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Die vergessene Geschichte des Flugs QF72: Wenn der Autopilot abstürzen will

Ein Airbus der Fluggesellschaft Qantas ist vor acht Jahren fast über dem Indischen Ozean abgestürzt

Vor acht Jahren entging eine Qantas-Maschine nur knapp der Katastrophe: Der Autopilot versetzte den Flieger in einen unkontrollierten Sturzflug. Nun hat der Kapitän des Flugs sein Schweigen gebrochen und das dramatische Geschehen an Bord geschildert.

Es ist der 7. Oktober 2008. Die Maschine der australischen Fluggesellschaft Qantas mit Nummer QF72 befindet sich gerade auf dem Weg von Singapur nach Perth, an Bord 303 Passagiere und 12 Besatzungsmitglieder. Als der Airbus A330-300 den indischen Ozean überfliegt, ist kein Wölkchen am strahlend blauen Himmel zu sehen. 11.000 Meter unter dem Flugzeug glitzert das Wasser. 

Kapitän Kevin Sullivan und der zweite Offizier Ross Hales lehnen sich entspannt in ihren Sitzen zurück. Der Co-Pilot Peter Lipsett macht eine Pause. Der steuert den Flieger. Bis ein Alarm durch das Cockpit schallt.

Der Bordcomputer meldet: Die Minimalgeschwindigkeit sei unterschritten worden. Gleichzeitig leuchtet eine zweite Warnmeldung auf: Die Maximalgeschwindigkeit sei überschritten worden. "Das kann doch nicht sein", ruft Sullivan.

20 Sekunden im Sturzflug

Um 12.42 Uhr Ortszeit senkt sich die Nase des Flugzeugs nach unten. Der Kapitän greift instinktiv nach dem Steuer und versucht die Maschine wieder nach oben zu ziehen. Doch vergeblich. Innerhalb von 20 Sekunden sackt das Flugzeug um 200 Meter ab. "Ist das mein Ende?", schießt es Sullivan durch den Kopf. Durch das Cockpit-Fenster kann der ehemalige US-Kampfpilot den blauen Ozean sehen. Der Autopilot bringt den auf Sinkflug.

Co-Pilot Lepsett aktiviert geistesgegenwärtig die Anschnall-Zeichen. Doch für über 60 Passagiere kommt die Warnung zu spät. Sie werden durch die Kabine geschleudert. Dutzende liegen schließlich blutend und ohnmächtig am Boden.

Der Alptraum geht weiter

Nach 23 Sekunden gelingt es dem Kapitän, die Kontrolle über die Maschine zurückzuerlangen. Doch der Erfolg ist nur von kurzer Dauer. Sullivan und Lipsett stellen fest, dass einer der drei Bordcomputer Fehler produziert, sie versuchen, ihn neu zu starten - mit fatalen Folgen. Das Flugzeug geht erneut in einen unkontrollierten Sturzflug über. 15 Sekunden lang rast die Maschine dem Wasser entgegen.

An Bord dreht die Technik durch. "Das Flugzeug redet nicht mit mir. Es ist ein totaler Crash. Die Systeme wollen Anweisungen von mir, aber sie zeigen mir keine Daten an", erinnert sich Sullivan heute. Nach acht Jahren hat er sein Schweigen gebrochen und in einem Interview mit der Zeitung "Sydney Morning Herald" die dramatischen Momente rekapituliert.

"Es ist einfach das Schlimmste, in einem Flugzeug zu sitzen und die Kontrolle zu verlieren", sagt er. Aber: "Du hast eine Wahl: Du kannst resignieren oder du kannst kämpfen." Sullivan kämpft. Er sendet ein Mayday-Signal und bereitet eine Notlandung vor. Dabei weiß er nicht, ob die Landeklappen oder das Fahrwerk überhaupt reagieren werden. Im Cockpit gelingt es der Crew nicht einmal, den immer noch dröhnenden Alarm abzuschalten.

"Kann man auf menschlichen Einfluss wirklich verzichten?"

Der Militärflughafen Learmonth scheint die letzte Rettung zu sein. "Neun der zwölf Mitglieder meiner Mannschaft sind verletzt. Wir sitzen richtig tief in der Scheiße", erzählt Sullivan heute. "Ich fluche wie ein betrunkener Seemann!"

Doch er hat Glück. 50 Minuten nach dem ersten Sturzflug gelingt es Sullivan, den Airbus auf dem Militärflughafen Learmonth zu landen. "Der QF72-Zwischenfall war ein Science-Fiction-Alptraum, der Wirklichkeit wurde", sagt er.

Untersuchungen zeigen später, dass ein "einziger und extrem seltener Impuls" den Bordcomputer durchdrehen ließ. In der Konsequenz baut Airbus zwar weitere Schutzfunktionen in die Software ein, doch die Angst vor unbekannten Geistern in der Maschine bleibt bestehen. "Automatisierung kann von großem Nutzen sein, doch sie darf nicht die fachliche Kompetenz und Aufgaben der Piloten ersetzen", mahnt Sullivan. Besonders im Hinblick auf selbstfahrende Autos hat er große Bedenken. "Es ist ein Warnsignal auf der Straße zur Automatisierung“, sagt er. "Kann man auf menschlichen Einfluss wirklich verzichten?"

ivi

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