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Privatpatienten stöhnen über explodierende Beiträge - ist das System am Ende?

Die Private Krankenversicherung stand früher für Vorzugsbehandlung - heute fühlen sich viele Versicherte im System gefangen

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Hoffentlich nicht privat versichert. 2017 steigen die Prämien wie noch nie. Viele Kunden sind verzweifelt. Kann das System noch lange durchhalten?

Der Brief kam im November. Absender war die Debeka, einer der größten Krankenversicherer des Landes. "... steigen die Beiträge im kommenden Jahr leider an", stand da. Jens David las nicht weiter. Er sah nur Zahlen. 527 Euro soll er künftig zahlen. Jeden Monat. 527 statt wie bisher 444. "Eine Katastrophe", sagt er. Jens David ist Privatpatient. Bei diesem Wort denken die meisten an Vorzugsbehandlung im Krankenhaus, an Facharzttermine ohne Wartezeit, an Privilegien von Besserverdienern. Jens David denkt vor allem an steigende Prämien.

Er ist jetzt 53, seit 16 Jahren privat versichert – und seitdem wird es immer teurer. Dieses Mal verlangt sein Versicherer fast 20 Prozent Aufschlag. Wie soll das erst werden, wenn er 65 ist oder 75? Jens David ist einer aus dem Heer der Selbstständigen, er lebt in Cottbus und schult Angestellte, zeigt ihnen, wie sie mit Tabellen kalkulieren oder Mails schreiben. Ein Besserverdiener ist er nicht. Wie lange wird er sich noch eine Krankenversicherung leisten können?

Diese Frage stellen sich viele der 8,8 Millionen Privatversicherten in Deutschland. Etwa zwei Drittel von ihnen bekommen in diesen Tagen unangenehme Post. Um zehn bis zwölf Prozent sollen die Prämien zum Jahreswechsel durchschnittlich zulegen, kündigten die Versicherer an. Verbraucherschützer gehen von kräftigeren Zuschlägen aus – so wie bei Jens David. Elke Weidenbach von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen sagt: "Es wird viele Ausreißer nach oben geben."

Größte Beitragserhöhungswelle aller Zeiten

Noch nie sind die Beiträge im Durchschnitt so stark gestiegen. Noch nie waren so viele Versicherte zeitgleich betroffen. Und noch nie gab es so massive Erhöhungen wenige Monate vor einer Bundestagswahl. Kein Wunder, dass plötzlich sehr grundsätzliche Fragen gestellt werden. Droht Hunderttausenden Versicherten die Altersarmut? Und was ist mit den Anbietern? Wie lange halten sie noch durch? Müssen am Ende die Kassenpatienten für ein gescheitertes System zahlen? "Ich glaube, dass die private Krankenvollversicherung in ihrer heutigen Form in fünf bis zehn Jahren nicht mehr existiert", sagt Axel Kleinlein, Vorstandsvorsitzender des Bundes der Versicherten.

Ausgerechnet zu Beginn des Wahljahres 2017 rückt die Zukunft der privaten Krankenversicherung auf die Agenda. Es könnte eines der großen Themen des neuen Jahres werden. SPD, Linke und Grüne wollen mit der Idee einer Bürgerversicherung in den Wahlkampf ziehen – gleiche Beitragssätze für alle. Die Gesetzliche und die Private sollen zusammenwachsen. Sogar in der Union liebäugeln einige mit der Idee. "Man wird diese Systeme zusammenführen müssen", sagt etwa der CDU-Gesundheitspolitiker Michael Hennrich. Es wäre eine Revolution. Der jahrzehntelange Kampf, private gegen gesetzliche Kassen, Allianz gegen AOK, Eigennutz gegen Gemeinnutz, Vorzugsbehandlung gegen gleiches Recht für alle, wäre entschieden.

Reinhard Simon wäre nicht traurig. Vielleicht könnte er sich dann bezahlbar versichern. Simon betreibt mit seiner Partnerin ein Fotostudio in Frankfurt. Auch ihn plagen die Prämien. Ständig seien sie gestiegen, sagt er, manchmal um fünf bis zehn Prozent, manchmal um 27 Prozent. 190 Euro mehr im Monat verlangte die Central einmal.

Um weniger zu zahlen, wechselte er den Tarif, verzichtete auf mögliche Leistungen wie Psychotherapie bei Depressionen. Dennoch zahlt er heute 632 Euro im Monat. Und dabei werde es wohl nicht bleiben, fürchtet er. Neulich hat er darum an die Central geschrieben. Er erwartet im Ruhestand 630 Euro Rente. Wie er davon die Krankenversicherung zahlen solle, wollte er wissen. Die Antwort war unbefriedigend. "Ich hoffe auf einen Lottogewinn" , sagt er, "sonst fressen mich die Prämien auf."

Die Gründe für die Zuschläge

Die meisten Menschen in Deutschland sind in gesetzlichen Krankenkassen wie AOK, Techniker oder Barmer versichert. Ihre Beiträge richten sich nach ihrem Einkommen. Mit diesem Geld werden die laufenden Ausgaben finanziert. Kinder und Ehepartner ohne Einkünfte sind beitragsfrei. In der privaten Versicherung dagegen zahlt jeder eine individuelle Prämie. Die richtet sich nach Alter, persönlichem Krankheitsrisiko und den vereinbarten Leistungen; Kunden sind vor allem Angestellte mit Einkommen über 4800 Euro monatlich sowie Selbstständige und Beamte. Die Staatsdiener profitieren von einem Beihilfesystem und müssen nur einen Teil der Kosten privat abdecken.

Die Konzerne nennen in ihren Briefen nun vor allem zwei Gründe für die Prämienzuschläge. Zum einen seien die Kosten für Behandlungen und Medikamente deutlich gestiegen, der medizinische Fortschritt müsse bezahlt werden. Zum anderen müssten sie schrumpfende Zinserträge ausgleichen. Die Versicherer sparen nämlich einen Teil der Prämien für das Alter, wenn die Leute häufiger zum Arzt gehen. Knapp 220 Milliarden Euro solcher Alterungsrückstellungen haben sie am Finanzmarkt angelegt. Wegen der niedrigen Zinsen verdienen sie aber immer weniger – und bitten daher ihre Kunden zur Kasse.

Verschärft wird die Lage dadurch, dass es an Nachwuchs an jungen, gesunden Kunden mangelt. Der Staat stellt weniger Beamte ein. Und auch Selbstständige und Besserverdiener binden sich seltener an die Privaten. Seit 2012 ist die Zahl der Vollversicherten um etwa 200.000 gesunken. Zugleich nähern sich die geburtenstarken Jahrgänge der Rente, sie sitzen öfter in den Arztpraxen, schlucken mehr Pillen. Wenn die steigenden Ausgaben dafür immer weniger Versicherte tragen, muss zwangsläufig deren Prämie steigen. Vor allem im Alter kann das für viele zum Problem werden. "Die Gesundheitskosten entwickeln sich oft stärker, als die Versicherer erwarten. Da sind manche Tarife sehr knapp kalkuliert", sagt Verbraucherschützerin Weidenbach.

Früher durften Privatversicherte im Alter zur AOK oder einer anderen gesetzlichen Krankenkasse wechseln. Seit dem Jahr 2000 ist dieser Rückweg jedoch versperrt. Dass Privatpatienten in jungen Jahren bevorzugt behandelt würden und im Alter das Solidarsystem ausnutzten, erschien der damaligen rot-grünen Regierung ungerecht. Wer älter als 55 ist, bleibt seitdem an die Privaten gefesselt – bis zum Tod. Und auch wer jünger ist, kann nur unter besonderen Voraussetzungen raus – etwa bei Arbeitslosigkeit oder Reduzierung auf Teilzeit.

Den Konzernen schafft das zusätzliche Probleme. Wenn früher Kunden kündigten, hinterließen sie ihre Alterungsrückstellungen; die Versicherer strichen die Gelder ein und dämpften Beitragssprünge für die Übriggebliebenen ab. Diese Mittel fehlen nun.

In Cottbus starrt Jens David auf ein Blatt mit Zahlen: die Prämien der vergangenen 16 Jahre, permanent gestiegen von 296,84 Euro bis 527,38 Euro. Er will sparen und sucht mal wieder einen neuen Tarif. Viermal hat er bereits den Versicherer gewechselt, doch das half wenig. Bei einem Wechsel verliert er die angesparten Rückstellungen, das wirkt sich auf die neuen Prämien aus. Von einem Makler fühlte er sich besonders geneppt: "Der günstige Tarif, den er vermittelte, war nach vier Monaten um 30 Euro teurer."

Diesmal setzt er auf einen Tarifwechsel innerhalb seiner Kasse – da blieben die Alterungsrückstellungen erhalten – und auf die Dienste externer Spezialisten. Natürlich könnte er sich an seinen Versicherer direkt wenden, aber im Interesse der Kassen ist so ein Tarifwechsel nicht. Sie verlieren ja Geld. Also schrecken manche ihre Kunden ab, verschicken komplizierte, schwer verständliche Angebote und Berechnungen. Berater wie Minerva Kundenrechte, Widge oder Beitragsoptimierung24 versprechen Hilfe. Natürlich nicht umsonst: Als Honorar kassiert zum Beispiel Minerva die Hälfte der jährlichen Ersparnis. Geschäftsführer Nicola Ferrarese geht davon aus, dass viele Kunden wechseln könnten, ohne groß auf Leistungen verzichten zu müssen. Die meisten Unternehmen haben eine hohe Zahl von Tarifen im Angebot, von denen sie nur wenige bewerben, nämlich die mit jüngerer Klientel. In den anderen Tarifen ohne Nachwuchs steigen die Prämien deswegen so stark an, weil die Kunden gemeinsam älter und kränker werden. Etwa 60 Prozent der Privatversicherten steckten in "schlecht gemischten Tarifen mit vielen Kranken", schätzt Ferrarese.

Tarifoptimierer sind nicht unumstritten. Verbraucherschützer kritisieren, dass manche nur scheinbar helfen, um Honorare einzustreichen. Ihre Berechnungen führten zwar dazu, dass der Kunde monatlich weniger Beitrag entrichte, aber wegen einer damit oft verbundenen höheren Selbstbeteiligung an den Behandlungskosten unter Umständen übers Jahr mehr zahlen müsse. Nicola Ferrarese widerspricht. Er verweist auf das Verbraucherportal Finanztip, das die Branche durchleuchtet hat und seine Firma empfiehlt.

Alles nur Einzelfälle?

Der Verband der Privaten Krankenversicherung hält solche externen Vermittler für überflüssig. In einer Selbstverpflichtung hätten 25 Unternehmen versprochen, transparenter über Wechselmöglichkeiten zu informieren. Ohnehin hätten die Versicherer aus der Vergangenheit gelernt, sagt Verbandsdirektor Volker Leienbach: "Die Branche hat den internen Tarifwechsel verbessert." Seit 2007 würden Ausgaben und Prämien in ähnlichem Maße steigen wie bei den gesetzlichen Kassen. Dass bei manchen Kunden die Beiträge schlagartig um 20, 30 Prozent klettern, nennt er Einzelfälle. Die Prämien dürften außerdem nur im Nachhinein an die gestiegenen Ausgaben angepasst werden, so könne es "zu Sprüngen kommen". Dennoch, sagt Leienbach, seien "Privatversicherte überdurchschnittlich zufrieden".

Überdurchschnittlich zufrieden? Da lacht Cristiane Regensburger nur laut. Zum Jahreswechsel bekam auch die 79-Jährige eine kräftige Prämienerhöhung. Und mit der Allianz streite sie fast nur noch. Mal gab es Ärger um eine Beinschiene, mal um die Taxifahrt nach einer Knie-OP ("Da ging es um 30 Euro"). Die Rechnung für einen Heilpraktiker beglich die Versicherung erst, nachdem die Rentnerin einen Anwalt eingeschaltet hatte: "Es ist unendlich mühsam. Ständig muss man kämpfen."

Dass die Unternehmen knausern, hat Gründe. Lange Zeit erstatteten sie fast jede Forderung von Ärzten und Kliniken. Das war gut fürs Image. Doch jetzt lassen sich die Kostensteigerungen nicht mehr so einfach verkraften. Seit einigen Jahren wird jede eingereichte Rechnung intensiver kontrolliert. Viele Kunden sehen sich so doppelt getroffen – von Kostenbegrenzung und Prämienschock.

Wer sich mit dem früheren Unternehmer Jürgen Kunze unterhält, hört einen Frontbericht aus einem Stellungskrieg. Briefe gehen hin und her, die Korrespondenz mit der Axa füllt Aktenordner. Mal geht es um Massagen für das Knie des 72-Jährigen, mal um eine Laserbehandlung gegen eine Pilzerkrankung. Kürzlich reichte er Rechnungen von 2500 Euro ein, nur 522 wollte der Konzern zunächst erstatten. 2016 stieg Kunzes Monatsbeitrag bereits um 116 Euro auf 876, von Januar an soll er nun 973 Euro überweisen. Dabei zahlt er pro Jahr schon bis zu 1300 Euro als Selbstbehalt, das heißt, er zahlt bis zu diesem Betrag die Rechnungen aus eigener Tasche.

Allerdings: Die einzelnen Versicherer behandeln ihre Kunden sehr unterschiedlich. Axa gilt manchmal als sperrig, Debeka oder HUK als kulanter. Das zeigen Branchentests und Statistiken der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht. Doch solche Vergleiche helfen Jürgen Kunze wenig, verlassen kann er die Axa nicht. Tausende Euros an gesparter Alterungsrückstellung wären verloren. Er ist gefangen.

Für in Not geratene Privatversicherte gibt es Auffanglösungen innerhalb des Systems: den Standard- oder den Basistarif. Die Prämie darf nicht höher sein als der Höchstbeitrag in einer gesetzlichen Kasse, und entsprechend beschränkt sind die Leistungen. Immer wieder weigern sich jedoch Ärzte, solche Versicherten überhaupt zu behandeln. Entsprechend gering ist die Zahl der Kunden dieser Tarife: nur rund 75.000. In den nächsten Jahren könnten es aber deutlich mehr werden. So wie Jürgen Kunze würden viele jedoch am liebsten zurück in die gesetzliche Kasse.

Ausgeschlossen ist das nicht. Der Druck auf Politiker, etwas zu ändern, wird wachsen, befeuert durch die Prämiensteigerungen. Nur was gibt es dann? Die Bürgerversicherung? Was geschähe mit den bisherigen Privatpatienten? Wer erhielte die angesparten knapp 220 Milliarden Euro Rückstellungen? Der Chef des AOK-Bundesverbands Martin Litsch meldet bereits Ansprüche an: "Sollten wir künftig ältere Privatversicherte betreuen, ist das nicht umsonst. Von den Rückstellungen wollen wir etwas sehen." Die Forderung des Kassenchefs wäre nur eine von vielen Hürden auf dem Weg zu einer Reform. Bislang stützten sich die Privatversicherer auf mächtige Verbündete, die jeden Ansatz von Wandel verhinderten. Da sind die Ärzte, die wollen die hohen Honorare der Privatpatienten nicht missen. Oder die Beamten, die klammern sich an ihre privilegierte Versorgung. Doch die Probleme werden drängender: anhaltende Niedrigzinsen, steigende Gesundheitskosten, wachsende Altersarmut.

Gesundheit wird nicht billiger

Karl Lauterbach, Gesundheitsexperte der SPD, setzt auf die nächste Bundestagswahl und eine rot-rot-grüne Koalition. "Natürlich denken wir auch über eine Wechselmöglichkeit für ältere Privatversicherte nach."

Lauterbach erwartet, dass das Gesundheitswesen insgesamt bald mit Dutzenden Milliarden zusätzlich belastet wird, etwa durch neue Krebstherapien, die bis zu 150.000 Euro kosten könnten. Wie kann Spitzenmedizin da künftig überhaupt finanziert werden – und wird davon jedermann profitieren? "Diese Probleme werden wir nur mit einer Bürgerversicherung lösen können", sagt Lauterbach.

Bis dahin will Jens David nicht warten. Er plant seine eigene Reform. Er ist 53, hat noch zwei Jahre, um in die gesetzliche Kasse zurückzukehren. Mehrere Ideen hat er durchgespielt. Am besten wäre es, die Selbstständigkeit aufzugeben und sich fest anstellen zu lassen. Jetzt muss er nur noch den richtigen Arbeitgeber finden.

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