Segeln Zwei Leben auf See
23.02.2008, 10:00 Uhr
Stewart Island, Neuseeland, Mai 2005 - "Wanderer" gut vertäut im Naturhafen, ringsum Felsen und Stille
Ein Du, ein Ich, das Meer und der ferne Horizont - seit 18 Jahren leben Kicki Ericson und Thies Matzen auf einem neun Meter langen hölzernen Segelboot. Zum ersten Mal sprechen sie über das Abenteuer ihres Alltags und die Kunst, in Flaute und Sturm ein Paar zu bleiben.

Jeder Junge, Thies, träumt vom großen Abenteuer, aber für die meisten bleibt es beim Traum. Wie kam es dazu, dass in Ihrem Fall daraus Wirklichkeit wurde?

Thies: Lasst uns bitte du sagen ...
Kicki: Wir können gar nicht mehr anders.
Thies: Es lag bei mir in der Familie: Mein Großvater ist als Kapitän nach Samoa gegangen, hat dort 30 Jahre gelebt und ist sogar Hafenmeister in Apia geworden, wo auch meine Großmutter geboren ist. Da gab es also all diese Geschichten - und es gab das Segeln. Mein Onkel hatte einen Schärenkreuzer, zusammen sind wir oft von Flensburg nach Dänemark gefahren und zwischen den Inseln gekreuzt. Irgendwann bekam ich eine eigene Jolle, mit der war ich während der Schulzeit tagelang, wochenlang unterwegs. So fing es an.

Und es ging damit weiter, dass du Bootsbau gelernt, dir ein Boot gekauft hast und losgesegelt bist, Richtung Pazifik. Das ist jetzt 27 Jahre her, und du hast nie wieder eine feste Adresse an Land gehabt. Warum bist du im Unterschied zu anderen Weltumseglern nie vernünftig geworden?

Thies: Aber ich bin total vernünftig! Wenn dir das Leben am Wasser und mit dem Wasser etwas bedeutet, wenn einfaches, freies, schonendes Leben für dich einen Wert darstellt, dann kann man sich nicht viel vernünftiger verhalten als ich.

Ist es vernünftig, sein Vermögen in ein neun Meter langes Holzboot zu stecken?

Thies: Besser als in Autos. Und von wegen Vermögen! Das bisschen Geld, das ich besaß, verdankte ich allein meiner Ernährung mit Haferflocken. Ich lebte von fast nichts anderem, um mir das Boot leisten zu können. Eigentlich wollte ich nichts besitzen, auch kein Boot. Aber dann kam "Wanderer III" auf mich zu, eine Legende. Mit ihr sind die Engländer Eric und Susan Hiscock in den 50er Jahren zweimal westwärts um die Welt gesegelt. Das war der Beginn des Fahrtensegelns.

Eine Crew fürs Leben: Kicki Ericson, 44, und Thies Matzen, 51, liegen mit "Wanderer III" nun wieder vor Südgeorgien, südöstlich von Argentinien. Zum Interview baten sie den stern nach Dänemark, in die Wohnung von Freunden

Was ist so besonders an diesem Boot?

Thies: Die "Wanderer" ist zurückhaltend, aber auch sehr offen, so ähnlich wie ich selbst. Sie ist jemand, die alte Werte vertritt. Sie ist aus Holz, mit traditionellen Planken, Spanten, Kupfernägeln und ohne Leim. In den stürmischen hohen Breiten ein ziemlich fragiles Gebilde, zusammengesetzt aus tausend Teilen. Sie verlangt nach sensiblem Umgang, du musst auf ihr ganz andere Entscheidungen treffen als auf einem Boot mit Stahlpanzer. Du bist verwundbarer. Das macht dich aber auch sensibler für das Meer und die Natur, durch die du dich mit ihr bewegst.

Das klingt nach einer echten Liebesbeziehung. Kicki, wann bist du mit diesem Liebespaar in Berührung gekommen?

Kicki: Ich bin ja in Wien aufgewachsen, ganz weit weg von Wasser und vom Segeln. Meine Mutter ist Engländerin, sie ist nach Schweden gegangen, hat dort meinen Vater kennengelernt, der Wissenschaftler war und einen Job bei den UN in Wien bekam. Dort wurde ich geboren. Ich habe also eine englische Mutter, einen schwedischen Pass, den Abschluss einer internationalen Schule in Wien und ein amerikanisches Uni-Diplom als Architektin. Nach dem Studium habe ich dann drei Jahre auf den amerikanischen Virgin Islands bei der Instandsetzung denkmalgeschützter Gebäude mitgearbeitet.

Schöner Job in netter Gegend.

Kicki: Das war er. Aber ich wollte weiter. Schon an der Uni hatte ich andere Ziele als die anderen Studenten. Die wollten ein Haus, eine Karriere, Familie; ich wollte reisen - die Welt entdecken.

Und dann lag eines Tages dieser gut aussehende, braun gebrannte Deutsche mit seinem schönen Schiff im Hafen …

Kicki: Eigentlich lag er einen Hafen weiter, aber er baute gerade für ein anderes Schiff, deren Crew ich kannte, ein Beiboot …
Thies: … ich lebte ja davon, dass ich in den Häfen unterwegs als Bootsbauer jobbte und damit meine Bordkasse füllte.
Kicki: Zum ersten Mal bin ich zu einem Sonntagsausflug an Bord der "Wanderer" gekommen.

Südgeorgien, Februar 1999 - Vertrauen auf beiden Seiten: Kicki kann sich einer Gruppe See-Elefanten nähern

Und bist für die nächsten zwanzig Jahre geblieben. Gab es nie einen Kinderwunsch?

Kicki: Nein. Mir war immer klar, dass ich nie Mutter werden würde und werden wollte.

Suchtest du überhaupt eine Partnerin, Thies?

Thies: Um Gottes willen, nein! Ich war seit acht Jahren an Bord und schon zwei Jahre allein unterwegs und wollte eigentlich auch allein weitersegeln.

Trotzdem hattest du gerade eine Doppelkoje eingebaut.

Thies: Zufälligerweise, ja. Eigentlich aber nur, weil man auf dieser Koje unter der offenen Luke liegen und in den Tropenhimmel schauen kann. Doch Kicki war hübsch, sie war jung und unbeschwert, gerade mal 25, ich war sieben Jahre älter, sie war begeisterungsfähig, und plötzlich war sie an Bord. Im Nachhinein konnte ich mich gar nicht erinnern, sie gefragt zu haben, ob sie mit nach Neuseeland kommen will, aber irgendwie waren wir dann zusammen unterwegs. Es wurde eine lange Reise, unterbrochen von Aufenthalten auf kleinen Atollen, manche unbewohnt. Manchmal blieben wir monatelang; erst nach zweieinhalb Jahren kamen wir in Neuseeland an.

Welche Eigenschaften muss man haben, wenn man es so lange miteinander auf engstem Raum aushalten will?

Kicki: Ganz einfach: Thies ist sehr tolerant, und ich bin perfekt.

Und welche auf gar keinen Fall?

Thies: Verschlossenheit.
Kicki: Stimmt, man muss total offen sein, wenn man auf so kleinem Raum so lange miteinander auskommen will. Man muss alles teilen.
Thies: Aber man muss auch man selbst bleiben. Vor der ersten langen Passage mit Kicki vom Panamakanal zu den Marquesas hatte ich Angst, dieses Gefühl von Einsamkeit zu verlieren, das mir immer viel bedeutet hat. Ich bin ja nicht jemand, der unterhalten möchte. Man kann nicht vier Wochen lang einen anderen unterhalten. Deswegen habe ich zu Kicki gesagt: "Du kannst nicht davon ausgehen, dass ich da bin. Du musst dich um dich selbst kümmern." Man muss sich die Freiheit bewahren, in der eigenen Gedankenwelt zu sein.

Drake-Passage, Januar 2007 - Die Sonne brennt gefährlich. Kicki und Thies schützen sich mit selbst genähten Kapuzen

Wenn man so lange zusammen ist, sind Krisen unvermeidbar. Wie meistert man sie?

Kicki: Indem es zu wirklichen Krisen gar nicht kommt. Natürlich reibt man sich mal aneinander wegen Alltäglichkeiten, aber man lebt so unmittelbar, so eng miteinander, dass sich gar nichts aufstauen kann. Alles wird direkt an- und ausgesprochen.
Thies: Man kann ja nicht mal eben an die Ecke gehen, ein Bier trinken. Der andere ist immer 24 Stunden da.
Kicki: Und das gehört auch zu dem, was wir suchen: das unmittelbare Leben, das unverfälschte, direkte.

Kann es nicht auch wehtun, so direkt zu sein?

Kicki: Ehrlichkeit kann manchmal wehtun, aber sie ist immer die liebenswerteste Alternative. Damit kann der andere umgehen. In dem Leben, das wir führen, kommt man sehr schnell zu den Fragen: Worum geht es, was ist wirklich wichtig?

Wer mit dem anderen verschmilzt, kann für ihn nicht mehr anziehend sein. Wie löst man das Problem nachlassender Attraktivität?

Kicki: Uns ist sie erhalten geblieben, weil wir zu Zeiten auch immer wieder getrennt waren und jeder auf sich selbst gestellt. Ich machte einen Job in Neuseeland, Thies segelte inzwischen nach Tonga, oder wir arbeiteten in verschiedenen Häfen. Da entwickelte sich dann jedes Mal wieder die Freude auf den anderen und die totale Gemeinsamkeit auf See.

Aber auch da seid ihr sehr lange zusammen. Es ist eng, keiner kann sich zurückziehen, wie bewahrt man sich die Anziehungskraft?

Kicki: In den Tropen segeln wir ja meistens komplett nackt. Einmal hatte ich auf einem längeren Törn unterwegs Geburtstag und durfte mir etwas wünschen. Da habe ich gesagt: Morgen, wenn ich Geburtstag habe, ziehen wir uns etwas an.

Kanton-Insel, Kiribati, November 1995 - Kicki mit einheimischen Frauen in landestypischem Dress

In den Tropen ist es kuschelig, aber in den vergangenen Jahren wart ihr vorwiegend in den hohen Breiten des Südmeers unterwegs, bei zermürbender Kälte und unbarmherzigem Starkwind. Der Schlafsack ist klamm, das Olivenöl gefroren, das Essen eintönig - kommt da nicht der Augenblick, wo man sich fragt: Warum mache ich das?

Kicki: Der kommt doch immer, auch wenn du jeden Tag ins Büro gehst. Dann musst du eben eine gute Antwort haben, weshalb du tust, was du tust - die Balance muss stimmen. Im Büro und auf den Falklands. Für die Kälte und die Entbehrungen sind wir durch Ursprünglichkeit, durch wunderbare Naturerlebnisse entschädigt worden, und insgesamt haben wir so viel Schönes erlebt, dass wir immer genau wussten, warum wir das machen.

Wer finanziert eure Reisen? Sponsoren?

Thies: Vor 20 Jahren bin ich mit 1000 Mark losgesegelt. Zehn Jahre später hatte ich immer noch 1000 Mark. Immer wenn weniger als 500 Dollar in der Bordkasse waren, musste einer von uns ran.

Und wenn eine größere Investition fällig war, beispielsweise für ein GPS-Navigationsgerät?

Thies: Wir haben keins. Wir fahren praktisch ohne Technik und haben außer den Kosten neuer Segel alle zehn Jahre keine großen Investitionen. Ich kann alles am Boot selbst reparieren, und ich navigiere mit dem Sextanten wie James Cook und Joseph Conrad. Und wie sie weiß ich nicht immer, wo genau wir sind. Da musst du gucken, beobachten, deine Entscheidungen treffen, ob du nach links, nach rechts oder zurück segelst, keine Technologie nimmt sie dir ab. In den subantarktischen Gewässern gibt es so viel Nebel, dass man die Insel, die man ansteuert, unter Umständen nicht findet. Der Landfall kann scheitern, man muss ihn vielleicht abbrechen. Es gibt keine absolute Gewissheit, dafür aber eine ungeheure Intensität. Die findet man nicht leicht im Leben an Land, aber dort draußen findest du sie. Deshalb segele ich doch! Ein GPS würde sie mir nehmen.
Kicki: In unserer Bordkasse war nie viel Geld. Wir haben lange von 2000 Dollar im Jahr gelebt. Sponsoren? Kennen uns nicht, kennen wir nicht und wollen wir nicht. Das Ölzeug für unsere erste Reise in das Südmeer haben uns Freunde geliehen, die es gerade nicht brauchten.

Gibt es denn noch etwas wie eine internationale Bruderschaft der Weltumsegler?

Thies: In den hohen Breiten, ja. Es gibt nicht so viele, die dort segeln, man lernt sich kennen in den Häfen, tauscht sich aus, hilft sich. Andere Freunde haben uns auch schon ihre Wohnung für einige Zeit überlassen. Sonst hat sich vieles verändert. Es gibt nur noch wenige, die wie wir von der Hand in den Mund leben. Viele leben auch nicht Vollzeit auf ihren Schiffen, sondern machen eine Reise, vielleicht für ein paar Jahre. Dann kehren sie zurück an Land, wo sie eine Wohnung haben, Einkommen, eine Krankenversicherung.

Ihr nicht?

Thies: Nein. Keine Wohnung, kein Haus, selten Einkommen, keine Versicherung.

Nicht einmal für das Boot?

Thies: Nein. Das macht es zunehmend schwierig für uns. Immer mehr Länder verlangen heute bei der Einreise den Nachweis von Versicherungen und Kreditwürdigkeit. Aber wir beide leben in einem ganz anderen System, das durch Freundschaften existiert, sich aus Vertrauen speist, in dem es wechselseitiges Geben und Nehmen gibt. Man nimmt, was man braucht, man gibt, was man kann.

Aber so ganz ohne Riester-Rente? Wie stellt ihr euch denn euer Alter vor?

Kicki: Es wird sich etwas entwickeln. Wir brauchen nicht viel. Was dann wirklich am Ende kommt, weiß doch keiner.

Stewart Island, Neuseeland, Mai 2005 - Feinarbeit: Thies bringt seinen Bart in Façon

Das klingt nach Gottvertrauen und Zuversicht wie in guter alter Zeit. Passt diese Einstellung noch in die Zeit des Internet, der Beschleunigung in allen Lebensbereichen?

Thies: Wir mögen's langsam. Am Anfang, als wir jahrelang in der Südsee waren, gab es auf vielen Inseln noch kein Fernsehen, kein Telefon. Wir konnten niemanden erreichen, niemand konnte uns erreichen.
Kicki: Wenn wir vorhatten, irgendwo länger zu bleiben, habe ich meiner Mutter in Wien einen Brief geschickt, und dann kam nach ein paar Wochen ein Paket mit der von ihr gesammelten Post für mich an.

Das bedeutet, dass in Berlin die Mauer fällt oder Freunde und Verwandte sterben können, ohne dass ihr es sofort erfahrt.

Thies: Ja. Das bedeutete aber auch, dass niemand uns aus unserer Gegenwart reißen konnte. Wenn du so lebst, bist du wirklich da, wo du bist. Das ist ein Reichtum, der den meisten Menschen heute verloren gegangen ist. Deswegen waren wir in den vergangenen Jahren auch überwiegend in den rauen, menschenleeren Gewässern südlich des 40. Breitengrades Süd unterwegs, auf den Auckland-Inseln, den Falkland- Inseln und Südgeorgien.

. . . wo ihr dann sogar vor den Traualtar getreten seid, obwohl ihr immer stolz auf eure Ungebundenheit und Freiheit wart . . .

Kicki: Ja, ich war auch total überrascht, als Thies mir nach fünf Jahren plötzlich einen Heiratsantrag gemacht hat, ausgerechnet in der "Poverty Bay", der "Armutsbucht", in Neuseeland. Anfangs dachte ich, er macht Quatsch. Aber als er "ich frage nur einmal" murmelte, begriff ich, dass er es ernst meinte, und habe angenommen.
Thies: Dann hat es aber noch einmal fünf Jahre bis zu unserer Hochzeit gedauert, weil wir unbedingt an einem schönen, besonderen Ort heiraten wollten. In einer Kirche, also vor Gott, nicht vor dem Staat. Diesen Ort fanden wir schließlich auf Südgeorgien in einer alten Walfängerkirche.

Río Paraná, Buenos Aires, November 1997 - Badespaß mit argentinischen Freunden im süßen Flusswasser

Auf See, heißt es, liegt alles in Gottes Hand. Es gibt Unglücksfälle und Unfälle, die von einem Moment zum nächsten alles verändern können. Rechnet ihr mit so etwas?

Thies: Damit muss man immer rechnen. Je länger man fährt, desto wahrscheinlicher wird es. Gewöhnliche Stürme gibt's immer mal. Aber als wir 2005 von Neuseeland nach Chile gesegelt sind, gerieten wir in einen der ungewöhnlichen. Er lag eigentlich schon hinter uns, machte aber eine Kehrtwendung von 180 Grad, holte uns ein und blieb zehn Tage bei uns, mit Windstärken von 45 bis 55 Knoten. Trotzdem fühlten wir uns relativ sicher, wir hatten immer noch ein kleines Try-Segel stehen, wir segelten in die richtige Richtung, es war Nacht, wir lagen unter Deck. Dann hörten wir das zunehmende Pfeifen im Rigg. Es war klar, das Try musste runter. Genau in diesem Moment kenterte unser Schiff durch. 170 Grad nach unten und wieder zurück. Ich wurde aus der oberen Koje geschleudert und kriegte nichts mit.
Kicki: Er war bewusstlos, der Kopf zur Seite gekippt, die Zunge hing raus, die Augen waren verdreht, überall war Blut, ich war mir total sicher, dass er sich das Genick gebrochen hatte. Tot, dachte ich. Tot, tot. Aber es gibt noch Wunder. Nach zwei Minuten kam er wieder zu sich. Es waren die längsten Minuten meines Lebens.

Was hast du getan in diesen Minuten?

Kicki: Nichts von dem, was man tun muss. Ich habe nicht seinen Puls gefühlt, nicht die Atemwege freigemacht, ich war total neben mir. Ich habe ihn bloß umarmt und angefleht, er solle wieder zurückkommen.

Hättest du dir zu helfen gewusst, wenn er wirklich tot gewesen wäre?

Kicki: Wir waren ungefähr 2000 Seemeilen vom nächsten Land entfernt, irgendwann hätte ich mich aufgerafft und das Boot auf Kurs gebracht. Aber der Schock war so groß, dass ich erst einmal eine Woche heulend auf dem Kajütboden gelegen hätte.

Grytviken, Südgeorgien, Januar 1999 - Sturm. "Wanderer" liegt drei Meter weg vom Kai, starke Böen zerren am Tauwerk

Was ist schlimmer, Sturm oder Flaute?

Thies: Beides ist - schön. Wir sind auf einer Fahrt in der tropischen Konvergenzzone mal in eine 14 Tage andauernde Flaute geraten. Zwei Wochen lang total kein Wind. Wir sind nur getrieben, 14 Tage lang. Ich genoss es. Da wird das Leben zur reinen Reflexion.

Andere drehen durch.

Thies: Warum? Man liest, man beobachtet Tiere, es passiert viel, vor allem im Kopf. Die Erfahrungen von Flauten und Stürmen setzen sich wie Sediment in dir ab, sie bilden Schichten von innerem Reichtum.

Das Leben, das ihr führt, klingt für viele paradiesisch. Ist es das?

Thies: Sicher nicht für jeden. Man muss auch entbehren und mit viel Zeit umgehen können; sich selbst motivieren und stimulieren; es gibt ja niemanden, der uns etwas vorschreibt. Seit 30 Jahren hat mir keiner mehr etwas vorgeschrieben. Dennoch muss man seine Tage füllen, sinnvoll - das ist eine Herausforderung.

Ist das Meer eher Partner oder eher Gegner?

Thies: Es ist ein fantastischer Freund, mit dem ich sehr gern zusammen bin. Ich komme notfalls ohne ihn aus, aber ich vermisse ihn.
Kicki: Die Natur - ist. Punkt. Sie ist weder gut noch böse. Aber ich bewundere sie, je mehr, desto länger ich sie kenne.

Habt ihr noch einen Traum?

Thies: Geografisch? Irgendwann jenes unbewohnte Atoll im Pazifik zu betreten, an dem wir vor Jahren nicht anlanden konnten. Sonst ist unser Traum eher eine Hoffnung: ganz einfach, das Leben, das wir führen, weiterführen zu können. Auf Meeren, die noch Fische haben. Denn so selbstverständlich wie bei "Wanderers" erster Weltumsegelung 1952 ist das leider nicht mehr.

Interview: Rüdiger Barth, Peter Sandmeyer