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Trump gegen Merkel: Nachtreten per Twitter

Donald Trump

Die Bundeskanzlerin war gerade erst von ihrem Kurzbesuch in Washington zurückgekehrt, da setzte sich Donald Trump an sein Mobiltelefon und schickte eine klare Botschaft per Twitter hinterher.

Deutschland schulde der Nato "riesige Summen", twitterte Donald am Samstag. Berlin müsse Washington mehr zahlen für die "gewaltige und sehr teure Verteidigung", welche die USA für Deutschland leisteten. Die Twitter-Aufwallung bestätigte den Eindruck, dass bei ihrer ersten persönlichen Begegnung am Vortag das Eis zwischen Trump und Merkel nicht gebrochen war.

Dass der Präsident ausgerechnet beim Thema der Verteidigungsausgaben nachkartete, stellte gleichwohl ein weiteres Beispiel Trump'scher Sprunghaftigkeit dar - war dies doch eines der Felder, auf dem eine Annäherung gelungen zu sein schien. Zwar trug der Präsident auch bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit der Kanzlerin seine Klage vor, dass die USA in der "unfair" behandelt würden und die Verbündeten "riesige Summen aus vergangenen Jahren" schuldeten. Doch dankte er der Kanzlerin für ihre Zusage, die deutschen Verteidigungsausgaben zu erhöhen, um ein Volumen von zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erreichen. Und Merkel bekräftigte, auf diese in der Nato vereinbarte Zielmarke hinarbeiten zu wollen.

Großartiges Treffen, aber...

Auch andere Gemeinsamkeiten strichen der Präsident und die Kanzlerin bei ihrem Presseauftritt im East Room des Weißen Hauses heraus. So lobte Trump das deutsche Engagement für eine friedliche Lösung des Ukraine-Konflikts sowie den deutschen Militäreinsatz in Afghanistan. Die Kanzlerin wiederum sagte: "Wir kämpfen gemeinsam gegen den islamistischen Terror."

In den Kurzbotschaften, die er am Tag danach von seiner Wochenendresidenz Mar-a-Lago in Florida aus abschickte, schrieb Trump von einem "großartigen Treffen". Doch diese Botschaft richtete sich vor allem gegen die Medien, die er beschuldigte, "Falschnachrichten" über die Visite zu berichten.

Seine gleichzeitige Eruption über die angeblich zu niedrigen Verteidigungsausgaben illustrierte, dass bei Trump der Frust über Merkel und die Deutschen offenbar nach wie vor tief sitzt. Ihre rund vierstündige Begegnung war denn auch in unterkühlter bis verkrampfter Atmosphäre verlaufen. Die ganze Unbehaglichkeit des Treffens kristallisierte sich in einem kurzen Moment im Oval Office, als Trump und Merkel nach einem fünfzehnminütigen Vier-Augen-Gespräch von den Fotografen vergeblich gebeten wurden, sich für ein Bild die Hände zu schütteln. Als der Präsident nicht reagierte, wandte sich ihm die Kanzlerin zu und wiederholte die Bitte der Fotografen. Doch Trump beachtete sie nicht und starrte mit düsterer Miene in eine andere Richtung - ein verblüffter Ausdruck zuckte über Merkels Miene. Die Videobilder des peinlichen Moments verbreiteten sich rasch in den sozialen Netzwerken - unklar blieb allerdings, ob Trump die Bitte um den Händedruck absichtlich ignoriert oder schlicht überhört hatte. Auf Anfrage des "Spiegels" beim Weißen Haus will Trump Merkels Handschlag-Frage nicht gehört haben.

Merkel reagiert auf Trumps Nachtreten wie immer

Nach seiner wüsten Wahlkampfpolemik gegen die Kanzlerin, die er bezichtigt hatte, mit ihrer Flüchtlingspolitik ein "totales Desaster" verursacht und "ruiniert" zu haben, war nicht unbedingt zu erwarten gewesen, dass die beiden bei ihrem erstem Treffen von freundschaftlichen Gefühlen überwältigt würden. Allerdings zeigte sich, dass nicht nur im persönlichen Umgang die Chemie nicht stimmt, sondern auch inhaltlich weiterhin Gräben klaffen.

Dies gilt etwa für die Einreise- und Handelspolitik. Trump betonte, dass Einwanderung "ein Privileg, kein Recht" sei - was als Spitze gegen Merkel gedeutet werden konnte. Und er wiederholte sein Lamento, dass die im internationalen Handel "sehr unfair behandelt" würden - während die Kanzlerin von den Vorzügen des Freihandels redete.

Auf Trumps Nachtreten am Samstag reagierte Merkel dann so, wie sie es oft in den vergangenen Monaten getan hat - mit Schweigen. Die Bundesregierung lehnte am Samstag auf Anfrage einen Kommentar zu den Tweets aus Mar-a-Lago ab.

Von Daniel Jahn/AFP

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