Wohnungssuche

Nudisten, Pferde und Turnhallen – meine Odyssee zum WG-Zimmer

Ob am Schwarzen Brett oder im Internet – jedes Jahr vor Semesterbeginn herrscht Hochkonjunktur auf dem WG-Markt
Foto: Jens Schierenbeck/ / Picture Alliance
13. September 2018
Von: Eugen Epp
Bald beginnt das neue Semester und immer noch brauchen tausende Studenten eine Unterkunft. Die Suche nach einem WG-Zimmer kostet Nerven und braucht viel Geduld. Die Geschichte einer Odyssee.
Die Suche nach einer WG ist wie die Suche nach der großen Liebe. Die meisten tun es in ihren Zwanzigern, manchen fällt sie einfach zu, für viele aber ist es ein weiter, beschwerlicher und auch schmerzhafter Weg. Es gibt die, die man gern haben möchte und nicht kriegen kann. Und die, die man kriegen könnte, aber nicht geschenkt haben möchte. Manchmal irrt man von einer Option zur anderen, wohlwissend, dass man hier ganz bestimmt nicht lange bleiben wird. Man versucht es auch mal außerhalb seiner Liga und merkt ziemlich schnell, dass das keine gute Idee ist. 
Man probiert es überhaupt immer wieder, mit der irrationalen Hoffnung, dass es diesmal doch klappen müsste, dass eigentlich alles passt, man handelt sich die nächste Absage ein, die Würde sinkt wieder ein bisschen und die Ansprüche auch. Und dann versucht man es noch einmal, denn es hilft ja alles nichts.

Hunderte Studenten suchen nach WGs

In den vergangenen Wochen wurden die Aufnahmebescheide der Universitäten verschickt, für zehntausende angehende Studenten bedeutet das Planungssicherheit, zumindest für die nächsten zwei Jahre. Sie ziehen in eine neue Stadt. Und dort suchen sie – sicher auch nach der Liebe, aber wir beschränken uns erst einmal lieber auf die Wohnungssuche. Denn die ist schon schwierig genug.
So war das auch für mich, als ich vor mittlerweile sechs Jahre ebenfalls den lange erwarteten Brief von der Uni Hamburg bekam: Master-Studium in meiner Traumstadt! Fehlte also nur noch eine Bleibe. Dieses Projekt aber sollte zu einer wahrhaften Odyssee werden.
Prolog: Die WG-Suche war eigentlich gar nicht als WG-Suche gedacht. Ich hatte in den Monaten vor dem Master-Studium in Berlin gearbeitet und ganz gut verdient, so wollte ich mir nach Jahren des WG-Lebens eine kleine, eigene Wohnung leisten. In Hamburg. Merkt ihr selbst – ich damals allerdings noch nicht.
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Dementsprechend wunderte ich mich, dass auf meine E-Mail-Anfragen zu halbwegs erschwinglichen 1-Zimmer-Wohnungen keine Antworten kamen. Was allerdings immer näher rückte, war der Semesterstart …
Die Übergangslösung, Teil 1: Drei Tage, bevor ich in Hamburg an der Uni erwartet wurde, tauchte im Internet eine Anzeige auf. Jemand suchte sehr kurzfristig einen Zwischenmieter für einen Monat. Ab sofort. Meine E-Mail las sich ungefähr so: Ich habe keine Zeit, mich persönlich vorzustellen, ich habe keine Zeit, mir das Zimmer anzuschauen, aber ich brauche es unbedingt. Tatsächlich zog ich am nächsten Tag mit der Bahn und einem Koffer in die Hansestadt.
Besichtigung Nummer vier: Ich habe ein Dach über dem Kopf, jetzt kann ich immerhin vor Ort weiterschauen. Noch bin ich in der "eigene Wohnung"-Phase. Guten Mutes gehe ich zu einer Wohnungsbesichtigung. Die Idee hatten auch 30 weitere Leute, die Schlange geht durch das gesamte Treppenhaus. 
Besichtigung Nummer sieben: Quasi jede Stunde checke ich die WG-Angebote online. Vielversprechend scheint eines mit zwei netten Jungs in einem zentralen Hamburger Stadtteil zu sein. Wir unterhalten uns entspannt in der Küche, über Studium und Fußball. Zum WG-Inventar gehört ein Sky-Abo – a match made in heaven, denke ich. Die Jungs denken das nicht. Ich höre nie wieder etwas von ihnen.
Der vorläufige Tiefpunkt: Meine Vermieterin, die mir wegen ihrer einmonatigen berufsbedingten Abwesenheit ihr Zimmer überlassen hatte, kehrt nun doch eine Woche früher zurück. Das ist endgültig ein Grund zur Panik! Ich frage jeden Menschen, den ich in Hamburg treffe, ob er jemanden kennt, der jemanden kennt. Und irgendwann mache ich den Anruf, den ich nie machen wollte. Ich informiere mich beim Studentenwerk über Plätze in einer Turnhalle für Neu-Studenten, denen es noch schlechter geht als mir. Meine Würde kratze ich danach vom Boden auf.
Übergangslösung, Teil 2: Es ist doch nicht die Turnhalle geworden. Über Verwandte von Bekannten von Verwandten habe ich ein Zimmer bekommen. Das Gute ist: Es ist ein Zimmer mit einem Bett drin. Das Schlechte ist: Mit mir, meinem Koffer, dem Bett und einem kleinen Nachttisch ist das Zimmer voll. So voll, dass nicht einmal Platz für das Wlan aus dem Flur ist. Aber ich kann bleiben, so lange ich will, und zahle, wie viel ich will. Außerdem habe ich einen Mitbewohner, mit dem ich mich prächtig verstehe und der den Satz prägt: "Diese WG muss sein wie New York – sie darf nie schlafen." Aber eine Dauerlösung kann auch das nicht sein.
Besichtigung Nummer elf: Also suche ich weiter. Eine Dreier-WG, die nach einem vierten Mitbewohner sucht, hat mich eingeladen. Auf dem Tisch stehen ein paar Kekse und Tee. Wir reden über Miete und die Nachbarn. Irgendwann sagt einer der Mitbewohner beiläufig: "Übrigens leben wir hier überwiegend nudistisch. Aber wenn du Besuch bekommst, ziehen wir uns was an." Ich verabschiede mich hastig.
Die Fake-Anzeige:Es ist zum Verzweifeln. Ich habe keine Ahnung, warum ich immer noch keine feste WG gefunden habe. Viele WG-Anbieter antworten nicht einmal auf meine Mails. Liegt es an mir? Wie machen das die anderen? Das will ich herausfinden.
Ich lade ein paar Bilder meines alten Zimmers im Internet hoch und schreibe etwas dazu, was ungefähr dem entspricht, was ich suche. Tatsächlich bekomme ich einige Anfragen. Manche sind ganz kurz, manche klingen fast so verzweifelt wie ich. Aber so viel anders als meine vergeblichen Versuche ist das alles eigentlich auch nicht.
Besichtigung Nummer 14: In meiner Not erweitere ich meinen Suchradius sogar bis in den Hamburger Speckgürtel. Über Bekannte habe ich erfahren, dass ein Ehepaar in Pinneberg (Hamburger wissen, was das heißt ...) eine Etage vermietet, auf der bis dahin ihre Tochter gewohnt hat. Nach einer Stunde S-Bahn-Fahrt staune ich gleich in mehrerer Hinsicht. Eine ganze Etage, mit hochwertiger Küche und günstiger als viele WG-Angebote im Hamburger Zentrum. Das Ehepaar hat einen Hund. Aus dem Fenster kann ich Pferde auf einer Koppel sehen. "Hier haben Sie mal Ihre Ruhe, wenn Sie aus der Stadt kommen", sagt der Mann. Aber ich bin 23, habe Angst vor Hunden und bin sicher nicht nach Hamburg gekommen, um meine Ruhe zu haben.
Besichtigung Nummer 17: Spätabends bekomme ich eine SMS. Einer von gefühlt hunderten WG-Inserenten, an dessen Angebot ich mich gar nicht mehr erinnere, meldet sich: Sein neuer Mitbewohner sei kurzfristig abgesprungen. Habe ich noch Interesse? Habe ich, denn ich habe ja nichts Anderes. Es ist nicht einer der hippsten Stadtteile, auch nicht die perfekte Wohnung, aber es ist ein Mietvertrag. Die Suche hat ein Ende – eigentlich waren es nur sechs Wochen, aber es fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Zwei Tage später ziehe ich in die Wohnung, in der ich noch heute lebe.

Die Mieten explodieren

Einfacher ist die Suche nach einer WG für Studenten seitdem nicht geworden – weder in Hamburg noch in den anderen großen Universitätsstädten. Die Mieten sind explodiert, in München, Berlin und Stuttgart sind die Preise für WG-Zimmer in den vergangenen drei Jahren um mehr als 20 Prozent gestiegen. In der bayrischen Landeshauptstadt kostet ein Quadratmeter in einer WG monatlich durchschnittlich 17,60 Euro.
Wirkliche Tipps kann man den Suchenden leider kaum geben. Darauf, pausenlos die WG-Börsen im Netz zu durchsuchen und alle Freunde und Bekannten zu fragen, kommen sie wohl auch selbst. Man braucht Geduld, Hartnäckigkeit, Beziehungen, ein bisschen Geld schadet auch nicht – und manchmal muss man einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Also eigentlich wie fast überall im Leben.

Neues Zuhause

Mit diesen Tipps gelingt der stressfreie Umzug garantiert