Deutscher Gründerpreis

Wie ein Start-up Firmen dabei hilft, ihre Augen überall zu haben

Die Oculavis-Gründer Martin Putz, Philipp Siebenkotten und Markus Große Böckmann (v. l.).
Foto: Dirk Bruniecki/Deutscher Gründerpreis
10. September 2018
Von: Jan Boris Wintzenburg
Wenn teure Maschinen im Ausland kaputt gehen, dauert es auch bei Kleinigkeiten oft lange, bis ein Techniker da ist. Eine Ferndiagnose per 3-D-Datenbrille kann da viel Zeit und Geld sparen. Drei Gründer aus Aachen bieten dafür eine Standardlösung
Ein Klick, und die schwere Abdeckplatte, die das Innenleben der Fräsmaschine schützt, löst sich in Luft auf. Der Blick fällt jetzt auf die Antriebswelle, die Elektrik, die Lager. Ein kleiner Pfeil im Blickfeld bewegt sich zu der Stelle, wo der potenzielle Fehler sitzt: Ein Kabel. Einfach zu beheben, wenn man nur weiß, wo es lang läuft.
Die Idee von Markus Große Böckmann, Martin Putz und Philipp Siebenkotten, den Gründern von Oculavis, klingt schlagend einfach: Wieso müssen Techniker von Maschinenbaufirmen um den halben Erdball fliegen, um kleinste Fehler zu beheben? Lassen wir sie doch einfach live per Internet in die kaputte Anlage gucken und den Mitarbeitern vor Ort genau erklären, wie sie sie wieder ans Laufen kriegen. Das spart Zeit und jede Menge Geld, weil die gefragten Techniker nicht mehr stundenlang im Flieger sitzen und die Maschinen schon nach wenigen Stunden statt nach Tagen und Wochen wieder einsatzbereit sind.

Mit dem virtuellen Röntgenblick

„Aber die technische Lösung“, erklärt Große Böckmann, „ist natürlich schon etwas komplizierter.“ Die Mitarbeiter am Standort der Maschine müssen eine Datenbrille benutzen, die am Internet hängt. Die Konstruktionsdaten der Maschine müssen digital hinterlegt sein, um den virtuellen Röntgenblick zu ermöglichen. Und natürlich braucht der Hersteller der Maschine reichlich Software, etwa um die Reparatur zu dokumentieren. All das haben die Oculavis Gründer und ihre inzwischen 20 Mitarbeiter in ihrem standardisierten Produkt „Share“ integriert. „Und wir merken, dass es klappt: Bedeutende Kunden haben schon bestellt“, sagt Große Böckmann.
Bei der Entwicklungsarbeit hat Oculavis extrem vom Standort Aachen profitiert: Die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH) Aachen gilt als akademische Kaderschmiede des Maschinenbaus und sichert damit auch den Nachwuchs an Mitarbeitern für die junge Firma. Außerdem gibt es an der RWTH eine riesige Maschinenhalle mit modernster Technik für Millionen Euro, an der Oculavis seine Technologie testen und demonstrieren kann. Und in der Anfangszeit konnten die drei Ingenieure sogar Büros in einem Gründerzentrum der Hochschule einrichten. Aus Platzgründen ist die Firma allerdings inzwischen in eigene Räume umgezogen. „Das ist wichtig fürs Selbstverständnis des Teams“, sagt Große Böckmann. „Wir wollen uns weiter entwickeln, aber das Startup-Feeling behalten.

Zur Not hilft der "Atomkoffer"

Die „Share“-Software setzt voll auf eine schnelle Internetverbindung. „Das ist sogar in Deutschland manchmal noch ein Problem: In vielen Firmen gibt es nicht überall W-LAN“, sagt Große Böckmann. Ganz Startup, haben sich die Gründer auch dafür eine Antwort zurechtgelegt: Den „Atomkoffer“. Ein komplett autonom betriebener Internetzugang in einem Aktenkoffer – samt Verstärker, Mobilfunkanschluss und reichlich Batteriekapazität als letzte Rettung. Es sei erstaunlich, wie viele Firmen den Sicherheitshalber gleich mit kaufen, erzählen die Gründer. Angesichts der Einsparmöglichkeiten durch die Fernwartung ist das allerdings kein Wunder.
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Oculavis ist für den Deutschen Gründerpreis 2018 nominiert, der am 11. September vom stern zusammen mit den Sparkassen, Porsche und dem ZDF in Berlin verliehen wird.