User Image User
User Image User

Bettgeschichten: Es gibt nichts Peinlicheres als den ersten Sex

Unser Kolumnist trifft ein frisch verliebtes Paar, das beim Sex erkennen muss: Aller Anfang ist schwer.

Von:

Unser Kolumnist trifft ein frisch verliebtes Paar, das erkennen muss, dass der erste gemeinsame Sex seine Tücken hat.

Wenn von gutem Sex die Rede ist, werde ich skeptisch. Ich bin überzeugt: Es gibt so viele verschiedene Arten, guten oder schlechten Sex zu haben, wie es Menschen gibt. Nehmen wir zum Beispiel den Sex zwischen frisch Verliebten. Landläufig heißt es: Entweder man passt sexuell zusammen oder nicht. So als wirke ein 

geheimes Naturgesetz. In Wahrheit ist kaum etwas komplizierter und baustellenhafter als der Sex der ersten Monate.

Ich treffe Anja, 30, und Tobias, 28, in Anjas Wohnung in Berlin-Friedrichshain. Sie ist Redakteurin, er ist Physikstudent. Die beiden haben sich vor drei Monaten in einer Bar kennengelernt. Sie sitzen mir auf einem Ledersofa gegenüber, Anja hat ihre Beine auf Tobias’ Schoß gelegt, er nestelt nervös an ihren Zehen.

Sex als Beziehungskriterium

Tobias war schon nach dem zweiten Bartreffen klar, dass er sich in Anja verliebt hatte und mit ihr zusammen sein wollte. Er war nervös, was den ersten Sex anging, denn Anja wirkte so selbstbewusst. Eine, die sich nackt durch einen Raum bewegen könnte, als wäre sie angezogen. Aus seiner Sicht hing der weitere Verlauf ihres Verhältnisses davon ab, für wie gut Anja den Sex mit ihm befinden würde. Er kam sich vor wie vor einer Prüfung. Tobias sagt jetzt: »Das Problem ist, dass man beim Kennenlernen nie so viel preisgibt von sich wie beim Sex. Und dann ist Sex ja auch noch so eindeutig bewertbar: Entweder es gefällt ihr und sie hat einen Orgasmus – oder nicht. Das erzeugt Druck.«


Der erste Sex lief dann so ab: Anja lag auf dem ­Rücken, Tobias war oben. Er konzentrierte sich darauf, nicht zu früh zu kommen. Seine Strategie: ein langsamer Stoßrhythmus. Anja sagt: »Ich fand seine Langsamkeit schön, weil ich ihn so ­deutlich besser spüren konnte, als wenn er schneller und druckvoller in mich eingedrungen wäre.« Nach zehn Minuten kam Anja, Tobias nicht. Entgegen dem gängigen Rollenklischee. Nach ihrem Orgasmus nahm er sie in den Arm, sie lagen einfach nur da.

Am Anfang ist es immer so ernst

So ging das die nächsten Wochen weiter. Anja kam oft, Tobias hörte danach meistens auf. Sie traute sich nicht, ihn darauf anzusprechen. Einmal bewegte sie ihren Kopf in Richtung seines Penis, aber Tobias zog sie wieder hoch zu sich. Anja sagt: »Das Blöde ist, dass die Stimmung im Bett am Anfang einer Beziehung immer so ernst ist. Man kann nicht offen reden.«

Unser Kolumnist trifft ein frisch verliebtes Paar, das beim Sex erkennen muss: Aller Anfang ist schwer.

Vor drei Wochen traute sich Anja dann doch, Tobias ­zu fragen, warum er den Sex immer abbreche. Ob es an ihr ­läge. Und wenn ja, dass sie das problematisch fände, weil sie sich nichts sehnlicher wünsche im Moment, als von ­Tobias heiß gefunden zu werden.

Einfach mal drüber reden

Tobias gestand, dass er Angst hatte, zu versagen. Dass er sich ständig Gedanken darüber machte, ob Anja den gemeinsamen Sex gut fand oder nicht. Die Aussprache dauerte mehrere Stunden. Sie lachten zum ersten Mal gemeinsam über Sex. Ihren Sex. Dann schliefen sie miteinander. Tobias sagt: »Der Sex ist anders seit dieser Nacht. Lockerer, freier irgendwie. Es ist nicht so, dass wir auf einmal verrückte Stellungen durchturnen. Entscheidend ist eher, dass wir endlich wissen, was der andere denkt.«

Anja und Tobias wollen sich und haben einen Weg gefunden, sich das auch zu zeigen. Sie sind bestimmt noch nicht perfekt aufeinander eingespielt. Das Schöne: Ihnen ist das herzlich egal.


Sascha Chaimowicz fragt jeden Monat Menschen, was für sie guter Sex ist. Was antwortet Ihr? Schreibt an bettgeschichten@neon.de

Dieser Text ist in der Ausgabe 09/14 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben seit September 2013 gibt es auch digital in der NEON-App. Eine Übersicht aller »Bettgeschichten« findet ihr hier.

Wissenscommunity