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5 Gedanken für jeden, der "Wir schaffen das" nicht mehr hören kann

Angela Merkel Selfie

Angela Merkel hat sich heillos in einem Satz verheddert - aber wir Deutschen gleich mit. Wie also werden wir ihn wieder los?

In der vergangenen Woche hat das erste Mal den Jahrestag eines Satzes begangen. Ein Jahr "Wir schaffen das". Das Eigentümliche ist, dass diesen Satz zwar niemand mehr hören kann, wir aber trotzdem viel Zeit damit verbringen, über ihn nachzudenken, uns über ihn aufzuregen oder ihn zu rezitieren, grollend, seufzend oder höhnisch. Vor allem nach dem "historischen Wahldebakel" der CDU in Meck-Pomm.

Es gibt zwar auch andere Sätze, Formeln oder Satzfragmente, die in unserem kollektiven Gedächtnis haften geblieben sind, die zitiert und wiederholt werden, seien es "die blühenden Landschaften", "Die Rente ist sicher" oder "Mehr Demokratie wagen" – aber die sind im Strom der Geschichte diffundiert und taugen heute oft eher als Mahnung, Anspielung oder als schlechtes Wortspiel in Parteiprogrammen und Tageszeitungen ("Mehr Digitalisierung wagen"). "Wir schaffen das" ist eindeutig der schicksalreichste Satz der jüngeren Geschichte, wobei für die Besorgten im Lande noch unklar ist, ob er nur die Kanzlerin, die CDU oder gleich das ganze Land versenkt.

Während wir also darüber streiten, was wir geschafft haben oder noch schaffen müssen, was die CDU nun schaffen muss und ob Merkel es 2017 nochmal in das Kanzleramt schafft, steht eines fest: Kanzlerschaft wird auf ewig mit diesem Satz verbunden bleiben – und derzeit wird keiner ihn mehr los: Merkel nicht, die dauernd danach gefragt wird und ihn erklären und rechtfertigen muss. Und der Rest der Deutschen auch nicht.

In diesem Satz kumuliert alles

Wie aber können wir uns von diesem Satz als Projektionsfläche für vielerlei Erregungszustände überhaupt befreien? Denn je störrischer ihn die Bundeskanzlerin wiederholt, desto hohler, manchmal auch vergifteter wirkt er, selbst wenn man die Politik von Angela Merkel stützt. In die wird ja auch schon allerlei projiziert, vom generellen Groll bis zur Systemkritik – in diesem Satz aber kumuliert alles.

Wobei seine Semantik ja unklar ist: Ist er eine Aufforderung? Ansporn? (Vermutlich) Oder eine Prognose? Und wer gegen diesen Satz (also Merkels Politik) ist – ist er dann für das Gegenteil ("Wir schaffen das nicht")? Und hätte Merkel das Gegenteil verkündet – wäre sie dann immer noch die Mutter der Nation? Man merkt schnell, in welche absurde Dialektik die Exegese mündet, was nur einen Schluss zulässt: Ob wir Merkel wirklich loswerden wollen, sollten wir uns gut überlegen – den Satz aber müssen wir loswerden. Bloß wie? 

Vermutlich werden wir ihn nur los, wenn wir ihn in zwei Teile teilen: Was wir schon geschafft haben, und was wir noch schaffen müssen – denn beide Fragen muss ohnehin jeder beantworten, egal ob er Merkels Politik positiv, offen, gleichgültig oder ablehnend gegenüber steht: Gut eine Millionen Flüchtlinge sind schon hier, 300.000 werden in diesem Jahr nochmal dazukommen – ganz ohne Selfies und "Welcome"-Spaliere. Und 200.000 würden kommen, gäbe es eine Obergrenze à la .

Merkel hat ihre Politik schon korrigiert

Dazu fünf Gedanken, wie wir es ohne "Wir schaffen das" schaffen können.

Erstens: Wer dagegen ist, hat zunächst ein taktisches Problem: Wenn er die AfD wählt, damit "Merkel weg" ist, bekommt keine Alternative – denn diese, das hat deren Vize Alexander Gauland gerade nochmal bestätigt, will gar nicht regieren, will also nichts ändern, weshalb sie streng genommen keine Alternative ist. Es geht also nur um den berühmten Denkzettel. Wenn Merkel allerdings abgewählt wird, was genau würde denn etwa eine Rot-Rot-Grüne Regierung machen? Keinen mehr reinlassen? Die , deren Vorsitzender nicht mal eine Supermarktfusion ordentlich geregelt bekommt, empfiehlt sich nicht gerade als Krisenmanager.

Zweitens: Wer gegen Merkels Willkommenspolitik ist, ist vor allem gegen eine Politik aus dem Geschichtsbuch. Mit dem " Wir schaffen das" bemühen wir ein Echo, diese Politik ist ja längst korrigiert. Die Kanzlerin hat zwar das Obergrenzenwort – gleichfalls störrisch –  immer noch nicht in den Mund genommen, aber in mehreren Sätzen ihre Willkommenspolitik relativiert und revidiert. Zudem ist die Balkan-Route geschlossen und der Deal mit der Türkei steht noch. Und wohl kein Politiker wird Zustände wie im vergangenen Herbst wieder zulassen, also beim Ansturm das Signal der offenen Grenzen senden, während die Bevölkerung in weiten Teilen einen unglaublichen Kontrollverlust und die tiefe Unruhe spürt, dass Recht und Gesetz nicht mehr gelten und Hunderte Kommunen und Landräte SOS funken.

Man könnte zu Gunsten der Kanzlerin sogar anführen: Sie hat den Deutschen diesen Zustand oder die eine Million einmal zugemutet, weil sie glaubte, es ihnen zumuten zu können – weil sie Zeit gewinnen musste, bis eben jene komplizierten Deals mit der Türkei oder die Asylpakete und das Integrationsgesetz standen. Würde sie ein "zweites Budapest" zulassen? Wer an die These glaubt, dass sie aus zutiefst christlich-humanistischen Werten handelt, könnte das bejahen. Aber: Merkel lässt sich ja genau aus dem Grunde von Erdogan vorführen, um das zweite Budapest zu verhindern. Das ist Realpolitik. Manche sind ja inzwischen gegen den Kotau in Ankara und gegen die Flüchtlingspolitik, was die Frage aufwirft, wie sie das Problem eigentlich lösen möchten. Nach der derzeitigen Lage jedenfalls ist der Streit um das "Wir schaffen das" unproduktives Schattenboxen.

Drittens: Wer sich nur an diesem Satz abarbeitet, verkennt und unterschlägt, dass unser Land im vergangenen Jahr eine logistische, organisatorische und vor allem menschliche Meisterleistung vollbracht hat. Ja, es gab große Probleme, Überforderung, panische Beschlagnahmung von Gebäuden, überfüllte Turnhallen, die Flüchtlingsvorhölle des Berliner Lageso – aber die Maschinerie der deutschen Verwaltung ist ins Laufen gekommen. Immerhin schafft das Bundesamt für Migration 700.000 Asylanträge zu bearbeiten – nicht ausreichend, aber im Jahr zuvor waren es nur 50.000 im Quartal. Nicht zu vergessen die unsichtbaren Armeen der Helfer und Ehrenamtlichen, die immer noch im Einsatz sind. Anders gesagt: Wer vor einem Jahr ins Koma gefallen wäre und nun aufwachen und fragen würde: "Ist was passiert?" Und man würde ihm, bei einem Spaziergang durch Hamburg, Landshut oder Heidelberg sagen: "Deutschland hat einer Million Menschen Schutz gewährt" – zu welchem Schluss würde er kommen? Würde er in Panik verfallen?

Viertens: Die wichtigste Arbeit liegt vor uns – und sie läge auch ohne Selfies und "Wir schaffen das" vor uns. Vielleicht nicht so groß in Zahlen, in anderer Dimension, aber sie wäre da. Das Gute ist: Deutschland ist realistischer geworden, nüchterner, bei aller Wir-schaffen-das-Aufregung. Naiv waren jene, die den unkontrollierten Massenzuzug nach Deutschland einfach nur als "Jahrhundertchance" feierten, als würden nur syrische Ärzte kommen. Selbst wer Merkels Flüchtlingspolitik gutheißt und verteidigt, und dafür gibt es gute Argumente, kann nicht umhinkommen, dass sie einwanderungspolitisch eine Katastrophe ist. Weil Einwanderungspolitik einem ganz anderen Paradigma folgt: Sie steuert, wählt aus, begrenzt, definiert Eigeninteressen, die erstmal nichts mit Mitmenschlichkeit zu tun haben. Hier müssen und dürfen wir weiterhin schonungslos sein, die Zahlen sprechen ja für sich: Die große Mehrheit der Flüchtlinge wird auf dem deutschen Arbeitsmarkt keine Chance haben. Laut Schätzung von Frank-Jürgen Weise, Deutschlands oberstem Flüchtlingskoordinator, ist nur jeder Zehnte gut qualifiziert, hat also einen Abschluss und Deutschkenntnisse. 30 bis 40 Prozent haben zumindest eine realistische Chance auf eine Ausbildung. Zwei Drittel, und das sind einige Hunderttausend Menschen, haben eine sehr schwere Zukunft vor sich. Das wird der Kern dessen sein, was Deutschland schaffen muss – und das darf uns zu Recht Sorgen machen. Das wird viel Zeit, Geld und Nerven kosten und vermutlich wäre es besser, wenn viele dieser Menschen nicht über Jahre in dieser Hoffnungslosigkeit hier leben.

Fünftens: Ja, das Land hat sich verändert. Aber nicht so schlimm, wie manche es darstellen. Es gibt tektonische Verschiebungen in der Parteienlandschaft, die CDU stürzt ab wie einst die SPD zu Agenda 2010-Zeiten. Ob dieser Absturz die Partei nachhaltig beschädigt, ist nicht ausgemacht. In den Umfragen hat sie immer noch 33 bis 34 Prozent. Es ist schon atemberaubend, wie eine Partei, die 2013 noch kurz vor der absoluten Mehrheit stand, deren Chefin als ewige Garantin für die Macht galt, während die Deutschen sie wählten, weil sie "Mutti" kannten und diese keine Zumutungen versprach – wie schnell also sich alles auf eine falsche Entscheidung Angela Merkels von vor einem Jahr einschießt, als sei sie die Urkatastrophe der jüngeren deutschen Geschichte.

Horst Seehofer fordert wieder mal eine Kurskorrektur in der Flüchtlingsfrage: Obergrenzen für Flüchtlinge, schnellere Rückführungen und die Ausweitung der Zahl sicherer Herkunftsländer. Die Rückführungen scheitern derzeit aber nicht an der Kanzlerin, sondern weil Deutschland, wie es im Kanzleramt einmal seufzend hieß, "das Abschieben verlernt hat". Wir haben jahrelang nicht konsequent abgeschoben, und bekommen es nun logistisch, psychologisch und auch juristisch nicht hin, in den Dimensionen abzuschieben. Auch die Ausweitung der Herkunftsländer scheitert nicht an Merkel, sondern im Bundesrat – wo die Grünen das Ganze verhindert haben.

Angela Merkels großer Fehler ist, dass sie in dieser Gemengelage nur ein Signal aussendet, was sich in dem einen Satz manifestiert – was zu keiner Botschaft mehr führt, die Hoffnung oder Besserung vermittelt. Die Lage ist nicht mehr vergleichbar mit der im Dezember oder Januar: Deutschland schafft es ja derzeit, die ankommenden Flüchtlinge geordnet und kontrolliert aufzunehmen und die fehlende Kontrolle war es ja, die die meisten störte – obwohl also die Lage besser ist als das Gefühl, scheint das Gefühl irgendwie zwischen Heidenau und Köln steckengeblieben zu sein. Und Fakten sind gegen Gefühle machtlos.

"Ich kann nicht mehr über das Thema reden", sagte mir unlängst ein junger Unternehmer, "Ich muss jetzt ins Machen kommen." Er verließ den Tisch, an dem mal wieder, wie an so vielen Abenden über "Wir schaffen das" gestritten wurde – und startete ein Projekt für Flüchtlinge. Das muss nicht jeder tun. Aber er kann die Krise konkret machen und schauen, was in seinem Alltag und Umfeld wirklich los ist.


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