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Warum Nicole Kidman mit 25 Outfits anreist

Nicole Kidman Cannes 2016

Sie reisen mit riesigen Koffern an: Bei den Filmfestspielen in Cannes wollen sich Prominente von ihrer besten Seite zeigen. Stylistin Julia von Böhm verrät dem stern, wie sie Nicole Kidman einkleidet.

Von Julia von Böhm

Die Filmfestspiele von und die Oscars in Hollywood sind die "Most Important Dress Events" des Jahres, sind die prestigeträchtigsten Termine nicht nur für die Filmstars geworden, sondern auch für die Modehäuser. Schauspielerinnen, schöne Kleider und ein roter Teppich - diese Kombination fasziniert im digitalen Zeitalter immer mehr Menschen. Der Marathon der Abendkleider ist mittlerweile fast wichtiger geworden als das Rennen um die Goldenen Palme.

Die Award Season, die Zeit der Preisverleihungen, zieht sich längst über fast das ganze Jahr, aber keine andere Veranstaltung ist ähnlich aufwendig wie das Festival an der Côte d'Azur. Manche Stars der so genannten A-List absolvieren an die fünfzig Events in elf Tagen, und modisch wagt man in Cannes immer ein bisschen mehr als in .

Kidman zum Beispiel wird diesmal fünf wichtige Red-Carpet-Auftritte an der Croisette absolvieren, dazu kommen etliche Foto-und Presseveranstaltungen. Für jeden dieser Termine wurden Abendkleider und Tages-Outfits, Plan-B-Kleider und Alternativ-Looks entworfen, ausgesucht und zusammengestellt. Insgesamt wird ihre Garderobe in Cannes aus etwa 25 Outfits von Calvin Klein und Dior, von Gucci und Michael Kors und anderen bestehen. Manches reist in ihren Koffern mit, anderes wird direkt von den Ateliers nach Cannes geliefert. Weil die Limousinen-Fahrt vom Hôtel du Cap bis zum palmengesäumten Boulevard de la Croisette immer eine Stunde dauert, muss die Garderobe nicht nur gut aussehen, sondern vor allem praktisch sein: Es darf nicht knittern oder in die Haut schneiden.

Die Outfits von Nicole Kidman stehen im Voraus fest

Welche Schuhe und Tasche Kidman zu welchem Kleid tragen, welche Ringe und welchen sie zu welchem Look anlegen wird - alles ist genau geplant, alles steht seit zehn Tagen fest. Was sie aber tatsächlich anziehen wird, entscheidet sich erst am Tag des Auftritts, das hat mit Tagesform und Laune zu tun.

Anders als oft angenommen, zahlen die Modehäuser nicht für das Tragen von Kleidern. Manche der Stars wären sogar beleidigt von solchen Offerten. In der Regel müssen sie die Roben sogar wieder zurückgeben, ab und zu aber wird ihnen zur Belohnung vielleicht das "Glam-Team" gestellt, also Haare und Make-up für den Auftritt.

Meine Arbeit als Stylistin für Cannes hat schon Ende Januar mit der Sichtung der Haute-Couture-Kollektionen begonnen. Viele Modehäuser schicken ihre Vorschläge auch direkt an die Stylisten. Zu den wichtigen zwei oder drei Anproben reisen zwar nicht die Designer an, aber deren rechte Hände, manchmal eine VIP-Delegierte, vor allem aber die "première d'atelier". Diese Meisterschneiderinnen arbeiten so genau an der Figur, dass wahrscheinlich die gesamte Schauspielelite seit Tagen auf eines ganz besonders achtet: kein Gramm Gewicht zuzulegen.

Der rote Teppich hilft der Karriere

Wer ist die Schönste im Land? Wer hat den besten Geschmack? Wer produziert die meisten Bilder? Auch wenn die wenigsten es zugeben - die Stars möchten durch ihren Auftritt am roten Teppich ihre Karriere befeuern. Kleider können helfen, ein Image zu schaffen oder zu wandeln, können Millionen von Instagram-Follower neugierig machen. Vor allem möchte niemand schlechte Presse bekommen oder auf einer Liste der am schlechtesten angezogenen Promis landen. Das Internet vergisst nicht, vor allem keine Bilder.

Die meisten Designer haben mittlerweile verstanden, dass es nicht darauf ankommt, ihre Kreationen zum Strahlen zu bringen, sondern die Frau, die ihr Kleid trägt. Peinliche Auftritte sind seltener geworden. Auch Angst vor dem "Double-Dressing", dem Auftauchen des gleichen Kleidermodells an zwei Frauen, muss niemand mehr haben. Die Outfits werden heute nicht mehr von den Stars selbst in der Boutique gekauft. Und gewissenhafte Presseattachés und Manager wissen genau, wer was wann und wo trägt - die Festivals sind durchorganisierte Veranstaltungen, zu viel steht auf dem Spiel für die Firmen.

Auftritt in Cannes entspricht dem Gegenwert einer Millionenkampagne

Die Aufmerksamkeit, die ein Designer mit einem erfolgreichen Auftritt erreichen kann, lässt sich nur annähernd in Geldwert umrechnen. Aber die weltweite Streuung von Bildern im Internet und auf gedruckten Bildern dürfte dem Wert einer millionenschweren Kampagne entsprechen. Neuerdings achten also alle Designer darauf, während ihrer Laufstegschauen mindestens zwei oder drei "Red-carpet-Moments" zu präsentieren. Sogar Miuccia Prada und Dolce & Gabbana, die für Abendkleider nie etwas übrig hatten, haben sich ergeben.

Auch einige der Schauspielerinnen würden sich den Paraden am roten Teppich gerne verweigern, oder zumindest ihre strengen Regeln auflockern. etwa, die 2015 aus Protest unter dem Kleid von Armani Privé barfuß auftrat, nachdem einer Reihe von Frauen der Zugang zu einer Filmpremiere verwehrt worden war - weil sie nicht in High Heels über den roten Teppich schreiten wollten. Oder Evan Rachel Wood, die bei den Golden Globes im Smoking auftrat, um junge Frauen zu ermuntern, sich nicht dem totalen Kleider-Diktat ihrer Branche zu beugen.

Auch ich würde Nicole Kidman liebend gerne in einem Smoking sehen. Aber nicht in Cannes. Dafür gibt es einfach viel zu viele schöne Kleider. 

Aufgezeichnet von Dirk van Versendaal

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