Smartphone-Markt

Ein Jahr iPhone X - wie Apple mal wieder die ganze Branche vor sich herjagte

In der Auslassung am oberen Rand des iPhone-X-Bildschirms verstecken sich die Sensoren für Face ID, die Frontkamera, Lautsprecher und Mikrofon sowie weitere Sensoren.
Foto: Christoph Fröhlich/stern.de
11. September 2018
Von: Malte Mansholt
Mit dem iPhone brachte Apple dem Smartphone den Durchbruch. Vor einem Jahr wollte man es mit dem iPhone X neu erfinden. Das sorgte für jede Menge Spott der Konkurrenz - und für noch mehr Nachahmer.
Schon als die ersten Leaks des iPhone X auftauchten, war klar: Hier ist etwas Neues zu sehen. Dafür sorgte vor allem die markante Aussparung am oberen Rand des Displays, von den Fans schnell "Notch" getauft. Als Tim Cook dann das iPhone X auf der Bühne vorstellte, sorgte die Aussparung noch für jede Menge Spott. Samsung widmete dem Thema gleich ganze Werbespots. Ein Jahr danach zeigt sich: Die Einkerbung ist rasant zum Must-Have der Smartphone-Welt geworden. Apple hatte den Look des Smartphones noch einmal neu erfunden.
Wie einst das markante Design des iPhones mit seinem runden Homebutton machte auch die Notch das iPhone X sofort als Apples neuesten Streich erkennbar. Dabei handelt es sich eigentlich um einen Kompromiss: Will man ein Smartphone mit möglichst kleinem Rand bauen, muss man irgendwann Kompromisse eingehen. Schließlich müssen die Frontkamera und der Ohrhörer irgendwie unterkommen. In Apples Fall kamen noch eine ganze Reihe zusätzliche Sensoren für die Gesichtserkennung Face ID hinzu. Samsung wählte beim Galaxy S8, dem ersten Smartphone mit nahezu randlosem Display, einen kleinen Randstreifen oben und unten. Apple entschied sich für die Notch - und setzte damit den Smartphone-Trend dieses Jahres.
Das Essential Phone hatte die Notch noch vor dem iPhone X.
© Essential
 
Das Motorola P30 (links) sieht dem iPhone X zum Verwechseln ähnlich
© Hersteller
 
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2018 - das Jahr der Notch

Weniger als ein Jahr nach der Vorstellung des iPhone X haben nahezu alle Spitzensmartphones und auch viele Mittelklasse- und Einsteigergeräte die markante Einkerbung am oberen Rand. Und die, die keine haben - etwa von Samsung, Sony oder HTC - haben damit zu kämpfen, dass ihr Design im Vergleich etwas altbacken aussieht. Apple ist es also wieder einmal gelungen, unser Bild einer Geräteklasse zu prägen.
Dabei war der iPhone-Konzern wie so oft gar nicht der erste mit der Idee. Das in der Tech-Branche viel beachtete Essential Phone erschien bereits einige Monate vorher, hatte statt der breiten Notch des iPhones aber nur einen kleinen Streifen für die Kamera. Der Unterschied: Während es beim Essential Phone so wirkt, als wollte man den Streifen verstecken, wird die Aussparung mit der breiten iPhone-Notch geradezu zelebriert. Tatsächlich ziert auch das Symbolbild für das iPhone im Betriebssystem iOS gut sichtbar eine Notch - so, wie es vorher den Homebutton zeigte. Apple machte aus dem Makel ein Erkennungsmerkmal. 
Wie der Homebutton bei älteren iPhones (rechts) dient die Notch beim iPhone X auch bei Apples stilisierten Symbolbildern als klares Erkennungsmerkmal
© Apple / Hersteller
 

Vom Makel zum Markenzeichen

Und die Konkurrenz übernahm es begierig. Seit Anfang des Jahres baut nahezu jeder Hersteller mindestens ein Gerät mit dem neuen Look. Schaut man sich die Konkurrenten genauer an, zeigt sich aber, dass Notch nicht gleich Notch ist. Die Einkerbung wirkt bei vielen Herstellern wenig durchdacht. Oft ist sie unproportional, bei vielen bringt sie gar kein wirklich randloses Display, sondern wird von einem Rand um unteren Displayende begleitet. Gerade bei den ersten Modellen Anfang des Jahres konnte man zudem sehen, dass es nur darum geht, den Look des iPhones zu kopieren. Das von nahezu allen Herstellern außer Apple benutzte System Android war anfangs gar nicht auf eine Notch ausgelegt. Dadurch verschwanden wichtige Informationen hinter der Aussparung. Das Display wurde also durch den verschobenen Rand nicht größer, sondern blieb teilweise versteckt.
Mittlerweile haben Firmen wie Huawei gezeigt, dass auch auf Android-Smartphones ein schickes Design und eine Notch vereinbar sind. Das Huawei P20 hat etwa eine kleine Aussparung, die aber keine Informationen verdeckt. Andere Konkurrenten aus China sind noch weiter. Oppo bietet etwa beim F9 eine minimale Notch, das Find X kommt sogar trotz minimalem Displayrand ganz ohne die Aussparung aus - und klappt Kamera und Ohrhörer mechanisch nach oben aus, wenn sie benötigt werden. Die Innovationen haben allerdings alle eines gemeinsam: Sie sind eine Abgrenzung zu Apples Ansatz. Und damit immer noch eine Reaktion auf das iPhone X.

Die Notch bleibt

Zunächst dürfte uns die Notch aber wohl erhalten bleiben. Wenn morgen Apple seine neuen iPhones zeigt, werden auch die mit einer Notch kommen. Darauf deuten sämtliche Gerüchte hin. Die Konkurrenten dürften ebenfalls weiter auf den Look setzen. Mit dem vor kurzem veröffentlichten Android Pie (Version 9.0) bekam das System ganz offiziell Support für eine Aussparung im oberen und unteren Rand des Displays. Und auch Google selbst macht mit: Nachdem man letztes Jahr bei der Vorstellung des Pixel 2 noch Witze über die Notch machte, verbaut man im für den Oktober erwarteten Nachfolger wohl selbst eine - und zwar eine noch größere als beim iPhone.
Beim wichtigsten Thema konnte aber keiner der Konkurrenten überzeugen: Der wahre Grund für die Notch des iPhone X - Apples Technologie Face ID, die in Sekundenschnelle per Gesicht erkennt - wurde bislang noch nicht erfolgreich nachgebaut. Die meisten Hersteller begnügen sich mit einer einfachen Gesichtserkennung, die allerdings oft mit einem einfachen Foto auszutricksen ist. Samsung setzt auf eine Kombination aus Gesichtserkennung und einem Scan der Iris, die tatsächlich sehr schnell funktioniert und dabei sicherer sein soll. Ganz ohne Notch.

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