User Image User
User Image User

Sekt statt chatten: Warum wir alle weniger aufs Smartphone starren sollten

Wer ständig aufs Smartphone schaut, erlebt nicht genug

Wir schauen alle zuviel auf das Smartphone, findet Laura Karasek. Dabei gibt es doch andere Süchte, die viel mehr Spaß machen.

Ich bin süchtig. Und wer ist es heute eigentlich nicht? Manche machen aus Sport eine Sucht, aus Verzicht, aus Pflegeprodukten, aus dem Internet oder eben aus dem Handy.

Ja, dieses verfluchte - das man viel zu oft für gar nicht so smarte Dinge in die Hand nimmt. Chatten, Emoticons, Fotobearbeitungsprogramme, Candy Crush… Ich bin häufiger auf Instagram als auf der Tagesschau-Seite. Und ich lese mehr Chats als Bücher.

Früher konnten wir noch Gedichte auswendig, heute wird selbst der eigene Straßenname gegoogelt. Wie hieß das , in dem ich gestern war? Wie heißt unser Bürgermeister? Die Produkte, die ich regelmäßig kaufe, haben Amazon oder Rewe für mich im Abonnement gespeichert. Einen Falk-Plan muss ich schon lange nicht mehr lesen, geschweige denn auf- oder gar zusammenfalten. Es gibt für alles ein Navigationssystem - außer für das eigene Leben.

Abhängigkeit (umgangssprachlich Sucht) bezeichnet das unabweisbare Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Diesem Verlangen werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung einer Persönlichkeit und zerstört die sozialen Bindungen und die sozialen Chancen eines Individuums.

Warum denken, wenn man ein Navi hat?

Inzwischen verfahren wir uns ja schon auf dem eigenen Nachhauseweg. Oder wie eine Frau aus Belgien, die 2013 eigentlich nur in die 90 Kilometer weit entfernte Hauptstadt Brüssel fahren wollte, um dort einen Freund am Bahnhof abzuholen. Stattdessen folgte sie ihrem Navi 1300 Kilometer bedingungslos bis ins kroatische Zagreb. Sie war mehr als einen Tag unterwegs und durchquerte bei ihrer Irrfahrt Frankreich, Deutschland und Österreich. Stutzig wurde sie trotz der fremden Straßenschilder nicht, sondern setzte unbeeindruckt ihre Reise fort. 

Auf ihrer Odyssee durch Europa soll die alte Dame zweimal getankt und ein kurzes Nickerchen am Straßenrand gehalten haben. "Plötzlich war ich in Zagreb und erst dann bemerkte ich, dass ich nicht mehr in war." Ihr Sohn hatte inzwischen eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Später gab die Frau der Polizei als Erklärung lediglich an, sie sei abgelenkt gewesen. Vermutlich vom Smartphone!

Beim Glücksrad gab's kein Smartphone

Nein, man muss sich nichts mehr merken. Alles ist im Netz gespeichert und auffindbar. Aber war Else2207 jetzt mein Amazon-Passwort, der Geburtstag meiner Tante oder mein "Miles and More"-Pin? Wie viele Paybackpunkte, Super-Sticker-Sternchen, Bonusbommel und Kletten-Kunden-Kleber muss ich sammeln, bis ich endlich das Messerset beisammen habe? Ich Treuetrottel! Und wozu überhaupt Messer, wenn ich mein Essen doch über Lieferando bestellen kann?! Da nehm' ich lieber 100 GB Surfvolumen gratis! Für noch "mehr Freiheit" und noch weniger Gedächtnis… Früher, als ich klein war, gab es bei Glücksrad noch ein Kofferset oder Teeservice zu gewinnen! Welch bescheidene Zeiten.

Tee wird inzwischen automatisch gekocht, per App von unterwegs steuerbar. Wir können die Temperatur unserer Ferienwohnung auf Ibiza von Frankfurt aus regeln, wir können vom Büro aus eine Badewanne zuhause einlassen, wir können mit unserer Lichtanlage sprechen. Aber sollten wir nicht manchmal lieber miteinander sprechen? Dann wäre das Gehirn nicht so gedimmt und wir würden uns nicht zuhause aussperren, sobald die Batterie unseres iPads leer ist. Wir stehen vor verschlossenen Türen, wenn die Technik versagt.

Stasi im Eigenbau

Ich will gar nicht jammern - ich liebe den Fortschritt und ich nutze die Technik, soweit ich sie irgendwie beherrschen kann. Aber inzwischen kann man nicht mal mehr manuell ein Fenster öffnen oder einen Fahrstuhl bedienen.

Alles wird überprüfbar. Wir versenden Fotos von unserer Joggingstrecke, wir schicken Standorte und Statusmeldungen, Updates. Und manchmal sendet eine verheiratete Frau sogar ein Foto an ihren Mann aus dem einsamen Hotelzimmer, auf dem dummerweise die Herrenschuhe des Liebhabers oder sein Koffer im Hintergrund stehen. Selfie mit Duckface und Duckphase. Die Dame wird sich zuhause wohl eher ducken müssen oder gar nicht mehr blicken lassen. Man sollte eben nicht nur sich selbst im Spiegel betrachten.

Irgendwo muss das Dopamin ja herkommen

Ja, die Sucht und die Sehnsucht sind gefährlich. Das Handy hat schon so manch einen Spielkameraden überführt. Mich stört vor allem, dass ich manchmal den Moment versäume, den Augenblick lieber mit der Handykamera festhalte, statt ihn zu genießen. Wie oft haben mir doofe SMS schon die Laune verdorben? Wie häufig hat eine E-Mail mich abgelenkt von meinen Kindern?

Ja, beim Chatten wird das Glückshormon Dopamin ausgeschüttet, derselbe Stoff, der durch Rauchen und Saufen verstärkt wirkt. Nur hat man nach einem Rauschabend meist eine tolle Anekdote zu erzählen oder jedenfalls Begegnungen gehabt, etwas erlebt - nach einem Chat-Abend eher nicht… Deswegen nehme ich mir fest vor, das Dopamin lieber anderswo zu holen als über das Handy. In dubio Prosecco.

Wissenscommunity