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stern exklusiv

Für den gehobenen Dienst : "Sippenforschung" und "arbeitsscheue Berufsverbrecher": NS-Sprech in Polizei-Lehrbuch

Das fragwürdige Lehrbuch wird für die Ausbildung zum höheren Dienst verwendet
Foto: Focke Strangmann/ddp images, Carolin Windel
Von: Kerstin Herrnkind
Ein aktuelles Kriminologie-Lehrbuch für Polizeianwärter des gehobenen Dienstes zitiert Begriffe und Theorien von "Experten", die in der NS-Zeit eine fragwürdige Rolle gespielt haben – ohne sie hinreichend einzuordnen.
Eine Gangsterbande aus dem Lehrbuch: Peter, Achmed und Thomas. Sie sind 18 und 19 Jahre alt, brechen 200 Autos auf, begehen Einbrüche und überfallen alte Frauen. Die Beute verprassen sie in Spielhallen, sie trinken, und haben Spaß an Gewaltvideos. Ihre Eltern, natürlich ebenfalls Straftäter, haben die Kinder stets vernachlässigt. 
Das Buch "Kriminologie für Studium und Praxis" von Horst Clages und Ines Zeitner analysiert den Fall und nennt mögliche Erklärungen für die kriminellen Karrieren der Teenager: "Einerseits kann aus den Ergebnissen der Sippenforschung auf genetisch bedingte Defekte geschlossen werden", schreiben die Autoren. Und beziehen sich damit auf eine Disziplin der "Rassenlehre", die längst widerlegt ist und die seit dem Ende des Faschismus in deutschen Bildungseinrichtungen nicht mehr unterrichtet wird. Doch ihr Buch ist keine abseitige Abhandlung aus der NS-Zeit; es ist ein Lehrbuch für Kriminologie, das 2006 erstmals erschienen ist. Und das mittlerweile zu den Standard-Lehrbüchern gehört, mit denen angehende Kommissare an Fachhochschulen auch im Jahre 2019 noch für ihre Prüfungen zum gehobenen Dienst pauken. 

Lehrbuch seit 13 Jahren im Einsatz

Der Verlag Deutsche Polizeiliteratur, in dem das Buch erscheint, gehört der Gewerkschaft der Polizei. Mit fast 190.000 Mitgliedern rühmt sich die GdP die "die größte Polizeigewerkschaft der Welt" zu sein. Pünktlich zum Semesterbeginn wirbt der Verlag in der Augustausgabe wieder im Gewerkschaftsblatt "Deutsche Polizei" für die "wertvolle Hilfestellung" bei der "Prüfungsvorbereitung" mit einer ganzseitigen Anzeige. Da das Buch seit 13 Jahren eingesetzt wird, dürfte es in den Regalen sehr vieler Gesetzeshüter stehen. 
Für die 2016 erschienene dritte Auflage "wurde der Inhalt des Buches von den Autoren überarbeitet und aktualisiert", versichert der Verlag. Den Begriff "Sippenforschung", der untrennbar mit der mörderischen Rassenpolitik der Nazis verbunden ist, setzen die Autoren allerdings nicht einmal in Anführungszeichen. So erwecken sie den Eindruck, als sei die "Sippenforschung" heute noch eine gängige Methode, um Kriminalität zu erklären. Und nicht nur das: Kritiklos beziehen sie sich auf Krimino­logen und Juristen, die in der NS-Zeit eine fragwürdige Rolle gespielt haben.
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Schon im ersten Kapitel zitieren Clages und Zeitner einen SS-Sturmbannführer, um Polizei-Studenten den Begriff der Kriminologie zu erklären. Sie verweisen auf einen "Leitfaden für Kriminalbeamte" von 1967. Autor ist Bernhard Niggemeyer, Jahrgang 1908. Er leitete beim Bundeskriminalamt das Kriminalistische Institut, moderierte die BKA-Herbsttagungen, war ein Vorzeigepolizist der jungen Bundesrepublik – und eben ein Mann mit Vergangenheit. 
Während des Zweiten Weltkriegs war Niggemeyer bei der Geheimen Feldpolizei aktiv. Als Leitender Feldpolizeidirektor soll er 1944 an der Exekution von 675 Menschen beteiligt gewesen sein. Der ehemalige BKA-Beamte Dieter Schenk zitiert in seinem 2001 erschienenen Buch "Auf dem rechten Auge blind. Die braunen Wurzeln des BKA" aus Tätigkeitsberichten, die er im Bundesarchiv gefunden hat. "7000 Zivilpersonen wurden abwehrmäßig überprüft, 453 als Banditen erkannt und erschossen", heißt es dort. "Das waren Originale, die Niggemeyer unterschrieben hat", sagt Schenk, der inzwischen an der Universität im polnischen Łódź lehrt. "Hätte Nig­ge­meyer noch gelebt, als diese Beweise gefunden wurden, hätte ihm ein Straf­verfahren als Kriegsverbrecher gedroht."

Autoren verweisen auf "berüchtigten" Leitfaden 

Niggemeyer ging 1968 in Pension. Unbehelligt. Kurz zuvor hatte er in der "Schriftenreihe des Bundeskriminalamtes" seinen "Leitfaden für Kriminalbeamte" veröffentlicht. Und damit noch einmal sein Weltbild dokumentiert: Frauen neigten "zur Lüge und Unaufrichtigkeit", schrieb er. "Das Verhalten der Frau wird im allgemeinen weniger vom Verstand als vom Gefühl her bestimmt." "Hippies" hielt er für "eine Abart der Gammler". "Zigeunern" bescheinigte er eine "ausgeprägte Arbeitsscheu". 
14 Jahre dauerte es, bis der damalige BKA-Präsident Heinrich Boge das Buch 1982 für "überholt" erklärte. "Deutlich mehr als nur Partikel rassistischer Ideologie flossen unter anderem über den berüchtigten 'Niggemeyer-Leitfaden' in die polizeiliche Aus- und Fortbildung ein", schreibt die oberste Polizeibehörde in ihrer Dokumentation "Der Nationalsozialismus und die Geschichte des BKA" im Jahr 2011. "Mir ist nicht klar, warum man in einem Lehrbuch ausgerechnet Nigge­meyer zitieren muss, wenn man den ­Begriff 'Kriminologie' erklären will", sagt Kriminalist Dieter Schenk. "Aber wenn man ihn schon zitiert, sollte man wenigstens auf seinen Nazi-Hintergrund eingehen."

Getarnte Nazi-Symbolik

Die Codes der neuen Rechten

Bernhard Niggemeyer ist nicht der einzige "Experte" mit brauner Vergangenheit, der in dem Polizisten-Lehrbuch zu neuen Ehren kommt. In einem Kapitel über "Zwillings-, Adoptions- und Sippenforschung" werden die "Sippenuntersuchungen" von Friedrich Stumpfl kritiklos wiedergegeben. Die Autoren loben das "ausführliche Aktenstudium" des Kriminalbiologen, der in der NS-Zeit Lebens­läufe von Straffälligen studiert hat. Dass er damals auch für eine Organisation arbeitete, die "Nichtsesshafte" fürs Konzentrationslager "selektierte", und dass er für Zwangssterilisationen verantwortlich war, verschweigen sie. Neuere Untersuchungen zur Zwillingsforschung sucht man in dem Lehrbuch vergebens. 

"Arbeitsscheue Berufsverbrecher"

In einem Kapitel über die "historische Betrachtung" von "Tätertypologien" taucht der österreichische Kriminologe Ernst Seelig auf. Er schrieb unter anderem über "arbeitsscheue Berufsverbrecher" und "Verbrecher aus Mangel an Gemeinschaftsdisziplin". Die Autoren präsentieren auch diese Begriffe, ohne sie weiter einzuordnen. Dass Seelig ab 1939 "Mischlingsuntersuchungen" durchführte, ist ihnen keine Zeile wert. 
Auch die "Charaktertäter", "Hangtäter" und "Zustandsverbrecher", die der Strafrechtsprofessor Edmund Mezger als "Tätertypen" ausmachte, finden Eingang in die Übersicht historischer Täterty­pologien. Von Mezgers Rolle während der NS-Zeit liest man dagegen nichts. Der Jurist saß damals neben dem gefürchteten Richter Roland Freisler, der unter anderem die Geschwister Scholl zum Tode verurteilt hat, in der Strafrechtskom­mission. In einem seiner Bücher forderte  Mezger 1934 "die Ausscheidung volks- und  rassenschädlicher Bestandteile aus der Volksgemeinschaft".
"Von hier aus fuhren die Züge nach Auschwitz und Treblinka", schrieb der Jurist Gerit Thulfaut 1999 in seiner Dissertation über Mezgers Äußerungen. Künftige Kriminalbeamte lernen Mezger als Experten kennen. 
Unkommentiert geben Clages und Zeitner  auch "die Opfertypologie nach von Hentig" wieder. Der 1887 geborene Kriminologe unterscheidet "zwischen Opfergruppen und legt seiner Psychologie familiäre, räumliche, zeitliche, berufliche, rassistische Gesichtspunkte, völkische oder religiöse Minderheitssituationen … zugrunde ... Ziel seiner Arbeit ist es, Hilfsangebote und Unterstützung für die gefährdeten Personengruppen anzubieten", schreiben die Autoren, als wäre von Hentig ein Wohltäter gewesen. Dass er noch 1965 in seinem Buch "Die  Kriminalität der lesbischen Frau" krude Thesen vertrat, unterschlagen sie dagegen. 

"Fahrlässig unreflektiert"

"Wenn man einen Exkurs in die Geschichte der Kriminologie macht, sollte man sich von diesen veralteten und menschenverachtenden, zum Teil sogar rassistischen Thesen distanzieren", sagt Marschel Schöne. Der promovierte Kriminologe ist Professor an der Hochschule der Sächsischen Polizei und lehrt an der Universität Leipzig. Schöne war selbst einmal Polizist. "Gerade vor den aktuellen fremdenfeindlichen Entwicklungen in Deutschland und der nationalsozialistischen Geschichte sollte man es vermeiden, solche Thesen, Begriffe und vermeintlichen Experten wieder hoffähig zu machen, indem man sie fahrlässig unreflektiert und unkommentiert stehen lässt. Damit vermittelt man jungen Polizisten eine Perspektive, die ethisch und verfassungsrechtlich indiskutabel ist."
Besondere Brisanz bekommen die Passagen aus dem Lehrbuch vor dem Hintergrund, dass rechtsradikale Polizisten immer wieder für Schlagzeilen sorgen. Im Mai verurteilte das Amtsgericht Berlin-Tiergarten zwei Polizeischüler und einen Polizisten auf Probe zu Geldstrafen. Sie hatten bei einem Basketball-Bundes­ligaspiel "Sieg Heil" gerufen. In Kiel wurde kürzlich ein Polizeischüler suspendiert. Er war mit Hakenkreuzbinde und Wehrmachtsmütze fotografiert worden. In Frankfurt und München sind derzeit mehrere Polizeibeamte suspendiert. Sie sollen Hitler-­Bilder, Hakenkreuze und judenfeindliche Filme übers Netz getauscht haben. Die Frankfurter stehen sogar unter Verdacht, einer Anwältin Mord­drohungen geschickt zu haben. 
Auch in der Vergangenheit musste sich die Polizei den Vorwurf gefallen lassen, auf dem rechten Auge blind zu sein: Als die Rechtsterroristen des NSU ab 2000 quer durchs Land zogen, Migranten und eine Polizistin ermordeten, suchten die Ermittler die Täter über Jahre im Umfeld der Opfer. Unterstellten ihnen Verbindungen zur Organisierten Kriminalität. Auf die Idee, dass Neonazis hinter den Morden stecken könnten, kamen sie offenbar nicht, obwohl Angehörige diesen Verdacht gegenüber der Polizei geäußert hatten. 

Verlag kündigt Prüfung an

Auf stern-Anfrage zeigt sich der Verlag Deutsche Polizeiliteratur zerknirscht. Der Geschäftsführer Joachim Kranz teilt "nach eigener erster Recherche grundsätzlich die Einschätzung zu den kritisierten Passagen". Der Verlag will jetzt prüfen, "wie es dazu kommen konnte und welche Schritte wir intern gehen müssen, um dies zukünftig zu verhindern". 
Auch die Autoren betonen, es liege ihnen "fern, Diskriminierungen vorzunehmen oder gar das NS-Regime in seiner Verantwortung zu schmälern". Ein "Handbuch" sei "jedoch nicht geeignet, sich mit dieser Problematik umfassend auseinanderzusetzen". Sie kündigen an, "bei einer Überarbeitung des Buches deutlicher auf die Zusammenhänge in geeigneter Form hinzuweisen".
In Polizeikreisen genießen beide einen guten Ruf. Ines Zeitner lehrt an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Nordrhein-Westfalen und sitzt dort in der Gleichstellungskommission. Horst Clages, inzwischen pensioniert, war über 40 Jahre lang im Polizeidienst, zuletzt als Leitender Kriminaldirektor, und hat mehrere Fach­bücher geschrieben. Allerdings sind beide Kriminalisten und keine Kriminologen. Während sich die Kriminalistik damit beschäftigt, wie man Verbrechen aufklärt und verhindert, erforschen Kriminologen Verbrechen auch unter soziologischen und historischen Gesichtspunkten. 
Bleibt die Frage, wie das offenbar nicht gründlich lektorierte Buch es in die Lehrbuchsammlungen von Polizeihochschulen schaffen konnte. Die Antwort ist schlicht und unbefriedigend: Während Schulbücher vom Kultusministerium zugelassen werden, entscheiden Dozenten, die Polizisten ausbilden, selbst, welche Lehrbücher sie einsetzen. 
Kerstin Herrnkind bekam den Tipp, sich mit dem Lehrbuch auseinanderzusetzen, von ihrem Mann Martin Herrnkind. Er lehrt als Dozent für Kriminologie an einer Polizei-Fachhochschule.