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Führt Fracking zum nächsten Crash?

  Fracking in den USA: Das billige Öl wird zur Gefahr. 

Von:

Lukas Heiny

Der niedrige Ölpreis trifft die amerikanische Fracking-Industrie. Die Sorge wächst, dass sie ihre Milliarden-Schulden nicht zurückzahlen kann. Es droht eine neue Finanzkrise.

Rich Vestal spürte als einer der Ersten, dass es nicht mehr läuft in Williston, North Dakota. Er beliefert die Ölfelder draußen vor der Stadt, 24 Stunden lang, an 365 Tagen im Jahr. Seine Trucks bringen den „Roughnecks“, den rauen Männern an den Löchern, alles vom Bohrgestänge bis zu den Chemikalien, um das Öl aus der Erde zu lösen. Vestal betreibt Lagerhäuser und den Güterbahnhof Stony Creek. Jetzt sagt er: „Die Lage ist schlecht.“ Jeden Tag druckt die Lokalzeitung, der „Williston Herald“, die Zahl der Bohrtürme, die in der Gegend im Einsatz sind. Vor einem Jahr waren es 181. Nun sind es noch 45. Der niedrige Ölpreis macht alles kaputt. 23 Dollar bekommt man zurzeit für ein 159-Liter-Fass (ein Barrel) aus North Dakota. Zu wenig. „Ein Jahr halten wir vielleicht noch durch“, sagt Rich Vestal. „Dann kracht hier alles zusammen.“

Die Angst vorm nächsten Crash

Der große Crash. Das ist die Angst. Nicht nur in North Dakota, wo Amerikas neuer Ölboom begann. Sondern auch an der Wall Street, wo die Banken und Investoren inzwischen um ihr Geld fürchten. An den Börsen haben die Firmen aus der Ölbranche seit Mitte 2014 mehr als tausend Milliarden Dollar Wert verloren. Die großen US-Banken haben Milliarden zurückgestellt, um eine Pleitewelle bei den Förderfirmen abfangen zu können. Die Ratingagenturen warnen, dass Investoren ihr Geld mit riskanten Unternehmensanleihen verlieren könnten. Vieles erinnert an 2008, als die Probleme im amerikanischen Immobilienmarkt die Weltfinanzkrise auslösten. Viele fürchten nun abermals eine solche Kettenreaktion: erst die Bohrtürme, dann die Bankentürme.

Fracking machte Farmer zu Millionären

In Williston haben sie Wahnsinnsjahre hinter sich. Die Kleinstadt liegt direkt über der Bakken-Formation, einer Gesteinsschicht in drei Kilometer Tiefe, in der viele Milliarden Barrel Öl lagern sollen. In North Dakota wurde die umstrittene Fracking-Technik perfektioniert, um den Rohstoff aus dem Gestein zu lösen. Einfache Farmer wurden zu Millionären, weil sie ihr Land an die Bohrfirmen verkauften. Aus dem ganzen Land kamen Glücksritter in den Norden, schwere Jungs und leichte Mädchen. Zeitweise kampierten 500 Menschen auf dem Walmart-Parkplatz am Stadtrand, weil es nicht genug Wohnungen gab; später entstanden Containersiedlungen und Männercamps für die Arbeiter, 25 Dollar die Nacht. Der Boom, sagt Rich Vestal, sei ihm immer „ein wenig unheimlich“ gewesen.


Amerika wurde mit dem Öl aus North Dakota, aus Montana, Texas oder Oklahoma zu einer neuen Öl-Supermacht. Gleichauf mit Saudi-Arabien, wo die Scheichs ihrerseits aus dem Wüstenboden pumpen, was die Quellen hergeben. Inzwischen ist so viel Öl auf dem Weltmarkt, dass die Preise abgestürzt sind. Aktuell liegt das 159-Liter-Fass der Sorte Brent bei rund 35 Dollar – das sind 70 Prozent weniger als Mitte 2014. In der ersten Hälfte dieses Jahres, prognostiziert die Internationale Energieagentur, werden weltweit jeden Tag 1,8 Millionen Fass mehr gefördert, als verbraucht werden. „Der Weltmarkt droht in einem Überangebot zu ertrinken.“ In den USA hat das dramatische Folgen. Obwohl die Fracking-Firmen dank neuer Techniken immer billiger produzieren, können viele Unternehmen nicht mehr rentabel arbeiten. Seit Ende 2014 hat sich die Zahl der Bohrlöcher um 68 Prozent verringert, 86.000 Jobs gingen verloren. Und 2016 dürfte alles noch schlimmer kommen.

Preiseinbrüche beim Öl

Drei der größten Förderfirmen kündigten vergangene Woche an, ihre Investitionen noch einmal um 40 bis 66 Prozent zu kürzen. Die US-Regierung erwartet, dass in diesem Jahr täglich 700.000 Fass weniger gefördert werden als noch 2015.


Auf den ersten Blick erscheint das nicht weiter dramatisch. Es hat immer Preiseinbrüche beim Erdöl gegeben, immer sind Firmen pleitegegangen, immer hat es dabei auch die Geldgeber getroffen. Selbst das Öl sprudelt ja noch, die rund neun Millionen Fass pro Tag sind fast doppelt so viel, wie Amerika 2008 förderte. Und doch sorgen sich viele, dass die Krise jetzt überspringen könnte auf die Finanzwelt, dass Kredite ausfallen und Anleihen, und dass die Krise irgendwann nicht mehr zu kontrollieren sein könnte.

Fracking-Branche ist eng mit Kapitalmärkten verbunden

Der deutsche Fondsmanager Klaus Kaldemorgen warnt bereits vor einem „systemischen Risiko“. Die amerikanische Fracking-Branche ist eng verbunden mit den Kapitalmärkten, enger als viele andere Branchen. Die Firmen brauchen ständig neues Geld, um immer neue Löcher zu bohren. In den vergangenen Jahren war das leicht zu bekommen. Wegen der niedrigen Zinsen steckten die Investoren ihr Geld nur allzu gern in die boomende Industrie, die hohe Renditen versprach. Das könnte sich nun rächen.


Insgesamt haben die amerikanischen Banken den Fracking-Firmen rund 277 Milliarden Dollar geliehen. Gut 34 Milliarden davon bewertet die US-Bankenaufsicht als „zweifelhaft oder verloren“. Als die großen US-Banken Mitte Januar ihre Geschäftszahlen vorlegten, waren die Risiken aus dem Ölgeschäft dann auch das beherrschende Thema. Marianne Lake, die Finanzchefin von JP Morgan Chase, nannte es den „größten Stressbereich“. Die größte Wall-Street-Bank erhöhte die Rücklagen als Sicherung gegen ausfallende Kredite um 550 Millionen Dollar. Bleibt der Ölpreis auf dem aktuellen Niveau, kommen weitere 750 Millionen dazu. Auch Wells Fargo und Citigroup erhöhten ihre Rücklagen. Im Vergleich zu den Summen, um die es sonst an der Wall Street geht, erscheint das zwar wenig. Und doch reicht es, um viele nervös werden zu lassen. Denn es könnte erst der Anfang sein.
Am deutlichsten ist die Verunsicherung an den Anleihemärkten zu spüren. Während des Booms haben sich die Fracking-Firmen hauptsächlich über hoch verzinste Unternehmensanleihen finanziert, wegen des hohen Risikos auch „Schrottanleihen“ genannt. 2015 wuchs die Summe auf rund 250 Milliarden Dollar. Angesichts der gestiegenen Ausfallrisiken verlangen die Geldgeber – vor allem Banken und Fonds – inzwischen so hohe Zinsen wie auf dem Höhepunkt der Finanzkrise.


Wiederholt sich die Finanzkrise?

Im Dezember mussten bereits die ersten auf Hochzinsanleihen spezialisierten Fonds schließen, weil ihre Investoren ihr Geld abziehen wollten. Darunter war auch ein Fonds, der immerhin knapp 800 Millionen Dollar verwaltete. Für die Wall Street was das ein Schock. Wiederholt sich das Drama der Lehman-Krise von 2008? Auch damals rumorte es monatelang an den Märkten, dann machten zwei Fonds dicht – und dann die Banken selbst.

Die große Sorge ist, dass mit den Schrottanleihen von Ölfirmen auch alle anderen Hochzinsanleihen in Verruf geraten könnten. Erste Anzeichen gibt es bereits, die Kurse fallen. Momentan, schätzt die Ratingagentur Standard & Poor’s, sind rund 15 Prozent all dieser Papiere notleidend. Das kann gefährlich werden. Es geht immerhin um ein Marktvolumen von rund 1600 Milliarden Dollar – genug für eine neue Finanzkrise. Dann würden auch deutsche Sparer die Erschütterungen aus North Dakota spüren.

Kampf der Ölmächte

Rich Vestal aus Williston hat schon viele Krisen erlebt. „Während der Krise in den 80er Jahren hätte es mich beinahe gefaltet“, erzählt er. Damals brachen die Förderer in North Dakota reihenweise zusammen. Und auch 2008, während der Finanzkrise, stand draußen auf den Feldern fast alles still, nur drei Bohrtürme waren noch in Betrieb. Vestal lernte daraus, dass man sich im Boom auf die nächste Krise vorbereiten muss. Atmen, Luft anhalten, atmen. Er zum Beispiel arbeite möglichst wenig mit Banken zusammen. „Wenn ich Geld übrig hab, kauf ich mir was.“ Einen Truck, eine Diesellok, ein Firmengebäude für ein paar Millionen, Hauptsache, keine Schulden. Er könne die Luft anhalten, „wenn es nicht zu lange dauert“.


Abends trifft er sich manchmal zum Unternehmerstammtisch im „The Williston“. In dreckigen Jeans und schweren Stiefeln sitzen dann lauter Millionäre am Tresen und schimpfen auf die Weltpolitik. „Scheiße, die Saudis sind schuld“, sagt dann einer. Oder: „Scheiße, die Iraner pumpen jetzt auch.“ Sie sind mitten hineingeraten in den Kampf der Ölmächte. Es geht nur darum, wem zuerst die Luft ausgeht.
Irgendwann aber werden die Preise wieder steigen. Daran glaubt Rich Vestal fest. Dann werden auch noch seine Kinder und seine Enkel vom Öl unter Williston leben können. „Das Bakken-Ölfeld ist für uns wie eine Bank“, sagt er. „Das Geld liegt da drin. Man muss es nur rausholen.“

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