Punkband aus Ostdeutschland

Pogo, Geschrammel und ein steiler Aufstieg – unterwegs mit Feine Sahne Fischfilet

Ein krachendes Dankeschön für einen treuen Fan: Feine Sahne Fischfilet gibt ein Überraschungskonzert im Wohnzimmer von Alexander Enderlin
Foto: Maria Sturm/stern
3. September 2018
Von: Josef Saller
Die Punkband Feine Sahne Fischfilet, einst allenfalls in der ostdeutschen Provinz bekannt, erobert große Hallen und die Charts. Unterwegs mit sechs Typen, die ihren Erfolg selbst kaum verstehen.
Dieser Text über die Punkrockband Feine Sahne Fischfilet erschien im Februar erstmals im stern. Aktuell wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier von verschiedenen Kommentatoren dafür kritisiert, die Veranstaltung in Chemnitz am Abend beworben zu haben, weil dort eben auch Feine Sahne Fischfilet auftreten - bei der Kritik geht es vor allem um ältere Songtexte, die von Gewalt gegen Polizisten handeln. 
Aus aktuellem Anlass veröffentlichen wir das Porträt über Feine Sahne Fischfilet erneut.
Der Abend beginnt nicht gut für Alexander Enderlin. Seine Lieblingsband gibt ein Überraschungskonzert – und er kann nicht hin. Irgendwo in der Nähe von Köln, wie es aussieht. Auf dem letzten Hinweis der Schnitzeljagd bei Facebook war jedenfalls der Dom zu sehen. Aus dem Saarland nach Köln, das sind zweieinhalb Stunden, eher mehr. Und morgen muss er arbeiten. Er hat überlegt: auf gut Glück nach Köln rasen, am Ende zu spät sein oder doch in der falschen Stadt? Nein, das ergibt keinen Sinn. Übel gelaunt fährt er nach Hause, unterwegs steht ein Blitzer, Enderlin ist zu schnell – paff! Was für ein Scheißabend.
Zur gleichen Zeit drängeln sich ein paar Kilometer weiter zwei Dutzend Menschen in einer abgedunkelten 20-Quadratmeter-Kammer. Es ist Enderlins Wohnzimmer. Freunde, Verwandte sind gekommen, sogar der Bürgermeister ist da. Und sechs Typen mit Instrumenten, Mikrofonen und Verstärkern: Feine Sahne Fischfilet, Enderlins Lieblingsband. "Pssst", sagt einer, "Alex kommt gleich." Dann geht die Tür auf, das Licht an, die Musik, eine Stimme dröhnt, "wir sind zurück in unsrer Stadt, mit zwei Promille durch die Nachbarschaft", Bier spritzt an die Wand, und für Enderlin beginnt das, was er "den schönsten Abend seines Lebens" nennen wird. 50 Minuten, 12 Songs, Pogo, Geschrammel, Getrommel, Getröte, Gegröle, Hymnen für den Zusammenhalt, die Freundschaft, für das Gute im Menschen und gegen das Schlechte.

"Megääkrass!"

Am Schluss wird Enderlin, 26, klitschnass und trunken vor Freude und Schnaps, auf Händen durch den Raum getragen. Seit Jahren fährt er der Band hinterher. An die 50 Konzerte hat sie vergangenes Jahr gegeben, nur drei hat er verpasst. Das Überraschungskonzert ist der Lohn für die Treue und für Tausende Kilometer auf der Autobahn.
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Für die sechs Jungs von Feine Sahne Fischfilet ist es eine Reise in die Vergangenheit, als die Band außerhalb ihrer Heimat kaum einer kannte und sie in Hinterzimmern und Jugendzentren auftrat. Die Gegenwart sieht anders aus. Von Februar an heißt ihr Alltag: Hamburg, Edel-optics.de-Arena, 3400 Plätze, ausverkauft. Berlin, Columbiahalle, 3500 Plätze, ausverkauft. Leipzig, Haus Auensee, 3600 Plätze, ausverkauft. Fast jeden Tag kommt eine neue Halle dazu.
Das muss Liebe sein: Sänger Jan Gorkow nimmt ein Bad in der diesmal kleinen Menge
© Maria Sturm/stern
Jan Gorkow findet das: "Komplett irrää! Hammäägeil! Megääkrass!" Gorkow, 30, Vollbart, massiger Körper, Comictattoos, Spitzname "Monchi", ist der Frontmann von Feine Sahne Fischfilet. Er singt, schreibt Songs, steht überall im Mittelpunkt. Er wird geliebt, und er wird gehasst. Geliebt von den Fans. Gehasst von denen, die ihn seit seiner Jugend in Mecklenburg-Vorpommern begleiten. "Den Faschos", wie Gorkow sie nennt. Die in seiner Heimat Tausende Aufkleber mit seinem gespaltenen Schädel verteilten. Mit denen er sich prügelte. Die Buttersäure in den Proberaum der Band kippten. Für die Feine Sahne Fischfilet Feinde waren und sind. Weil sie über die Dörfer fahren und gegen Rassismus anbrüllen. Weil sie links sind, weil sie Punkrock spielen. Die Musik, die schon so oft tot schien. Und die die Band ins Visier des Verfassungsschutzes brachte, auf die großen Festivalbühnen – und schließlich fast an die Spitze der Charts.

Feine Sahne Fischfilet promoten ihr Album in Jugendzentren und Dorfsälen

Dorthin, wo eigentlich kein Platz ist für eine Band wie diese, die ihr neues Album "Sturm & Dreck" in Jugendzentren, Dorfsälen und Wohnzimmern promotet. Vor 300 Leuten, vor 150 oder 25. Im vorpommerischen Loitz, wo sich die Gruppe gründete und Neonazis vor dem Konzert den Briefkasten des Veranstalters aus der Tür sprengten. Im brandenburgischen Königs Wusterhausen, wo sie Leute von früher kennen. In diesem Kaff im Saarland, wo Alex Enderlin wohnt. In der Jungen Gemeinde in Jena, wo Gorkow beim vorigen Konzert zusammen mit dem Stadtjugendpfarrer aus dem zweiten Stock in die Menge im Innenhof sprang.
Jetzt sitzen die sechs von Feine Sahne Fischfilet – Sänger Jan Gorkow, Bassist Kai Irrgang, Gitarrist Christoph Sell, Schlagzeuger Olaf Ney, die Trompeter Max Bobzin und Jacobus North – wieder hier. Lothar König, der Stadtjugendpfarrer und heute 63, Kettenraucher mit Rauschebart, verteilt Eintopf und Weinbrand und scheucht seine Mitarbeiter herum. König ist aufgeregt. Er hört die Menschen, die schon Stunden vor Einlass am Tor warten und immer mehr werden. 120 passen in den kleinen Konzertsaal, 150 mit zwei zugedrückten Augen.
Fan Enderlin wird durchs eigene Wohnzimmer getragen
© Maria Sturm/stern
Und nun sind da mehr als 500 Leute draußen und wollen rein. "Wollen wir zwei Konzerte spielen?", fragt Gorkow, König nickt, der Rest der Band nickt. Gorkow geht raus, verkündet die frohe Kunde. An die, die dennoch draußen bleiben müssen, verteilt er Schnaps. Die meisten warten trotzdem. Vielleicht spielt die Band ja ein drittes Mal. Dann: 40 Minuten Pogo, Ekstase und Schweiß, "war megäägeil, könnt ihr bitte rausgehen, damit die anderen auch drankommen?" Die Leute gehen, die anderen kommen, 40 Minuten Pogo, Ekstase, Schweiß, "hammäägeil", "megääkrass".

Punk oder nicht? Latte!

Die anderen trinken noch einen Absacker, Gorkow legt sich schlafen, in einer WG im Haus nebenan. Den ganzen Tag hat er Interviews gegeben, ist von Radiosender zu Radiosender gefahren, hat abends zwei Konzerte gespielt und sich ins Publikum geschmissen. Die Stimme zwickt, der Körper mag nicht mehr. Morgen früh geht es um acht weiter. Interviews, Videos für Facebook und Instagram aufnehmen, Treffen mit dem Manager. Der sagt: "In den Trendcharts steht eure Platte auf Platz 2, vor Ed Sheeran." Ist das noch Punk? "Ist mir Latte. Ich war nie Punk und werde nie Punk sein. Wir machen, worauf wir Bock haben. Wenn andere das Punk nennen: gern."
In seiner Jugend hat Gorkow über all das nie nachgedacht. Er wollte eine gute Zeit haben, mit seinen Jungs abhängen, zum Fußball fahren. Er erinnert sich an alte Typen, die vor seiner Schule Militärheftchen und Musik rechter Bands verteilten. An seine selbst gebrannten CDs, auf denen sich Lieder der Neonazi-Band Landser an "Schrei nach Liebe" von den Ärzten reihten und er darin keinen Widerspruch sah. "Ich habe darüber nie nachgedacht. Das war normal bei uns. Ich habe lange gebraucht, um zu merken: Das geht so nicht zusammen."
Getränkekühlung vor dem Wohnzimmer-Konzert
© Maria Sturm/stern
In dieser Zeit spricht ein Schulkamerad Gorkow an, Kai Irrgang, Bassist. Ob er nicht Lust habe, in seiner Band zu spielen. Gorkow hat Lust. Sie reden und essen dabei "Feine Sahne Heringsfilet", einige Minuten postpubertäres Geschwätz später steht der Bandname. Sie schreiben ihre ersten Songs, spielen erste Gigs rund um Greifswald. Auch Neonazis kommen. "Unsere ersten Lieder drehten sich vor allem um Ficken und Saufen. Und Faschos ficken und saufen eben auch gern."
Auf einem Festival ist ein Neonazi unter den Veranstaltern. Die Band weigert sich zu spielen, wenn der Veranstalter nicht rausgeworfen wird. Der Veranstalter bleibt, die Band spielt nicht. "Auf einmal galten wir als Speerspitze des Linksextremismus in der Gegend", sagt Gorkow heute. "Obwohl wir gar keine Antifas oder harten Punks waren."
Die Neonazis kommen weiterhin zu ihren Konzerten. Jetzt aber, um Stress zu machen, um Veranstalter und Musiker einzuschüchtern. Die spielen weiter, fahren in die sechs immer gleichen Jugendzentren, prügeln sich mit Neonazis. Leute verlassen die Band, andere kommen dazu. 2010 steht die Besetzung. Sechs Jungs, alle nicht weit voneinander entfernt aufgewachsen. Sechs Freunde ohne Karriereplan, aber mit Lust auf Lärm, Bier und ein bisschen Protest.

Was für eine Publicity!

2011 bringt sie dieser Protest auch dorthin, wo sie nicht sein wollten: in den Verfassungsschutzbericht Mecklenburg-Vorpommerns. Zwei Seiten. Mehr als alle rechten Bands des Bundeslands zusammen. Weil sie auf ihrer Website ein Plakat verlinken. Darauf: "Club-Molli", in Anlehnung an Club-Mate. Darunter: die Anleitung zum Bau eines Molotowcocktails. Gorkow behauptet: "Wir haben das als Satire gesehen." Der Verfassungsschutz sieht es anders und schreibt von einer "explizit anti-staatlichen Haltung". Und davon, dass die Band darauf aus ist, die "staatliche Struktur aufzulösen".
Manche Veranstalter laden sie daraufhin bei Konzerten aus. Der Verfassungsschutzbericht bringt der Band aber nicht nur Ärger. Größere Labels werden auf sie aufmerksam, die Konzerthallen werden größer. 2012 fährt Gorkow nach Schwerin und überreicht im Innenministerium einen Geschenkkorb mit Leberwurst, Kaffee und grünen Bohnen. Ein kleines Dankeschön für die gute Publicity.
Ein Feuerwerk zum Abschluss
© Maria Sturm/stern
Die Band geht auf Tour, als Vorgruppe anderer Punkbands, als Vorgruppe der Toten Hosen, allein. Deutschland, Österreich, Schweiz. Die Band wird politischer. Gorkow nennt das: "mit den guten Leuten was reißen". Er meint damit: rausgehen, anpacken, Präsenz zeigen. Keine Lesezirkel. Nicht darüber jammern, wie schlimm alles ist.
2015 fährt Gorkow in die türkischsyrische Grenzstadt Suruç, um mit linken Aktivisten Hilfsgüter nach Kobani zu schleusen. Am selben Tag geht in Suruç eine Bombe hoch, mehr als 30 Menschen sterben, mutmaßlich ein Anschlag der Terororganisation "Islamischer Staat". Gorkow sieht die Leichen auf den Straßen liegen, er riecht den Tod. Zwei Tage zuvor hat er auf einer Bühne vor 10.000 Menschen gesungen, ein paar Tage später wird er wieder spielen.

"Heute sitzen Nazis im Anzug im Landtag"

Die Band organisiert ein Festival gegen rechts in Gorkows Heimatstadt Jarmen, 3000 Einwohner, eine dieser Kleinstädte im Osten, die auszusterben drohen. Zur Veranstaltung kommen mehr Menschen, als Jarmen Einwohner hat.
Vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern 2016 fährt Feine Sahne Fischfilet durch die Provinz, organisiert Lesungen, Fußballturniere, Konzerte, schreit gegen rechte Parteien an, diskutiert in Vereinsgaststätten und Dorfzentren. "Weil viele Parteien die Dörfer schon aufgegeben haben", sagt Gorkow. Die AfD holt knapp 21 Prozent. Vom großen Rechtsruck ist die Rede. Gorkow sieht den nicht. "Die Nazis gab es hier schon immer. Nur früher waren das die Glatzen vorm Schulhof, heute sitzen sie im Anzug im Landtag."
Klare Ansage: Feine Sahne Fischfilet spielt 2015 bei "Rock am Ring". Für ihr politisches Engagement bekam die Band viel Ärger, aber auch Zuspruch. Justizminister Heiko Maas twitterte nach einem Konzert: "Tolles Zeichen gegen Fremdenhass und Rassismus"
© Ralph Goldmann/Picture Alliance
Bis heute wohnt Gorkow in Mecklenburg-Vorpommern, seit zehn Jahren in Rostock. Er fühlt sich wohl dort. Dort sind seine Freunde, dort ist Hansa, sein Fußballverein, ist die Ostsee, sein Leben. Dort hat er als Kind in der Stadthalle seine ersten großen Konzerte gesehen, David Hasselhoff, Otto Waalkes, die Toten Hosen. Dort hat der kleine Jan zu denen auf der Bühne aufgeblickt, zusammen mit bis zu 5500 anderen. So viele Menschen passen in die Halle. Am 23. März spielt Feine Sahne Fischfilet hier. Die Stehplatztickets sind bereits ausverkauft.

Getarnte Nazi-Symbolik

Die Codes der neuen Rechten