Interview

Ausschreitungen in Sachsen

"Chemnitz hat eine starke bürgerliche Mitte, aber ...": Wie eine Lokalreporterin ihre Stadt erlebt

"Viele Chemnitzer sind nach dem tödlichen Messerangriff fassungslos", so "Freie Presse"-Journalistin Mandy Fischer (kl. Foto) 
Foto: Sean Gallup/Getty Images, privat
1. September 2018
Von: Florian Schillat
Die Journalistin Mandy Fischer berichtet für die "Freie Presse" aus Chemnitz. Wie hat sie die Krawalle der vergangenen Woche erlebt? Wie konnte es dazu kommen? Und wie geht es weiter? Ein Interview.
Wer in diesen Tagen mit Mandy Fischer sprechen möchte, muss einen guten Zeitpunkt erwischen. Die stellvertretende Redaktionsleiterin der Tageszeitung "Freie Presse" in der Lokalredaktion Chemnitz steckt mitten in der Berichterstattung über und  der Aufarbeitung der Ereignisse in ihrer Stadt. Nach der tödlichen Messerattacke am vergangen Sonntag ist die Stimmung in Sachsens drittgrößter Stadt unruhig. Tausende Rechte hatten sich mobilisiert, Jagdszenen auf Migranten und unverhohlene Hitlergrüße haben die Bilder der vergangenen Tage bestimmt. Für das kommende Wochenende sind erneut Kundgebungen angekündigt.  
+++ Lesen Sie hier mehr zu den Hintergründen. +++
Wie hat die Journalistin die vergangen Tage in Chemnitz erlebt? Warum ist die Unruhe in Aufruhe umgeschlagen? Und was ist weiter zu befürchten?

"Was wir nun in Chemnitz erleben, hat eine neue Qualität erreicht"

Frau Fischer, wie haben Sie ihre Stadt in den vergangenen Tagen erlebt?
Mandy Fischer: Differenziert. Viele Chemnitzer sind nach dem tödlichen Messerangriff von Sonntag fassungslos ob der Tat, aber auch darüber, dass sie von rechten Vereinigungen missbraucht wird. Die Massivität der Ausschreitungen am Sonntagabend, vor allem aber am Montag hat viele Bürger in Chemnitz verunsichert. Viele Menschen waren erschrocken, auch wir bei der "Freien Presse", dass sich das rechte Spektrum über soziale Netzwerke so schnell und so zahlreich mobilisieren konnte. Die Fraktion von "Pro Chemnitz", die auch im Stadtrat von Chemnitz vertreten ist, hat binnen Stunden Rechte aus der ganzen Bundesrepublik zusammengetrommelt. Das war, wie sich herausgestellt hat, auch eine Überraschung für die Sicherheitsbehörden.  
Seit 1992 arbeiten Sie bei der "Freien Presse", seit 2013 als stellvertretende Redaktionsleiterin. Haben Sie Szenen, wie in den letzten Tagen, oder so eine aufgeheizte Stimmung schon einmal erlebt?
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Nicht in Chemnitz, aber in Zwickau. Damals war die Stimmung nicht aufgeheizt, aber mehr als angespannt, die Bevölkerung verunsichert. Zu jener Zeit, als die Terrorzelle des NSU (Nationalsozialistischer Untergrund, Anm. d. Red.) durch die Explosion des Wohnhauses an der Frühlingsstraße aufgeflogen ist. Damals herrschte ein ähnliches Gefühl der Ohnmacht. Plötzlich stand eine ganze Stadt im Fokus der Medien und musste gegen den Ruf, rechts zu sein, ankämpfen. Doch damals hatte sich schnell die bürgerliche Mitte in Zwickau dem rechten Ruf entgegen gestellt. Das hat in Chemnitz zu lang gedauert.
Warum?
Besonders am Montag schien die bürgerliche Mitte Chemnitz‘ gelähmt. Lediglich die rechte "Pro Chemnitz"-Bewegung und "Chemnitz Nazifrei", die dem linken Spektrum zuzuordnen ist, hatten offiziell zu Kundgebungen aufgerufen. Es gab viele Menschen in der bürgerlichen Mitte, die zu Hause geblieben sind – weil sie weder der einen noch der anderen Gruppierung folgen wollten. Dabei gibt es sogar eine starke bürgerliche Mitte in Chemnitz, allerdings braucht sie mit ihren jetzigen Strukturen länger, sich zu mobilisieren. Am Samstag haben Chemnitzer Friedensgruppen zur Demo aufgerufen, am Sonntag die Kirchen zu einer Kundgebung auf dem Markt, am Montag wollen Künstler wie Kraftklub, Die Toten Hosen und Casper ein gemeinsames Konzert gegen Rechts spielen.
Wie erklären Sie sich die Besorgnis und Unsicherheit, die einige Bürger in Chemnitz offenbar verspüren?
Grundsätzlich muss man sagen, dass es in Chemnitz verunsicherte Bürger gibt – ob von links, rechts oder aus der Mitte. Vor zwei, drei Jahren sind viele Geflüchtete auch nach Chemnitz gekommen. Und wie in vielen Teilen Deutschlands hat das vermeintlich Fremde für Verunsicherung, teilweise sogar Furcht gesorgt. Und diese wurde auch von der rechten Szene vor Ort geschürt. Es kam etwa in Chemnitz-Einsiedel über viele Monate hinweg zu derartigen Demonstrationen, wie wir sie auch in diesen Tagen erlebt haben – nur nicht in dieser Massivität. Aber durchaus mit der Aggressivität. Es wurden Asylbewerber angegriffen und es waren verfassungsfeindliche Symbole und Handzeichen zu sehen. 
Oder in Chemnitz-Markersdorf, als 2015 Geflüchtete in einer Turnhalle untergebracht werden sollten – sich aus Angst jedoch weigerten. Das rechte Lager hat auch damals ordentlich Stimmung gemacht, sodass zumindest die Gefahr bestand, dass die Situation eskaliert. Das war jedenfalls die Stimmung in der Hochphase der sogenannten Flüchtlingskrise, die sich mit der Zeit allerdings gemäßigt hat. Was wir nun in Chemnitz erleben, hat eine neue Qualität erreicht. Auch oder vor allem, weil sich bundesweit Rechte mobilisiert haben und nach Chemnitz gekommen sind. 
Wie war die Stimmung in der Stadt vor dem tödlichen Messerangriff?
Die Stimmung war ruhig und gemäßigt – eigentlich wie in jeder anderen Stadt Deutschlands dieser Größenordnung auch. Das Stadtfest am Wochenende war vor dem Vorfall ausgelassen, die Stimmung weder aufgeladen noch aufgeheizt. Dann wurde der tödliche Messerangriff allerdings schnell und offensiv von Rechten aus ganz Deutschland zu ihren Zwecken instrumentalisiert. 
In den kommenden Tagen sind weitere Demonstrationen und Kundgebungen geplant. Was erwarten oder befürchten Sie?
Am Samstag hat "Pro Chemnitz" eine Kundgebung angekündigt, danach will die Gruppierung durch die Straßen ziehen. Nach meinen Informationen nimmt die "Pro Chemnitz"-Kundgebung dabei eine ähnlichen Route wie die AfD, die zum "Schweigemarsch" aufgerufen hat. Ein Zusammenschluss beider Gruppierungen ist damit nicht auszuschließen. Darüber hinaus haben demokratische Kräfte in der Nähe der Strecke zu einer Aktion unter dem Motto "Herz statt Hetze" aufgerufen. Ein Aufeinandertreffen ist daher nicht unwahrscheinlich. Ich glaube, dass beide Lager zahlreich vertreten sein werden. Eine Prognose über die Personenanzahl der Gruppierungen möchte ich nicht abgeben, aber sie wird vermutlich im vierstelligen Bereich liegen.