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Umweltsünder Kreuzfahrtschiff: Dicke Luft auf dem Sonnendeck

Rauchender Schornstein eines Kreuzfahrtschiffes

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Das ZDF-Magazin "Wiso" hat die Kreuzfahrtbranche unter die Lupe genommen. Dabei wurden auch Luftmessungen durchgeführt - mit erschreckendem Ergebnis: Die hohen Abgasbelastungen an Deck und in der Kabine sind bei Schiffen alarmierend.

Von wegen saubere Seeluft bei einer Kreuzfahrt: An Deck kann dicke Luft herrschen, auch wenn die  Rußwolken des Schornsteins nicht immer sichtbar sind. So lautet das Fazit der ZDF-Reporter, die für das Verbraucherformat "Wiso" den "Traumurlaub Kreuzfahrt" genauer unter die Lupe genommen haben.

Während einer Fahrt an Bord der " Sol" von den Kanaren nach Madeira ergaben Stichproben mit einem mobilen Messgerät für ultrafeine Partikel bis zu 475.000 Partikel je Kubikzentimeter Umgebungsluft. Zum Vergleich: An einem Tag mit Feinstaubalarm in Stuttgart wurden an einem verkehrsreichen Straßenzug Spitzenwerte von gut 40.000 Partikel festgestellt - weniger als in einer Kreuzfahrerkabine.

Die Messergebnisse mit Belastung durch ultrafeine Partikel an Bord eines Kreuzfahrtschiffes: bis zu 475.000 Partikel pro Kubikzentimeter.


"Die nunmehr dritte verdeckte Abgasmessung von verschiedenen Fernseh-Teams auf verschiedener Anbieter in unterschiedlichen Regionen zeigt, dass die Kreuzfahrtindustrie seinen Passagieren und der Umwelt ein gewaltiges Abgasproblem zumutet", sagt Leif Miller, der Bundesgeschäftsführer des Naturschutzbund Deutschland (Nabu). "Unabhängig davon, ob jemand eine Seereise auf Nord- und Ostsee, im Mittelmeer oder im Atlantik plant, ist davon auszugehen, dass man erhebliche Feinstaubmengen an Deck der Schiffe einatmen muss."

Schweröl statt Marinediesel

Auf dem offenem Meer rechnet der normalerweise mit nur 1000 Partikeln je Kubikzentimeter. Ursache für die hohen Werte sei das Verfeuern von billigem Schweröl auf den Weltmeeren. "Sie haben einen unheimlichen dreckigen Kraftstoff, der 3500 Mal mehr Schwefel enthält als der LKW-Diesel", kritisiert in dem "Wiso"-Beitrag Dietmar Oeliger vom Nabu.

Nur der Umstieg auf höherwertigen Kraftstoff und der Einsatz von Systemen zur Abgasreinigung kann eine Verbesserung bringen. So dürfen auf der Nord- und seit 2015 nur noch Handels-und Kreuzfahrtschiffe mit einem Treibstoff unterwegs sein, der 0,1 Prozent Schwefel enthält. Zuvor lag der Grenzwert bei einem Prozent.

"Ich kann keinem Passagier empfehlen, sich lange an Deck eines Kreuzfahrtschiffes aufzuhalten", sagt Dr. Michael Barczok, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes der Pneumologen. "Die Abgaswerte auf der "Aida Sol" sind extrem hoch. Crew und Passagiere an Bord werden einer Konzentration von Luftschadstoffen ausgesetzt, die weit über dem Niveau stark befahrender Straßen liegen."


Aida Cruises: Grenzwerte für Emissionen werden eingehalten

Das "Wiso"-Team hatte an Bord der "Aida Sol" mit versteckter Kamera gefilmt und machte auf hoher See mit dem Nachtsichtmodus der Kamera die nächtlichen Rauchschwaden sichtbar. Auch wurde in der Kabine eine Konzentration von 40 bis 70.000 Partikeln gemessen.

Die Reporter konfrontierten das verantwortliche Unternehmen  mit dem Ergebnis der Messungen. Doch die Rostocker Reederei lehnte ein Interview ab und teilte schriftlich mit, "dass die reine Erfassung der Partikelanzahl für eine qualitative Bewertung aus unserer Sicht nicht ausreichend ist und wir die Korrektheit der Messmethode anzweifeln". Angeblich werden alle "vorgeschriebenen Standards und Grenzwerte für Emissionen eingehalten."

Zu dem Vorwurf des Nabu, dass Aida Cruises in keines der bestehenden Schiffe entgegen der Versprechungen bis Ende 2016 Rußpartikelfilter eingebaut hat, reagierten die Rostocker auf eine Anfrage des stern nicht.

Im jährlichen Umwelt-Kreuzfahrtranking 2016 des Nabu hatte die "Aida Prima", das erst im vergangenen Jahr in Dienst gestellte Schiff, noch am besten abgeschnitten. Es kann in den Häfen mit Flüssigerdgas (LNG) betrieben werden, wenn diese über entsprechende Einrichtungen verfügen. Auf Rang 2 landete die "MS Europa 2" von Hapag-Lloyd Cruises und auf dem dritten Rang die Neubauten "Mein Schiff 3, 4 und 5" von Tui Cruises.

Neue Innovationen in Sicht

Inzwischen entsteht auf der Meyer Werft im niedersächsischen Papenburg ein Kreuzfahrtschiff der allerneusten Generation. Das noch namenlose Aida-Schiff wird das weltweit erste Kreuzfahrtschiff sein, das komplett mit umweltfreundlichem Flüssigerdgas betreiben wird - auch auf großer Fahrt auf hoher See.

Ab 2018 können die Kohlendioxid-Emissionen bei diesem Schiff immerhin um bis zu 25 Prozent geringer ausfallen, Schwefeloxide und Feinstaub sowie Stickoxide werden um bis zu 100 Prozent gesenkt.

Doch bis alle Kreuzfahrten einigermaßen umweltfreundlich sind, so das Fazit der "Wiso"-Sendung, werden aber noch Jahrzehnte vergehen.

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Nachtrag vom 4. Mai 2017:

Auf den Vorwurf des Nabu, dass Aida Cruises ihre Schiffe nicht mit Rußpartikelfilter nachgerüstet habe, hat die Reederei inzwischen reagiert: Systeme zur Abgasnachbehandlung seien auf vier Schiffen eingebaut worden. "Bereits heute verfügen insgesamt sechs Schiffe von zwölf Schiffen der Aida-Flotte über Installationen dieses Systems."

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