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stern-reportage

"Pippi inne Augen" - unter Tage mit den letzten Kumpeln in Bottrop

Steinkohle im Ruhrpott: Abbau wird bald Geschichte sein

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Nächstes Jahr machen sie dicht bei Prosper Haniel, dann ist die Steinkohle im Ruhrpott Geschichte. Der stern fuhr ein mit Kumpeln, die schon die Tage zählen - und doch das Ende einer Ära beweinen.

Vedat kriegt jetzt schon die Krise, wenn er daran denkt. Daran, wie es sein wird, wenn Schicht ist. Endgültig. Der Bergmann ein letztes Mal in den Förderkorb steigt und in die Tiefe ruckelt. Anderthalb Minuten, 13 Meter pro Sekunde. In den Bauch der Erde, in den dunklen Schacht. Wo Winde wehen und Wetter ist und das Grubenhemd schon durchgeschwitzt, bevor die Maloche überhaupt anfängt. Es klebt am Bauch, es klebt am Rücken. Klitschnass alles und schwarz die Haut. In die Muckibude muss er dann nicht mehr nach Feierabend, seinem Körper was zu beweisen. Noch ein paar Monate, dann beginnt der vorgezogene Ruhestand, eine Art Arbeitslosigkeit bei fast vollem Lohnausgleich. "Lass uns nicht drüber reden", sagt er, "ich bekomm sonst schlechte Laune."

Vedat Tonya, 47 Jahre jung, ist einer von knapp 2500 Kumpeln, die Ende nächsten Jahres ihren Job verlieren werden. Wenn auch seine Zeche endgültig schließt, als letzte im . Mit "Lieselotte" in Bochum hatte es begonnen, dann kam "Friedrich Thyssen" in Duisburg-Hamborn, später folgten die Bergwerke in Dortmund, Essen, ach, überall. Immer haben sie protestiert und sind mit schwarzen Fahnen los, genützt hat es nichts. Brachte auch wenig, dass die Zechen mit Namen von Kaisern und Königinnen geadelt waren oder benannt nach einem Herzog wie Prosper Ludwig von Arenberg, der sein Land 1856 an eine von Ruhr-Baronen neu gegründete Aktiengesellschaft verkauft hatte. Half nicht mal, dass Prosper ein römischer Heiliger gewesen sein soll und dass der Name auf Latein so viel wie "Begünstigter" bedeutet.

Die drei Kumpel sind bald Geschichte

Vedat, am Schwarzen Meer geboren und mit sechs Jahren aus der Türkei in den gekommen, ist einer der Letzten seiner Art. Wie Hannes, der Hauer, den sie aber alle nur den Schalker nennen, weil er bei jedem Heimspiel in der Nordkurve steht, Blau und Weiß, ein Leben lang. Die Gemeinschaft dort, sagt er, ist genauso groß wie die unten. Oder Michael, der in der Siedlung wohnt und heute noch mit Kohle heizt. Er züchtet Tauben, seit er neun ist; letztes Jahr, beim Weitflug aus Orléans, holten seine 21 Prachtstücke 20 Preise. Sie fanden über 540 Kilometer den Weg zurück, das ist Schlag-Liebe. Auch wenn Michael ihnen den Hals umdreht, wenn es sein muss.

Die drei Kumpel sind bald Geschichte. Drei von Millionen Männern, die hier mindestens seit 1578 der Erde Kohle abgetrotzt haben. Kaum ein , der gefährlicher ist, kaum eine Arbeit, an der mehr Mythos haftet. Jetzt machen sie den Deckel drauf, auf eine lange Historie, die von Stolz und Ehre erzählt, im Guten wie im Bösen. Der Bergbau hat die Republik geprägt, ohne Kohle keine industrielle Revolution, kein Krieg, kein Wirtschaftswunder.

Jetzt ist jeden Tag Abschied, seit Wochen geht das so. Letztens erst ist ein Strebmeister gegangen, der hatte Pippi inne Augen, der wollte nicht weg. Es gibt aber auch Kumpel, die haben auf ihrem Handy eine App, die die Tage und Stunden zählt. Michael besitzt so ein Ding, es heißt "Final Countdown"; Ende April hatte er noch 378 Schichten und 12 721 Stunden vor sich. Alle Nachbarn in seiner Siedlung waren Kumpel, nur Maria links fällt da raus, sie ist nur die Tochter eines Bergmanns.

Steinkohle im Ruhrpott: Final Countdown

Michael Dithmer, 49, freut sich auf den Abschied, es reicht, sagt er. Kommt immer öfter vor, dass er seiner Frau nach der Schicht sagt, wie kaputt er ist, bevor sie ihm Sauerbraten macht mit Rotkohl. Oder alles durcheinander, mit Mettwürstchen und Möhren. "Wird Zeit, dat man nach 31 Jahren Licht sieht." Er ist Wettermann; bevor die Mannschaft einfährt, prüft er die Konzentration von Grubengas. Kilometer ist er dafür allein zu Fuß unterwegs, auch bergauf, endlos lang, dort, wo sich vor 300 Millionen Jahren verwesende Pflanzen zu festem Gestein verdichteten, mächtiger Fettkohle, von der sie jeden Tag 12.000 Tonnen rausholen. In vier Schichten, mit Hauern und Steigern, Schlossern und Elektrikern, Vorleistern und Markscheidern.


Wer runterwill, muss sich nackig machen. Erst mal in die Kaue, umziehen. Feuerfeste Wäsche, Bergwerkshemd, Halstuch, Hose, Handschuhe, Helm und Schienbeinschoner, Sicherheitsstiefel mit Zehenschutzkappen. Einen Gürtel anlegen, vier Kilo schwer, mit der Batterie für die Grubenlampe und einem Atemschutzgerät für den Notfall. Dazu noch drei Liter Wasser gegen den Durst, und ab geht's. Wer Glück hat, den bringt eine Diesellok zum Arbeitsplatz; kommt aber auch vor, dass fünf Kilometer zu laufen sind, durch Matsch und Wasser und Geröll, vorbei an lärmenden Transportbändern voll Kohle. Viele Kumpel werfen sich darauf, um schneller an ihrem Flöz zu sein; danach siehste aus wie ein paniertes Hähnchen, sagt Vedat.

Es geht zum Ausbau, dorthin, wo sich ein mächtiges Metallmonster immer weiter in den Flöz fräst. Tag und Nacht schält es Kohle ab, die mit staubigem Getöse auf eine Förderkette stürzt und später über Kilometer auf einem Band quer durch den Berg zu Tage transportiert wird. Früher erledigten Hauer die Arbeit mit Hammer und Meißel, ein Knochenjob und lebensgefährlich. Heute braucht es nur noch wenige Männer, die den Maschinen den Weg frei machen: Sie setzen Stempel, Stützen aus Stahl oder Holz, die dafür sorgen, dass die 1200 Meter Gebirge über dem Flöz nicht einbrechen. Sie halten alles unter Kontrolle.

Es zieht wie Hechtsuppe

Ohrenbetäubend der Krach, es braust und zischt und rattert, und es zieht wie Hechtsuppe. Wetterschächte versorgen die Bergleute mit frischer Luft, sie wird von oben angesaugt und nach unten gepresst. Die Kumpel schreien sich an, kurz und knapp, keine Frau, die ihnen oben nicht sagt, sie sollten mal leiser sprechen. Dass sie bölken, wie man im Pott sagt, fällt den Männern gar nicht mehr auf.

Ihre Welt hat eigene Gesetze und eine eigene Sprache. Wörter, die nur Eingeweihte kennen. Armut, zum Beispiel, hieß die Kohle, die ein Kumpel früher mit nach Hause nehmen durfte. Alter Mann ist eine abgebaute Strecke. Frosch ein Geleucht, Katze eine Hängebahn. Und Kumpel wurde zu einem anderen Wort für Freunde. Typen, durch Arbeit zusammengeschweißt, in einer verschworenen Gemeinschaft. Männer, die sich in finsterer Umgebung aufeinander verlassen müssen. Und Sätze nicht umständlich mit Höflichkeitsfloskeln verlängern: Woanders is' auch Scheiße.

Doch woanders geht's eben weiter, hier nicht. "Schon krass, mit 49 in Rente", sagt Vedat Tonya. Er kommt gerade von der Mittagsschicht, 10 Uhr rein, 18 Uhr raus. Kaputt wie ein Hund, wie man im Ruhrgebiet sagt. Die Glieder schmerzen, aber heute, sagt er, haben wir der Erde wieder ein paar Meter abgetrotzt. Jeden Tag verfolgen zu können, wie viel man geschafft hat; Vedat sagt, irgendwie macht das einen glücklich. Auch wenn er schwer zu tragen hat, kiloschweres Gezähe, wie die Kumpel ihr Werkzeug nennen, Bohrhammer, Beil, Spitzhacke. Vedat schleppt manchmal auch Stahl auf seinen Schultern, wenn das Bohrgestänge bewegt werden muss. Fünf Minuten da unten, und schon sind zwei Shirts schweißnass.

Vedat ist Aufsichtshauer, gemeinsam mit dem Steiger teilt er die Leute ein, sechs bis acht Mann. Ihre Hauptaufgabe ist es, einen 550 Kilo schweren Bohrer immer wieder so anzubringen, dass er bis zu 80 Meter ins Gestein eindringen und Löcher bohren kann. Durch die wird hochexplosives Methangas aus der Kohle abgesaugt, neben dem Einbruch von Wasser der größte Feind des Bergmanns. Ein Job mit Verantwortung, aber welcher ist das nicht hier unten? Wo jeder Handgriff sitzen und sich einer auf den anderen verlassen muss. Wenn oben einer einen Fehler macht, kann man den glattbügeln; hier unten kann er das Leben kosten.


Vor fünf Jahren passierte auf Prosper der letzte schwere Unfall; ein gewaltiger Kohlebrocken erschlug einen Steiger beim Kontrollgang. Hannes Fischer, der Schalker, hat auch schon mal gesehen, wie die Grubenwehr einen Bergmann im Schleifkorb heraustrug. Damals, im Bergwerk West, am Strecken-Vortrieb. Eigentlich wollten die Chefs den Kumpeln den Anblick der Leiche ersparen, sie sollten eine Stunde später einfahren. Doch Hannes stand am Korb und sah alles; eine nachdenkliche Schicht wurde das, mucksmäuschenstill, soweit das geht. Es gab mal Bergleute, die meinten, die Arbeit ist wie ein Vertrag mit dem Teufel. Sie beteten vor jeder Einfahrt. Hannes sagt, Barbara passt auf, unsere Schutzheilige. Ihre Büste steht am Eingang der Grube in der siebten Sohle. Hannes hatte bisher nur ein paar Verletzungen, "nichts Wildes". Mal einen Finger gebrochen und einen Zeh, Platzwunden, Risswunden, Hautabschürfungen und Steinchen im Auge, als es noch keine Pflicht war, Brillen zu tragen. Heute sind die Verantwortlichen froh, dass die Arbeit durch die vielen Schutzbestimmungen sicher ist, jedenfalls im Verhältnis zum Risiko. "Aber is' schon wat anderes, als im Büro zu sitzen", sagt Hannes.

Er hat es nicht weit zum Schacht, zehn Minuten mit dem Auto. Mit 16 ist er in die Lehre, von da an hieß es "Arsch aufreißen und Knochen hinhalten". Alles schon erlebt: Kette abgeflogen und Bagger umgefallen, Wassereinbruch und Sekundenschlaf, nach der Nachtschicht. Zwei-, dreimal, so genau weiß Hannes es nicht mehr, musste er zur Seite springen, als sich plötzlich Gestein löste. Der Schalker freut sich so langsam auf seine Rente, dann kann er sich noch mehr um den Garten kümmern, um Ziegen, Enten und Hühner. Und er will versuchen, eine Frau zu finden, wird schwer, sagt er, aber wird Zeit, sagt seine Mutter.

Woanders is' auch Scheiße

Dort, wo die Kumpel einfahren, auf Schacht 10, sind oben Wald und Wiesen, eine ländliche Idylle fast; so sehr hat sich der Bergbau im Ruhrgebiet nördlich Richtung Münsterland gefressen. Ein Förderturm, ein Parkplatz, keine gewachsene Infrastruktur mit Bergmannsiedlung und Kneipen, aus denen die Frauen früher ihre Männer holten, bevor die auch noch den ganzen Lohn versoffen.

Die Wirtshäuser sind pleite, und Bier ist auch nicht mehr erlaubt auf Arbeit. Vor Jahren ging das noch, da brachte selbst der Ruhrbischof bei seinen Besuchen einen Kasten Bier mit, der wusste noch, was sich gehört. War ja alles um die Ecke, der Pütt, der Garten, der Bolzplatz.

Vedat Tonya fiel vor 31 Jahren praktisch aus dem Bett in den Schacht. 80 Meter nur waren es von zu Hause zum Werk. "Chef, mein Sohn arbeiten hier", hatte sein Vater zum Steiger gesagt. Der sah sich Vedats Oberarme an und sagte, die brauchen wir.

Das war zu der Zeit, als im Ruhrgebiet fast alles nur um die Kohle ging und wirklich jeder im Pütt Arbeit fand, selbst die Ungelernten und alle, die sonst nirgends klarkamen. Zeche, das war auch staatlich alimentierte Fürsorge. Nicht nur als Subvention für die Kohle, die anderswo dreimal billiger war; sondern auch als Kümmern um die Schwachen. "Kannze nich", so hieß es oft, "meinen Sohn unterbringen bei dir?"

Sie haben alle mit durchgezogen, sie waren mal 600 000 Mann, 1958, zur besten Zeit. Die Gewerkschaft war stark, sie setzte die Mitbestimmung durch, und die Montanunion im Ruhrgebiet wurde Anfang der 1950er Jahre Keimzelle der Europäischen Union. Heute pendelt, was übrig blieb, von überall her zu Prosper und ist froh, nach der Arbeit wieder im Auto zu sitzen. Hin im Stau, zurück im Stau.

So wurde das Ruhrgebiet zur Erinnerungslandschaft. Wohl nirgends finden sich mehr Privatmuseen als Hommage an die Härten der Arbeitswelt, mit nachgebauten Stollen im Garten und Ausstellungen im Keller. Noch immer kennt man die Geschichten vom legendären Schalker Kreisel, jenen Kumpeln um den Hauer und Sprücheklopfer Ernst Kuzorra ("Ich wusste nicht, wohin mit dem Ball, da hab ich die Pille einfach reingewichst"), die auf Schalke jeden Gegner schwindlig spielten und in den 1930er Jahren ständig Deutscher Meister wurden. Nun, inzwischen wurde die "Glückauf"-Kampfbahn gegen eine "Veltins-Arena" eingetauscht, und Gazprom-Russen sponsern den Verein. Eigentlich hatte Ruhrkohle-Chef Werner Müller, nach dem vor vier Jahren verstorbenen Berthold Beitz der letzte Ruhr-Baron, angeblich die "Knappen" fördern wollen, mit seinem Geld, es hätte gepasst; Schalke-Chef Rudi Assauer und der smarte Wirtschaftsboss aber gerieten sich inne Köppe, wie man hier sagt, und das Geld ging nach Dortmund. Wo es wohl auch besser angelegt ist. Zu den "Zecken", oder, wahlweise, "Hurensöhnen", wie der Schalker in gepflegter Feindschaft seine Nachbarn nennt.

Das war's mit dreckig

Und sonst? Die Stammkneipe wurde zur Pizzeria, die Waschkaue zur Geisterbahn, die Kohlehalde zur Skipiste. Bürger verhinderten immerhin, dass Coca-Cola aus einem Gasometer, der mal Gas speicherte, eine überdimensionale Dose macht. Im stillgelegten Hochofen kann man jetzt klettern und in der ehemaligen Kokerei der Essener Zeche Zollverein schwimmen und Köpper üben. Man bekommt dort auch einen Espresso, 'ne gute Currywurst, und alle sind stolz, dass der Pott so schön grün ist; die Europäische Kommission, die muss es ja wissen, hat Essen 2017 gar zur "Grünen Hauptstadt" erklärt.

Das war's mit dreckig. Die meisten Jobs gibt es heute, wie überall, dort, wo man sich nicht schmutzig machen muss. Auf Schalke singen sie noch das Steigerlied vom hellen Licht und dem schwarzbraunen Mägdelein, und Ministerpräsidentin Hannelore Kraft von der SPD verabschiedet sich, wo sie kann, mit einem herzlichen "Glückauf". In Bottrop machten Hansa und Karstadt dicht, leere Läden, wo mal Kaufkraft war. Da haben sie auch Tränen im Arsch, um es mal so zu sagen.

Wer heute 60 ist, hat den Bergbau nur als eine Industrie im Niedergang erlebt und den Ruhrpott als eine Region im "Strukturwandel", was für ein beklopptes Wort. Ähnlich blöd wie "Anpassungsseminar", so hießen die Veranstaltungen, die Bergleute als Vorbereitung auf den Ruhestand besuchen konnten, wie geht man um mit der freien Zeit und, noch wichtiger: wie seiner Alten nicht auf den Sack?

Das wird schwierig in einem Leben, das sich bis jetzt fast nur über die Arbeit erklären ließ. Hannes hat bereits einen neuen Job organisiert, als Lkw-Fahrer, auf 450-Euro-Basis; Michael wird seine Tauben noch weiter auf die Reise schicken und den Nachbarn Kurt, seinen ärgsten Konkurrenten, ärgern. Seine Frau will mit ihm mehr auf Trödelmärkte, das wird sich zeigen. Und Vedat möchte am liebsten gar nicht aufhören.

"Ich möchte den Abschied so lange wie möglich hinauszögern", sagt er. "Wenn man mich fragt, bleibe ich auch noch." Es gibt ja noch genug zu tun, ein paar Hundert Mann müssen zum Aufräumen da sein, und als sogenannte "Ewigkeitsaufgabe" bleibt das Abpumpen des Grubenwassers; große Gebiete im Ruhrpott sind durch den Bergbau über die Jahre um bis zu 30 Meter abgesackt. Gäbe es die Pumpwerke nicht, würde das Ruhrgebiet innerhalb weniger Wochen absaufen.

Hömma, bisse doof oder wat?

Vedat sorgt sich, dass mit dem Ende des Bergbaus auch die Kultur verschwindet. Er will nicht, dass der Zusammenhalt flöten geht, wie er sagt, das Miteinander, das Kollegiale, diese einfache, zupackende Art. Mit Kumpeln hat er in Gelsenkirchen eine Kneipe gepachtet und einen "Sport- und Geselligkeitsverein" gegründet, mit Sparklub und Fußballmannschaft, weil er die Gemeinschaft von unter Tage eben auch im Alltag leben will. Manchmal, sagt er, komme ich oben nicht so gut zurecht, da sind zu viele Schauspieler unterwegs, da ist viel Schnörkel, künstlich, so vieles. Ein "Hömma, bisse doof oder wat?" ist schneller als die höfliche Frage, ob jemand bitte schön noch alle Tassen im Schrank hat.

Aber das Ende rückt mit jedem Tag näher, wenn wieder gesammelt wird. Für den nächsten Kumpel, der geht. Meistens bekommt der dann ein Arschleder, halbrund, fürs Gesäß, auf dem man früher die steilen Strecken herunterrutschen konnte. Heute ist es gut gegen die Kälte und für die Nieren. Auf einem Arschleder können auch alle gut unterzeichnen. Und wenn dann noch zum Abschied ein Kumpel spricht, kommen doch ein paar Tränen, obwohl sich jeder vornimmt, dass ihm das nicht passiert. Aber Jahrzehnte zusammen da unten; da kannze nich anders.

Und dann erzählt Vedat die Geschichte, wie er als Kind mal beim Spielen einen schönen schwarzen Mann sah, mit weißen Zähnen und einer Zigarette im Gesicht. Er staunte richtig, und wagte sich immer näher ran, bis er erkannte, das war sein Vater, er kam gerade von der Schicht. Das war der Moment, als sich der kleine Junge entschloss, auch so einer zu werden, "so'n Schwatten". Auch wenn denen manche Leute früher nachriefen: "Die Sonne lacht, die Sonne sticht, die Doofen gehen auf Mittagsschicht."

Vedat Tonya, der deutsche Türke, der türkische Deutsche, sagt: "Ich bin stolz, ein Teil dieser Ära gewesen zu sein. Und ich würde es wieder so machen."

Noch hat er dabei kein Pippi inne Augen.

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