ich sah krampfhaft woandershin. Aber woandershin hieß, den armen Schweinen um mich herum ins Gesicht zu sehen. Ich starrte auf den Fußboden. Es war grotesk.

Dann sprach Mutti.

"Ich hab …", fing sie an und stockte.

"Ja, Mutti", fragte ich freundlich. "Was hast du?"

"Ich hab …"

"Ja, Mutti?"

"Sag nicht immer ja."

Ich schwieg.

"Ich hab …"

Ich blicke sie stumm an.

"Guck nicht so. Du guckst immer so", sagte Mutti.

Die anderen im Wartezimmer blickten in unsere Richtung. Wir alle ahnten, was meine Mutter sagen wollte: Ich habe Angst! Es war, als ob alle hofften, dass dieser Satz nicht fallen würde. Weil er die schmale Mauer zwischen dem scheinbar sachlichen Schweigen im Raum und den verborgenen Emotionen zum Einsturz bringen konnte. Natürlich hatte sie Angst. Jeder, der hier saß, kannte sie, diese Angst. Die Angst vor dem, was nun kommen würde. Vor der Chemotherapie. Der Krankheit. Dem Leiden. Dem möglichen Tod.

Mutti tat mir leid.

"Ich hab …", sagte sie.

"Ja, Mutti."

"Ich hab … (lange Pause) … gestern Kartoffelklöße vom Lieferdienst gegessen."

Kollektives Aufatmen im Wartezimmer.

"Und, Mutti", fragte ich erleichtert, "haben sie dir geschmeckt?"

"Ich mach die besser", sagte sie und lächelte mich an.

Dann rief man uns ins Sprechzimmer.

Der Onkologe erklärte uns den Ablauf der Chemotherapie. Meine Mutter würde – nach einem Krankenhausaufenthalt – jede Woche in die Praxis kommen müssen und dort etliche Stunden verbringen.

Meine Geschwister und ich analysierten die Lage, und allen war klar, dass Traute nicht mehr in ihrer Wohnung im zweiten Stock bleiben konnte. Zumindest nicht, solange die Sache mit der Chemotherapie und der Operation nicht erledigt war. Zu einem von uns zu ziehen war keine Option: weder für Mutti noch für uns. Das hätte Tote gegeben. Wir mussten ein Pflegeheim finden und unserer Mutter das irgendwie schmackhaft machen. Das hatte sie bisher immer mit deutlichen Worten abgelehnt ("Hört mit dem Mist auf!"). Doch zu unserer Überraschung war sie jetzt sofort einverstanden. "Ist besser so", murmelte sie ungewohnt einsichtig. "Wenn ich noch mal auf die Schnauze falle, ist vielleicht Schicht im Schacht."

Ich begann umgehend, alle nahe gelegenen Pflegeheime abzutelefonieren. Aber wo ich auch anrief – nirgendwo gab es Platz. Es war zum Verrücktwerden.

Nach etlichen Wochen fand ich dann endlich ein Zimmer für sie im Seniorenzentrum "Rosengrund".

Mutti zog um. Sie bekam diesen Wechsel allerdings nicht so richtig mit. Sie wollte nur die Chemo und die Operation hinter sich bringen. Dass dieses Heim so etwas wie eine Endstation für sie sein konnte, war ihr anfangs nicht klar. Auch wir sprachen das Thema bei Mutti nicht an. Aber irgendwie stand es immer im Raum.

Und dann – wirkte tatsächlich die Chemotherapie! Die Wunde schloss sich nach und nach, und Mitte des vergangenen Jahres wurde unsere Mutter operiert. Alles lief glatt. Sie kam nach einer Woche wieder ins Heim und sollte sich dort erholen. Das klappte auch einigermaßen, aber Mutti war noch lange nicht die Alte. Immer wieder gab es Momente der Verwirrung. Und manchmal wurde es richtig skurril.

Schon an ihrem ersten Tag besuchten meine Frau Gesa und ich sie im "Rosengrund". Wir klopften, hörten "Herein", traten ins Zimmer und erschraken.

Auf dem Bett im Raum saß Draculas Großmutter!

"Mein Gott, Mutti, was ist mit dir?"

Meine Mutter hatte keine Zähne mehr im Mund. Besser gesagt, ihre beiden Teilgebisse unten und oben fehlten. Lediglich zwei Metallstifte ragten links und rechts aus ihrem Oberkiefer heraus.

Mutti lachte etwas verschämt und hielt sich eine Hand vor den Mund. "Ich seh beknackt aus, oder?"

"Eher ein bisschen unheimlich", antwortete ich.

"Wo hast du sie denn gelassen, Traute?", fragte Gesa ganz pragmatisch.

"Verloren", antwortete sie. "Das untere Gebiss ist ja schon länger weg. Und vorhin im Krankenwagen habe ich eine Nusspraline gegessen und das Ding oben rausgenommen, weil es nach dem Essen wehtat. Und jetzt isses weg. Einfach weg."

"Du machst Sachen", sagte ich.

Da saß Traute Schlenz auf ihrem Bett, ohne Perücke, ohne Zähne, aber einigermaßen munter und kicherte. "Ich kann jetzt in einem Horrorfilm mitspielen", sagte sie, öffnete den Mund und fing an, gruselige Geräusche zu machen.

Vor 59 Jahren waren die Rollen noch anders verteilt: Traute und Kester Schlenz 1958


Wir mussten alle sehr lachen. Und dieses gemeinsame Lachen war einfach wunderbar, weil es der ganzen Situation das Peinliche nahm. Ich glaube, dass Humor die wichtigste Waffe im Kampf gegen die Verzweiflung, das Hadern und die Scham ist. Die Zähne fanden wir übrigens später in ihrem Morgenmantel.

Mutti erholte sich zusehends. Was nicht hieß, dass es nicht immer mal wieder zu Ausfällen gekommen wäre. Unvergessen ist, wie sie einmal ihren Hausarzt mit dem Heimpfarrer verwechselte, was zu einem bizarren Dialog führte. Das Missverständnis klärte sich erst auf, als der vermeintliche Pfarrer die Brust meiner Mutter sehen wollte.

Zwei Monate später wurde Traute aus dem Heim entlassen. Mutti wollte wieder in eine eigene Wohnung. Nicht in ihre alte im zweiten Stock – das sah sie ein – , aber wir hatten ein kleines Apartment in einer Altenwohnanlage für sie gefunden. Sie fühlte sich vom ersten Tag an wohl. "Den ganzen Scheiß aus der alten Bude", wie sie das formulierte, brauche sie ja eh nicht mehr.

Heute lebt sie dort immer noch. Der Krebs scheint besiegt. Kürzlich bin ich mit ihr zur Nachsorge beim Onkologen gewesen. Er nahm mich zur Seite, als meine Mutter beim Blutabnehmen war und mit einer Schwester über den neuen amerikanischen Präsidenten sprach ("diese geföhnte Flitzpiepe!"). "Wissen Sie", sagte der Arzt, "das mit Ihrer Mutter ist ein kleines Wunder. Ich erinnere mich noch, wie Sie hier mit ihr zum ersten Mal saßen. Ein Häufchen Elend war sie. Und jetzt mischt sie hier regelmäßig die Praxis auf und lebt wieder in ihrer Wohnung. Ihre Mutter ist für mich ein Paradebeispiel dafür, dass man alte Menschen nicht vorschnell aufgeben darf."

Unsere Mutter hat es noch mal geschafft. Sie hat so etwas wie eine Teil-Autonomie zurückgewonnen. Eingebunden in ein Netzwerk aus familiärer und professioneller Betreuung. Wir freuen uns sehr darüber. Und sorgen uns dennoch weiter. Wir befinden uns in einem seltsamen Schwebezustand. Vielleicht ist es nur ein Zwischenhoch. Wir wissen es nicht. Mutti hat in den vergangenen zwei Jahren mehr Raum im Leben von uns Kindern eingenommen als je zuvor in unserem Erwachsenendasein. Die Zeit war für alle anstrengend.

Andere Menschen tun mehr. Viel mehr. Ich weiß das. Sie pflegen die Eltern zu Hause bis zum Tod. Ich ziehe den Hut vor ihnen. Für uns war es trotzdem hart, die Mutter so verfallen zu sehen, krank, verwirrt, scheinbar dem Tode nah. Das hat uns mitgenommen und nicht selten überfordert. Wir haben uns gekümmert. Getröstet, geholfen, manchmal geschimpft. Haben wir das gern getan? Ja und nein. Es musste einfach sein. Hier gilt das Wort "alternativlos". Man macht es. Vieles hätte besser laufen können, wenn wir vorbereitet gewesen wären. Und wenn Mutti mehr und klarer kommuniziert hätte. Und – ja – wenn wir gelegentlich auch etwas entspannter gewesen wären. Es hilft ja nicht, sich selbst leidzutun. Denn wenn man sich umdreht und denkt: So, jetzt reicht’s, jetzt muss mal jemand anderes ran – dann ist da keiner. Es muss immer weitergehen. Irgendwie.

Unangenehm war auch das ständige schlechte Gewissen. Darf man Feste feiern, wenn die Mutter bald operiert wird? Ist ein Urlaub okay, obwohl Mutti bald die erste Chemo hat? Ist es vertretbar, sie mal ein Wochenende nicht zu besuchen, weil man dringend Zeit für sich selbst braucht? So etwas haben wir uns ständig gefragt und selten befriedigende Antworten gefunden.

Wenn wir mit Freunden über die Eltern-Problematik reden, haben alle sofort eigene Geschichten über ihre Eltern zur Hand. Fast jeder denkt, dass seine aber nun wirklich die anstrengendsten sind. Mensch, heißt es dann immer, es könnte doch besser laufen, wenn die mal mitmachen würden, wenn sie einsichtiger wären, sich mal zusammenreißen würden, besser vorgesorgt hätten. Diese Sturheit. Man könnte manchmal schier wahnsinnig werden!

Es ist zu befürchten, dass unsere Kinder das Gleiche von uns sagen werden.

Zum Weiterlesen: Kester Schlenz: "Mutti baut ab", Mosaik-Verlag

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