stern-Gespräch

Deutsche Pop-Ikonen

"Es tut weh, dich so zu sehen": Das Leben von Pur zwischen Album und schwerer Krankheit

Ingo Reidl, 57, und Hartmut Engler, 56, von Pur beim stern-Gespräch in ihrer Heimatstadt Bietigheim-Bissingen
Foto: Boris Schmalenberger/stern
9. September 2018
Sie kennen sich seit ihrer Jugend, haben mit ihrer Band Pur riesige Erfolge erlebt. Jetzt ist einer von ihnen schwer erkrankt. Die Musiker Ingo Reidl und Hartmut Engler über das Ende einer Pop-Idylle.
Von Hannes Roß und Jochen Siemens
Bietigheim-Bissingen bei Stuttgart, ein Haus am Waldrand, Duft von Blumen, Vögel singen, auf dem Tisch auf der Terrasse liegen frische Brezeln, die Sonne scheint. Es ist, "was die Welt mir schenkt, wenn sie mal an mich denkt", wie es in einem Lied von Pur heißt. Doch das Idyll und die schöne Welt von Pur werden verdunkelt von einem schweren Schatten. Am Tisch Hartmut Engler, Sänger, und Ingo Reidl, Songschreiber von Pur. Reidl, Pur-Gründer, war mal kräftig und groß gewachsen; jetzt sitzt er gebeugt am Tisch, er ist schmal geworden, und das Sprechen strengt ihn an. Reidl ist schwer erkrankt: an Krebs. Rückenprobleme – hat die Band bisher öffentlich mitgeteilt. Dass es ein Tumor an der Wirbelsäule war, erzählt Reidl jetzt zum ersten Mal.
Herr Reidl, wie geht es Ihnen?
Reidl: Leider hat es gestern einen Rückschlag gegeben. Seit der Entfernung meines Tumors im Rücken habe ich dort zur Stabilisierung einige Stäbe. Davon hat sich einer gelöst und ist aus der Halterung gesprungen. Das klingt jetzt dramatischer, als es ist, aber ich fürchte mich davor, wieder ins Krankenhaus zu müssen. Da war ich lang und oft genug.
Vor zwei Jahren wurde der Tumor bei Ihnen entdeckt. Wie machte sich die Krankheit bemerkbar?
Reidl: Schleichend wie ein Schurke. Als wir auf Tournee waren, bekam ich immer stärker werdende Rückenschmerzen. Aber ich drückte das weg. Ich dachte: Wenn ich jeden Abend drei Stunden auf der Bühne wie ein Gefangener hinter meinem Keyboard stehe, kann man durch eine schlechte Körperhaltung schon mal Rückenprobleme bekommen.
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Engler: Ich weiß noch, wie Ingo nach den Auftritten über Schmerzen klagte. Ich habe ihm gesagt: Ingo, das ist nicht normal. Du musst zum Arzt!
"Als wir auf Tournee waren, bekam ich immer stärker werdende Rückenschmerzen. Aber ich drückte das weg."
© Boris Schmalenberger/stern
Reidl: Ich wäre auch zum Arzt gegangen, wenn es sich richtig aggressiv angefühlt hätte. So, wie man das von einem schlimmen Zahn kennt. Nur irgendwie ging es ja noch. Mein Arzt hat mir später gesagt: Wären Sie früher gekommen, hätte man den Tumor mit einer Bestrahlung mühelos wegbekommen.
Wie sehr werfen Sie sich das selbst vor?
Ach, es hat jetzt keinen Sinn, sich über so etwas den Kopf zu zerbrechen. Hätte, hätte, hätte.
Sie haben Ihre Tumorerkrankung bislang vor der Öffentlichkeit geheim gehalten. Offiziell hieß es, Sie würden wegen einer komplizierten Rückenoperation für eine Weile bei Pur aussetzen. Warum wollen Sie jetzt darüber sprechen?
Reidl: Das Rätselraten, ob es dies und das sein könnte, soll ein Ende haben. An der Wahrheit war noch nie was Schlechtes.
Die Diagnose erhielten Sie an Ihrem 55. Geburtstag.
Reidl: Ja, ausgerechnet. Nachdem wir die Tournee beendet hatten, bin ich zum Arzt gegangen. Zu einem Radiologen. Der sagte mir, ich hätte einen singulären Tumor in der oberen Wirbelsäule.
Wie war Ihre Reaktion?
Reidl: An seine Mitteilung erinnere ich mich wie an ein grelles Licht. Mir wurde auf einem Röntgenbild an der Wand der Tumor gezeigt. Ich konnte ihn deutlich erkennen. Ich bin aufgestanden, dann wurde alles dunkel. Etwas später bin ich auf einer Krankentrage aufgewacht. Es war alles zu viel. Das konnte ich alles nicht verarbeiten. Mir war nur eins klar: Das ist alles gar nicht gut. Der Tumor musste sofort entfernt werden.
Engler: Es war ein Tumor, so groß wie eine Faust, der Ingos Rücken gesprengt hatte. Ich war fassungslos, am Boden zerstört, als ich die Nachricht bekam, und habe geheult wie ein Schlosshund. Das war nichts, was man schnell operiert, und dann geht es wieder auf die Bühne.
Reidl: Die Operation lief glücklicherweise erfolgreich. Ich war schnell wieder aus dem Krankenhaus heraus und zu Hause. Ich war zuversichtlich. Doch eines Morgens sagte meine Freundin zu mir: Du, Ingo, du hast da ein richtiges Loch in deinem Rücken. Ich hatte das gar nicht bemerkt. Das Loch war groß. Man konnte da richtig reingucken. Eine Wundinfektion.
Sie mussten wieder ins Krankenhaus.
Reidl: Zwei Monate lang wurde ich zweimal die Woche operiert. Aufgemacht, Schwämme mit Antibiotikum rein, wieder zugemacht. Dann bekam ich noch eine Thrombose, die in die Lunge ging. Die führte zu einer weiteren Infektion im Rücken. Fast zwei Jahre ging das so.
Pur-Auftritt 1988 im Fernsehen. Reidl steht rechts am Keyboard
© Teutopress/SZ Photo
Haben Sie sich gefragt, ob die Tumorerkrankung auch etwas mit Ihrer Lebensführung zu tun haben könnte?
Reidl: Natürlich, denn dann hätte mich die Erkrankung vielleicht etwas weniger überrascht. Aber dieser Tumor ist einer der wenigen, die nichts mit Alkohol oder Nikotin zu tun haben. Es ist Schicksal.
Pur plante damals bereits eine neue Tournee. Drohte die zu kippen?
Engler: Nein, der Apparat muss weiterlaufen. Wir planen immer mit dem Worst-Case-Szenario.
Was meinen Sie damit?
Engler: Für den Notfall steht ein Ersatz-Keyboarder zur Verfügung.
Reidl: Ich bin schon einmal ausgefallen, als meine Mutter im Sterben lag. Damals haben wir auch einen Ersatzmann engagiert.
Also war es auch Ihr Wunsch, dass Pur ohne Sie weitermacht?
Reidl: Jetzt klingen Sie, als sei ich schon tot.
So war das nicht gemeint, aber ist Pur ohne Sie noch die gleiche Band? Immerhin sind Sie und Hartmut Engler so etwas wie die Herzkammer der Band, Gründer und Songwriter der großen Hits.
Reidl: Das stimmt. Die großen Hits kamen immer von Reidl und Engler. Und natürlich kann mein Ersatz meine Songs nicht so gut spielen wie ich (lacht). Aber es muss doch weitergehen. Auch vorerst ohne mich. Und unabhängig davon, ob ich dabei bin oder nicht, sie spielen ja meine Songs.
Die Lieder von Pur handeln oft vom normalen, schönen Alltagsleben. Von Liebeskummer, dem Glück der Freundschaft, der Schönheit der eigenen Heimat. Hat die Krebserkrankung diese musikalische Idylle erschüttert?
Engler: Man braucht Zeit, um so etwas zu verarbeiten. Die haben wir uns genommen. Und weil wir Musiker sind, verarbeiten wir solche Probleme auch musikalisch. Auf unserem neuen Album ist ein Song, der Ingo gewidmet ist. Er heißt "Freund und Bruder".
Darin heißt es: "Freund und Bruder, Weggefährte, Partner. Ich vermiss dich sehr neben mir, und es tut weh, dich so zu sehen." Herr Reidl, was denken Sie bei so etwas?
Reidl: Ich habe die Musik dazu geschrieben. Der Text ist von Hartmut. Ich habe mich etwas davor gefürchtet. Aber als ich es hörte, dachte ich, unabhängig von mir wäre es schade um das Lied, wenn es nicht herauskäme.
Engler: Wissen Sie, ich bin näher am Wasser gebaut als Ingo. Als ich ihm die erste Version des Songs vorspielte, flossen aber bei uns beiden die Tränen. Es kam alles hoch, was Ingo tief in sich vergraben hatte. Die ganze Last der Krankheit.
Sänger Hartmut Engler 2016 in Hamburg
© Isabel Schiffler/AKG
Das Lied ist auf Ihrem neuen Album "Zwischen den Welten". Aber werden Sie es auch auf der Bühne singen?
Engler: Das wissen wir noch nicht, da muss man sehen, wie es hineinpasst. Und Ingo muss einverstanden sein, das werden wir noch besprechen.
Sie beide waren 15, als Sie sich auf einem Schülerkonzert kennenlernten. Wie erkannten Sie, dass die musikalische Chemie zwischen Ihnen stimmte?
Reidl: Na ja, eigentlich wollte Hartmut nur Klavierunterricht bei mir nehmen. Doch dann hat er mir ein Stück von Cat Stevens vorgesungen.
War er gut?
Reidl: Ja, sehr gut. Wir haben Hartmut dann gecastet. Er musste vor meiner damaligen Band noch mal vorsingen, danach ist er rausgegangen, und wir haben entschieden, ob er der Richtige ist. Das war lange bevor es diese Shows im Fernsehen gab.
Engler: Nur mit dem Unterschied: Es gab für mich keine Konkurrenz.
In den 80er Jahren wurde Pur zu einer der erfolgreichsten Bands des Landes. Gibt es so etwas wie eine Formel für Ihre Hits?
Reidl: Bei uns klingt die Musik oberflächlich immer sehr einfach, aber wenn man es nachspielt, erkennt man schon eine gewisse musikalische Raffinesse. Wir sind schwer nachzuspielen. Nehmen wir mal einen Song wie "Abenteuerland" ...
... einen Ihrer größten Hits ...
... die Strophe ist a-Moll, der Refrain ist Es-Dur. Das ist sehr ungewöhnlich. So etwas findet man eigentlich nur bei Bands wie Genesis. Denen habe ich nachgeeifert, obwohl ich mich nicht mit denen vergleichen will. Außer vielleicht in dem Punkt, dass sie später, so wie wir, stark angefeindet wurden.
Während Ihr Publikum immer größer wurde, verspotteten Kritiker Pur als "Lindenstraße des Pop". Haben Sie darunter gelitten?
Reidl: Anfangs schon. Sehen Sie, ich habe wirklich nichts gegen Die Toten Hosen, aber die singen irgendetwas von "belegten Broten mit Schinken", und das war dann geil und Kunst. Bei uns war dagegen jede Zeile immer nur Provinzscheiße. Nur weil wir nicht herumkrakeelt haben.
Engler: Immer, wenn ein neues Pur-Album erschien, waren wir gespannt darauf, was ihr euch beim stern wieder einfallen lasst. Dort bezogen wir ja auch oft Prügel. "Warmduscher, Gutmensch-Gruppe" stand da auch mal. Aber ich muss sagen: Manches waren auch sprachlich überraschende Beleidigungen.
Und wie war es, wenn Sie Ihre Kritiker persönlich trafen?
Engler: Interviews waren früher für mich ein Krampf. Ich hatte das Gefühl, die Journalisten halten mich für einen schrägen, komischen Provinzvogel.
Reidl: Das bist du ja auch!
"Freund und Bruder": Reidl und Engler in den 1980ern
© Breier
Engler: Vielen Dank, Herr Reidl. Aber im Ernst: Mich hat stets dieses allgemeine Urteil über Pur gestört. Es hießt immer, wir seien eine Band, die man entweder hasst oder liebt. Das fand ich unsinnig. Wir tun niemandem etwas an, und niemand wird gezwungen, uns gut zu finden. Wir machen Musik für die, die uns mögen.
Reidl: Da wurde viel Mist geschrieben. In einer Zeitung stand mal: "Pur, die Band der Bausparer." Als ob wir jemals Werbung für irgend so etwas machen würden.
Engler: Oder ein anderer schrieb: "Pur, die Gulasch-Kanone fürs Volk".
Reidl: Dagegen kann man jetzt aber nichts sagen. Das spielt auf unsere ungarischen Wurzeln an.
Diese Selbstironie mussten Sie erst lernen.
Engler: Das stimmt. Wir haben nicht mehr diesen Komplex, dass uns alle lieben müssen. Früher haben uns Verrisse schon regelmäßig auf die Palme gebracht. Doch irgendwann haben wir uns gesagt: Komm, lass uns den Erfolg genießen, damit wir kein Magengeschwür bekommen. Unser Management zeigt uns deshalb heute nur noch die netten Kritiken.
Reidl: Und ich denke inzwischen: Wenn 60.000 Menschen meine Lieder singen, dann können die gar nicht so schlecht sein, wie alle schreiben.
Nach außen präsentiert sich Pur gern als eine verschworene Gang von Freunden ...
Engler: ... und das sind wir auch.
Pur auf der Bühne auf der Loreley
© Thomas Frey/Mauritius Images
2010 wurde dieses Bild erschüttert. Ihr Schlagzeuger Roland Bless verließ die Gruppe im Streit. Er beklagte sich darüber, er sei von Ihnen wie ein Befehlsempfänger behandelt worden.
Reidl: Der Abgang von Roland hat mich persönlich getroffen, weil wir uns seit dem Kindergarten kannten. Mit ihm kam ich überhaupt auf die Idee, eine Band zu gründen. Aber die Wahrheit ist auch: Er war uns am Schlagzeug irgendwann zu schlecht. Daher rührt sicherlich auch seine Verbitterung. Er hat nie überwunden, dass wir ihn gegen jemand anderen austauschen mussten.
Herr Reidl, bald wird Pur ohne Sie auf Tour gehen. Wie steht es denn um die Chancen, dass Sie irgendwann noch einmal einsteigen?
Reidl: Der Wunsch ist immer da. Wenn man das wie ich seit 41 Jahren macht, sind Konzerte wie ein Geländer, an dem man sich festhalten kann. Ich brauche so ein Ziel, besonders jetzt. Nächstes Jahr will ich wieder dabei sein. Ich lebe nicht dafür, morgens aufzustehen und zu schauen, was im Fernsehen läuft.
Und Sie werden weiter die Lieder von Pur komponieren.
Ja, aber es fällt mir schwer. Ich musste mir dafür im Liegen das Keyboard auf die Beine legen.

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