Hörbuch-Tipp

Timur Vermes: "Die Hungrigen und die Satten"

Sie ist wieder da - die Flüchtlingskrise

Was wäre, wenn sich die Flüchtlingskrise von 2015 in naher Zukunft wiederholte? Diese Frage stellt sich Timur Vermes in seiner neuen Romangroteske "Die Hungrigen und die Satten".
Foto: Sven Hoppe/ / Picture Alliance
7. September 2018
Von: Henry Lübberstedt
Deutschland in naher Zukunft: Merkel? Aus dem Amt geputscht! Die Grenzen sind dicht Europa fühlt sich sicher - bis sich eine halbe Million Afrikaner auf den Weg macht. Angeführt von einem Reality-TV-Star.
Von Henry Lübberstedt

Worum geht es?

"Jetzt sitzt ein neuer Merkel in der Regierung, der alte Merkel ist weg", erklärt ein Flüchtling einem anderen im größten Flüchtlingscamp der Welt irgendwo in Nordafrika. Das Wort Bundeskanzler hat hier keine Bedeutung. Seit der unkontrollierten Grenzöffnung 2015 ist der Name Angela Merkel unter den Flüchtenden aus Afrika bekannter als ihre Berufsbezeichnung. Folglich: Merkel von Deutschland ist, wer gerade in Deutschland das Sagen hat. "Die Raute" hat ihre Entscheidung jedenfalls nicht überlebt, also politisch nicht. "Mama" Merkel wurde von rechten Parteien und der Mehrheit der Bevölkerung aus ihrem Amt geputscht. Einwanderung ist möglich, aber mit strengsten Auflagen verbunden, die Grenzen sind dicht und Europa zahlt den nordafrikanischen Staaten stattlichen Sümmchen, damit sie die Flüchtenden fernhalten. Nur: Geflüchtet wird weiter, und es stauen sich die Menschen im größten Camp der Welt. Europa? Nur noch mit sehr viel Geld und ausgezeichneten Schleppern erreichbar.
Den Roman "Die Hungrigen und die Satten" von Timur Vermes gibt es auch als Hörbuch bei Audible zum Download
© Lübbe
Derweil brütet in Deutschland ein Privatsender über ein neues reichweitenstarkes TV-Format: Die schwer angesagte Reality-TV-Moderatorin Nadeche Hackenbusch soll in eben diesem Camp ein Mode-Fotoshooting mit Flüchtlingsfrauen in Szene setzen. Als "Engel im Elend" hatte sie bislang nur Familien aus dem Präkariat beglücken dürfen. Nun will man das ganz große Rad drehen, zum echten Elend vordringen, es mit westlichen Produkten ausstatten und für den Sender gewinnbringend vermarkten. Nadeche Hackenbusch ist eine satirische Emulsion aus der Katzenberger, Verona Pooth und Kim Kardashian. Blond, blöd - aber mit einem rasiermesserscharfen Instinkt für Macht und Karriere ausgestattet.
Hackenbusch und ihre Entourage reisen in Edelkarossen in die Wüste, und dann kommt plötzlich alles anders. Sie verliebt sich in ihren "Flüchtlingsguide" Lionel. Da er selbst nach Deutschland will, überredet er sie gleichsam wie Johanna von Orleans einen Treck der Ärmsten der Armen nach Deutschland anzuführen. Hackenbuschs Traumrolle! Und so machen sich 150.000 Flüchtlinge auf den Weg. Zu Fuß. Jeden Tag 15 Kilometer. Hackenbusch fährt klimatisiert nebenher.
Der Sender ist begeistert. Statt einer einzigen Show haben sie nun über Monate ein Tagesformat von "Engel im Elend – Auf der Flucht". Die Flüchtlinge finanzieren ihre medientaugliche Odyssee aus eigener Tasche als kleine Tagespauschalen an den Mafia-Boss des Camps. Er stellt den Reiseproviant und wird mit jedem Tag reicher. Die Politik dagegen wird mit jedem Tag nervöser. Ein Szenario der Abschottung nach dem anderen fällt in sich zusammen. Unterwegs durch die Länder Nordafrikas stoßen weitere Flüchtlinge zum Treck dazu. Am Ende wartet eine knappe halbe Millionen an der deutschen Grenze. Wie wird die Politik reagieren, wie die Bevölkerung und wie die europäischen Nachbarstaaten? Die Lunte brennt, und ist verdammt kurz.
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Wer hat es geschrieben?

Der Roman "Die Hungrigen und die Satten" stammt aus der Feder von Timur Vermes. Wie in seinem Bestseller "Er ist wieder da" von 2012 geht er auch diesmal der Frage nach, was eigentlich passieren würde, wenn einschneidende Ereignisse sich wiederholten. Bei seinem Bestseller ließ er Hitler erneut auf die Deutschen los, bei seinem neuen Roman die Flüchtlingskrise von 2015.

Wer spricht?

Christoph Maria Herbst. Muss man da noch viel sagen? Es ist, als hätte Vermes seine Romangroteske Herbst auf den Leib geschrieben. Nadeche Hackenbusch könnte die Schwester von Stromberg sein. Besser geht es nicht. Reines Hörvergnügen.

Für wen lohnt das Hörbuch?

Wer von der täglichen Dosis Flüchtlingskrise nicht schon gesättigt ist, bekommt in der Hörbuchfassung von "Die Hungrigen und die Satten" reichlich Denkanstöße um die Ohren. Denn oftmals werden erst in der grotesken Überzeichnung Zusammenhänge und Mechanismen der Realität deutlich. Vermes will nichts erklären, er kommt auch nicht mit dem Zeigefinger daher oder sagt, man müsse allen helfen. Er nimmt Europa, Deutschland, die nordafrikanischen Staaten und die Türkei gleichermaßen in Visier. Am Ende plädiert der Autor für die offene Gesellschaft, da ihm der Preis der Abschottung doch zu hoch scheint. Wie bei "Er ist wieder da" überlässt er am Ende dem Leser oder besser Hörer die Bewertung. Wie wohltuend.