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Pressestimmen

"Kommt nach Teflon Merkel nun Teflon Martin?"

Martin Schulz hat am Sonntag SPD-Geschichte geschrieben: Mit 100 Prozent wählten die Delegierten in Berlin ihren Kanzlerkandidaten zum neuen Parteichef. So kommentiert die Presse den Triumph des 61-Jährigen.

Mit hundertprozentiger Unterstützung der SPD zieht Martin Schulz in den Bundestagswahlkampf gegen Kanzlerin Angela Merkel. Der 61-Jährige wurde am Sonntag auf einem Parteitag in Berlin einstimmig zum Nachfolger von Sigmar Gabriel als Parteichef und zum Kanzlerkandidaten gewählt. Schulz will mit den Leitmotiven Gerechtigkeit, Respekt und Würde das Kanzleramt erobern. In seiner Bewerbungsrede versprach er den Delegierten mehr Lohngerechtigkeit, gebührenfreie Bildung von der Kita bis zum Studium, aber auch ein hartes Vorgehen gegen Alltagskriminalität.

Die Presse schreibt nach dem Triumph des "Aufsteiger-Typen aus der Provinz" von "taktischem Geschick", einem "beinahe skurrilen Hype", einem "fast peinlichen Ergebnis" und warnt vor einem "Schulz-Defekt".

"Landeszeitung" (Lüneburg)

"Das hat es in der nun fast 154 Jahre alten Geschichte der SPD noch nie gegeben: Die Genossen stehen zu 100 Prozent hinter einem Mann: Martin Schulz. Inhaltlich hatte Schulz seinen Parteifreunden nichts Neues mitgebracht. Aber Schulz hätte auch über das Wetter schwadronieren können und wäre genauso gefeiert worden."

"Mitteldeutsche Zeitung" (Halle)

"Taktisch agiert Schulz sehr geschickt. Dadurch, dass er inhaltlich bislang kaum übermäßig konkret wird, kann er Projektionsfläche für alle möglichen und unmöglichen Wünsche sein. Das ist eine Herangehensweise von Angela Merkel, mit der die Kanzlerin lange erfolgreich war. Kommt nach Teflon Merkel (die in der Flüchtlingskrise von der CSU schwer beschädigt wurde) nun Teflon Martin? Das wäre schade. Aber man muss der SPD auch Zeit bis zum Programmparteitag geben."

"Münchner Merkur"

"Der Hype um Martin Schulz hat beinahe skurrile Züge angenommen. Und der SPD-Kandidat will offenbar solange auf dieser Welle reiten wie möglich. Mit konkreten Plänen hält sich der Hoffnungsträger der Sozialdemokraten weiter zurück. Kein Wunder. Sie könnten ihm nur im Weg stehen. Wie sehr SPD-Wähler gelechzt haben nach einem Hype wie dem um Schulz, kann man erahnen, wenn man sich die vergangenen Kanzlerkandidaten ansieht. Da waren der wirtschaftsnahe Steinbrück (2013), der fade Steinmeier (2009) und der Agenda-Schröder (2005). Mit allen dreien befand sich die Basis höchstens in einer Zweckehe. Die Sozialdemokraten lieben Schulz auch deshalb, weil sie endlich wieder jemanden lieben wollen. Der Kandidat macht es ihnen leicht. Jeder darf in ihm sehen, was er sehen will. Sobald Schulz sich aber auf konkrete Positionen festlegt, liefert er Teilen seiner Anhänger Gründe, ihn plötzlich doch nicht mehr so gut zu finden."

"Leipziger Volkszeitung"

"Martin Schulz ist der Mann seiner Partei von heute. Die SPD hat die Chance, mit dem Aufsteiger-Typen aus der Provinz an altes SPD-Denken wieder anzuknüpfen und sich neu als echte Alternative für Deutschland anzubieten. Sollte sie sich auch diese Option auf eine Alternative wieder selbst demolieren wie schon so oft, dann wäre sie nicht nur selbst schuld. Sie zerstörte damit auch die Chance zur seriösen Re-Politisierung und die Hoffnung auf etwas Halt in einer von der Globalisierung erschöpften Welt."

"Neue Westfälische" (Bielefeld)

"Einstweilen aber hat die SPD mit Schulz einen Lauf. Wenn dieser Lauf sich fortsetzen sollte über die Saar-Wahl am nächsten Wochenende, die vermeintliche oder tatsächliche Merkel-Schwäche in der Mobilisierung von Anhängern, die Wahl eines früher sozialistischen, heute eher sozialdemokratischen französischen Präsidentschaftskandidaten Macron und die Bestätigung der NRW-Ministerpräsidentin Kraft (SPD) - dann wird auch die Bundestagswahl spannend. Spannender als noch zu Jahresbeginn denkbar. Das mag auch Sigmar Gabriel trösten."

"Kölner Stadt-Anzeiger"

"Die Demokratie und die Fußball-Bundesliga sind sich in einer Hinsicht sehr ähnlich. Die Sache ist spannender, wenn nicht alle den Eindruck haben, der Sieger stünde schon vor dem Anpfiff fest. Ein offenes Rennen steigert das Interesse der Bürger an der politischen Auseinandersetzung. Deshalb ist es gut, dass die SPD mit dem Kanzlerkandidaten und neuen Vorsitzenden Martin Schulz neue Kraft geschöpft hat."

"Mittelbayerische Zeitung" (Regensburg)

"Mit Martin Schulz hat die SPD einen wirklichen Hoffnungsträger mit erstmals wieder realen Aussichten auf das Kanzleramt zu bieten. Bei CDU und CSU ist man immer noch nervös bis schockiert. Gegen Gabriel hätte man leicht Wahlkampf führen können, gegen Schulz, der das verbreitete Gefühl, es gehe in Deutschland ungerecht zu, bedient, wird es die eher rational-kühl agierende Angela Merkel viel schwerer haben, das Kanzleramt zu behaupten. Schulz surft auf einer Welle, die mehr Gerechtigkeit verheißt. Die Union hat ähnlich griffige Losungen derzeit nicht anzubieten."

"Tagesspiegel" (Berlin)

"Sein Wort der Stunde, des Tages, des Wahlkampfs ist gefunden: Respekt. Respekt - dieses Wort zieht. Denn der Wunsch danach zieht sich durch alle Schichten. Die Jungen, die Alten, die Frauen, die Migranten: Sie wollen respektiert werden. Da geht es um die Sache, aber mehr noch ums Gefühl. Grassiert es nicht, das Ungerechtigkeitgefühl? Und eines steht fest: Gefühl kann Schulz. Ganz anders als die, die das Amt verteidigen soll. Angela Merkel, die Amtsinhaberin, erscheint neben ihm wie eine Kanzlermaschine, ein Merkelomat."

"Schwäbische Zeitung" (Ravensburg)

Martin Schulz ist mit einem für Sozialdemokraten fast peinlichen 100-Prozent-Ergebnis zum Chef gewählt worden. Die SPD berauscht sich an ihrer neuen Geschlossenheit. Erfahrungsgemäß ändert sich der Zuspruch, wenn die Mühen der Ebene anfangen. Wenn der Vorsitzende für ein konkretes Programm einsteht, wenn er zwischen den Flügeln entscheiden muss. Wenn er auszuführen hat, wohin die deutsche Sozialdemokratie gehen will und vor allem mit wem. Mit einer neuen linken Mehrheit, im Verbund mit Sahra Wagenknecht? Schulz hat noch nicht viel preisgegeben. Über alle Erwartungen hinaus aber spricht der neue SPD-Chef das Gefühl vieler Menschen an, die sich nach mehr Gerechtigkeit, mehr Würde des Einzelnen und mehr Respekt für ihre täglichen Mühen sehnen. Schulz hat anders als Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Gabe, auch den Bauch anzusprechen. Zurzeit ist der Trend wieder ein Genosse, sagt Sigmar Gabriel. Doch Trends können sich schnell ändern.

Mannheimer Morgen"

Mit seiner Rede am Sonntag und seiner einstimmigen Wahl als Parteichef und Kanzlerkandidat hat Schulz den Hype noch weiter angeheizt. Freilich steigt nun die Fallhöhe enorm. Was, wenn auch Schulz nur eine Große Koalition erreicht? Schon verlangt die Parteilinke von ihm, diese auszuschließen. Was ist, wenn er mit FDP und Grünen regieren muss, was das zweitwahrscheinlichste ist? Viel Reformspielraum hätte er in beiden Fällen selbst als Kanzler nicht. Der Schulz-Hype ist im Moment nicht viel mehr als eine Projektion. 

"Emder Zeitung"

"Hunnert" heißt in Ostfriesland so viel wie "super" oder "perfekt". Genauso perfekt, also hundertprozentig, haben die SPD-Delegierten Martin Schulz zu ihrem Parteichef gemacht. Ein Rekordergebnis, das sich deckt mit der Euphorie, die gegenwärtig die deutsche Sozialdemokratie durchfließt. Von 13.000 Neumitgliedern in der SPD ist die Rede. Ein seltener Enthusiasmus macht sich breit in den Reihen der Genossen. Doch was ist wirklich dran, an dieser Aufbruchstimmung in der ältesten deutschen Partei? Begeisterung kann flüchtig sein, gerade in dieser schnelllebigen Zeit. Die SPD wird sich daran messen lassen müssen, was sie bei den von ihr verursachten sozialen Einschnitten reparieren kann. Sachpolitische Erfolge werden am Ende zählen. Ansonsten wird ganz schnell aus einem "Hunnert" ein "Dat hett neet langt" - und aus dem Schulz-Effekt ein Schulz-Defekt.

"Volkstimme" (Magdeburg)

Es ist noch nie vorgekommen - erst recht nicht in der SPD - dass Delegierte einem Kandidaten 100 Prozent Kredit geben, ohne sein Geschäftsmodell zu kennen. Wer ist denn eigentlich der Deutschlandpolitiker Martin Schulz? Seine Wahlkämpfer versuchen gerade die Verbreitung seiner früheren Lobeshymnen über die Agenda 2010 zu verhindern. Aber allein die Ankündigung einer Langzeit- Qualifizierung für über 50-Jährige reicht der SPD-Linken schon, sich hinter ihm zu sammeln. Dafür hätte Sigmar Gabriel die gesamte Agenda aus dem Programm nehmen müssen. Schulz' lange Abwesenheit hat ihn davor bewahrt, sich in der Bundespartei zu profilieren. Jetzt eignet er sich als glatte Projektionsfläche nicht nur für SPD-Mitglieder, die viel streiten und große Sehnsucht nach Einigkeit haben. Gabriel hatte dazu aufgerufen, die Sorgen der einfachen Leute wieder ernst zu nehmen, ohne dass die Partei hinzugewinnen konnte. Schulz macht das Gleiche. Aber dem Unbekannten wollen auch die Wähler glauben.

"Sächsische Zeitung" (Dresden)

"Der neue SPD-Chef Martin Schulz - mit realsozialistischem Wahlergebnis - hat geschafft, was eigentlich unmöglich anmutete. Geholfen hat ihm, dass viele Wähler in der Mitte in Angela Merkel kein Modell der Zukunft sehen. Jene, die nicht nur gut verwaltet werden wollen, sind von der Kanzlerin offenbar ermattet und sehen in Schulz eine wirkliche Alternative für Deutschland - anders als etwa in Vorgänger Gabriel. Schulz wiederum hat es hingekriegt, den durch den Wechsel an der Spitze hervorgerufenen Stimmungswandel innerhalb seiner Partei nicht nur anzunehmen, sondern sogar zu verstärken. Das ist nicht wenig. So eine geschlossene und kampfbereite SPD gab es lange nicht."

"Stuttgarter Zeitung"

"Schulz wird - obwohl seine Partei von den letzten 19 Jahren 15 im Bund mitregiert hat - vor allem als frisches Gesicht von außen wahrgenommen, als Vertreter einer, wenn man so will, unverbrauchten Oppositionspartei. Das ist die SPD zwar nicht, aber aus dem vermeintlichen Nachteil mangelnder Regierungserfahrung scheint ein Vorteil geworden zu sein, weil der Überdruss an der großen Koalition enorm ist und Schulz ihr nicht angehört. Er kann ohne Regierungsamt stärker so auftreten und reden, dass ihn die Menschen sofort verstehen und als authentisch wahrnehmen."

"Nordwest-Zeitung" (Oldenburg)

Was Schulz von den vielen Vorgängern - den Becks, Platzecks, Münteferings, Steinmeiers, Steinbrücks - unterscheidet, die die SPD alle mehr oder weniger schnell verschlissen hat? Diesem Kanzlerkandidaten traut die Basis wieder einen Sieg im Wahlkampf zu. Diese Aussicht begeistert, spornt an, weckt lange vermisste Kämpfereigenschaften. Diese SPD ist wieder stolz auf sich. (...) Dagegen wirkt die Kanzlerin verbraucht. Die Raute langweilt die Menschen. Nur täuschen sollte sich niemand. Die Liste der Männer, die in der Union oder in der SPD gegen Merkel antraten, ist lang. Das Ergebnis bekannt. Schulz könnte seit Langem der härteste Widersacher sein. Denn der Trend ist wieder ein Genosse. Es riecht nach Aufbruch und Veränderung.

"Der Standard" (Wien)

"Kaum einer kann sich erklären, was diesen Schulz-Hype ausmacht. Ja, die Zeit in der großen Koalition neben und unter der deutschen Kanzlerin Angela Merkel war für die SPD nicht einfach. (...) Und dann kommt Schulz, redet von "Gerechtigkeit", tut so, als habe er mit den Sozialreformen von Gerhard Schröder absolut nichts zu tun, hält nicht einmal eine großartige, sondern nur eine artige Antrittsrede - und die Delegierten flippen vollends aus. Den Sozialdemokraten sei die Wellnessphase nach Jahren des Darbens gegönnt. Im Moment scheint alles möglich, auch die Kanzlerschaft. Aber dafür muss die Euphorie erhalten und bis zur Wahl im Herbst erst noch in konkrete Wählerzustimmung umgewandelt werden."

mad/DPA/AFP

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