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Wie der Mount Everest zum Ballermann der Bergsteiger verkommt

Der mühsame Weg zum 8848 Meter hohen Gipfel: In der Eiswüste zwischen Lager 3 und Lager 4.

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Mythos Everest - das war einmal. Mittlerweile legt ein DJ im Base Camp auf, ein Hochzeitspaar lässt sich auf dem Gletscher fotografieren - der Tourismus am Mount Everest wird immer verrückter. Für dieses Jahr hat Nepal so viele Lizenzen wie noch nie vergeben. Es gab bereits die erste Tote.

Am höchsten Berg der Erde ist nicht nur die Natur gewaltig, sondern auch der Ansturm. Für dieses Jahr erwarten die nepalesischen Behörden eine Rekordzahl von Expeditionen. Denn wegen des verheerenden Erdbebens 2015, das eine Lawine auslöste und im Basislager 19 Menschen verschüttete, wurden sämtliche Besteigungen abgesagt.

2017 hat das nepalesische Amt für Tourismus Lizenzen an 372 Bergsteiger vergeben. Kostenpunkt 11.000 US Dollar pro Person. Hinzu kommen weitere 4000 Bergführer, Köche und Sherpas, die am Berg unterwegs sind, um das Material wie Zelte, Verpflegung und Sauerstoffflaschen der mehr als 40 Expeditionen in die Hochlager zu transportieren. Im vergangenen Jahr verfügten nur 289 Alpinisten über eine Erlaubnis. Schon damals wurde es auf dem Gipfelgrat eng, wie die Fotos des #Project360 des Mammut-Teams zeigten.


Die ersten Toten der Saison

Vor dem Einsetzen des Monsuns herrscht im Mai auf der Südroute zum 8848 Meter hohen Gipfel stets Hochsaison. Es handelt sich um die klassische Route, über die schon die Erstbegeher Edmund Hillary und Tenzing Norgay 1953 den Gipfel erreichten. Bei dem Versuch, seinen eigenen Altersrekord zu knacken, starb vor einer Woche noch im Base Camp der 85-jährige Bergsteiger Min Bahadur Sherchan.

Sein Tod hat eine Debatte ausgelöst: "Es ist dringend nötig, sofort eine Altersgrenze einzuführen. Wenn es sie gegeben hätte, hätte der Tod verhindert werden können", sagte Sherpa Ang Tshering, der Präsident der nepalesischen Bergsteigervereinigung NMA. Die Chinesen haben solchen Eskapaden bereits einen Riegel vorgeschoben: Aufstiege auf den Achttausender von der tibetischen Seite aus sind für die Teilnehmer auf Bergsteiger zwischen 18 und 60 Jahren beschränkt. Bereits seit 2010 gibt es in ein Mindestalter von 16 Jahren für die Besteigung.

Blind zum Everest-Gipfel

Der Schweizer Ueli Steck, einer der besten Extremkletterer weltweit, hatte sich in dieser Saison ein Ziel in den Kopf gesetzt, das vor ihm noch keiner geschafft hatte: Die Besteigung des und des benachbarten 8616 Meter hohen Lhotse innerhalb von 48 Stunden - ohne zusätzlichen Sauerstoff aus der Flasche. Doch bei einer Akklimatisationstour Ende April stürzte der erfahrene Solo-Bergsteiger in 7600 Metern Höhe ab. Sein Leichnam wurde 1000 Meter tiefer geborgen.

Jetzt will der blinde Profi-Bergsteiger Andy Holzer auf das Dach der Welt. Von der Nordseite aus unternimmt er einen dritten Anlauf, um den Gipfel "ohne Licht" zu bezwingen. Er möchte der erste Blinde sein, dem die Besteigung von der chinesischen Seite aus gelingt.

Tummelplatz Everest Base Camp

Auf der nepalesischen Südseite treiben sich im Basislager auf 5200 Metern Höhe auch weniger professionelle Kletterer herum. Diese Tage fiel ein 43-Jähriger auf, der ohne offizielle Genehmigung nach oben wollte. Nun muss der Südafrikaner knapp 20.000 Euro Strafe zahlen. Ihm droht nicht nur ein Everest-Verbot, sondern auch eine fünfjährige Einreisesperre für Nepal.

Im Base Camp scheint es in diesem Jahr eher zuzugehen wie bei einem Ski-Opening in Tirol. Zum Auftakt im April hat der britische Star-DJ Paul Oakenfold Trancemusik aufgelegt, nachdem er die "höchste Party auf der Erde" aufgerufen hatte - in dünner Höhenluft.

Paul Oakenfold

Auch musste das Basislager vor wenigen Tagen für ein ganz spezielles Fotoshooting herhalten. Ein kalifornisches Paar war auf der klassischen Trekkingroute, dem "Solu-Khumbu-Highway" über Namche Bazar bis auf mehr als 5000 Meter Höhe gewandert, um im Angesicht des Mount Everest in ein weißes Brautkleid und Smoking zu schlüpfen. Ein Fotograf lichtete die beiden ab, die sich anschließend sofort per Hubschrauber ausfliegen ließen.


Höchste Müllkippe der Welt

Die seit mehr als sechs Jahrzehnten zum Gipfel kletternden Bergsteiger haben inzwischen Tonnen von Müll am Berg hinterlassen. Die vom Wind zerfetzten Zelte, leere Sauerstoffflaschen, Speisereste und Fäkalien hatten den Erstbesteiger zu dem Satz veranlasst: "Die Kletterer haben den Mount Everest in die höchstgelegene Müllhalde der Welt verwandelt."

Die Umweltverschmutzung hatte dermaßen zugenommen, dass inzwischen jede Expedition einen Müllpfand hinterlegen muss, den es nur zurückgibt, wenn das Base Camp besenrein hinterlassen wird. Einige Expeditionen hatten nicht den Gipfel zum Ziel, sondern waren erfolgreiche Müllsammelaktionen.

Abgestellte Sauerstoffflaschen auf dem Gipfelgrad


Die Bergsteiglegende Reinhold Messner hatte schon vor Jahren ein Ende des Massentourismus am Mount Everest gefordert. "Solange da Disneyland betrieben wird, sterben Menschen." Messner war sogar extra zum König von Nepal gereist, um ihn für das Problem "zu sensibilisieren". Das sei jedoch zwecklos gewesen: "Die kassieren pro Tourist 10.000 Euro Genehmigungsgelder. Der König hat mir selbst gesagt: 'Wir brauchen das Geld.'"


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