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Gina-Lisa Lohfink: verraten und verkauft

Gina-Lisa Lohfink

Gina-Lisa Lohfink steht am Montag erneut vor Gericht. Sie soll zwei Männer fälschlich der Vergewaltigung beschuldigt haben. Der Ursprung dieses Falls liegt acht Jahre zurück. Und die Medien spielen dabei eine wesentliche, unrühmliche Rolle, schreibt stern-Stimme Sylvia Margret Steinitz. 

In meinen Begegnungen mit wirkte sie stets von einem Fatalismus durchdrungen, aus der Haltung geboren, dass es egal ist, was sie tut oder sagt. "Mir glaubt ohnehin keiner", sagte sie im Gespräch nach dem ersten Gerichtstermin in Berlin, wo sie nach Beschimpfungen von Prozessbeobachtern weinend zusammengebrochen war. Warum sie das denke, fragte ich, wo doch gerade eine ganze Reihe von Leuten ihre Solidarität mit ihr bekundet habe. "Das schwingt wieder um", sagte sie. "Am Ende werde ich wieder die Schlampe sein, die alles nur gemacht hat, um Aufmerksamkeit zu kriegen. Wie immer."

Um zu verstehen, was Lohfink meint, muss man in der Zeit zurückgehen. Nicht zu den Ereignissen vom Juni 2012, wegen denen am Montag in einem Berliner Gericht darüber gestritten wird, ob Gina-Lisa Lohfink zwei Männer - die sexuelle Handlungen an ihr vornahmen, auf Video festhielten und die Aufnahmen verbreiteten - ob sie diese Männer also fälschlich der Vergewaltigung beschuldigt hat. Wir müssen noch weiter zurück, bis zum Jahr 2008, in dem ebenfalls ein Video entstand, das  Lohfink bei sexuellen Handlungen zeigt und dessen Verbreitung den Grundstein legte zum Konstrukt "Schlampe", auf das sich Medien wie Publikum bis heute berufen, wenn sie die Person Gina-Lisa Lohfink bewerten.

Das etwas mehr als 23 Minuten lange Video wurde von einem gewissen Yüksel D. aufgenommen, ein Modeunternehmer, der verschiedene Ausflüge ins Entertainment unternahm, dabei jedoch keinen nennenswerten Erfolg hatte. Yüksel D. fuhr sie zu Auftritten und Castings, stellte sich als ihr Manager vor, gerne erzählt er, dass er es war, der die damals 21-Jährige zum Casting von "Germany’s next Topmodel" angemeldet habe - jener TV-Show, durch die Lohfink schlagartig bekannt wurde. 

Gina-Lisa Lohfink: ein ganz normales Mädchen

Als halb Deutschland ihren Markenspruch "Zack, die Bohne!" zitierte, verkaufte Yüksel D. das Video für kolportierte mehrere Tausend Euro, mindestens ein großes Medium zeigte Ausschnitte auf seiner Homepage., "Gina-Lisa Schmutzfink" titelte ein Magazin. Eine Zeitung fragte in Fettschrift: "Wie konntest du das nur tun?" Das Video verbreitete sich in Windeseile im Internet. Yüksel D. beharrt bis heute darauf, dass Lohfink in seinen Plan, das Video zu verkaufen, eingeweiht gewesen sei. Gina-Lisa Lohfink selbst sagt: "Ich wusste nichts davon, ich dachte, das ist ein Privatporno und nur für uns zwei gedacht."

Als damals die Presse über sie herfiel und jeder mit dem Finger auf sie zeigte, "da ist meine Welt zusammengebrochen", sagt sie. "Abseits von den Reality-Shows war ich ein normales Mädchen, das kocht und putzt und vom Traumprinzen träumt. So bloßgestellt zu werden und dann glaubt mir auch noch keiner - ich war danach nie mehr die Selbe."

Ich habe im Rahmen meiner Recherchen zum Fall Gin-Lisa Lohfink - und mit ihrem Einverständnis - auch das besagte Video angesehen. Ich empfehle niemandem, es mir gleichzutun. Jeder unnötige Klick zementiert den Vertrauensbruch, den Yüksel D. meiner Überzeugung nach an Lohfink begangen hat. Nur so viel: An der Aufnahme ist nichts Problematisches. Man sieht zwei Menschen beim Sex. Fertig.

Ich möchte an dieser Stelle gerne aus der Unterhaltung zitieren, die in diesem Video ab Minute 6:25 zu hören ist.

Er (an der Kamera hantierend): "Weißt du, was wir machen, nachher? Wir gucken uns die ganze Sache zusammen an, okay?"

Sie: (sieht sich auf dem Bett liegend Bilder auf dem Display einer Digitalkamera an)

Er: "Aber, ey, Gina, erzähl das ja niemandem, ja? Wenn du das der (er nennt einen weiblichen Vornamen) erzählst oder der (unverständlich), krieg ich voll den Ärger."

Sie: "Mensch, wenn du das noch einmal sagst …"

Er: "Okay."

Sie: "Ich hasse das, wenn du das immer sagst ..."

Er: "Ich hab halt Angst, Schatzi."

Frage: Wenn Sie mit einer Ihnen vertrauten Person Sex haben, er das Ganze auf Video aufnehmen will und währenddessen sagt: "Erzähl aber niemandem davon" - glauben Sie dann, dass er vorhat, das Video zu Geld zu machen? Diese Sequenz aus dem Video genügt mir als Indiz dafür, dass Lohfink die Wahrheit sagte, als sie beteuerte: "Ich wollte das nicht." Für mich klingt es plausibel, dass Lohfink darauf vertraute, dass dieses Video privat bleibt, wie auch die Fotos, die beide während des Akts voneinander machten. Warum hat sich keiner der Medienvertreter, die damals berichteten, das Video genauer angesehen? Und warum hat Lohfink selbst nicht mehr unternommen, um die Verbreitung des Clips zu stoppen?  "Ich hab das versucht", sagt sie, "Aber ich kannte mich nicht besonders gut aus. Ich hab heulend bei einer Redaktion angerufen und gefragt, warum sie mir das antun. Ich bekam die Antwort, man hätte ihnen das angeboten, und nun müssten sie das eben veröffentlichen." Sie habe irgendwann aufgegeben. "Ich hab mir nur eines geschworen: Sowas passiert mir nie wieder."

Ein Panzer aus Brüsten und Make-up

Aufstehen, schminken, weitergehen: Lohfink verändert sich, äußerlich wie innerlich. Sie legt sich einen Panzer zu, lässt die Brüste verstärken, Schichten von Make-up liegen nun zwischen ihr und den anderen. Sie sei knallhart und ausgebufft, heißt es bald hinter ihrem Rücken, man könne nicht alles glauben, was sie sagt. Eine Weile gibt es im Trash-TV Spekulationen über eine angebliche Beziehung zwischen ihr und der Popsängerin Loona, die ihrerseits wenig später erklärt, das alles sei nur ein PR-Gag gewesen. Es scheint, als sei Gina-Lisa Lohfink zu dem geworden, was man immer schon in ihr sehen wollte.

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, heißt es. Aber wer umgekehrt die Wahrheit spricht und damit nicht ernst genommen wird, in dessen Seele wird etwas zerstört. Bis heute verstehe ich nicht, warum sich niemand die Mühe gemacht hat, Lohfinks Beteuerung, sie habe nichts von dem geplanten Verkauf des Videos gewusst, zu überprüfen. Dass es sich durch die Bank um Boulevardmedien handelte, ist eine Erklärung, aber keine Entschuldigung. Wahrscheinlich war "Gina-Lisa, die " einfach die bessere Geschichte.

Übrig blieb die Message, dass jemand, der ein Sexvideo mit Lohfink anbietet, dabei viel Geld verdienen kann, nicht mit Strafverfolgung rechnen muss und zudem die Unterstützung der Medien hat. Yüksel D. wurde als "Lohfinks lustiger Liebhaber" interviewt, als gemütlicher Typ mit Sympathiefaktor, er erhielt einen Pornopreis als bester Amateur-Nachwuchs. Lohfink dagegen war als "Schmutzfink" abgestempelt.


Wir haben unsere Arbeit nicht gemacht

Nur deshalb, davon bin ich überzeugt, kamen vier Jahre später zwei junge Männer aus Berlin überhaupt auf die Idee, Gina-Lisa Lohfink in eine  Wohnung zu locken, auf welche Art auch immer sexuelle Handlungen herbeizuführen und das Material zu verhökern. Die sichergestellten Nachrichten, die beide austauschten, beweisen ihr Vorhaben. Einer der Männer wurde auch wegen der Weitergabe der Videos verurteilt. Der andere - mehrfach vorbestraft, unter anderem, weil er eine Frau verfolgt und bedroht hatte - meinte bei einer Hausdurchsuchung zu den Beamten, er sei durch seinen Freund in etwas reingeritten worden. Irgendwann verschwand er, das Verfahren gegen ihn wurde vorläufig eingestellt - wegen fehlender Wohnadresse. Sein Anwalt hat nun angekündigt, dass am Montag beide Männer vor Gericht erscheinen wollen.

Dass es überhaupt zu einem derartigen Showdown kommt, hat seine Wurzeln im Umstand, dass wir Journalistinnen und Journalisten schlicht unsere Arbeit nicht gemacht haben. Ich spreche in voller Absicht von "wir", denn kokette Abgrenzung ist hier nicht geboten. Der Fall Lohfink ist ein Schulbeispiel für die Langzeitwirkung tendenziöser Berichterstattung. Gina-Lisa Lohfink wurde von uns verraten und verkauft. Ich bleibe dabei: Hätten wir damals besser recherchiert, hätten wir die beiden beteiligten Personen nicht nach Geschlecht geordnet einer jeweils völlig anderen Bewertung unterzogen, hätten wir Gina-Lisa Lohfink zumindest soweit ernst genommen, dass wir ihre Version der Geschichte überprüfen und den Indizien dafür ebenso viel Platz einräumen wie allen anderen, hätten wir nicht jene unfassbare Gleichgültigkeit und Kälte gezeigt, die ganz am Anfang dieser schmutzigen Geschichte steht, dann wären Lohfink die Ereignisse von womöglich von vornherein erspart geblieben. Jetzt sind wir auf einmal alle interessiert. Jetzt diskutieren wir darüber, dass jeder Mensch das gleiche Recht darauf hat, ernst genommen zu werden. Jetzt schauen wir hin. Wir sind verdammt spät dran mit unserer Ernsthaftigkeit.

Die Fraktion der Grünen im Europäischen Parlament hat Lohfink nun nach Brüssel eingeladen. Am 12. Juli wird sie mit Abgeordneten über den öffentlichen Umgang mit Frauen diskutieren, die sich als Opfer sexueller Nötigung oder Zurschaustellung sehen. Wir, die Medien, werden dabei nicht gut wegkommen. Zu Recht.

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