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Bei Überbuchung: Was Passagiere von Airlines fordern können

Check-in-Schalter

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Nachdem ein Passagier gewaltsam aus dem Flugzeug gezerrt und sich der Vorfall zum PR-Desaster für United entwickelt hat, erhöht Delta Air Lines die Zahlung bei Überbuchung auf 10.000 US-Dollar. Womit Fluggäste in Deutschland rechnen können.

Haben mehr Fluggäste online eingecheckt und erscheinen mehr Personen am Schalter als Sitzplätze im Flieger vorhanden sind, werden Freiwillige gesucht, die bereit sind, mit einer späteren Verbindung ihr Ziel zu erreichen.

"Geld zieht immer", sagt der Reiserechtler Ronald Schmid vom Portal Fairplane.de im Gespräch mit dem stern. Denn im Fall der Überbuchung erhält der flexible Fluggast einen Geldbetrag oder einen Gutschein der Airline, wenn er sich bereit erklärt, auf seinen gebuchten Flug zu verzichten. Das wird weltweit so gehandhabt und geschieht in der Regel beim Check-in oder noch vor dem Boarding am Gate.

In den Vereinigten Staaten betragen die Prämien in der Regel 800 . Doch nach dem Vorfall von United Airlines am 9. April in Chicago, als sich kein Freiwilliger fand und Gewalt angewendet wurde, um den 69-jährigen Fluggast David Dao aus dem Flugzeug zu befördern, ist eine Diskussion um die Höhe der Kompensationszahlungen entbrannt.

Die Konkurrenz hat aus dem Fall gelernt

Werbewirksam hat Delta Air Lines in eine Charme-Offensive gestartet und sein Personal angewiesen, die Overbooking-Fee auf bis zu 10.000 US-Dollar zu erhöhen. Doch in der Praxis muss am Gate gar nicht so hoch gepokert werden. Denn eine Untersuchung von Associated Press hat gezeigt, dass die Abfindungen weitaus geringer ausfallen. So zahlte Delta in den Jahren 2015 und 2016 im Durchschnitt 1118 US-Dollar, United nur 565 US-Dollar, American Airlines 554 US-Dollar und der Billigflieger Southwest 758 US-Dollar an die betroffenen Passagiere aus.

In sieht die Lage entspannter aus. "Das in Amerika war ein Grenzfall und ist nicht die Regel", sagt Rechtsanwalt Schmid. "Wir hatten noch nie einen Fall, in dem Leute mit 600 Euro nicht zufrieden waren." Damit spielt er auf den Höchstbetrag an, den Airlines ihren Kunden laut der EU-Verordnung 261/2004 bei Flugunregelmäßigkeiten zahlen müssen. 

250, 400 oder 600 Euro?

In der Fluggastrechte-Verordnung wird nicht der Fall des Überbuchens direkt geregelt, sondern nur bei Nichtbeförderung, Annullierung und Verspätung von Flügen. Die fälligen Ausgleichszahlungen sind abhängig von der Flugstrecke und Dauer der Verspätung: 250 Euro für eine Flugstrecke bis zu 1500 Kilometern (ab 2 Stunden), 400 Euro für eine Flugstrecke innerhalb der von mehr als 1500 Kilometern und bei allen anderen Flugstrecken von einer Entfernung zwischen 1500 und 3500 Kilometern (3 Stunden)und 600 Euro für eine Flugstrecke größer als 3500 Kilometern (ab 4 Stunden). Hinzu kommen Übernahme von Hotel- und Kommunikationskosten.

Die Deutsche Lufthansa nennt auf Anfrage keine konkreten Beträge, sondern bietet "Umbuchung auf einen Alternativflug" und "Betreuungsleistungen, wie Mahlzeiten, Erfrischungen, Hotelübernachtung inklusive eventuell anfallender Transferkosten" und "eine monetäre Entschädigung", deren Höhe von der "Dauer der Flugverzögerung und der Länge der Flugstrecke" abhängt und sich "an den EU-Richtlinien orientieren."

Kaum mehr als 600 Euro bei Langstreckenflügen

Doch die Anzahl der Personen, die sich wegen ungelösten Überbuchungsproblemen im Nachhinein an einen Rechtsdienstleister wie Fairplane.de wenden, sind gering und machen laut Schmid nur 10 bis 15 Prozent der Rechtsfälle aus. Seiner Meinung nach dürften sich in Europa im Gegensatz zur USA die Geldbeträge kaum erhöhen. Natürlich steht es jedem Passagier frei, am Gate zu pokern. Auch kann es einen Gutschein der Airline geben, der den Barbetrag übersteigt.

Das Portal Flightright.de hat auch Passagiere betreut, die später ihr Ziel erreichten, und am Ende des Verfahrens mehr als nur die EU-Pauschalen erhalten haben. Musste ein Kunde seinen Ersatzflug selbst organisieren "hat er zusätzlich zu der Entschädigung auch Anspruch auf die Erstattung seines ursprünglichen Ticketpreises", sagt Stefanie Müller von Flightright.de. "Bei derartigen Fällen haben wir mehr als die pauschale Entschädigung durchgesetzt."

Billigflieger im Fokus

Beide Portale können feststellen, dass Überbuchungen häufiger auf kurzen Flügen vorkommen. "Unserer Beobachtung nach überbuchen Low-Cost-Airlines deutlich häufiger", sagt Müller. "Auffällig ist auch, dass bei den renommierten Airlines in den meisten Fällen eine Ersatzbeförderung gestellt wird, während bei den Billigfluglinien nur der Flugpreis erstattet wird."

Mit Geld lässt sich bekanntlich fast alles regeln. In den meisten Fällen gelingt es dem Flughafenpersonal bei Überbuchungen die Probleme lautlos zu regeln. "Wenn Du genügend Geld anbietest", so das Fazit eines ehemaligen Piloten von United Airlines, "ist sogar die Person bereit ihren Sitzplatz aufzugeben, die zu einer Beerdigung reisen muss."


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