Interview

Deutsche Hochschule

So schwer ist es, eine Bachelorarbeit über das "Tabuthema" Menstruation zu schreiben

Menstruation ist immer noch ein Tabuthema – aber warum?
Foto: Jane Khomi / Getty Images
10. September 2018
Von: Denise Fernholz
Franziska will ihre Bachelorarbeit über ein wichtiges Thema schreiben: die Enttabuisierung der Menstruation. Doch ihre Hochschule legt ihr Steine in den Weg, das Thema sei nicht wissenschaftlich. Mit NEON spricht sie über ihren Fall.
Kaum zu glauben, aber es scheint im Jahre 2018  immer noch Menschen zu geben, denen es unangenehm ist, dass die Hälfte der Weltbevölkerung regelmäßig blutet. Die weghören, wenn sie Wörter wie Menstruation, Periode, Binde oder Tampon hören. Man möchte den Leuten am liebsten entgegen schreien: Reiß dich mal zusammen! Das ist ein Wunder der Natur! 
Wie stark das Tabu rund um den weiblichen Zyklus immer noch in den Köpfen verankert ist, musste auch Studentin Franziska Wartenberg erleben. Für ihre Bachelorarbeit mit dem Titel "Die Enttabuisierung eines Themas in Gesellschaft und Medien am Beispiel Menstruation" bekam sie von der Koordinatorin an der Hochschule Mittweida in Sachsen, an der sie studiert, den Rat, sich ein anderes Thema zu suchen.

Menstruation als Tabuthema?

Nachdem sie ihre Thesis erfolgreich verteidigt hat, macht sie ihrem Ärger bei Facebook Luft. "Ich rufe nicht zur kollektiven Perioden-Party auf und will auch keinem einen benutzten Tampon unter die Nase halten", schreibt sie. 
Mit NEON spricht Franziska über ihre Bachelorarbeit und wieso ihr der Vorfall gezeigt hat, wie wichtig das Thema ist.
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Wie bist du auf das Thema Menstruation für deine Bachelorarbeit gekommen? 
Wenn Leute mich fragen, wie ich eigentlich auf das Thema gekommen bin, klingt das so, als hätte ich über den "Einfluss von südamerikanischen Stabheuschrecken auf die Anfänge der sowjetischen Luftfahrt" geschrieben. Dabei betrifft Menstruation doch 50 Prozent der Weltbevölkerung. 
Zugegeben - ich wurde durch einige tolle Autorinnen und Autoren zu meiner Entscheidung inspiriert, vor allem von der schwedischen Comiczeichnerin Liv Strömqvist. In ihrem Buch "Der Ursprung der Welt" führt sie den Leserinnen und Lesern auf humorvollste Art vor Augen, wie seltsam und verkrampft wir mit der Menstruation umgehen. Gerade in Skandinavien wird das Thema Menstruation immer weniger tabuisiert - wäre schön, wenn sich eine solche Bewegung auch in Ländern wie Deutschland zunehmend sehen ließe.
Hast du mit einer so großen Ablehnung deiner Hochschule gegenüber dem Thema gerechnet? 
Ich hatte schon befürchtet, dass sich die 27 potenziellen Prüferinnen und Prüfer meiner Hochschule, wovon gerade mal zwei weiblich sind, vielleicht nicht um die Betreuung meiner Arbeit reißen würden. Als es erst mal nur Absagen hagelte, bat ich die Koordinatorin um Hilfe. Sie riet mir, das Thema zu vergessen, da sich kein Prüfer dafür finden ließe. Wörtlich: "Das Thema geht so gar nicht, sorry. Das ist eine Art Tabuthema". In diesem Moment musste ich mir schon an den Kopf fassen.

Tabus werden über Generationen reproduziert

Wie erklärst du dir diese Ablehnung?
Tabus haben die besondere Eigenschaft, sich zu reproduzieren, indem sie über Generationen hinweg bewusst oder unbewusst weiter vermittelt werden. Meine Hochschule bildet in diesem Sinne quasi das Spiegelbild unserer Gesellschaft ab. Mit der Reaktion der Koordinatorin wurde mir bewiesen, dass das Thema Menstruation nicht nur gesellschaftlich, sondern sogar auf universitärer Ebene teils unerwünscht ist. Als Tabuthema ist es fest in den Köpfen verankert.
Gab es etwas, das dich bei der Recherche zu deiner Bachelorarbeit besonders schockiert hat?
Je mehr ich mich mit dem Thema befasst habe, desto mehr ist mir die Relevanz förmlich ins Gesicht gesprungen. Liest man die Berichte diverser Hilfsorganisationen, erfährt man unendlich viele erschütternde Zahlen, die eine klare Verbindung zwischen dem Problem fehlender Aufklärung beziehungsweise Hygiene und der sozialen Stellung der Frau aufweisen.
In Teilen Boliviens werden Mädchen und Frauen dazu angehalten, ihre Intimprodukte nur zu Hause zu wechseln, weil das Verbreiten von Krankheiten wie Krebs befürchtet wird. In einigen Ländern der Welt wie zum Beispiel in Nepal oder Ghana werden Frauen auch noch heutzutage aus der Gesellschaft ausgeschlossen und müssen bis zu sieben Tage alleine in "Menstruationshütten" ihr Dasein fristen. Die Konsequenzen dessen zeigen sich vor allem in den Chancen auf Bildung. In Indien bleiben neun von zehn Mädchen während ihrer Periode der Schule fern. In West- und Zentralafrika verpassen 40 Prozent der Schülerinnen für mindestens einen Tag im Monat den Unterricht wegen ihrer Menstruation.

"Bis zuletzt hatte ich Angst"

Wie stark musstest du bei der Verteidigung deiner Bachelorarbeit kämpfen?
Bis zuletzt hatte ich Angst, dass ich mit meinem Thema disqualifiziert würde. Aufgrund meiner fundierten Recherche konnte ich jedoch meine Arbeit erfolgreich verteidigen und schloss mein Kolloquium mit einer 1,0 ab.
Was muss sich deiner Meinung nach in der Gesellschaft ändern, damit Menstruation nicht länger ein Tabuthema ist?
Eine Enttabuisierung gelingt nur, wenn wir anfangen, mit dem Thema normal umzugehen und vor allem mehr Aufklärung darüber stattfindet. Umfragen unter SchülerInnen zeigen auch in Europa große Wissenslücken zum Thema Menstruation. Tabus reproduzieren sich – glücklicherweise aber auch Bildung.
Woran merkst du in deinem Alltag, dass Menstruation immer noch ein Tabu ist?
Im aktuellen TV-Spot vom Marktführer O.b. werden die Worte Menstruation, Periode oder Tampon mit keiner Silbe erwähnt. Außerdem wird Menstruationsblut in der Werbung als sterile, blaue oder andersartig verfremdete Flüssigkeit dargestellt. Das unterstützt nicht nur Scham- und Peinlichkeitsgefühle, sondern könnte auch in Anbetracht der Tatsache, dass viele Mädchen in Europa weder in der Schule noch von ihrem Eltern über die Menstruation aufgeklärt werden, ganz schöne viele Fragen aufkommen lassen.

Aus dem Buch "Ebbe & Blut"

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