L. Karasek: Tippt die noch ganz richtig?

Warum der Mensch ein soziales Wesen – aber auch ein asoziales ist

Foto: Getty Images
2. September 2018
Wie abhängig sind wir doch von anderen Menschen: im Taxi, in der Bahn, beim Zusammenprall? Der Mensch ist ein soziales Wesen- aber manchmal auch ein asoziales. Von glücklichen Tagen und von Kacktagen.
Von Laura Karasek
Hi, ich bin's! Ich liebe mein Leben! Was für ein Tag. Alles läuft. Heute kam das Jobangebot: ein neuer Auftrag. Jemand will mich! Eine ganze Abteilung findet gut, was ich mache! Und eine Steuerrückzahlung. Mein Zahnarzttermin lief ohne Bohren. Eine wildfremde Frau hat mir auf der Straße gesagt, dass ihr meine Ausstrahlung gefällt. Der Kellner gibt mir einen Wein aus (ok, es war der dritte). Ich hab wenig gegessen, was sich gut anfühlt. Ich war wenig am Handy. Ich habe nicht geschaut, was die anderen machen. Weil ich mich nicht vergleichen wollte. Ich brauchte das nicht. Ich war glücklich, ich fand mein Leben, meine Zeit, meinen Ort am Besten. Ich wollte nichts ändern und nicht tauschen, nichts verbessern oder optimieren. Ich hab das Armband wiedergefunden, das ich längst aufgegeben hatte. Ich hab Euch alle lieb. Und ganz doll auch mich.
Hi, ich bin's! Ich hasse mich. Ich hasse es, dass ich gut drauf sein muss, weil die Sonne scheint. Rekordsommer! Scheiß Hitze. Ich will auf dem Sofa liegen und frieren und einen Kapuzenpulli tragen. Aber nein! Es ist 33 Grad und ich muss vor die Tür. Ich fühle mich weder nach Kleid noch nach nackt. Heute morgen hat mich direkt die Nachbarin angeschnauzt. Weil ich angeblich die Papier-Mülltonne zu voll gemacht habe. Und jetzt passen ihre Amazon- und Net-a-porter-Kartons da nicht mehr rein. Ich sei eine "egoistische Zicke", weil meine Pappe da rausquillt. Ich soll mal meinen "shit geregelt" kriegen. Ich hab mich zusammengerissen, was mir schwerfiel. Ich wollte auch ausfallend werden. Ich wollte schlucken. Ich wollte ihr sagen, dass sie gemein ist. Aber dann bin ich einfach auf mein Rad gestiegen und losgefahren. Dann ist meine Fahrradkette rausgesprungen. Meine Hose war schwarz von diesem Kettenöl. Ich habe mein Handy fallen lassen. Display zersplittert. Wenn ich nun tippen will, piekst es in meinen Fingern, die Oberfläche ist voller Scherben. Aber mir schreibt sowieso keiner. Nicht mal meine Mutter antwortet auf meine whatsapp – und die liebt mich doch eigentlich und ist auch sonst sehr zuverlässig. Geschweige denn einer meiner Exfreunde, vermeintlichen Freunde, Bekanntschaften und auch nicht mein Notnagel (ok, selbst schuld, wenn man sich überhaupt sowas wie einen "Notnagel" warmhält). Aber ich brauche die Likes. Ich brauche das. Neulich habe ich gelesen, dass bei einem Like oder einer neuen Nachricht Dopamin ausgeschüttet wird. Gebt mir meinen Stoff! Dann muss ich eben Fotos verschicken. Schöne Fotos animieren doch den ein oder anderen. Aber ich sehe heute scheiße aus. Fahrradöl, öliges Haar, öliges Gesicht. Ich bin Salatdressing, aber ohne Balsamico und Senf. Ich wollte mich gesund ernähren, hatte aber schon Pistazien und Snickers zum Frühstück, weil die noch im Konferenzraum von gestern herumlagen. Ich kann schlecht NEIN sagen. Andere können gut Dinge aufhören. Ich kann gut Dinge anfangen. Man muss ja auch erstmal mit etwas anfangen, damit man überhaupt etwas zum Aufhören hat! Also Rauchen zum Beispiel. Handysucht. Zucker. Nüsse. Käse. Vodka. Ich sammle Laster. Ich kann viel mit mir anfangen – also solange es Substanzen oder irgendwas zum Konsumieren gibt! Da bin ich weder wählerisch noch streng. Da bin ich tolerant. Ich rauche zur Not auch e-Zigaretten, trinke Amaretto, Bacardi Breezer oder esse Carazza, die Hosentaschenpizza. Analogkäse und Digitalkäse.

Lachen die über mich?

Wann bemerkt eigentlich mein Chef, dass ich eine Mogelpackung bin? Dass ich echte Wissenslücken habe und auch richtige Persönlichkeitslücken. Löcher! Krater! Ich sehe, wie Leute auf der Straße kichern. Lachen die über mich? Ich sehe mein Spiegelbild in einem Schaufenster und schaue extra lange hin (so wie man bei einem Unfall hinsieht, weil man vor Ekel nicht wegsehen kann) und finde nichts, was mir gefällt. Ich hole mir Couscous mit Salat zum Mittagessen und rauche zum Trost vorher noch eine. Dabei fällt mein "Lunch" runter und der Inhalt ergießt sich über dem Fußboden. Keiner hilft mir. Keiner sammelt mein Couscous auf. Ich rieche nach Sauce. Keiner mag mich. Keiner liebt mich. Kein Kuss Kuss. Ich bekomme mein Ladekabel nicht in die Steckdose, weil die Kindersicherung drin ist. Eine Frau motzt, weil ich den Weg versperre. Leute steigen über mein Couscous. Ich kann das nicht.
Ich kann das gut. Mich wichtig nehmen. Mich im Negativen so wichtig nehmen, dass natürlich alles sich um mich dreht. Alle reden schlecht von mir. Alle schauen mich so komisch an. Alle meiden mich. Ich habe Pech, Pech mit Fahrradöl und Pappe und Pech mit diesem fragwürdigen Charakter, den ich nicht ändern kann. Ich bin zu laut für die Sensiblen und zu asi für die Intellektuellen. Es sind nicht immer die großen Dinge, die unser Selbstbewusstsein zerstören. Es kann dieser Tag sein, an dem Du heulen willst, bloß weil ein Mann in der Bahn Dich grimmig auffordert, doch bitte leiser zu telefonieren und leiser Deinen Kaffee zu trinken. Er schaut dabei finster und unfreundlich und Du verlierst mal wieder den Glauben an die Menschheit, das Gute, Freundliche, an den Anstand.
Und dann siehst Du den Hass überall. Nazis. Parolen. Feindseligkeiten im Obstladen, im Bus, auf der Straße.
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Ich kann auch das gut. Mich abfeiern. Mich freuen über Dich, mich, alles eben. Musik. Wenn man ein neues Lied entdeckt und die Haare zu Berge stehen. Bloß nicht satthören, sattsehen. Ich kann mich an der E-Mail eines Kollegen berauschen. Wenn einer lobt. Wenn einer was Liebes sagt. Sowas kann mich den ganzen Tag glücklich machen. Nein, ich bin nicht immer meines eigenen Glückes Schmied. Ich kann mich nicht vor mir selbst schützen. Und ich will es auch gar nicht.