Michel Abdollahi schreibt Kanzlerin

"Deutschland steht vor Scheideweg": Dieser emotionale Brief an Angela Merkel trifft einen Nerv

NDR-Journalist und Moderator Michel Abdollahi wendet sich mit einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel
Foto: Hein Hartmann/Geisler-Fotopress/ / Picture Alliance
10. September 2018
Die Ereignisse von Chemnitz und jetzt auch von Köthen ziehen weiter ihre Kreise. Nun hat sich Moderator und NDR-Journalist Michel Abdollahi auf Facebook zu Wort gemeldet – mit einem sehr bewegenden Brief an die Bundeskanzlerin.
TV-Moderator und NDR-Journalist Michel Abdollahi hat sich mit einem emotionalen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel gewendet. In dem offenen Brief, den Abdollahi auf Facebook veröffentlicht hat, arbeitet der Journalist unter anderem die Ereignisse rund um Chemnitz auf – und formuliert harte Kritik an staatlichen Institutionen.
Was Michel Abdollahi selbst zu seinem offenen Brief sagt, lesen Sie hier im stern-Interview.
Abdollahi beginnt seinen Brief mit den Worten "Verehrte Frau Bundeskanzlerin, sehr geehrte Bundesregierung, ich bin in großer Sorge um das Land und die Bevölkerung". Dann beschreibt Abdollahi, der selbst im Iran geboren wurde und als Kind mit seiner Familie als Geflüchteter nach Deutschland kam, die Situation vieler Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Er beschreibt eine sich radikal veränderte politische und gesellschaftliche Stimmung. So würden zum Beispiel zunehmend Moscheen und Synagogen angegriffen und Menschen mit anderer Hautfarbe beleidigt und sogar attackiert.
Abdollahi schreibt dazu: "Ich habe das früher oft als Spinnerei und Überempfindlichkeit abgetan, ich habe die Augen selbst vor dem systematischen Rassismus in Deutschland verschlossen. Aber seit den Ereignissen der letzten Zeit, seit der Enthemmung von Teilen der Bevölkerung, seitdem öffentlich „Absaufen! Absaufen!“ skandiert wird, LKA-Mitarbeiter bei Pegida mitlaufen, KSK-Einheiten der Bundeswehr den Hitlergruß zeigen, Journalisten durch die Polizei an ihrer Arbeit gehindert werden, der Präsident des Verfassungsschutzes sich zu Verschwörungstheorien hinreißen lässt und der Bundesinnenminister die Migration als Problem bezeichnet, ist es nicht verwunderlich, wenn Menschen mit Migrationshintergrund auch in ihrem Alltag diese Erfahrungen machen. Es schreiben mir Menschen, sie hätten Angst. Ich möchte aber nicht, dass sie Angst haben." Der NDR-Journalist, der selbst Moslem ist, beschreibt bewegend, wie sehr islamistischer Terror ihn selbst trifft. Er bete bei jeder Meldung darum, dass die Tat nicht von einem Ausländer verübt worden sei – und dass sich der Hass am nächsten Tag "nicht wieder gegen uns" richte.
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Michel Abdollahi: "Der Staat wird von innen heraus angegriffen"

Es sind Sätze, wie "Frau Bundeskanzlerin, ich mache mir Sorgen um meine Zukunft und ob ich in diesem Land überhaupt noch eine Zukunft habe", die den Leser treffen. Detailliert beschreibt Abdollahi, wie er und seine Familie sich ein Leben in Deutschland aufgebaut haben und sich nun nicht mehr sicher und wohl fühlen. Das habe auch etwas mit staatlichem Versagen zu tun. Der Journalist, der 2015 viel Lob bekommen hatte, als er sich mit einem Schild "Hallo. Ich bin Moslem. Was wollen Sie mir sagen?" in die Hamburger Innenstadt gestellt hatte, ist der Meinung, dass der deutsche Staat aktuell "von innen heraus angegriffen werde". Er wirft nicht nur Innenminister Horst Seehofer und Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen Versäumnisse vor, er geht sogar noch einen Schritt weiter und sagt in Richtung Merkel, dass der Rechtsstaat zumindest in Teilen gescheitert sei. Behörden seien sprichwörtlich auf dem rechten Auge blind gewesen: "Dieser Staat steht vor einem Scheideweg. Die Ereignisse in Sachsen sind nicht besorgniserregend, sie sind kein Warnzeichen, sie sind nicht alarmierend, sie zeigen, dass der Rechtsstaat in Deutschland in Teilen gescheitert ist und davor ist, weiter gravierend zu scheitern. Menschen skandieren rechte Parolen, zeigen den Hitlergruß, jagen andere Menschen durch die Stadt. Die Polizei schätzt dabei die Situation "falsch" ein. Sie reagiert nicht. (...) In Sachsen ist der Rechtsstaat gescheitert. Nicht seit Chemnitz, aber seit Chemnitz unübersehbar. (...) Der Haftbefehl gegen die mutmaßlichen Täter vom Chemnitz wurde im Internet veröffentlicht. Das zeigt, in wie weit Zuständige wie Justizbeamte innerhalb des Staates den Rechtsradikalismus in Deutschland unterstützen. Es zeigt, dass dieser Staat nicht mehr überall unabhängig agiert."  

Offener Brief von Abdollahi an Merkel geht auf Facebook viral

Michel Abdollahi schließt seinen Brief mit einer Erinnerung an das Dritte Reich und einem deutlichen Appell in Richtung Angela Merkel: "Lassen Sie es nicht zu, dass sich die Geschichte wiederholt". Er wolle nicht ein zweites Mal seine Heimat verlieren. Der offene Brief, den der Journalist auf seiner Facebookseite mit fast 54.000 Followern veröffentlicht hat, wurde über 5500 Mal geteilt. Über 400 Kommentare befinden sich unter dem Text – überwiegend Lob und Zustimmung.

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