Vergewaltigung

Eine Psychologin wird zur Kämpferin für Missbrauchsopfer – doch ihr eigenes Trauma treibt sie in den Tod

Susanne Preusker im Jahr 2010, ein knappes Jahr nachdem sie im Gefängnis als Geisel genommen und mehrfach vergewaltigt worden war
Foto: Marko Priske/Laif
7. September 2018
Von: Dominik Stawski
Die Gefängnispsychologin Susanne Preusker wurde vor neun Jahren von einem Häftling vergewaltigt. Nun beging sie Suizid. Über ihren Kampf mit einem Trauma, von dem sie dem stern noch wenige Tage zuvor gesagt hatte, dass sie ihn gewonnen habe. Jetzt ist ihr Fall verfilmt worden.
In dem Fernsehfilm "Sieben Stunden" - der noch bis zum 13. September in der Mediathek von arte angesehen werden kann - erzählt Regisseur Christian Görlitz die Geschichte von Therapeutin Hanna Rautenberg (gespielt von Bibiana Beglau), die auf einer sozialtherapeutischen Gefängnisstation Opfer einer entsetzlichen Tat wird. Die Geschichte ist an den Fall der Gefängnispsychologin Susanne Preusker angelehnt - "eine Geschichte, die von ihren Erinnerungen inspiriert ist", so der Regisseur - die vor neun Jahren in der JVA Straubing von einem Patienten stundenlang als Geisel genommen und mehrfach vergewaltigt wurde. Ihre Erlebnisse veröffentlichte Preusker zwei Jahre später in einem Buch. Ihre Arbeit hatte sie aufgeben müssen, sie arbeitete als Hundetrainerin und Autorin. Preusker hatte Görlitz' Filmprojekt begleitet, bis sie im Februar 2018 Suizid beging.
Unmittelbar zuvor hatte sie stern-Redakteur Dominik Stawski zu einem langen Gespräch empfangen. Aus aktuellem Anlass veröffentlichen wir seine Geschichte (stern Nr. 16, 12. April 2018) an dieser Stelle noch einmal.
Acht Tage bevor Susanne Preusker freiwillig aus ihrem Leben trat, stand sie in ihrer Küche, ein Lachen im Gesicht, eine Kaffeetasse in der Hand, ihr Hund Emmi tobte umher, die Sonne schien durch die hohen Altbaufenster. "Mit Milch oder ohne?", fragte sie.
Waren wir blind, weil wir in diesen Momenten nur Harmloses, nur Gutes sahen? Wir, ein Kollege und ich, waren gekommen, um Susanne Preusker für einen Artikel über Schuld und Strafe zu interviewen. Wir sahen eine attraktive Frau, freundlich, lustig, bewundernswert. Sie wirkte weit jünger als 58. Hätte ich spüren müssen, dass sie eigentlich nicht mehr wollte, nicht mehr konnte? Oder wollte sie da noch?

Werther-Effekt

Es war ein Montag Anfang Februar. Auf der Zugfahrt zu ihr hatte ich ihr Buch gelesen. "Sieben Stunden im April". Auf der Rückseite stand:
Überlebensmut
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Ihre Geschichte ging durch alle Medien. Die Gefängnispsychologin Susanne Preusker wird an ihrem Arbeitsplatz, dem Hochsicherheitsgefängnis in Straubing, von einem inhaftierten Sexualstraftäter sieben Stunden lang eingesperrt, mehrfach vergewaltigt und mit dem Tode bedroht. Ungeschminkt und mit erzählerischer Präzision schildert Susanne Preusker das Unvorstellbare, die Todesangst, aber auch, wie sie es geschafft hat, nach dem Martyrium zu überleben.
Sie hatte überlebt. Neun Jahre lang.
Und nun? Warum nahm sie sich das Leben? Weil sie die seelischen Schmerzen, die der Täter ihr zugefügt hatte, nicht mehr aushalten konnte? War diese Vergewaltigung im Grunde ein Mord? Mit einem Tatzeitraum vom 7. April 2009 bis zum 13. Februar 2018?
Die Familie, ihr Mann Wolfram und ihr Sohn David, wollen sich aus nachvollziehbaren Gründen nicht öffentlich äußern. Einige Wochen nach dem Suizid stellen sie in einem Brief und einer E-Mail nur zweierlei klar: Ja, es war die Tat von damals. Und ja, man dürfe darüber berichten.
Im Straubinger Gefängnis leitete Susanne Preusker die sozialtherapeutische Station. Ihren Vergewaltiger hatte sie dort vier Jahre lang behandelt – bis zu dem Tag, an dem er sie in ihrem Büro überwältigte
© Soeren Stache/DDP
Als Journalist sollte man sich gut überlegen, ob und wie man über einen Suizid schreibt, denn Studien belegen, dass ein sogenannter Werther-Effekt, also die Gefahr von Nachahmungstaten, existiert. Nachdem die Medien im Herbst 2009 über den Selbstmord des Fußball-Nationaltorhüters Robert Enke berichtet hatten, stieg die Zahl der Suizide dramatisch an.
In diesem Text geht es nicht um den Selbstmord von Susanne Preusker, sondern um ihr Leben, um ihre zwei Leben, wie sie selbst sagte, das davor und das danach. Zwei Leben, von denen jeder erfahren sollte, weil es jedem einmal so ergehen kann wie ihr. In der Widmung ihres Buches schrieb sie: "Für alle, die sich plötzlich ungewollt in einem anderen Leben wiederfinden. Für Wolfram und für David. Und für mich."
Die Frage, die uns im Februar zu ihr führte, stellte sich anlässlich eines anderen Verbrechens, des Gladbecker Geiseldramas von 1988. Dieter Degowski, einer der beiden Haupttäter, stand vor seiner Freilassung, und die Frage lautete: Wann endet Schuld?
Der Kaffeeduft legte sich über den Küchentisch, Hündin Emmi hatte sich beruhigt, das Diktiergerät lief.
Wie geht es Ihnen heute, Frau Preusker?
"Ich habe mich relativ erfolgreich in diesem neuen Leben eingerichtet. Ich denke, sagen zu können, dass ich etwas Gutes daraus gemacht habe. Ich schreibe ein Buch nach dem anderen, das ist mein neuer Job. Natürlich vermisse ich mein altes Leben. Aber es tut nicht mehr so weh, wie es einmal wehgetan hat."

"Ich mag Menschen"

Was vermissen Sie?
"Ganz grundlegende Dinge wie morgens um halb neun irgendwo sein zu müssen. Bücher zu schreiben ist eine schöne Sache, aber eine zutiefst einsame."
Susanne Preusker war Gefängnispsychologin. Nach dem Abitur am Hildesheimer Gymnasium Himmelsthür hatte sie Psychologie in Osnabrück studiert. Sie begann ihre Berufstätigkeit in einer psychiatrischen Klinik und wechselte später in den Strafvollzug. "Ich mag Menschen", sagte sie. "Ich wollte wissen, wie sie ticken." Preusker arbeitete in Anstalten in Celle, Alfeld, Hannover, Bützow und schließlich in Straubing, wo sie die therapeutische Abteilung für männliche Sexualstraftäter leitete. Sie machte Karriere, wurde eine gefragte Gutachterin und Dozentin. Mit Anfang 30 hatte sie mit ihrem ersten Mann einen Sohn bekommen, den sie abgöttisch liebte. Preusker war nicht klein, aber ihr David wuchs so schnell, dass er sie bereits als Jugendlicher weit überragte. Preuskers neuer Partner wurde sein Stiefvater, die drei wuchsen zu einer Familie zusammen. In den letzten Tagen ihres "Lebens davor" planten Preusker und ihr Partner gerade ihre Hochzeit.
Im Leben davor habe sie viel Glück gehabt, sagte Preusker in unserem Gespräch, "so viel, dass ich das Gefühl hatte, jetzt muss ich auch einmal etwas zurückgeben. Deswegen bin ich 2008 in die Kirche eingetreten. Ich wollte etwas zurückgeben, und sei es die Kirchensteuer."
Sieben Stunden hielt der Täter sie in seiner Gewalt. Preusker fürchtete zu sterben. Sie wusste, dass er schon einmal eine Frau zu Tode geknebelt hatte
© Soeren Stache/DDP
Zwischen einem Leben davor und einem Leben danach können Sekunden oder Jahre liegen. Sekunden, in denen jemand einem die Vorfahrt und die Familie nimmt. Oder Jahre, in denen man eine Krankheit besiegt, die einen verändert. In diesen Sekunden oder Jahren kann etwas enden und beginnen. Enden kann zum Beispiel der stärkende und heilsame Glaube, dass am Ende alles irgendwie gut geht. Und beginnen kann die quälende und zersetzende Angst, dass es immer noch schlimmer kommen könnte.
Die Unglücke, Verbrechen, Krankheiten, all die traumatischen Erlebnisse, die das Davor und das Danach trennen, unterscheiden sich. "Andere Menschen haben andere Geschichten", schrieb Preusker. Ihre ist vielleicht besonders schlimm. Aber sie sagte sich immer wieder: "Du bist nicht der Nabel der Welt." Sie bezeichnete sich einmal als "Luxusopfer", weil es ihr besser gehe als vielen anderen, schließlich sei sie ausgestattet mit einer Familie, die sie nach Kräften unterstütze, und einem Mann, der zu allem Überfluss an Liebe auch noch Jurist sei.
Bei Susanne Preusker lagen zwischen dem Davor und Danach sieben Stunden, deren Grausamkeit das Vorstellbare übersteigt. Ihr war es wichtig, dass klar benannt wird, was ihr angetan wurde. "Mit Scham tun sich Opfer keinen Gefallen", sagte sie und fügte voll bitterer Ironie an: "Opfer. Wie ich diesen Ausdruck liebe." In ihrem Buch schrieb sie: "Ich habe nichts zu verbergen. Ich muss mich nicht verstecken. Die Wahrheit schmerzt und löst Bestürzung aus. Das zeichnet die Wahrheit aus. Sie ist selten schön, aber immer notwendig."

Unbedingt überleben

Es war ein Dienstagnachmittag 2009 in Straubing, kurz nach fünf, Preusker packte in ihrem Büro gerade ihre Sachen zusammen, weil sie einen Termin bei einer Kosmetikerin hatte. Die Hochzeit stand ja bevor. Am Tag zuvor hatte sie die Einladungen verschickt. Plötzlich trat Roland K. in ihr Büro, ein wegen Mordes und Vergewaltigung verurteilter Mann, den Preusker seit vier Jahren behandelte. Die Gefangenen durften sich innerhalb der Therapiestation frei bewegen. K. fragte, ob Preusker für ihn Zeit habe. Sie vertröstete ihn auf die kommenden Tage, aber K. blieb einfach in der Tür stehen. Sie müsse nun wirklich gehen, drängte sie. Er reagierte nicht. Sie stand auf und ging auf ihn zu. Da griff er sie an. Sie wehrte sich, doch K. zog ein Messer hervor, das er ihr an den Hals drückte, er zwang sie, ihren Schlüssel herzugeben, verschloss die Tür und verbarrikadierte sie mit Möbeln. Er zog seine verschwitzte Kleidung aus. Mehrmals vergewaltigte er sie. Preusker wehrte sich nicht mehr, gehorchte ihm. Sie wusste, dass sie, wenn überhaupt, nur so überleben würde. Sein letztes Opfer, das hatte sie in der Akte gelesen, war an seiner Knebelung erstickt – er hatte das Schreien nicht aushalten können. Susanne Preusker wollte unbedingt überleben. Mit aller Kraft unterdrückte sie den Reiz, sich zu übergeben, weil sie Angst hatte, dass er das als Zeichen ihres Ekels ihm gegenüber deuten könnte. Er habe Sekundenkleber für ihren Mund dabei, drohte er ihr. Nach sieben Stunden, in denen K. am Telefon mit Polizei und Gefängnismitarbeitern verhandelt hatte, gab er auf. Er ließ sie ihre Kleidung wieder anziehen.
Und dann trat Susanne Preusker aus ihrem Büro, die Polizei, das Sondereinsatzkommando, ihre Kollegen, alle starrten auf sie. Sie griff nach den Händen fremder Menschen, sie fiel fast zu Boden, schrie, weinte. Man brachte sie in ein anderes Zimmer, in dem ein Notarzt sie behandelte. Man sah zwar Wunden in ihrem Gesicht, aber nicht, was ihr angetan wurde. Das Wichtigste war: Sie lebte.
In einem Krankenwagen fuhr man sie in eine Klinik. Dort, im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, mitten in Bayern, besaßen sie keine "Pille danach". Ein Pfarrer holte sie in einer Apotheke.
Neun Jahre später, an ihrem Küchentisch, sprach sie kaum über diese Details der sieben Stunden. Wir fragten auch nicht danach, wir wollten es ihr ersparen und sagten, dass wir beim Schreiben auf ihre Schilderungen im Buch zurückgreifen würden. Sie könnte das tatsächlich als Rücksichtnahme empfunden haben. Oder aber als fehlende Anerkennung ihres Leids. Dazwischen nämlich verläuft der Grat, auf dem sich jeder wiederfindet, der mit Traumatisierten über ihren Kampf spricht.
Als ihr neues Leben begann, musste Preusker erzählen, was hinter ihrer Bürotür geschehen war. Egal, wie schwer es ihr fiel. Denn hätte sie geschwiegen, hätte niemand erfahren, dass es ihr Trauma überhaupt gegeben hat. Weil sie durch ihren Beruf wusste, wie wichtig ihre Schilderung spätestens vor Gericht werden würde, schrieb sie ein paar Tage nach der Tat alles auf. Sie erzählte es der Polizei und Menschen, die ihr nahestanden. Sonst aber hielt sie sich zurück. Viele glauben bis heute, dass sie die Öffentlichkeit gesucht habe, weil sie ihr Buch verkaufen wollte. Preusker bekam nach dem Erscheinen des Buchs Zuschriften, in denen es hieß, dass sie Profit aus ihrem Schicksal schlagen wolle. "Auch heute noch wäre es mir lieber, ich hätte es nie schreiben müssen", begann sie deswegen das Vorwort der zweiten Auflage.
In Wahrheit floh Preusker zunächst vor der Öffentlichkeit. Die Ärzte schrieben sie krank. "Es war nicht meine Mutter, wie ich sie in Erinnerung hatte", sagte ihr Sohn später über diese Zeit in einer Fernsehdokumentation. "Es war irgendwie eine zerstörte Frau. Total kaputt. Wie ein anderer Mensch fast."

Mehr als ein Aktenzeichen

Preusker zog sich zurück in die Wohnung ihres Mannes in Magdeburg, fast 500 Kilometer entfernt von Straubing. Vom Küchenfenster schaut man auf einen kleinen Hof, der von mehreren Gebäuden umrahmt ist. Die Balkone liegen so nah beieinander, dass die Nachbarn miteinander plauschen können. Es war Frühling, und Preusker wollte an die Luft, sie saß auf dem Balkon und schaute wie so oft ins Leere. Die Nachbarn wunderten sich. "Mensch, Suse, bist ja so viel hier!", war so ein Satz, den sie noch Jahre später im Ohr hatte. "Was sagt man da? Bin krankgeschrieben? Dann: Oh, was ist los? Und dann nur Gestammel", erinnerte sie sich.
Sie hielt das nicht aus. Es fühlte sich an, als würde man lügen. Und so wussten nach und nach mehr Nachbarn Bescheid.
Der Gerichtsprozess stand bevor. Allein die Gedanken daran quälten sie. Als Opfer, als wichtigste Zeugin, musste sie aussagen, auch wenn sie Angst davor hatte. Aber sollte sie auch als Nebenklägerin an dem Prozess teilnehmen? Ihr Mann, den sie trotz der Tat zehn Tage später geheiratet hatte ("Nun erst recht", hatte er gesagt), und ihr Sohn waren dafür. "Sie wollten, dass ich mehr bin als ein Aktenzeichen. Aber ich fürchtete mich davor. Und kurz vor der Verhandlung habe ich gesagt: Okay, ich mach's. Unter einer Voraussetzung: dass ich nicht öffentlich aussage. Das werde ich auf keinen Fall tun."
Mit Sonnenbrille trat sie in den Gerichtssaal. Ihr Herz raste. In ihrer Hand hielt sie Beruhigungspillen. "Und dann beantragte der Angeklagte, dass die Öffentlichkeit vom gesamten Prozess ausgeschlossen wird, weil es in dem Verfahren um seine Intimsphäre gehe. Ich dachte, ich spinne. Seine Intimsphäre? Ich konnte das nicht fassen. Und irgendjemand sagte dann, dass der Antrag abgelehnt würde, wenn ich öffentlich aussage."
Was nun? Es blieb nur eine kurze Verhandlungspause. In diesen zwei Minuten stellten sich die Weichen für die kommenden Jahre, auch wenn sie es nicht ahnen konnte. "Du wirst doch wohl diesem Arsch nicht das Recht geben auf eine geschützte Privatsphäre", sagte ihr Sohn, damals 17. "Hältst du es denn aus, wenn ich allen davon erzähle?", fragte sie ihn. Er nickte.
"Mit meiner öffentlichen Aussage sind die Dämme gebrochen. Plötzlich waren die Kameras vor meiner Nase. Das volle Programm." Preuskers erster Schritt in die Öffentlichkeit war nicht freiwillig.
Doch er fühlte sich richtig an.

Expositionstherapie

Der Prozess habe sie verwandelt, erinnerte sie sich in ihrer Küche. Dieser Moment, in dem sie dem Täter in die Augen sah. "Und dann guckte er weg. Er konnte mir nicht standhalten. Das war ein wichtiges Gefühl."
War der Prozess eine Therapie?
"Irgendwie schon. Dass mich das Gericht sah. Dass ich das geschafft habe. Und es war wichtig für mich, dass er bestraft wurde. Dieser Satz: Er ist schuldig. Der war wichtig. Das Strafmaß gar nicht so sehr." K. wurde zu 13 Jahren und neun Monaten Haft und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Seine Aussichten, jemals wieder freizukommen, sind schlecht.
Auch durch den Prozess lernte Preusker, dass das Verbrechen und all die Gefühle nun zu ihr gehörten. Von Beginn an wusste sie, dass sie professionelle Hilfe benötigen würde, um mit diesem Teil ihres Lebens fertigwerden zu können.
Fällt eine Therapie leichter, wenn man selbst Therapeutin ist?
"Es hilft nicht unbedingt", antwortete sie. "Weil dieses Diagnostizieren, das Anwenden von Methodik, wie man es gelernt hat, bei einem selber nicht so funktioniert."
Preusker besuchte mehrere Therapeuten. Ihr erstes Ziel war, an das Geschehene denken zu können, ohne die Nerven zu verlieren. In stundenlangen Sitzungen durchlebte sie ihr Martyrium in Gedanken wieder und wieder. "Das ist wie ein Stein", sagte sie in ihrer Küche, "über den Sie Wasser laufen lassen. Irgendwann wird er rund." Irgendwann konnte sie sogar das Buch schreiben. Auch wenn es absurd klingt, sie wollte so auch Abstand gewinnen, weil sie ihre Geschichte danach buchstäblich in eine Schublade stecken konnte.
Das zweite Ziel war, wieder ihren Alltag leben zu können, in eine dunkle Tiefgarage zu fahren, ohne in Panik zu geraten wegen des Gefühls, eingeschlossen zu sein und kaum fliehen zu können. Gemeinsam mit ihrer Therapeutin wagte sie sich immer wieder in Situationen wie diese. Expositionstherapie nennt man das. Das Problem waren die zahllosen Trigger, die sich in ihr Bewusstsein gepflanzt hatten. Damals in ihrem Büro hatte ihr Gehirn in eine Art Notmodus geschaltet und den Körper mit Stresshormonen geflutet. Das Gehirn kann die traumatischen Erlebnisse mit Sinneswahrnehmungen verknüpfen. Überlebende der Ramstein-Katastrophe schilderten zum Beispiel, dass der Geruch von frisch gemähtem Gras bei ihnen noch viele Jahre später Panikattacken auslöste. Der Rasen war vor der Flugshow gemäht worden. Für manche syrische Flüchtlinge, die nach Deutschland gekommen sind, ist das Knallen der Silvesterböller seelische Folter. Und manche Patienten, die sich kaum an ihren Überlebenskampf auf einer Intensivstation erinnern können, erleben durch den Geruch von Desinfektionsmittel einen Flashback. Intrusionen nennen Psychologen solche Erinnerungen. Und Gerüche sind die allermächtigsten Anker dafür.

Training in einem stillgelegten Gefängnis

Für Preusker gab es wenig Schlimmeres als verschwitzt stinkende, weiße Unterhemden. Der Täter trug so eines, und ihr Blut hinterließ Flecken darauf. Verschlossene Türen konnten sie in Panik versetzen. Auch das Tape, das ihr Sohn zum Abbinden seiner Football-Verletzungen zu Hause herumliegen hatte. Sah sie es, bekam sie Herzrasen, denn K. hatte sie mit einem Klebeband gefesselt. In der Küche schrie sie einmal ihren Mann Wolfram an. "Leg das Messer weg, leg sofort das Messer weg!" Er hatte nur eine Scheibe Brot geschnitten. "Da war lange dieses Gefühl", sagte sie einmal in einer Fernsehdokumentation, "was, wenn du dich in Wolfram auch irrst?"
Die Traumaexpertin Sybille Jatzko, die gemeinsam mit ihrem Mann Hunderte Verbrechens- und Katastrophenopfer betreut hat, verglich in einem Aufsatz über die Überlebenden der Ramstein-Katastrophe das Leben der Betroffenen mit einer Schallplatte. Einer Vinylplatte, die einen Kratzer bekommt. Der Kratzer ist ein Unfall, ein Verbrechen, was auch immer. Er geht nie mehr weg. Berührt die Nadel des Plattenspielers die Stelle, springt sie und macht ein schmerzendes Geräusch. Nie wieder wird die Platte so klingen, wie sie einst klang.
Preusker fand zurück in den Alltag. Lernte, wieder in geschlossenen Räumen zu sein. Oder mit ihrem Sohn einzukaufen. Die Panikattacken trafen sie von Jahr zu Jahr seltener. In einem stillgelegten Gefängnis in Magdeburg trainierte sie sogar, wieder lange, kahle Knastgänge mit Gittern in den Fenstern entlangzugehen. Stück für Stück holte sie sich ihren Mut zurück.
Das Fliegen, das Eingesperrtsein in einem Flugzeug, fiel ihr immer noch schwer, weswegen die Aussicht, dass ihr Sohn, der heute Mitte 20 ist, bald nach Kanada ziehen könnte, ihr zuletzt Kummer bereitete. "Ach, irgendwie werde ich das schon hinkriegen", sagte sie fast trotzig in der Küche. "Zur Not schreie ich eben ein bisschen rum." Sie lachte. Und wir lachten mit.
In ihrem neuen Leben war sie damit beschäftigt, mit dem Geschehenen umzugehen. Jeder Tag konnte zu einem Kampf gegen die Trigger werden. Ständig hatte sie Therapiesitzungen. Außerdem prozessierte sie über Jahre vor Gericht um ihre Pension, denn als Psychologin arbeiten konnte sie nicht mehr.
Andere Themen musste sie sich erkämpfen. Sie schrieb einen Ratgeber über Hunde und mehrere Krimis. Psychologen sprechen von neuen "Gedankenspuren", sie seien wichtig, damit man nicht immer über die gleiche Autobahn im Kopf rast. Trotz ihres Traumas gelang ihr, was vielen nicht gelingt: Sie behielt das Interesse an anderen und ihren Problemen. Ihr letztes Buch handelte von zwei Frauen, deren tiefe Freundschaft durch den Krebstod der einen endet.
Was sie auch tat, in der Öffentlichkeit verband man sie mit der Tat vom April 2009. Immer wieder bat man sie zu Lesungen. Auf Kongressen diskutierte sie über Opferrechte, forderte, Hilfsangebote müssten ausgebaut werden. Sie gab anderen, die das Trauma verstummen ließ, eine Stimme. Wer schafft es schon, eine Tat und ihre Folgen öffentlich in so ehrliche Worte zu fassen?

"Wut ist besser als Angst"

Jeder Auftritt kostete sie Kraft. Doch ihn bewältigt zu haben gab ihr auch Kraft.
Wann endet Schuld?, war die Frage, die wir mitbrachten.
"Selbst wenn der ewig sitzen würde, die Schuld könnte er nicht tilgen, so lang ist das Leben gar nicht", sagte sie. "Er hat mein Leben … 'zerstört' möchte ich nicht sagen. Aber er hat mein Leben maßgeblich geändert, gegen meinen Willen. Und er hat, und das macht die Schuld auch aus, Menschen, die mir nahestehen und die ich liebe, verletzt. Auf immer. Meinen Sohn. Kein 17-Jähriger sollte so etwas erleben müssen. Er hat ihm ein Stück Jugend genommen."
Könnten Sie ihm je vergeben?
"Never ever. Niemals!"
Preuskers Wut war immer noch da. "Wut ist besser als Angst", sagte sie einmal. Sie nannte den Täter bei unserem Gespräch nie beim Namen, sondern wahlweise "Idiot" oder "Typ". Sein Gesicht werde sie nie vergessen. "Wenn ich es jetzt zeichnen müsste, ich könnte es." Und seinen Gesichtsausdruck? "Ja, ja, ja. Das vergisst man nicht. Manchmal in der Stadt sehe ich Menschen, die ihm ähnlich sehen, und dann zucke ich zusammen. Und ich halte es schwer aus, wenn Menschen in seinem fränkischen Dialekt sprechen."
Um sich zu rächen, hatte Preusker schon vor Jahren einen Brief an K. formuliert. Aus den Therapiesitzungen mit ihm im Gefängnis wusste sie über die Wunden in seiner Familie und seiner Kindheit Bescheid. Sie schrieb eine Abrechnung, die nur er verstehen würde, weil sie so intim war.
"Ich habe in dem vergangenen Jahr oft an Ihre Großeltern denken müssen", heißt es darin. "Und an die Geschichte von dem Jungen, der in das Fell eines Hundes weint. Sie haben so viele Menschen enttäuscht und angelogen … Aber Sie haben mich nicht zerstört, K."
Der Brief wurde zunächst nicht zugestellt, die Leitung der Anstalt, in die K. verlegt worden war, hatte Bedenken. "Die meinten wohl, es würde ihm nicht guttun. Aber ich habe gerichtlich erstritten, dass der Brief ihm überreicht wird", sagte Preusker. "Jeder Satz darin trifft ins Herz."
Sie habe nie eine Antwort bekommen, aber die wolle sie auch nicht, "wären ja eh nur Lügen". Mit dem Brief stellte sie das alte Machtverhältnis wieder her – das war ihr am wichtigsten.
In ihrem Buch kommt ein einziges Mal das Wort Selbstmord vor, an einer Stelle, an der sie von einer Therapiesitzung erzählt. Der Therapeut hatte sie gefragt: "Hatten oder haben Sie Selbstmordgedanken?"
Und Preusker schrieb: "Ich lüge und sage Nein, und er tut so, als glaube er mir."

Im Innersten des eigenen Körpers

Wir haben sie im Februar auf diese Zeilen nicht angesprochen. Während der Stunden in ihrer Wohnung wirkte sie gefestigt. So, als hätte sie die Worte verwirklicht, mit denen sie ihr Buch beendete hatte: "Und meine sonstigen Pläne? Leben." Zum Abschied führte sie uns noch einmal über den Flur, zeigte das Zimmer, in dem sie einsam ihre Bücher verfasste, vom Schreibtisch aus schaut man auf den Magdeburger Dom.
Ich ging im Glauben, dass sie es überstanden hat. Dass sie damit leben kann und will.
Aber als Journalist ist man nur Oberflächenbeschauer, mit ein paar Fragen im Block und nur ein paar Stunden Zeit. Kein Freund. Kein Therapeut. Schon gar nicht ein Vertrauter.
Und was heißt "überstanden"? Kann man so etwas überhaupt überstehen? Wo ist der Punkt, an dem man weiß: "Jetzt ist gut"? Kann es den Punkt überhaupt geben, wenn jeder Tag die Gefahr birgt, dass einen ein Geruch in einen Flashback stürzt?
Psychologen haben in Studien festgestellt, dass Opfer von Vergewaltigungen viel häufiger (in etwa 50 Prozent der Fälle) mit einem Trauma zu kämpfen haben als zum Beispiel Überlebende einer Naturkatastrophe (4,5 Prozent). Eine erlittene Vergewaltigung erhöht auch das Suizidrisiko dramatisch. Eine Vergewaltigung kann man nicht auf eine höhere Macht schieben. Sie ist kein Schicksalsschlag, von dem manche sich sagen mögen, dass ein Gott ihn so vorgesehen habe. Nach einer Vergewaltigung gibt es auch keine Schicksalsgemeinschaft, weil man allein war, als es geschah. Die Tat passiert im Innersten des eigenen Körpers. Angesichts dessen hat Susanne Preusker viel mehr als nur überlebt. Hat sich zurückgekämpft, einen neuen Beruf gefunden, gemeinsam mit Mann und Sohn ihre Familie zusammengehalten, als Kämpferin für Opferrechte wurde sie ein Vorbild.
"Wir würden Sie noch einmal anrufen, wenn Fragen auftauchen", sagte ich auf dem Weg zur Tür. "Und ein Fotograf wird sich bei Ihnen melden, wenn Sie einverstanden sind."
"Ja klar, in Ordnung", antwortete sie.
Der Fotograf klingelte zehn Tage später an ihrer Tür. Ein Bekannter der Familie öffnete. Es sei gerade schwierig, sagte er. Dann komme er einfach später wieder, schlug der Fotograf vor. Nein, es sei generell schwierig.
So erfuhren wir, dass sie zwei Tage zuvor gestorben war.
Warum? Warum jetzt? Gab es einen Auslöser? Psychologen sprechen von Episoden im Leben der Traumatisierten. Hellen und dunklen. Die Dunkelheit kommt häufig an Jahrestagen. Oder dann, wenn das Leben mit all den unlöschbaren Erinnerungen zu anstrengend wird. Wenn das Dagegen-Ankämpfen einen mehr und mehr erschöpft. Und die Gewissheit in einem wächst, dass der Kampf wohl nie aufhören wird.

Offener Umgang mit ihren Ängsten

Stunden nachdem uns die Todesnachricht erreichte, hörte ich mir noch einmal die Tonaufnahme unseres Gesprächs an. Hätte ich etwas merken können? Müssen? Ihre Stimme klang fest, nicht brüchig. Man hört, wie sie ihren Hund ermahnt, wie sie von Hamburg schwärmt, wo der Regisseur Christian Görlitz ihr die gerade fertiggestellte Verfilmung ihres Buches gezeigt hatte, die im Sommer auf Arte und im Herbst in der ARD ausgestrahlt wird. Es habe sich seltsam angefühlt, die eigene Geschichte in einem Kino zu sehen, sagte sie. Bei manchen Szenen habe sie auch weggeguckt. Doch der Film habe ihr sehr gut gefallen. Von Panik oder Triggern sprach sie nicht. Selbst bei unseren Interviewpassagen über ihr Trauma klang ihre Stimme sicher, viele unserer Fragen dürften für sie nicht neu gewesen sein. Bei keiner zögerte sie, zu antworten. Sie sprach offen über ihre Ängste. Das ließ sie für uns nur noch stärker wirken. Sie kannte ihre Seele. Sie wusste, wie verletzlich sie noch immer war.
Susanne Preusker starb am 13. Februar 2018.
Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.
Für Kinder und Jugendliche steht auch die Nummer gegen Kummer von Montag bis Samstag jeweils von 14 bis 20 Uhr zur Verfügung - die Nummer lautet 116 11.