Pressestimmen

Explosives Essay

"Dass seine Mitarbeiter sich illoyal verhalten, könnte sich Trump im Wahlkampf zunutze machen"

7. September 2018
Ein anonymer Bericht über angeblich systematischen Widerstand gegen Präsident Donald Trump in den eigenen Reihen hat die US-Regierung in Aufruhr versetzt. Auch in den Medien wird das explosive Essay kontrovers diskutiert. Die Pressestimmen.
Ein anonymer Gastbeitrag macht US-Präsident Trump schwer zu schaffen: Es soll organisierten Widerstand gegen ihn in der eigenen Mannschaft geben. Trump tobt. Die nervöse Suche nach dem Autoren hat begonnen. Wer steckt dahinter? Die ersten sehen sich zu Dementis bemüßigt.
In der Presse herrscht (fast) Konsens: Der anonyme Beitrag eines Regierungsvertreters ist nur ein weiterer Eskalierungsschritt im Polit-Zirkus Washingtons. Allerdings gibt es auch kritische Stimmen zu der Veröffentlichung. Das Presseecho.

Die Presse zum explosiven Essay über Donald Trump

"Die Welt": "Es mehren sich die Zerfallserscheinungen. Die vielen engen Vertrauten Trumps, die in den vergangenen Wochen vom FBI umgedreht wurden, sind ein Beleg dafür, dass nun ein hochrangiges Mitglied seiner Regierung anonym eine vernichtende Abrechnung veröffentlicht, ist ein weiteres Indiz. Es erinnert an den letzten Akt von Shakespeares 'Macbeth'. Was den Präsidenten derzeit noch schützt, ist der konservative Echoraum aus Fox-News und anderen. Erst wenn diese Mauer zu bröckeln beginnt, ist Trump ernsthaft in Gefahr. Oder wenn der Souverän, der Trump ins Amt gewählt hat, den Daumen senkt und etwa bei den Midterms massiv ins demokratische Lager abwandert und die Republikaner zum Umdenken zwingt. Bis dahin bleibt Trump der Präsident, der andauernd wankt - und doch nicht fällt."
"Neue Zürcher Zeitung" (NZZ, Schweiz): "Die Argumentation, dass Trumps eigene Mitarbeiter sich illoyal verhalten und seine Politik nicht umgesetzt hätten, könnte sich Trump in einem neuen Wahlkampf 2020 sogar zunutze machen. Unerfüllte Versprechen gegenüber seinen Anhängern könnte er dann seinen internen Widersachern anlasten, die verhindert hätten, dass er seine Vorstellungen hat umsetzen können. Es wäre für ihn eine geschickte Taktik, um eigene Fehler zu verschleiern."
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"Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Man mag es den Widerständlern abnehmen, dass es ihnen allein um das Wohl des Landes geht; Trump verachtet Grundprinzipien der politischen Ordnung Amerikas. Aber sind diese Leute dennoch befugt, die Regierung in die 'richtige' Richtung zu führen, weil sie die Richtung, die Trump einschlägt, wie viele andere für falsch halten? Man kann und muss es bedauern, aber Trump ist nun einmal von rund 63 Millionen Wählern zum Präsidenten gewählt worden, den Autor und die anderen Widerständler hat niemand gewählt. Trumps Wähler werden die Geschichte vom 'tiefen Staat', der die Erlösung des amerikanischen Volkes verhindere, nun erst recht glauben."
"Mittelbayerische Zeitung": "Wenn die Sorge um das Wohl der Nation und die Demokratie in Amerika wirklich so groß wäre, wie Anonymus behauptet, warum bleibt es dann beim Stehlen von unterschriftsreifen Vorlagen, Ignorieren von Befehlen und Lästern hinter dem Rücken des Präsidenten? Das klingt alles wenig heldenhaft. So wie die anonyme Kolumne in der New York Times selbst feige ist. Sollte der Widerstand wirklich so stark sein, dass er so etwas wie einen "stillen Putsch der Administration" konstituiert, stellt sich eine andere Frage. Warum nicht den Weg beschreiten, den die US-Verfassung in einem solchen Fall vorgibt?"
"Frankfurter Rundschau": "Der mächtigste Mann der Welt (...) hat sich selbst und seine Regierung nicht unter Kontrolle. Ein alarmierender Zustand. Gemessen daran fällt der Coup des Regierungsvertreters, der sich anonym zum Widerstandskämpfer stilisiert, feige aus. Er arbeitet wie andere Beamte und Minister durch leisen Ungehorsam daran, die schlimmsten Auswüchse der Präsidentschaft abzumildern. Doch wie die Republikaner, die zu einer opportunistischen Ja-Sager-Truppe verkommen sind, bleibt er unsichtbar und ermöglicht damit Trump das politische Überleben. Erschreckend viele Konservative glauben, der wirre Wüterich könne ihnen bei der Umsetzung ihrer Ziele behilflich sein. Solange sich aber niemand Trump in den Weg stellt, wird sich nichts bessern."
"Zeit Online": "Die Regierung zu unterwandern oder "in die richtige Richtung zu steuern", wie der anonyme Autor schreibt, "bis es – auf die eine oder andere Weise – vorbei ist", kann dennoch nicht der richtige Weg sein. Die Verfassung der USA hält Mechanismen bis hin zum Impeachment bereit, der heimlich aktive Ungehorsam gehört nicht dazu. Statt das Weiße Haus zu verlassen und den legalen Weg zu gehen, etwa mit ihren Aussagen die Grundlage für eine Amtsenthebung zu verbreitern, schwächen diese verräterischen Helden, was sie vorgeblich schützen wollen: die demokratischen Institutionen."
"Volksstimme": "Der Hilferuf eines Regierungsangestellten in der "New York Times" hat neben interessanten Details ähnlich wie das Enthüllungsbuch von Bob Woodward wenig Neues über Donald Trumps Regierungsführung und Charakter offenbart. Nicht umsonst macht der unfähige US-Präsident den Deutschen laut einer Umfrage die meiste Angst. Aber der Zeitungsbeitrag des überzeugten Konservativen, der ausdrücklich den kürzlich verstorbenen John McCain als Vorbild nennt, erhöht auch den Druck auf die fast untergetauchte Führung der Republikaner. Sie muss sich die Frage stellen, ob sie mit Trump untergehen will oder die Notbremse zieht. Lässt sie ihn aber fallen, wird die Parteibasis revoltieren, die weiter zu Trump steht. Am Ende könnte die nachhaltigste Wirkung dieser unseligen Präsidentschaft die Marginalisierung oder Spaltung einer Traditionspartei sein. Eine Entwicklung ähnlich der in Italien oder Frankreich."

Gastbeitrag in der "New York Times"

Wenn Twitter-User ermitteln: DAS könnte der geheime "Widerstand" im Weißen Haus sein

"n-tv": "Die amerikanische Gesellschaft ist so gespalten, dass ein fester Sockel von rund 40 Prozent der Wähler die Arbeit des Präsidenten gutheißt. Es scheint keine Enthüllung zu geben, die Trumps Anhänger irritiert. Weder die Tatsache, dass sein Kampagnenchef, sein Sohn und sein Schwiegersohn im Wahlkampf Hilfe der russischen Regierung annehmen wollten. Noch, dass Sonderermittler Robert Mueller bereits mehr als 30 Personen angeklagt hat und Trump dennoch von einer "Hexenjagd" spricht. Selbst sein Verhältnis zu einer Porno-Darstellerin bringt seine konservativ-christliche Basis nicht aus der Ruhe."
"Handelsblatt": "Die Wurzel des Problems ist die Amoralität des Präsidenten", schreibt der anonyme Partisan aus dem Weißen Haus. Die Konsequenz, die er und andere stille "Widerstandskämpfer" daraus ziehen, lautet: das Schlimmste verhindern, bis alles vorbei ist - also Trump entweder von Sonderermittler Robert Mueller aus dem Amt gejagt oder von den Amerikanern an der Wahlurne abgewählt wird. Das Dilemma des stillen Widerstands ist, dass er womöglich nur das Schlimmste, aber eben nicht alles Schlimme verhindern kann. Kein Wunder, dass nicht nur viele Amerikaner fragen, wann die Grenze vom stillen zum aktiven Widerstand überschritten werden muss. Es geht nicht um einen Coup, um den gewählten Präsidenten zu Fall zu bringen. Wohl aber um einen legalen Weg, Trump wegen Unfähigkeit seines Amtes zu entheben."
"Landeszeitung": "Weder Enthüllungsbücher noch anonyme Interna werden Trumps Präsidentschaft beenden. Die Frage ist, was Donald Trump beenden wird. Henry Kissinger vermutet in ihm gar eine Art nichtsahnenden Vollstrecker des Weltgeistes, der eine Epoche beendet. Gelüstet es die US-Bürger, die den "starken Mann" gewählt haben, also nach etwas abseits der Demokratie? Außenpolitisch erinnert Trump an den athenischen Staatsmann Alkibiades, dessen Sprunghaftigkeit im fünften Jahrhundert vor Christus dazu beitrug, dass Athen vom Gipfel der Macht abstürzte. Allerdings trennt Trump und Alkibiades, dass Sokrates seinen Zeitgenossen als gleichrangigen Denker betrachtete. Heute reicht die Prominenz durch eine Castingshow, um an die Macht zu gelangen. Vielleicht sollte diese Ära wirklich beendet werden."
fs / mad/DPA/AFP