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Interview

"Nur eine Illusion": Forsa-Chef Güllner erklärt den SPD-Absturz

Vom Schulz-Hype ist nach drei Wahlniederlagen der SPD in Folge nichts mehr übrig

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Der Schulz-Effekt war eine Luftnummer – Merkels Vorsprung wächst wieder. Forsa-Chef Manfred Güllner, früher Berater von Gerhard Schröder, über die Sehnsucht der Deutschen nach Stabilität und die Fehler der SPD.

Kann die Bundestagswahl im Herbst überhaupt noch verlieren?

Ihre Ausgangslage ist jedenfalls deutlich besser als noch vor ein paar Wochen, zu Hochzeiten des Schulz-Hypes. Hinzu kommt: Die CDU hat ihr Wählerpotenzial noch gar nicht voll ausgeschöpft. In NRW bekam die Partei jetzt fast eine Million Stimmen weniger als bei der 2013. Für Merkel also ist sogar noch Luft nach oben.

Deprimierende Aussichten für . Muss er die Bundestagswahl schon abschreiben?

Lange Zeit dachten viele: Das Problem der heißt Sigmar Gabriel. Jetzt zeigt sich: Das Problem der SPD ist die Partei selbst. Auch in der anfänglichen Schulz-Euphorie verbesserten sich die Kompetenzwerte für die Partei kaum. Viele trauen der SPD noch immer nicht zu, die vielfältigen Probleme im Land anzupacken, geschweige denn zu lösen.

War der Schulz-Hype also nur ein kurzer Flirt mit der SPD?

Viele Menschen warten seit Jahren darauf, dass die SPD für sie wieder wählbar wird. Für kurze Zeit sah das mit Schulz auch so aus. Aber jetzt schauen sie sich die real existierende SPD an und merken: Es war eine Illusion, zu glauben, nur durch einen sympathischen Kandidaten könne es eine neue SPD geben.

Noch vor Kurzem machte das Wort von der "Kanzlerinnendämmerung"die Runde. Fällt es den Deutschen doch schwerer als gedacht, sich von Merkel zu verabschieden?

Ich habe nie an eine Kanzlerinnendämmerung geglaubt. Der "Spiegel" hat schon 2010 Merkels Ende ausgerufen. Und jetzt? Ist sie immer noch da. Vor allem nach der Wahl von Donald Trump waren die Leute erleichtert, eine Angela Merkel als Kanzlerin zu haben. In unsicheren Zeiten gibt es Sehnsucht nach Stabilität und Sicherheit. Merkel verkörpert beides idealtypisch.

Während der stürzte ihre Popularität ab. Alles vergessen und vergeben?

Dieser Absturz wurde überinterpretiert. Die CDU-Anhänger standen immer hinter Merkel. Ihr Rückhalt dort lag auch während der Flüchtlingskrise bei 85 bis 90 Prozent. Anders bei der CSU. Hier fiel die Zustimmung zu Merkel auf unter 60 Prozent. Merkel war zeitweise bei Grünen beliebter als bei CSU-Anhängern. Seit Seehofer die Kanzlerin nicht mehr attackiert, normalisiert sich das wieder.

Gibt es in Deutschland überhaupt eine Wechselstimmung?

Ich kann nur jedem Politiker abraten, vom "Politikwechsel" zu reden. Die SPD tut das ja gern. Aber das erschreckt die Leute, sie wollen keinen radikalen Wechsel, derzeit schon gar nicht. Die Menschen sind dieser Kanzlerin nicht überdrüssig.

Schulz-Absturz folgt auf Schulz- Hype. In NRW lag die CDU noch vor wenigen Wochen weit hinter der SPD. Was ist los mit den Wählern?

Die meisten Wähler wollen sich bis kurz vor der Abstimmung nicht festlegen, ob sie überhaupt teilnehmen – und wenn ja, welche Partei sie wählen. Wenn sich diese Menschen dann kurzfristig entscheiden, kann das für heftige Ausschläge sorgen.

Schulz setzt voll auf das Thema Gerechtigkeit. Aber haben die Deutschen überhaupt das Gefühl, es gehe in ihrem Land ungerecht zu?

Der Stellenwert des Themas hat stark abgenommen. Wir haben alle Wahlen seit 1949 untersucht: Immer wenn die SPD auf Umverteilung setzt, verliert sie. Allein mit sozialer Gerechtigkeit kann sie keine Wahlen gewinnen. Es ist der Kardinalfehler von Schulz, dieses Thema so in den Mittelpunkt seiner Kampagne zu rücken. Ich halte es für eine absolute Fehleinschätzung.

Bildung, Sicherheit, Verkehr waren in NRW die wichtigsten Themen. Auch bei der Bundestagswahl?

Bei Landtagswahlen stehen Landesthemen im Mittelpunkt. Wenn die SPD den Bau einer "Fahrradautobahn" durch das Ruhrgebiet propagiert, schütteln alle Menschen den Kopf, die jeden Morgen auf der A40 im Stau stehen. Man muss sich fragen: Wie kann man so an den Interessen der Menschen vorbeiplanen?

Was bewegt die Menschen in ganz Deutschland stattdessen?

Die ganz klassischen Sorgen: Reicht die Altersvorsorge für den Lebensabend? Wird es meinen Kindern besser gehen? Es geht um Sicherheit im weitesten Sinne, auch vor Kriminalität – ein ganz wichtiges Thema.

Angenommen, Sie wären Wahlkampfberater von Martin Schulz. Was würden Sie ihm empfehlen?

Ich bin zum Glück nicht in dieser Lage. Die SPD-Berater haben bisher mit großer Regelmäßigkeit das Falsche empfohlen. Ich fürchte, daran kann ein Einzelner nichts ändern. Dafür müsste man schon das gesamte Willy-Brandt-Haus ausräuchern.

Jetzt im neuen stern: Wie die Kanzlerin den Traum der SPD platzen lässt:

STERN Nr. 21/17

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