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Von Kehrtwende zu Kehrtwende: Wenn Donald Trump Diplomatie lernt

Donald Trump und Nato-Generalsekretär  Jens Stoltenberg

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Erst war China böse, nun nicht mehr. Erst war die Nato obsolet, nun nicht mehr. Erst war Russland gut, nun nicht mehr. Donald Trump überrascht immer wieder mit radikalen Kehrtwenden. Unberechenbarkeit betrachtet der US-Präsident nicht als Makel.

Freundlich ausgedrückt könnte man sagen, ist lernfähig und flexibel. "Nachdem ich zehn Minuten zugehört hatte, habe ich gemerkt, dass das alles nicht so einfach ist", sagte er in einem Interview über ein Treffen mit Xi Jinping. Chinas Staatschef hatte den US-Präsidenten geduldig erklärt, warum seine Regierung nicht mal eben so die Nordkoreaner von ihren Atomwaffen-Ambitionen abbringen kann. "Ich dachte immer, China hätte enormen Einfluss auf Nordkorea, aber so ist es nicht." Wohl nur selten hat ein Staatsoberhaupt seine offenkundige Naivität derart freimütig eingeräumt. Das Treffen mit Xi war auch noch aus einem anderen Grunde bemerkenswert. Denn anscheinend ist Donald Trump dabei, seine nächste (langjährige) Überzeugung über Bord zu werfen.

China - erst böse, jetzt nicht mehr böse

Jahrelang hatte er für diverse Schwierigkeiten der USA verantwortlich gemacht: China stiehlt uns die Arbeitsplätze, China manipuliert seine Währung zu unseren Ungunsten, China betreibt militärische Industriespionage, China müsse etwas Nordkorea unternehmen. Im Wahlkampf hatte Trump noch angekündigt, Handelsschranken gegen China hochzuziehen - selbst um den Preis eines Handelskrieges. Doch seit dem Treffen mit dem mächtigen Mann aus Peking ist davon plötzlich keine Rede mehr. Im Gegenteil. Den Vorwurf, China würde seine Währung künstlich niedrig halten, nahm Trump ausdrücklich zurück. Donald Trumps Wende mag ein gutes Zeichen für die Weltwirtschaft sein, zeigt aber auch einmal mehr seine Wankelmütigkeit.

Dass der zu abrupten Kurswechseln neigt, wurde jüngst wieder deutlich, als er das Bombardement einer syrischen Militärbasis anordnete - entgegen seiner jahrelang erhobenen Forderung, die USA sollten sich tunlichst aus dem Konflikt heraushalten. Jetzt, eine Woche später, entspannt er entgegen seiner Ankündigungen den harten Kurs gegen China, hält nicht länger einer rigiden Geldpolitik fest und nennt die Nato nicht länger obsolet. Das Bündnis sei das Rückgrat der amerikanischen Außenpolitik, sagte er beim Washington-Besuch des Nato-Generalsekretärs Jens Stoltenberg.

Rückkehr zu klassischer Außenpolitik

Nach 83 Tagen im Amt, scheint der US-Präsident auf die Linie klassischer amerikanischer zurückzukehren. Auch das ist nach den polternden ersten Wochen eine gute Nachricht. Wenn auch nicht für seine Anhänger aus dem ganz rechten Spektrum. Sie haben nun einmal mehr Grund, ihn einen Flipflopper zu schimpfen, wie die Amerikaner wankelmütige Gesellen nennen.

Dass er auch in die andere Richtung flexibel ist, war schon in den letzten Wochen zu beobachten. Im Wahlkampfjahr 2016 war Trump noch voll des Lobes für den russischen Präsidenten. Einige von Trumps Mitstreitern tauschten sich rege mit Vertretern aus. Etwas zu rege, wie viele Amerikaner finden. Ein Ausschuss des US-Kongresses untersucht die mögliche Manipulation der US-Wahl durch den Kreml. Ganz sinistre Geister plakatieren seit Monaten die sozialen Medien mit Bildern zu, die Trump als Marionette Putins darstellen. Die rätselhafte Russland-Connection klebt an der Regierung in Washington wie alter Kaugummi.

Unberechenbarkeit ist für Donald Trump Lob

Vielleicht ist das der Grund, warum Donald Trump und seine Minister alles unternehmen, um jeden Eindruck einer unanständigen Nähe zu Moskau zu unterbinden. Seit dem überraschenden Raketenangriff auf die syrische Militärbasis und damit auf das russlandtreue Assad-Regime ist das Verhältnis der beiden Großmächte auf einem Tiefpunkt. Das jüngste Treffen der Außenminister in Moskau muss derartig unterkühlt gewesen sein, dass es anschließend nur hieß, die Gespräche seien "konstruktiv" gewesen. Im Diplomatensprech liegt diese Wertung kurz vor einer Beleidigung.

Unberechenbarkeit ist für Donald Trump kein Schimpfwort, sondern ein Lob. Auf dem New Yorker Immobilienmarkt oder im Krieg mag das vielleicht ein Trumpf sein, in der der Politik aber werden überraschende Kehrtwenden schnell als Schwäche ausgelegt. Zumal die Halbwertszeit von Trumps Überzeugungen und Entscheidungen offenbar eher kurz zu sein scheint. Immerhin: Er ist lernfähig.

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