11. September 2018
Von: Denise Fernholz
Am 11. September ist der Tag der Wohnungslosen. Aus diesem Anlass zeigen wir Ihnen diese ganz besondere Fotoserie des Fotografen Daniel Ospelt, der uns einen ergreifenden Einblick in die Welt der Obdachlosen gewährt.
"Täglich fotografiere ich Gesichter. Sie gehören Politikern, Kunstschaffenden oder anderen Menschen, die mit ihrer Geschichte die Öffentlichkeit bereichern. Auf welche Geschichten ich rund 1000 Kilometer entfernt von Liechtenstein stoße, hätte ich mir nie träumen lassen." Fotograf Daniel Ospelt fand auf seiner Reise in Ungarn, der Heimat seiner Frau, Gesichter, die ihn nicht mehr loslassen sollten. Aber nicht die Gesichter von wunderschönen Frauen oder Prominenten - nein, Obdachlose hatten es ihm angetan. Seitdem hat er es sich zur Aufgabe gemacht, mit seinen Bildern den Menschen von der Straße Gehör zu verschaffen.

Geschichten vom Rande der Gesellschaft

Eigentlich hatte er seine Kamera mit in den Urlaub genommen, um das ungarische Volk zu porträtieren, doch keiner der Passanten auf der Straße hatte wirklich Interesse. Bis auf zwei Obdachlose an einer Bushaltestelle. "Durch meine Frau, die Ungarisch spricht, sind wir ins Gespräch gekommen – und wir haben eine Herzlichkeit erfahren, die ungemein berührte", erzählt der Liechtensteiner. Was ihn an den Männern so gefiel, waren ihre Gesichter, die "vom Leben erzählten". Geschichten vom Rande der Gesellschaft.
Daniel Ospelt und seine Frau tauchten auf ihrer Suche nach den Facetten der Wohnungslosigkeit in eine Welt, "die von Einsamkeit und Traurigkeit erfüllt und gleichzeitig von hoffnungsloser Zuversicht geprägt ist". Der Fotograf erzählt von den Geschichten, die ihnen begegneten - Geschichten, die sich in sein Gedächtnis brannten. Ob sie der Wirklichkeit entsprachen oder erfunden waren, vermag er nicht zu entscheiden: "Oftmals flüchten sich diese Menschen in Fantasien, die ihr Schicksal für sie ertragbarer machen."

Am Abgrund

Da gibt es zum Beispiel die Geschichte von Attila, der sich nie vorstellen konnte, einmal auf der Straße leben zu müssen. "Ich habe alles verloren", sagt er. Damit meint er sein Leben als Förster und Familienvater. "Noch weiter sinken kann ich nicht mehr – ich sehe den Abgrund auch nachts, wenn alles dunkel ist." Wie er an diesen Abgrund kam? Nach der Scheidung von seiner Frau verlor sich der Ungar in der Depression, bekam daraufhin die Kündigung und als wären das nicht schon genug Schicksalsschläge für ein Menschenleben, starben seine Eltern, bei denen er untergekommen war. Nachdem Attila die Miete für seine Wohnung nicht mehr zahlen konnte, war seine letzte Zuflucht die Straße. 
Der Abgrund, an dem viele der Obdachlosen stehen, zeichnet sich auch in ihren Gesichtern ab. Daniel Ospelts schwarz-weiße Porträts sind sehr eindringlich und strahlen gleichzeitig eine faszinierende Schönheit aus. Trotz der Notlage, in der sich die Porträtierten befinden, strahlen viele der Fotos Fröhlichkeit und Hoffnung aus. 

Eine Herzensangelegenheit

"Es wurde uns zur Herzensangelegenheit, diese Geschichten weiterzutragen", sagt Daniel Ospelt. Aus diesem Vorhaben entstand sein Bildband "ein-blick" mit 88 beeindruckenden Fotos. Alles was er für die Porträts brauchte, war lediglich seine Kamera, zwei Objektive und ein schwarzes Tuch, das als Hintergrund diente. "Dies musste reichen und tat es auch, denn mein Ziel war, die Menschen auf der Straße authentisch abzubilden", erzählt der Liechtensteiner Fotograf. Mit seinen Bildern will er dem Betrachter die Welt der Menschen, die auf der Straße leben, näher bringen. "Eine Welt, die mit bloßen Worten nicht zu beschreiben ist – dafür mit unverwischbaren Momentaufnahmen."
Mehr Bilder von Daniel Ospelt finden Sie in unserer VIEW Fotocommunity.
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