stern-Porträt über Rainer Brüderle Der Herrenwitz
1.02.2013, 15:49 Uhr
Das Porträt über den FDP-Fraktionsvorsitzenden und Spitzenkandidaten Rainer Brüderle erschien am 24. Januar 2013 im stern - und löste eine hitzige Debatte über Sexismus aus.
Dieser Artikel hat eine Debatte über Sexismus in Deutschland ausgelöst. Hier können Sie das Porträt über Rainer Brüderle aus dem stern (Ausgabe Nr. 5) auch online lesen.
Von Laura Himmelreich

Für mich ist es nicht immer angenehm, 29 Jahre alt zu sein, eine Frau und Politikjournalistin. Das liegt an Männern wie Rainer Brüderle, der neuen, nun ja, Lichtgestalt der FDP.

Es war vor einem guten Jahr, in der Nacht vor dem Dreikönigstreffen in Stuttgart. Wie jedes Jahr stehen Journalisten und Liberale an der Bar des Hotels Maritim zusammen. Rainer Brüderle hat ein Glas Weißwein in der Hand. Ich möchte von ihm wissen, wie er es findet, im fortgeschrittenen Alter zum Hoffnungsträger aufzusteigen. Er will lieber über etwas anderes sprechen: mein Alter. Auf 28 Jahre schätzt er mich. Ich sehe ihn erstaunt an, weil das zu diesem Zeitpunkt stimmt. "Mit Frauen in dem Alter", sagt Brüderle, "kenne ich mich aus."

Ich frage, was er in seiner Rede wenige Stunden zuvor meinte, als er beklagte, Deutschland verändere sich nicht schnell genug. Brüderle möchte wissen, woher ich komme. "München", antworte ich.

Dort seien die Frauen eigentlich trinkfest, sagt er und blickt skeptisch auf die Cola Light in meiner Hand. Ich sage ihm, dass ich privat, zum Beispiel auf dem Oktoberfest, durchaus Alkohol trinke. Brüderles Blick wandert auf meinen Busen. "Sie können ein Dirndl auch ausfüllen."

"Politiker verfallen doch alle Journalistinnen"

Im Laufe unseres Gesprächs greift er nach meiner Hand und küsst sie. "Ich möchte, dass Sie meine Tanzkarte annehmen." "Herr Brüderle", sage ich, "Sie sind Politiker, ich bin Journalistin." "Politiker verfallen doch alle Journalistinnen", sagt er. Ich sage: "Ich finde es besser, wir halten das hier professionell." "Am Ende sind wir alle nur Menschen."

Rainer Brüderle lässt keine Gelegenheit aus, um zu betonen, dass er gern trinkt ("Wer nichts trinkt, ist mir verdächtig"). Und dass er Frauen schön findet.

Brüderle wurde 1945 geboren. Frauen lernte er kennen, als es noch Tanzkarten gab. Der FDP-Fraktionsvorsitzende ist ein Mann, der aussterbende Klischees liebt - egal, ob es um Frauen geht, den politischen Gegner oder die Inhalte der FDP.

Nun soll ausgerechnet er der Mann der Zukunft sein. Im Alter von 67 Jahren wird Rainer Brüderle die schlingernden Liberalen als Frontmann in den Bundestagswahlkampf führen. Parteichef Philipp Rösler nennt ihn das "Gesicht" des Wahlkampfs. Brüderle sagt: "Die Sturmspitze, die vorne die Tore schießen soll, das bin ich."

Sie reden schön, was nicht mehr schönzureden ist. Der 39-jährige Parteivorsitzende Rösler ist bei Wählern unbeliebt und von der eigenen Partei wenig respektiert. Also bekommt er Brüderle zur Seite. Einen Mann, an dem das Modernste noch seine Porsche-Design-Brille ist.

Und Rösler darf nur bleiben, weil Brüderle im entscheidenden Moment zu feige war, nach der Macht zu greifen. Nach dem überraschenden Leihstimmensieg von Niedersachsen hatte der FDP-Chef trickreich sein Amt angeboten - weil er wusste, dass Brüderle die Meuchelei auf offener Bühne scheuen würde. Und Brüderle zuckte tatsächlich zurück. Er hätte gewollt, dass die Partei ihn bittet.

"Das ist die Erotisierung der Kuh"

Von Brüderle erwarten die Liberalen keine Wunder. Sie wären dankbar, wenn sie nicht mehr auf Almosenstimmen von Unionswählern angewiesen wären, um in den Bundestag zu kommen. Bislang ist Brüderle vor allem dafür bekannt, dass er ländlich geprägten, männlichen Mittelständlern aus dem Herzen spricht. Seine Botschaften garniert er mit Schenkelklopfern. Frauen, sagt er, könnten nur nicht so viel Alkohol trinken wie Männer, weil ihr "Fettgehalt" höher sei. "Dabei macht der den Reiz der Frau aus!"

Wein, Weib, Gesang. Kann das im Jahr 2013 noch funktionieren? Letztes Frühjahr, in einem Milchviehbetrieb in Schleswig-Holstein. Eine Kuh wartete im Melkstand darauf, dass ihr das Melkgeschirr angelegt wird. "Ey, guck mal, der Euter. Der hängt ganz schön", sagte Brüderle. "Das ist Körbchengröße 90 L." Im Stall sprang eine Kuh von hinten auf eine andere drauf. "Gleichgeschlechtliche Liebe ist bei Tieren so häufig wie bei Menschen", sinnierte er. Dann erklärte der Bauer, wie Zitzen angefasst werden. Brüderle sagte: "Das ist die Erotisierung der Kuh."

Der FDP-Hoffnungsträger befindet sich selbst in einem Zustand von Dauererotisierung. Er gefällt sich als Verkörperung des wandelnden Herrenwitzes. Den Ruf des Unseriösen nimmt er in Kauf, solange die Männer um ihn herum lachen.

In Brüderles Welt sind die Fronten klar. Alle Parteien links von der Union sind "linke Socken". Dem grünen Fraktionschef Jürgen Trittin wirft er vor, unter "feinem Zwirn" "immer noch das Mao-Jäckchen" zu tragen. Und bei seiner Vorstellung zum Spitzenkandidaten rät er der SPD: "Lasst den Karl Marx in seinem Museum in Trier." Er klingt, als hätte er noch nicht mitbekommen, dass der Kalte Krieg vorbei ist.

Populismus? Hauptsache, Applaus.

Dabei weiß Brüderle, dass die Welt nicht so schwarz-weiß ist, wie er sie malt. Als Wirtschaftsminister in Rheinland-Pfalz hat er sieben Jahre mit der SPD koaliert. Mit Ex-Linkspartei-Chef Oskar Lafontaine ist er per Du. Doch er weiß auch, dass man in der Politik mit differenzierten Argumenten selten weiterkommt.

Ein Wahlkampfauftritt nahe Osnabrück vor zwei Wochen. Brüderle wettert gegen die Grünen. Das Publikum klatscht. Brüderle grinst. Er sieht dabei erstaunlich spitzbübisch aus. Er beschimpft EU-Beamte und EU-Kommissare kollektiv als "lauter aufgeblasene Maikäfer". Das Publikum klatscht noch lauter. Brüderle guckt zufrieden. Populismus? Hauptsache, Applaus.

Vor elf Jahren war er Gast in der "Harald Schmidt Show". Unter dem Motto "Saufen mit Brüderle" verkostete er deutsche Weine. Noch Jahre später bezeichnete er diesen Auftritt als "Höhepunkt". "Die Sendung wurde x-mal wiederholt." Stolz erzählt er auch, dass er sich für die Weinwerbung einmal "mit vier etwas spärlich bekleideten jungen Damen" hat fotografieren lassen. Im vergangenen Jahr hat er lange überlegt, ob er auch in der "Heute Show" auftreten soll. In jeder zweiten Sendung machen sie sich über sein pfälzisches Genuschel lustig. Er ging hin und schwärmt, dass ihn jetzt sogar Teenager erkennen.

Rainer Brüderles Strategie des Selbstmarketings erinnert an die Werbung des Energiekonzerns Eon im Jahr 2000. Als Eon auf den Markt kam, plakatierte der Konzern die Städte mit Postern zu. Kein Wort stand darauf, nicht einmal der Unternehmensname, kein Bild war zu sehen. Die Plakate waren einfach nur knallrot. Brüderle verhält sich ähnlich. Er schafft erst die maximale Aufmerksamkeit für seine Person. In der Hoffnung, dass später auch seine Botschaften Gehör finden.

Eine Mischung aus Wahlkampfrede und Heimatkunde

Im vergangenen Frühjahr besuchte er das jüdische Zentrum in Berlin-Wilmersdorf von Rabbiner Yehuda Teichtal. Mehr als eine Stunde verbrachten die beiden zusammen. Im Salon bei Couscous und koscherem Pinot Grigio wollte der Rabbi wissen: "Wie ist es mit der FDP? Wie soll es weitergehen?" Er klang ernsthaft besorgt.

"Wir müssen uns auf die Brot-und-Butter-Themen konzentrieren", sagte Brüderle, "Bildung, Europa, soziale Marktwirtschaft, Bürgerrechte." Zwei Sätze später war er schon beim Internet: "Ich wunder mich, dass alles, was ich mir bei Amazon angesehen habe, auf dem Bildschirm erscheint, wenn ich Wochen später wieder auf Amazon bin." Er driftete ab in die Geschichte: "Die Mitte ist wichtig, das hat auch mit Weimar zu tun." Und landete am Ende bei seiner Volksschule: "Da waren die Toiletten nach Konfessionen getrennt." Ein Gespräch mit Brüderle über die Zukunft der FDP ist eine wilde Mischung aus Wahlkampfrede, Geschichtsstunde und Heimatkunde aus der Pfalz.

In der FDP kennen sie ihn lange genug, um von ihm keine inhaltliche Inspiration mehr zu erwarten. Als "Säuselliberalismus" verspottete Brüderle die Ambitionen von Philipp Rösler, Daniel Bahr und Christian Lindner, als die vor rund zwei Jahren dachten, sie könnten die Partei auch intellektuell verändern. Noch immer nimmt Brüderle den dreien übel, dass sie ihn im Frühjahr 2011 aus seinem Traumjob gejagt haben. Vom Posten des Bundeswirtschaftsministers musste er weichen, um Platz zu machen für den neuen Parteichef Rösler. Reingelegt habe er sich damals gefühlt, bestätigte er kürzlich in einem Interview mit der "Zeit". Dabei hatte er Rösler in dem Glauben unterstützt, er könne unter ihm Minister bleiben.

So ungefiltert die Worte meist aus Brüderle heraussprudeln, so still wird er, wenn es um die Zeit seiner politischen Degradierung geht. "Ich habe Grund anzunehmen, dass ihn das sehr verletzt hat", sagt Kurt Beck, Ex-Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und als Sozialdemokrat langjähriger politischer Weggefährte Brüderles. Aber auch jetzt mimt Brüderle den Parteisoldaten. "Kein Keil" passe zwischen ihn und Rösler, sagte er bei seiner Vorstellung als Spitzenkandidat.

Brüderle taugt als Wahlkämpfer nicht für einen neuen Aufbruch. Doch er gibt den Liberalen etwas, woran es ihnen schmerzhaft mangelt: Selbstbewusstsein. Er schreit ins Publikum: "Wer hat's gemacht? Wir ham's gemacht!" Dabei bleibt aus seiner Zeit als Bundeswirtschaftsminister eigentlich nur eine einzige Entscheidung in Erinnerung: sein Kampf gegen Staatshilfen für den Autobauer Opel. Doch das reicht ihm, um sich als Wächter der Ordnung zu inszenieren, als eiserner Verteidiger des Mittelstands.

Brüderle verhält sich nicht immer wie ein Sexist

Brüderle gibt den Wirtschaftsliberalen. Doch im politischen Alltag handelt er pragmatisch. In Rheinland- Pfalz steigerte er die Subventionen für Weinbau in Steillagen um 200 Prozent und förderte den Flughafen Hahn, der noch heute rote Zahlen schreibt.

In diesem Jahr wird Brüderle 40 Jahre FDP-Mitglied sein. Bisher ließ ihn die Partei seine Gute-Laune-Poltererei pflegen. Nur von anderen gab es gelegentlich Protest. Als vor einigen Jahren das Foto von Brüderle mit den vier leicht bekleideten "Weingöttinnen" (Brüderle) in der Zeitung erschien, befasste sich der Frauenausschuss im Mainzer Landtag damit. Noch Jahre später machte er sich über die "verklemmten" Mitglieder im Ausschuss lustig. Er bezeichnete sie als "Fencheltee-Trinker" mit "grauen Strickpullis".

Rainer Brüderle verhält sich nicht immer wie ein Sexist. Er ist mehr als 30 Jahre mit einer erfolgreichen Volkswirtin verheiratet. Enge Mitarbeiterinnen und langjährige Parteifreundinnen reagieren überrascht, wenn man sie fragt, ob ihr Geschlecht bei der Zusammenarbeit eine Rolle spiele. Sie verneinen es und wirken glaubhaft. Wenn es ernst wird, hat Brüderle sich im Griff. Die restliche Zeit ist er so verliebt in seinen Charme, dass er sich nicht vorstellen kann, welche Wirkung seine Sprüche haben.

Bei einem FDP-Fest im vergangenen Jahr holte er die Hamburger FDP-Fraktionschefin Katja Suding zu sich auf die Bühne: "Katja, komm doch mal her. Du siehst doch gut aus", sagte er. Im Gegensatz zu dem männlichen Kollegen durfte sie auf dem Podium nichts sagen. Sie war für die Optik da. "Ich hör da gar nicht hin", sagt Suding. Ihr Vater sei Brüderles Generation, sie sei abgehärtet.

Beim Besuch des Milchviehbetriebs verpasste Brüderle der FDP-Bundestagsabgeordneten Christel Happach-Kassan den Spitznamen "Eisprinzessin". "Nö, echt nicht", pflaumte die zurück. Über solchen Protest hört Brüderle hinweg.

"Weil ich der Beste bin"

In jener Nacht an der Stuttgarter Hotelbar beantwortet er irgendwann doch noch meine Frage, warum er glaube, nach all den Jahren plötzlich so beliebt geworden zu sein. Er sagt: "Weil ich der Beste bin."

Gegen ein Uhr nachts tippt ihm seine Sprecherin an die Schulter. Brüderle verabschiedet sich von den umstehenden Männern. Dann steuert er mit seinem Gesicht sehr nah auf mein Gesicht zu. Ich weiche einen Schritt zurück und halte meine Hände vor meinen Körper. Die Sprecherin eilt von hinten heran: "Herr Brüderle!", ruft sie streng. Sie führt ihn aus der Bar. Zu mir sagt sie: "Das tut mir leid." Zu ihm sagt sie: "Zeit fürs Bett."