Berlin³

Treten Sie zurück, Herr Maaßen!

Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen wegen seiner Äußerungen zu Chemnitz ist erheblich unter Druck geraten
Foto: Michael Kappeler / DPA
11. September 2018
Von: Tilman Gerwien
Hans-Georg Maaßen, Chef des Verfassungsschutzes, spekulierte zunächst über die Echtheit eines Videos aus Chemnitz, ruderte dann wieder zurück. Für unseren Autor hat er damit zu viel Vertrauen eingebüßt, um seinen Job weiterzumachen.
Sehr geehrter Herr Maaßen,
mit diesem Schreiben wende ich mich persönlich an Sie. Ich habe eine dringende Bitte: Treten Sie zurück. Räumen Sie Ihren Stuhl. Machen Sie den Weg frei für einen Nachfolger. Oder eine Nachfolgerin. Auf alle Fälle für jemanden, dem ich vertrauen kann. Ihnen kann ich nicht mehr vertrauen.
Unser Land ist in Aufruhr. Es gibt Verbrechen, die aufwühlen. Die Opfer sind Deutsche, die mutmaßlichen Täter ausgerechnet Menschen, die vor Krieg und Verfolgung geflohen sind und bei uns um Schutz und Gastfreundschaft nachgesucht haben. Das ist schwer zu ertragen. Genauso schwer zu ertragen sind die Hitlergrüße von Chemnitz, die Bedrohung von ausländisch aussehenden Menschen auf den Straßen, die Gewaltfantasien von Köthen, das Gebrüll von "Rassenkrieg", die Sprechchöre "Nationaler Sozialismus jetzt, jetzt, jetzt!" Ich habe das zum Teil persönlich erlebt, ich war auf den Straßen von Chemnitz unterwegs. Ihre Leute waren da doch hoffentlich auch, oder?

Warum Sie unserem Land schaden

All das passiert jetzt in meinem Land, nie hätte ich das für möglich gehalten. Ich war immer für einen starken Staat. Einen Staat, der sich und unsere Demokratie verteidigt, der sich zur Wehr setzt, der sein Gewaltmonopol durchsetzt. Sicherheit ist nicht die Bedrohung von Freiheit. Sondern ihre Voraussetzung.
Sie aber schaden unserem Land. Sie geben ein Interview in der "Bild"-Zeitung, in dem sie nebulöse Andeutungen über ein Video machen, auf dem ein fremdländisch aussehender Mensch bedroht wird, sie sagen nach ihrer "vorsichtigen Bewertung" sprächen "gute Gründe dafür, dass es sich um eine gezielte Falschinformation handelt, um möglicherweise die Öffentlichkeit von dem Mord in Chemnitz abzulenken."
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Sie bringen in der ohnehin aufgeheizten Atmosphäre also auch gleich noch eine veritable Verschwörungstheorie in Umlauf. Ohne jeden Beleg. Und jetzt rudern Sie zurück, haben es so ja nun angeblich auch wieder nicht gemeint, versuchen mit haarspalterischen Begriffsklaubereien irgendwie aus der Sache wieder rauszukommen. Sie sind ein typischer Vertreter des post-faktischen Zeitalters, weil Sie solange Verwirrung stiften, bis keiner mehr weiß, was wahr ist und was falsch.

Was für ein Mensch Ihren Job machen sollte

Ob Sie nun auf den Straßen von Chemnitz in dieser einen Szene eine "Hetzjagd" gegen Ausländer erkannt haben oder eben nicht: Was hat das mit dem Schutz unserer Verfassung zu tun? Sind Sie nicht ausgelastet, Herr Maaßen? Langweilen Sie sich in Ihrem Amt? Das würde mich sehr wundern. Denn eigentlich gibt es doch gerade für Sie genug zu tun.
Ich wünsche mir als Chef unseres Inlandsgeheimdienstes einen verschwiegenen Mann. Einen, der seine Arbeit macht: hochprofessionell, mit Augenmaß und unermüdlichem Einsatz für unsere Sicherheit. Einen, der mit seinen Leuten Rechts- und Linksextremisten unterwandert und ausspioniert. Einen, der islamistische Gewalttäter aufspürt und neutralisiert – und zwar bevor sie einen Lkw auf einen Weihnachtsmarkt lenken können, wo friedliche Menschen gerade Glühwein trinken.
Ich wünsche mir als obersten Verfassungsschützer einen Profi, keine Plaudertasche, die konfuse Interviews gibt. Ich wünsche mir einen Menschen, dem ich vertrauen kann. Dieser Mensch sind Sie nicht mehr.