35-Jähriger getötet

Messerattacke von Chemnitz: Polizei fahndet nach drittem Tatverdächtigen

Farhad Ramazan Ahmad, der dritte Verdächtige von Chemnitz, auf einem Foto von 2016
Foto: Polizei Sachsen
4. September 2018
Die Polizei fahndet nach einem dritten mutmaßlichen Messerstecher von Chemnitz. Unterdessen gibt es Zweifel an den Identitäten der beiden bislang Festgenommenen – und Fehler bei den Behörden.
Die sächsischen Behörden fahnden nach einem dritten Verdächtigen, der an der tödlichen Messerattacke auf einen 35-Jährigen in Chemnitz vor gut einer Woche beteiligt gewesen sein soll. Es handele sich um den 22-jährigen Farhad Ramazan Ahmad, gegen den das Amtsgericht Chemnitz Haftbefehl wegen des Verdachts der Beteiligung an dem Tötungsdelikt erlassen habe.
"Derzeit trägt er seine Haare an den Seiten kurz und das Haupthaar länger", so Staatsanwaltschaft und Polizei Chemnitz in einer Mitteilung zu dessen Erscheinungsbild. Der gesuchte Tatverdächtige habe sein gewohntes Umfeld verlassen.
Hinweis auf seinen Aufenthaltsort nimmt die Kripo Chemnitz unter der (0371) 3873448 oder jede andere Polizeidienststelle entgegen.
Die Behörden warnen ausdrücklich vor einem Aufeinandertreffen mit dem Gesuchten. Er könnte bewaffnet sein!

Verwirrung um Identitäten der anderen Verdächtigen

Derweil werden die Umstände des tödlichen Messerangriffs immer verworrener. Vor allem die Identitäten der beiden festgenommenen Verdächtigen werfen Fragen auf. Bislang galt der mutmaßliche Täter Alaa S. als 23-jähriger syrischer Staatsbürger, der 22-jährige Yousif A. als Iraker.
Vor allem im Fall von Yousif A. gibt es inzwischen erhebliche Zweifel an den Angaben. Sein im Asylverfahren im November 2017 vorgelegter irakischer Personalausweis sowie weitere Dokumente entpuppten sich als "Totalfälschungen", wie das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) im Juni 2018 feststellte.
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Versäumnisse bei Dokumentenprüfung

Bundesinnenminister Horst Seehofer räumte inzwischen Fehler bei der Überprüfung durch die Behörden ein. Es habe Versäumnisse bei der Kommunikation zwischen den Behörden und Verzögerungen bei der Überprüfung der Dokumente gegeben, so der CSU-Politiker.
Der tatverdächtige Iraker hätte demnach im Jahr 2016 nach Bulgarien, wo er zunächst einen Asylantrag gestellt hatte, zurückgeführt werden können. Die Kommunikation zwischen der zuständigen Ausländerbehörde und dem Bamf "hätte hier besser sein müssen", sagte Seehofer. "Solche Verzögerungen und Fehler müssen wir in der Zukunft verhindern."
Die dem sächsischen Innenministerium nachgeordnete Landesdirektion Sachsen hatte bereits vor einigen Tagen hinsichtlich der verpassten Abschiebung nach Bulgarien mitgeteilt, die zentrale Ausländerbehörde sei Mitte 2016 irrtümlich davon ausgegangen, dass die Frist für die Überstellung des Irakers bereits abgelaufen sei. 
Seehofer räumte zudem ein, dass auch die Untersuchung der von dem Mann vorgelegten Dokumente "zu lange gedauert" habe. Dies sei darauf zurückzuführen, dass das Bamf über zu wenige hochspezialisierte Dokumentenprüfer verfüge.
Laut Bundesinnenministerium arbeitet das Bamf mit den Strafverfolgungsbehörden eng zusammen, um die Identität des Tatverdächtigen aufzuklären. Dessen Asylantrag wurde inzwischen abgelehnt, die Ablehnung sei aber noch nicht rechtskräftig.
Der zweite Tatverdächtige Alaa S. stellte laut Bundesinnenministerium im Mai 2015 einen Asylantrag. Im September desselben Jahres sei dem Syrer die Anerkennung als Flüchtling gewährt worden. Im Rahmen der Regelüberprüfung wurde demnach mittlerweile das Widerrufsverfahren eingeleitet, dabei würden auch die Angaben des Manns zu seiner Identität geprüft – seine Herkunft ist bis heute ungeklärt.

Twitter-Reaktionen

#wirsindmehr in Chemnitz: "Liebe verteilen ist cooler, als dummen Hass zu schieben"

Der gewaltsame Tod des 35-Jährigen ist Auslöser für die zahlreichen Demonstrationen in Chemnitz in der vergangenen Woche. Bei von rechten Gruppen als "Trauerkundgebungen" bezeichneten Veranstaltungen gingen Teilnehmer wiederholt auf Migranten, Gegendemonstranten und Journalisten los oder zeigten den Hitlergruß.
Am Montagabend gab es ein Konzert unter dem Motto "#wirsindmehr" von mehreren Musikern wie den Toten Hosen, Marteria und Kraftklub. Rund 65.000 Menschen folgten dem Aufruf, sich dabei gegen Rassismus zu positionieren.
wue/AFP/DPA