Exklusiver Buchauszug

"Fünf Freunde" für Erwachsene

"Fünf Freunde werden Helikoptereltern", das war ja klar!

Seit 76 Jahren gibt es die "Fünf Freunde"-Bücher von Enid Blyton. Den aktuellen Band hat ein Brite verfasst, Bruno Vincent, der seinen Job als humoristischer Enid-Blyton-Repräsentant sehr ernst nimmt.
Foto: Riva Verlag; matspersson0/Getty Images
12. September 2018
Es gibt wohl kaum einen Erwachsenen, der den Namen Enid Blyton nicht kennt. Oder die "Fünf Freunde", ihre wohl berühmteste Kinderbuch-Reihe. Die gute Nachricht lautet: Die "Fünf Freunde" sind auch erwachsen geworden. Und jetzt auf Deutsch erschienen – mit zwei Bänden.
Enid Blyton ist 1968 verstorben, aber die "Fünf Freunde" leben weiter. Der britische Autor Bruno Vincent, der die "alten" Bände für die Jetzt-Zeit überarbeitet hat, verfasste auch fünf neue Werke, in denen er die Freunde erwachsen werden lassen hat: Julian als stürmischen, wichtigtuerischen Anführer, der nicht zugeben kann, wenn er sich mal geirrt hat. George als zynische Stimme des gesunden Menschenverstands. Anne ist eine prüde und spröde Idealistin geworden, während Dick etwas zu cool ist. Auch der Hund Timmy lebt noch, mit stattlichen 19 Jahren. Vincent schrieb beim britischen "Telegraph", dass diese gegensätzlichen Charaktere es ihm leicht machten, aus jeder Situation "Comedy herauszuquetschen".
Der Riva Verlag hat zwei der fünf neuen Bücher auf Deutsch herausgebracht, "Fünf Freunde werden Helikoptereltern" und  "Fünf Freunde essen glutenfrei". Der stern darf exklusiv ein Kapitel aus dem erstgenannten veröffentlichen. Wir haben uns für das folgende, das 13., entschieden. Viel Vergnügen!

Die erste Regel des Clubs der Väter

Dick und Julian kamen im Park fast pünktlich an. Allerdings waren sie fünfundvierzig Minuten früher aufgebrochen. Zuerst brauchten sie zehn Minuten, um den Buggy die Treppen hinunterzubugsieren. Als sie die erste Straßenecke erreichten, hatten sie eine kleine Auseinandersetzung darüber, wer vergessen hatte, Wechselklamotten und eine zusätzliche Flasche einzupacken. Dick verlor den Streit, obwohl er wusste, dass er recht hatte. Schnell sprintete er zurück, um sie zu holen. Anschließend waren sie ganz gut vorangekommen, bis sie bemerkten, dass Lilys Heulen in Geschrei überging. Sie hatte offenbar ihre Giraffe Sophie irgendwo auf dem Weg fallen lassen. Dick meldete sich freiwillig zur Suche, da er wusste, dass er schneller war. Dennoch waren Julian und Lily offensichtlich nicht glücklich über die Wartezeit und waren beide gereizt, als er erfolgreich mit Sophie zurückkam.
"Sie lag auf dem Bürgersteig", erklärte Dick. "Ich hab noch eine Flasche Mineralwasser gekauft, um sie ein bisschen abzuwaschen." Julian grummelte, dass dies eine enttäuschend akzeptable Entschuldigung sei, und sie setzten ihren Weg fort. Sie erreichten den Park müde und gerade rechtzeitig.
"Fünf Freunde werden Helikoptereltern" von Bruno Vincent – Enid Blyton für Erwachsene, Riva Verlag, 9,99 Euro. Hier bestellbar.
© Riva Verlag
Zunächst konnten sie niemand ausmachen. Doch dann entdeckten sie eine Gruppe von Männern, die Dehnübungen in einer Ecke des Parks ausführten. Sie näherten sich vorsichtig und sahen eine Reihe von geparkten Kinderwagen in der Nähe. Der Anblick ermutigte sie.
"Ah, wir haben Neuzugänge", dröhnte eine laute Stimme mit australischem Akzent. Der Mann, der auf sie zu stolzierte, ließ selbst den großen und sportlichen Julian wie einen mickrigen Heranwachsenden aussehen. "Schön, euch kennenzulernen; es ist immer fein, wenn frisches Blut dazukommt." Er schüttelte ihnen die Hände mit unnötiger Brutalität.
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"Ich bin Rider", stellte er sich vor. "Rider?", fragte Dick. "Ja, genau. Und das ist eure Kleine?" "Ja, sie ist bei uns, weil ihre Eltern im Gefängnis sitzen", antwortete Julian. "Wir sind kein schwules Paar", sagte Dick sanft. Rider überhörte das einfach und stellte sie den anwesenden Vätern vor. Einer war ein Kumpel von ihm aus Australien – ein dünner, abgerissen wirkender Typ mit einem schmierigen Grinsen, dessen Baby wie auf Droge in einem Tragetuch hing. Dann gab es drei recht ruppige Männer namens Dave und Mike und Dave, und einen nervösen, glatzköpfigen und bebrillten Kerl, der zu sehr grinste und nichts sagte und dessen Namen sie auch nicht mitbekamen.
"In Ordnung, dann starten wir mal mit einer Runde um den Park, okay?", sagte Rider.
Sie joggten munter los, einige schoben dabei ihre Buggys vor sich her, andere hatten ihre Kinder in Tragen auf dem Rücken.
Rider fing direkt ein Gespräch mit Julian und Dick an und hieß sie in der Gruppe willkommen. Aber er drängelte die ganze Zeit und versuchte, sich vor sie zu setzen, und baute so eine gewisse Spannung im Gespräch auf. Es half auch nicht, dass er seine Rund- um-Sonnenbrille kein einziges Mal absetzte und diese jedes Mal bedrohlich funkelte, wenn er sich ihnen zuwandte.
"Hat sie ihre ersten Schritte schon hinter sich?", fragte er. "Nein, nein. Sie wird ja erst sieben Monate alt. Das dauert noch eine Weile." "Na", dröhnte Rider, "dann wird es euch überraschen, dass die kleine Passion hier es schon mit acht Monaten geschafft hat."
"Ich befürchte, ich hab dich nicht richtig verstanden", schnaufte Dick, der langsam etwas außer Atem geriet, während er sich bemühte mitzuhalten. "Was ist die kleine Passion?"
"Meine Tochter, Kumpel. Neun Monate." "Ah so", sagte Dick. Er hatte sich noch nie sonderlich im Multitasking hervorgetan, außer beim Beruhigen von Lily, seiner Spezialität, und er kämpfte tatsächlich ein wenig. Ihm war vor allem wichtig, dass Lily in ihrem Buggy sicher festgeschnallt war. Denn sie wackelte ziemlich herum, während sie übers unebene Gras holperten, und er ängstigte sich ein bisschen. Falls sie eine Baumwurzel oder einen versteckten Stein treffen würden, könnte der Buggy kippen und Lily würde zerquetscht oder brach sich womöglich das Genick. Trotz seiner Ängste versuchte er mit dem immer schneller werdenden Australier mitzuhalten und dabei den Faden des Gesprächs nicht abreißen zu lassen. Er begann richtig zu schwitzen.
Er sah über die Schulter, ob Julian ihm vielleicht zu Hilfe eilen würde. Doch der joggte nur in eisigem Schweigen wie die anderen und war bereits abgehängt. Dick wandte sich wieder Rider zu und versuchte dabei weiterzureden.
"Wir haben von diesem Treffen im Freizeitzentrum erfahren", sagte er kurzatmig. "Die Pinnwand." Seine Stimme zitterte schon vor Anstrengung.
"Nehmt ihr zwei sie häufig zum Schwimmen mit?"
"Na ja, meine Schwester macht das – wir kümmern uns alle gemeinsam um sie, wie schon gesagt, Julian und ich sind kein Paar ..."
"Und? Habt ihr schon mit dem Gebärdensprachkurs angefangen?"
"Ah, mit ihr? Nein." Dick war für einen Moment abgelenkt, da ihm aufgefallen war, wie perfekt sie sich als schwules Pärchen machen würden. "Noch nicht."
"Das ist das Beste, was uns passieren konnte", sagte Rider und beschleunigte zu einer Art Sprint. "Ungelogen. Für unser Baby, für unsere Familie. Sie sagt mir, wenn sie hungrig ist, sagt mir, wenn sie wütend ist oder traurig, und verrät mir, wenn sie dankbar ist. Das ist wirklich magisch."
"Klar", prustete Dick und packte mit seinen verschwitzten Händen am Buggygriff fester zu.
"Aber ich verrat dir jetzt, was der allerbeste Kurs an der Pinnwand ist: Achtsamkeit."
"Babyachtsamkeit? Echt? Ich hab noch nicht mal einen Dunst davon, was Achtsamkeit für Erwachsene ist!"
"Stille und Frieden der Gedanken. Meditation. Innere spirituelle Heilung."
"Wie ...? Aber ..." "Hält der kleine Racker dich und Julian nachts wach, Dick?" "Na ja, vielleicht ab und zu. Wir sind kein ..."
"Seit wir Achtsamkeit praktizieren, schläft sie nachts durch. Wie ein Traum. Wörtlich. Ha ha!"
"Ja, also. Das klingt gut, echt. Das klingt großartig."
Sie hatten endlich im Schatten einiger Bäume an der anderen Seite des Parks angehalten, und Dick musste sich vorbeugen, um Atem zu holen. Er stützte sich schwer auf dem Buggy ab, seine Brust stand in Flammen, Schweiß rann ihm das Kinn hinunter. Er schnappte heftig nach Luft.
"Achtsamkeitskurs", sagte Rider. "Ich schwör darauf – und die kleine Passion auch. Sie hat dir’s gerade in Gebärdensprache gesagt. Du hast’s verpasst. Egal, wenn du den Kurs mitmachst, wirst du’s jedenfalls nicht bereuen, Kumpel!"
Er beendete seinen Satz und klopfte Dick dann auf die Schulter. Für zufällige Beobachter mochte die Geste ermutigend wirken, aber bei näherem Hinhören klang der Schlag mehr wie das harte Klatschen einer Schinkenkeule auf einem vereisten Teich.
Als die anderen aus der Gruppe aufholten (sie hatten etwa zweihundert Meter zurückgelegen), machte Rider einen großen Aufriss darum, die Sitzung zu entschleunigen und die "Neulinge nicht so fest anzupacken". Dem schweißbedeckten Dick schenkte er dabei ein nachsichtiges Lächeln. Im Pulk joggten sie sanft um den Park und dann verschwanden sie nach einem Winken und Zuruf von Rider – "Gute Sitzung, Jungs! Wir sehen uns nächste Woche!" – in alle Himmelsrichtungen.
Dick konnte nicht genau sagen, ob irgendjemand außer Rider geredet hatte. Er nahm an, dass er selbst erst nach einer mindestens halbstündigen Auszeit wieder sprechen könnte. Zwischen tiefen Atemzügen streichelte er Lily das Köpfchen und beschloss still für sich, dass der Väter-Club doch nicht das Wahre für ihn war.

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