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Exklusiv

Mr. Zimmerman und die Angst

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Mitten in der Londoner U-Bahn versucht ein vom "Islamischen Staat" inspirierter Geisteskranker, den Musiker Lyle Zimmerman mit einem Messer zu köpfen. Doch der Amerikaner überlebt wie durch ein Wunder - und sagt trotzdem, der Klimawandel sei viel gefährlicher als Terrorismus.

Von Malte Herwig

"Das ist nicht meine Schuld, und ich werde nicht sterben", denkt Lyle Zimmerman, als er in einer Lache aus seinem eigenen Blut aufwacht.

Wenige Meter von ihm entfernt rennt noch immer der Mann umher, der gerade versucht hat, Zimmerman den Kopf abzuschneiden – mitten in einer Londoner U-Bahnstation.

"Ich werde euer Blut vergießen", schreit Muhaydin M. "Das ist für meine syrischen Brüder". Eine Zeugin wird später aussagen, sie habe gehört, wie die Klinge das Fleisch von Zimmermans Hals zerfetzt. Ein anderer Zeuge wird berichten, wie der Angreifer die 15 Zentimeter lange Klinge in den Hals seines Opfers gesägt habe, "als ob er eine Zwiebel aufschneide". Erst als das Messer plötzlich zerbricht, lässt Muhaydin M. von seinem Opfer ab.

Dann zieht er mit verstörender Gelassenheit eine Fahrkarte und passiert das Drehkreuz, die blutverschmierte Messerklinge in der Hand, um seine Jagd auf unschuldige Reisende auf der anderen Seite fortzusetzen.

Lyle Zimmerman mit stern-Autor Malte Herwig in London


Bevor die Polizei ihn mit mehreren Taser-Schüssen außer Gefecht setzt, greift Muhaydin M. vier weitere Menschen an. Es gibt Handyvideos von den Jagdszenen durch die U-Bahnstation Leytonstone. "Wenn du in Syrien lebst, wirst du bombardiert", schreit M., "wenn Du ein Muslim bist, werfen sie Bomben auf dich".

"Du bist kein Muslim, Alter", ruft ein Passant ihm zu. Der Satz wird in den Tagen nach der Attacke vom 5. Dezember 2015 zum geflügelten Wort in der Weltstadt , die dem Terror mit trotziger Toleranz begegnet so wie zuletzt auch Berlin.

Seien wir ehrlich: Es könnte jeden von uns treffen. Du musst nur zur falschen Zeit am falschen Ort sein: in einem Café, bei einem Konzert, am Strand, auf dem Weihnachtsmarkt.

Aber wie geht man mit dem Schrecken um, wenn man überlebt? Wie mit der Angst?

Lyle Zimmerman hatte , unglaubliches Glück. Er überlebte. Ein Jahr später sitzt der Amerikaner in einem Londoner Café. Er will über den Angriff reden, der ihn beinahe das Leben gekostet hätte. Und er will erklären, warum die Attacke sein Leben trotzdem nicht verändert hat. Warum er keinen Hass auf seinen Angreifer, einen 30-jährigen Immigranten aus Somalia, spürt.

U-Bahnhof Leytonstone in London: Hier griff Muhaydin M. den amerikanischen Musiker Lyle Zimmerman an, der auf dem Weg zu einem Auftritt war


Zimmerman ist ein lässiger Typ: grauer Kurzhaarschnitt, Outdoor-Sandalen, ausgewaschene Jeans. Der offene Kragen seines Freizeithemds gibt den Blick frei auf eine zwölf Zentimeter große Narbe, die in furchterregendem Zickzack von links nach rechts über seinen Hals läuft.

"Ich hatte Glück, dass der Typ nicht auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, sonst hätte er gewusst, wie man Säugetieren die Kehle durchschneidet", sagt Zimmerman mit geradezu irritierender Sachlichkeit.

Der 57-Jährige lebt seit fünfzehn Jahren in London, wo er bis vor kurzem eine Forschungsgruppe am Medical Research Council leitete. Über die Attacke redet er so cool, als gehe es um einen der afrikanischen Klauenfrösche, an denen er wegweisende Experimente für die Stammzellenforschung betrieb.

"Ich habe wahrscheinlich genug Frösche enthauptet, um die Seele eines amerikanischen Wissenschaftlers aufzuwiegen", sagt Zimmerman, ohne mit der Wimper zu zucken.

Seine Abgeklärtheit wirkt auf den ersten Blick wie eine Fassade, aber sie ist es nicht. Zimmerman hatte vor der Attacke ganz andere Probleme: eine Midlife Crisis, Depressionen, Selbstzweifel, weil man seiner Forschungsgruppe die Gelder gestrichen hatte. Der Anschlag bewirkte genau das Gegenteil: "Komischerweise ging es mir danach sogar besser. Es hat mir große Kraft gegeben zu entdecken, dass ich selbst bestimmen kann, ob etwas mein Leben verändert oder nicht".

Am Abend des 5. Dezember war er auf dem Weg zu einem Gast-Auftritt in Leytonstone, einem Stadtteil im Nordosten von London.

Tatort in der U-Bahnstation: Hier versuchte der Angreifer, Zimmerman mit einem Messer zu köpfen


Die Band, mit der Zimmerman auftreten wollte, hieß "Snake Oil Rattlers", und er hatte sich passend gekleidet:  Motorradstiefel und Westernhut, in der rechten Hand seine Mandoline, in der linken den Verstärker und die alte Telecaster-Gitarre auf dem Rücken. "Vielleicht hat das den Angriff provoziert", sagt Zimmerman, "weil ich wie ein typischer Amerikaner aussah. Aber es ist auch egal."

Natürlich, man könnte jetzt nach politischen Motiven suchen, nach irgendeinem Grund, der die Tat rational erklären könnte, um das Grauen zu bannen, das sinnlose Gewalt hinterlässt.

Doch das hieße, der irren Logik des Täters zu folgen: weil ihr Syrien bombardiert, töte ich nun euch – hier in eurer Stadt, mitten in London. Eine Logik, die ebenso verquer ist wie der Gedanke, man könnte solche Terroranschläge mit noch mehr Bomben auf Syrien in Zukunft verhindern.

Die Logik des Terrorismus lautet ja: Angst und Schrecken verbreiten 

Es ist die Logik des US-Präsidenten , der nach dem Berliner Anschlag auf Twitter versprach, man werde die Terroristen "vom Erdboden tilgen" und wenig später ankündigte, das Atomwaffenarsenal der USA aufzustocken. Es ist eine Logik von Angriff und Vergeltung, eine Formel für Angst.

Der Terrorismus heißt ja so, weil es sein wichtigstes Ziel ist, einer möglichst großen Zahl von Menschen Angst und Schrecken einzujagen, sie dauerhaft zu terrorisieren und zu extremen Gegenreaktionen zu bewegen.

Der Musiker und der junge Arzt Matt Smith, der zufällig am Tatort vorbeikam und dem Amerikaner durch sein beherztes Eingreifen das Leben rettete


"Wir wollen nicht damit leben, dass uns die Angst vor dem Bösen lähmt", sagte Angela Merkel nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt. Der Amerikaner Lyle Zimmerman kann nachvollziehen, dass Terrorangriffe wie in Berlin für Angst in der Gesellschaft sorgen.

Aber er findet Reaktionen wie damals die von Merkel genau richtig: "Politiker sollten die Befürchtungen der Menschen ernst nehmen, aber gleichzeitig alles dafür tun, die Verbreitung extremistischer Positionen in unserer Gesellschaft zu verhindern."

Wie sich bald herausstellte, lag Zimmerman mit seiner Skepsis richtig. Zwar fanden die Ermittler der Antiterror-Einheit von Scotland Yard auf dem Handy des Täters Enthauptungsvideos des IS, dessen fürchterliche Choreographie er mit seiner Tat zu imitieren schien.

Doch im Verlauf des Prozesses kamen mehrere Gutachter übereinstimmend zu dem Ergebnis, das Muhaydin M. während der Tat unter paranoiden Störungen und einer Psychose litt. Er war bereits 2006 deswegen in stationärer Behandlung gewesen.

"Von so was lasse ich mir mein Leben ganz bestimmt nicht verändern!"

Seine Familie hatte noch kurz vor der Tat versucht, ihn wieder in die Psychiatrie einweisen zu lassen, weil er behauptete, Dämonen zu sehen und den ehemaligen britischen Premierminister Tony Blair für seinen Schutzengel hielt – ausgerechnet Blair, der 2002 an der Seite von George W. Bush im Irak einmarschierte.

"Er ist einfach ein sehr kranker Mensch", sagt Zimmerman. "Ich kann nichts als Mitleid für ihn und seine Familie empfinden".

Aber Angst? Keine Spur. "Ich fühle mich nicht traumatisiert", sagt Zimmerman. "Als der Arzt im Krankenhaus erklärte, meine Verletzungen seien nicht lebensgefährlich, sondern lebensverändernd, habe ich sofort geantwortet: Nein, von so was lasse ich mir mein Leben ganz bestimmt nicht verändern!"

Bilder einer Überwachungskamera in der Londoner U-Bahn zeigen, wie Muhaydin M. im Dezember 2015 den Musiker Lyle Zimmerman mit einem Messer angreift und versucht, ihm den Kopf abzutrennen. 

Freunde oder Verwandte, die ihn eines besseren belehren wollten, ignorierte er. Überhaupt scheint er selbst am gelassensten mit der ganzen Angelegenheit umzugehen.

Wenige Tage nach dem Angriff setzte er sich wieder in die U-Bahn. Er hatte kein Problem damit, durch die Straßen von multiethnisch geprägten Stadtteile zu gehen. Einmal quasselte ihn ein geistig verwirrter Mann an einer Bushaltestelle an. Zimmerman reagierte cool und ignorierte ihn einfach.

Eine Therapie habe er wegen des Anschlags nicht gebraucht. "Die Ruhe, Liebe und das Lachen meiner Freundin haben mir viel mehr geholfen".

Als seine Freundin in der Nacht an sein Krankenbett eilte, begrüßte Zimmerman sie mit den Worten: "Schatz, du wolltest doch, dass ich mich wegen des Schnarchens operieren lasse. Ich hatte keine Ahnung, dass du schon einen freiberuflichen Chirurgen engagiert hattest". Sie habe das gar nicht lustig gefunden, erinnert sich Zimmerman und lächelt fein. "Aber ich habe tatsächlich ein paar Wochen lang nicht mehr geschnarcht".

Dicker als die Saiten einer Mandoline: Die frisch genähte Wunde läuft quer über Zimmermans Hals 

Zimmerman ist kein Zyniker. Wer ein paar Stunden mit ihm spricht, merkt, dass sein Humor keine Maske ist, um ein Trauma zu verhüllen. Er zeigt seine Gefühle so unverstellt wie die breite Narbe auf seinem Hals, ohne großes Aufheben davon zu machen.

"Es war nicht meine Schuld, dass ich angegriffen wurde. Der Gedanke war für mich ungemein beruhigend", erklärt Zimmerman. Und hat er nicht eigentlich wahnsinniges Glück im Unglück gehabt?

"Meine Geschichte wäre kein guter Romanstoff, sie ist einfach zu unwahrscheinlich". Der Zufall hat ihn zum Opfer gemacht. Aber er hat ihm auch das Leben gerettet.

Da ist das Messer, das abbrach, bevor es seine Luftröhre durchtrennen konnte. Der junge Arzt Matt Smith, der wenige Augenblicke nach der Attacke am Tatort vorbeikam und erste Hilfe leistete, während ein junges irisches Pärchen, Charlie und Catherine den Angreifer auf Distanz hielt.

Eine Woche später trat Zimmerman bereits wieder auf und machte Musik. Die anderen Bandmitglieder trugen aus Solidarität rote Halstücher wie er.

Eine Freundin aus seiner Band, im Hauptberuf Krankenschwester, zog ihm die Fäden. "Die waren dicker als die Saiten seiner Mandoline", erzählt sie.

"Die Naht war ziemlich beeindruckend", sagt Zimmerman achselzuckend. "Als ich das erste Mal versucht habe, wieder zu singen, hat meine Freundin einen Lachanfall bekommen, weil ich aussah wie Frankensteins Monster, das 'Putting on The Ritz' singt."

Einen Tag nach unserem Gespräch hat Zimmerman wieder einen Auftritt in Leytonstone. Wir treffen uns vorher in der U-Bahnstation. Sie ist mit Mosaikszenen aus den Filmen von Alfred Hitchcock verziert, der 1899 hier geboren wurde. "Psycho", "Der Fremde im Zug", "Die 39 Stufen". Meisterwerke kunstvoller Angst und Paranoia.

Meister der Angst und Paranoia: Hitchcock-Mosaik in der U-Bahnstation Leytonstone


Mit irritierender Gelassenheit führt mich Zimmerman durch die Szenen des realen Horrorfilms, der ein Jahr zuvor in dieser Kulisse stattfand. Er deutet auf die Stelle, wo seine Blutlache war und erklärt, warum er nach der Tat zunächst darauf bestand, anonym zu bleiben: "Terroranschläge bieten sich für sensationelle Schlagzeilen geradezu an. Ich wollte nicht, dass die Medien schreiben: Amerikaner von muslimischem Extremisten angegriffen."

Die Anonymität war ihm auch deshalb wichtig, weil er nicht wollte, dass der Vorfall in seiner Heimat politisch ausgeschlachtet wird. "Sonst hätte ich Donald Trump gleich eine Millionen Dollar für seinen Wahlkampf geben können, und für den IS wäre das ebenfalls ein Geschenk gewesen".

Er habe auch deshalb auf Anonymität bestanden, erklärt Zimmerman, um nicht vom Klimagipfel in Paris abzulenken, der kurz nach der Tat im Dezember 2015 stattfand.

"Der Terrorismus wird einen Bruchteil der Anzahl von Menschenleben vernichten, die uns der Klimawandel noch kosten wird"

Das klingt verrückt, gerade in diesen hysterischen Zeiten, in denen ein entfesselter Mob in den sozialen Medien gegen "linksversiffte Gutmenschen" hetzt und politische Besonnenheit als Zeichen von Angst und Schwäche verhöhnt.

Aber die Erderwärmung bereitet Zimmerman tatsächlich größere Sorgen als die Zufallstat eines geisteskranken Möchtegernterroristen. Der Klimawandel sei eben ein langsamer, stetiger Prozess, den er seit Jahrzehnten als Wissenschaftler beobachten könne, der aber leider weniger Aufmerksamkeit bekomme als eine versuchte Enthauptung in der Londoner U-Bahn.

"Der Klimawandel wird langfristig dazu führen, dass Hungersnöte und Kriege viele Millionen Menschenleben kosten werden, ob nun in zwanzig oder in hundert Jahren".

Natürlich ist sich Zimmerman bewusst, dass sein gelassener Umgang mit der Tat ebenso wie der Vergleich mit dem Klimawandel für viele Menschen kaum nachvollziehbar scheint. Aber er bleibt dabei, erklärt geduldig und sachlich immer wieder seinen Standpunkt.

Eine halbe Stunde später steht er neben seinen drei Bandmitgliedern auf der Bühne des Ex-Servicemen's Club in Leytonstone, der gleiche Laden, in dem er vor einem Jahr hätte auftreten sollen. Zimmerman singt zur Gitarre selbst geschriebene Songs.

Kein Wort über den Vorfall damals. Warum auch? Es gibt Wichtigeres. Dann singt er ein Lied über den zerbrochenen Himmel und die zerbrechliche Erde. Vor ein paar Terroristen hat Zimmerman keine Angst. Sondern vor den Schäden, die wir Menschen der Erde zufügen durch unseren Lebenswandel. 

"Der Terrorismus wird einen Bruchteil der Anzahl von Menschenleben vernichten, die uns der Klimawandel noch kosten wird", sagt Zimmerman. "Davon bin ich überzeugt, auch wenn mir jemand beinah den Kopf abgehackt hätte."

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