Erdbeben in Haiti Haryssa weinte und schrie - bis sie starb
15.01.2010, 10:40 Uhr
Verzweiflung pur: Cindy Terasme, die ihren 14-jährigen Bruder verloren hat, schreit ihre Trauer gen Himmel
Wunder und Tragödien liegen in Haiti nah beieinander: Während der zweijährige Redjeson gerettet wird, wartet die kleine Haryssa vergeblich auf Hilfe. Sie stirbt vor den Augen ihrer Familie.

Zwei Tage lang hat Haryssa Keem Clerge auf Hilfe gewartet. Eingeklemmt unter den Trümmern ihres Elternhauses in Port-au-Prince klammerte sich das neunjährige Mädchen bis Donnerstag an die Hoffnung auf Rettung. Sie weinte und schrie. Wenige Stunden später wurde der kleine Leib leblos aus den Trümmern gezogen, Haryssa ist eines von Zehntausenden Opfern der Erdbebenkatastrophe in Haiti.

Nachbarn und Freunde der Familie hatten mit bloßen Händen versucht, den Schutt der Zementbauteile und verbogenen Metallstangen wegzuräumen, um zu dem Mädchen vorzudringen. Sie kamen nahe genug, um ihr Wasser zu reichen. Aber sonst half niemand der Familie in ihrer Not. "Da gibt es keine Polizei, da gibt es niemand", klagt die verzweifelte Patin, Kettely Clerge. Die Nachbarn müssen sie zurückhalten, als sie zum eingestürzten Treppenhaus des Gebäudes steigt und ruft: "Ich will sie sehen!" Die Patin habe sich immer um Haryssa gekümmert, erklärt eine Nachbarin. Sie sei jeden Tag mit dem Mädchen zur Schule in der Vorstadt Petionville gegangen.

SPENDENKONTEN

Aktion Deutschland Hilft / Stichwort: Erdbeben Haiti / Spendenkonto: 10 20 30 / Bank für Sozialwirtschaft / BLZ: 370 205 00 / Spendenhotline: 0900 55 102030 oder www.aktion-deutschland-hilft.de



UNICEF / Stichwort: Haiti / Spendenkonto: 300 000 / Bank für Sozialwirtschaft / BLZ: 370 205 00 / www.unicef.de



Deutsches Rotes Kreuz / Stichwort: Haiti / Spendenkonto: 41 41 41 / Bank für Sozialwirtschaft / BLZ: 370 205 00 / www.DRK.de/spenden



Welthungerhilfe / Stichwort: Nothilfe Haiti / Kontonummer: 11 15 / Sparkasse KölnBonn / BLZ: 370 501 98 / www.welthungerhilfe.de



World Vision / Stichwort: Erdbeben Haiti / Kontonummer: 102030 / Bank für Sozialwirtschaft / BLZ: 370 205 00 / www.worldvision.de

Nur einen Tag zuvor wurde die Mutter von Haryssa aus den Trümmern des Hauses gezogen. Jetzt liegt Lauranie Jean stöhnend in einem Zelt. Freiwillige Helfer reiben ihr eine Heilsalbe in die offenen Wunden an ihren Seiten. Die Familie hat Zuflucht gesucht auf einem Spielplatz, aber die Hoffnung ist gering. "Haiti ist ein aufgegebenes Land", sagt der Nachbar Bellefleur Jean Heber. Von der Regierung sei nichts zu erwarten. "Die Leute verlassen sich auf sich selbst."

Überall in Port-au-Prince entstehen Zeltstädte. Ihre Bewohner schwanken zwischen Resignation und Hoffnung. "Die Menschen warten darauf, dass sich jemand um sie kümmert", sagt Michel Reau. Der 27-Jährige hat sich mit seiner Frau und ihrem kleinen Kind in einem Park niedergelassen, ihr Haus ist zerstört. "Wir haben nichts zu essen, wir haben nichts zu trinken."

Wundersame Rettung: Daphnee Plaisin nimmt ihren Sohn, den zweijährige Redjeson Hausteen Claude, in die Arme

Tragödien wie die der kleinen Haryssa spielen sich überall in Port-au-Prince ab. An der Schule St. Gerard bricht Cindy Terasme in Tränen aus, als sie die Füße ihres 14-jährigen Bruders Jean Gaelle Dersmorne sieht, wie sie leblos aus den Trümmern ragen. Aber es gibt auch kleine Wunder, die die Hoffnung auf das Leben stärken. Spanische Bergungsspezialisten ziehen am Donnerstagabend einen zweijährigen Jungen aus den Trümmern eines eingestürzten Hauses. Trotz Tränen in den Augen scheint der kleine Redjeson Hausteen Claude seiner Mutter zuzulächeln, als er von seinen Rettern in Sicherheit gebracht wird.

An anderen Stellen der Stadt suchen Bewohner weiter nach Verschütteten, deren Zahl niemand kennt. Oft können sie die Menschen nur tot herausziehen. Die Leichen von den Straßen zu holen, sei jetzt eine der wichtigsten Aufgaben, sagt Bürgermeister Muscadin Jean Yves Jason. Die Stadt bereitet ein Massengrab für die Toten vor, aber überall fehlt es an den nötigen Mitteln. Der Bürgermeister klagt: "Wir haben kein Material, keine Mittel, nichts."

Mike Melia, APN