Wahlkampfauftritt in Montan

Trump empört sich so sehr über die "New York Times", dass er einen anderen "Feind" vergisst

Donald Trump in Montana
Foto: Jim Urquhart / DPA
7. September 2018
Donald Trump tourt von einem Wahlkampfauftritt zum anderen. In Montana regte er sich über den anonym verfassten Leitartikel in der "New York Times" auf und blies zur Jagd auf den Verfasser. Ein anderes "Feindbild" dagegen lässt er davonkommen.
In den USA ist Wahlkampf und damit wieder die Zeit, in der Donald Trump durch die Provinzen tingelt, um sich selbst zu preisen und sich von seinen Anhängern preisen zu lassen. Am Donnerstagabend stand ein Auftritt in Billings, Montana, auf dem Plan und die 48 Stunden zuvor hatten den Präsidenten mit reichlich Aufregerpotential versorgt. Als da wären: Der kniende Footballspieler Colin Kaepernick, der von Nike für eine neue Kampagne ausgewählt wurde, das neue Buch des Investigativjournalisten und Pulitzerpreisträgers Bon Woodward sowie der Gastbeitrag eines anonymen Mitarbeiters des Weißen Hauses, der bekennt, Donald Trump zu boykottieren.

"Keiner weiß, wer zur Hölle er oder sie ist"

Vor allem die New-York-Times-Geschichte brachte den US-Präsident auf die Palme: "Keiner weiß, wer zur Hölle er oder sie ist", rief er erzürnt seinem Publikum zu. "Anonyme Staatsbedienstete, die sich den Wählern wiedersetzen, um ihr eigenes geheimes Programm zu befördern, sind in Wahrheit eine Gefahr für die Demokratie selbst", so Trump weiter. Im Namen der nationalen Sicherheit solle die Zeitung den Namen des Beamten nennen, forderte er und rief Journalisten auf, in der Sache zu recherchieren: "Das wäre ein guter Exklusivbericht!"

Gastbeitrag in der "New York Times"

Wenn Twitter-User ermitteln: DAS könnte der geheime "Widerstand" im Weißen Haus sein

In Washington setzten nach der Veröffentlichung hitzige Spekulationen über die Identität des Autors ein. Nahezu alle ranghohen Regierungsbeamten sahen sich veranlasst, eine Verantwortung für den Beitrag zurückzuweisen, darunter Vizepräsident Mike Pence, Außenminister Mike Pompeo, Verteidigungsminister James Mattis, der Nationale Geheimdienstdirektor Dan Coats und die US-Botschafterin bei der UNO, Nikki Haley. Auch First Lady Melania Trump verurteilte die Entscheidung der "New York Times": "An den Autor des Leitartikels: Sie schützen dieses Land nicht, Sie sabotieren es mit Ihrem eigenen feigen Verhalten", erklärte Melania Trump.

Donald Trump erwähnt Nike nicht

Interessanterweise verlor der US-Präsident kein Wort über ein anderes Lieblingsaufregerthema, wie einige US-Medien berichten: der in Ungnade gefallene Ex-Footballspieler Colin Kaepernick, der von Nike jüngst als Gesicht für die neue "Just do it"-Kampagne ausgewählt wurde. Der Sportler wurde weltberühmt, weil er beim Abspielen der Nationalhymne gekniet hatte. Diese Geste, mit der er (und andere Spieler) gegen rassistische Polizeigewalt protestiert hatten, brachte Trump tagelang zur Weißglut. Auf dem Höhepunkt der Debatte forderte er die Vereine auf, jeden Spieler zu feuern, der während der Nationalhymne etwas anders tut als zu stehen. Kaepernick ist derzeit vereinslos.
Nikes Wahl von Kaepernick wird auch als Kritik an Donald Trumps teilweise rassistischen Töne verstanden und die Botschaft ist beim Präsidenten angekommen. In einigen Tweets echauffiert er sich über den Sporthersteller, der wie nur wenige Unternehmen eine Ikone der USA ist. Umso verwunderlicher, dass es Trump in Montana versäumte, Nike und Kaepernick abzuwatschen. Traditionell reagieren seine Anhänger äußerst empfindlich auf "unamerikanische Umtriebe". Der Reporter von "Deadline Hollywood" merkte zudem an, dass es Trump auch verpasste den verstorbenen Schauspieler Burt Reynolds zu würdigen, was ihm "sicher auch noch Applaus eingebracht hätte", so der Autor.
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nik