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Eltern haften für ihre Kinder - aber längst nicht immer

Haftung: Eltern haften für Kinder - aber nicht immer

Von:

Ingrid Eißele

Machen Kinder etwas kaputt, müssen häufig die Eltern für diese Schäden aufkommen. Doch das gilt nicht immer. 

Von der berühmten Hochfirstschanze hebt Jahr für Jahr die Elite der deutschen Wintersportler ab. „Schwarzwald-Adler“ nennen sich die Größen der Region, unter ihnen Legenden wie Martin Schmitt und Sven Hannawald. Unterhalb der Schanze, im badischen Städtchen Titisee-Neustadt, wollte Anfang Januar auch ein Nachwuchsathlet zeigen, was er kann. Mit Karacho preschte der Vierjährige auf einem Bobschlitten den Hang hinter seinem Elternhaus hinab. Es hätte ein großer Spaß sein können – wenn der Junge es geschafft hätte, rechtzeitig zu bremsen. So aber brach er mit Schwung durch eine doppelt verglaste Terrassentür. Der Schlitten, so die Polizei, „kam erst im Wohnzimmer vor dem Sofa zum Stehen“.

Wer zahlt den Schaden?

Dass der kleine Bobfahrer unverletzt blieb, erschien nicht nur der Hausbesitzerin wie ein Wunder. Sie alarmierte die Ordnungshüter. Denn obschon dem Jungen nichts passiert war, galt es, wichtige Fragen zu klären. Wer sind die Eltern des Vierjährigen? Und: Wer zahlt den Schaden?

Letzteres ist eine diffizile Angelegenheit. Denn Kinder unter sieben Jahren gelten juristisch als „nicht deliktfähig“. Wenn sie etwas anstellen, können sie nicht dafür belangt werden. Und ihre Eltern haften nur unter ganz bestimmten Bedingungen – auch wenn viele Warnschilder das Gegenteil behaupten. Die Folge: „Es kann passieren, dass der Geschädigte auf den Kosten sitzen bleibt“ , sagt Versicherungsmakler Frank Lasch aus Offenburg.

Anders als bei Erwachsenen ist eine einfache Privathaftpflichtversicherung bei Schäden durch Kinder für die Geschädigten nicht unbedingt die Lösung des Problems. Denn wenn Eltern Stein und Bein schwören, dass sie aufgepasst haben, muss ihr Versicherer den Schaden nicht übernehmen. Räumen die Eltern hingegen zähneknirschend ein, in eine spannende TV-Serie vertieft gewesen zu sein, als der Nachwuchs mit einem rostigen Nagel den Autolack des Nachbarn verzierte, hat der Glück: In seinem Fall wird die Versicherung einspringen.

Die Logik dahinter: Wenn Eltern alles richtig gemacht haben, trifft weder sie noch das Kind eine Schuld. Ihre Versicherung zahlt nicht, und sie selbst müssen es auch nicht.

Privathaftpflicht: Erweiterte Versicherungsverträge schützen

Da die Geschädigten aber häufig Nachbarn oder Freunde sind, drohen im Schadensfall peinliche Konflikte. Erweiterte Versicherungsverträge lassen die erst gar nicht entstehen. Diese Familien-Policen für „nicht deliktfähige Kinder“ kommen auch dann für alle Schäden auf, wenn Mütter und Väter ihrer Verantwortung vollends gerecht geworden sind.

Allerdings: Fünfzehn Prozent der Haushalte haben weder so eine spezielle Privathaftpflichtversicherung noch irgendeine andere, besonders oft fehlt sie in ärmeren Familien. Vier von zehn Arbeitslose haben keine private Haftpflicht - obwohl der Schutz für weniger als 100 Euro pro Jahr zu haben ist und gewaltige Risiken absichert. Relativ glimpflich kam etwa eine Mutter von zwei Kleinkindern aus Wittenberge bei Berlin davon. Der Dreijährige und der Fünfjährigen setzten mit einem Feuerzeug den Teppich im Kinderzimmer in Brand, während sie nebenan schlief. Das Haus musste evakuiert werden, die Renovierung kostete 20.000 Euro. Aber gerade bei Bränden oder Unfällen können auch Millionen zusammenkommen. "In solchen Fällen", sagt Peter Grieble, Versicherungsexperte der Stuttgarter Verbraucherzentrale, "wird es extrem problematisch."

Für Eltern kleiner Kinder, die nicht versichert sind, kehrt sich die Beweispflicht um. Sie müssen belegen, dass sie ihre Aufsichtspflicht nicht verletzt haben – andernfalls haben sie für den Schaden einzustehen.

Kinder kann man nicht lückenlos kontrollieren

Wobei Aufsichtspflicht nicht heißt, dass ein Kind lückenlos kontrolliert werden müsste. Auch ein Vierjähriger dürfe eine Zeit lang ohne Aufsicht spielen, sagt Peter Grieble, „man kann ihn schließlich nicht in Ketten legen“. Das bekräftigte der Bundesgerichtshof mit mehreren Entscheidungen. Eltern, so die Richter, müssten ihre Kinder eindringlich über Gefahren aufklären, beispielsweise über die Risiken von Feuer. Bei Kindern ab fünf Jahren sei aber keineswegs mehr eine „Überwachung auf Schritt und Tritt“ nötig. Alle 15 bis 30 Minuten nach ihnen zu schauen reiche aus – je nach Alter, Charakter und Entwicklungsstand des Kinds.
Im Fall des Bobfahrers aus Titisee-Neustadt müssen all diese Fragen noch zivilrechtlich geklärt werden. Laut Polizei geht es immerhin um „mehrere Hundert Euro“.

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