Deutscher Gründerpreis

Dieses Start-up liefert Bauteile aus dem 3-D-Drucker für die Formel 1

Die Vectoflow-Gründer Florian Wehner (l.) und Christian Haigermoser.
Foto: Dirk Bruniecki/Deutscher Gründerpreis
6. September 2018
Von: Jan Boris Wintzenburg
Das Unternehmen Vectoflow aus München ist auch für ein Start-up schnell unterwegs: Von Null auf Formel-1-Tempo in gerade drei Jahren: Das Produkt der drei Gründer, eine Messsonde aus dem 3-D-Drucker, ist unter anderem in Rennwagen im Einsatz.
"Dann machen wir das eben selber" – dieser Leitsatz könnte über der Firmentür von Vectoflow aus Gilching bei München stehen. Erst entschied Strömungsexperte Christian Haigermoser nach viel Frust im Labor, sich seine Messsonden künftig selber zu bauen. Dann ging Mitgründerin Katharina Kreitz noch einmal an die Uni, um Marketing zu lernen, weil niemand bei dem jungen Start-up anfangen wollte. Und dann war da noch die Sache mit dem Überschall-Windkanal.
Aber der Reihe nach: Haigermoser hatte bei BMW im Windkanal Strömungsmessungen gemacht und sich über die schlechte Qualität der Sonden und damit auch der Messergebnisse geärgert. "Ständig ging etwas kaputt, weil der Hersteller offenbar Fertigungsprobleme hatte", erinnert sich Haigermoser. Dann traf er die ähnlich genervte BMW-Werksstudentin Katharina Kreitz. Die war ein echter Rocket Scientist, hatte schon im Studium Raketentriebwerke entworfen. Aber an den Messsonden im Windkanal, filigranen Stäben mit winzigen Öffnungen an der Spitze, durch die Luft einströmen und deren Druck dann gemessen werden kann, daran verzweifelte auch sie. Die beiden kamen auf die Idee, die feinen Metallstrukturen mit 3-D-Druckern zu fertigen.
Erster Kunde: Die Formel-1
Gesagt - getan: Sie bewarben sich um ein Exist-Gründerstipendium und bauten erst mal eine Website. Wenige Tage darauf meldete sich ein Formel-1-Team bei Ihnen, um zu bestellen. "Wir dachten, das ist ein Scherz", sagt Haigermoser. "Blöd war nur: Wir hatten mehr versprochen, als wir bis dahin konnten", ergänzt Kreitz. "Gott sei Dank hat es am Ende geklappt und wir konnten tatsächlich liefern."
Die Sonden der hektisch gegründeten Firma Vectoflow bilden heute die Grenze des technisch machbaren ab: Ihre Messsonde hat einen Durchmesser von unter einem Millimeter, darin fünf Kanäle, durch die die Luft strömt. Jeder ist nur 0,125 Millimeter dick und mit bloßem Auge kaum zu erkennen. "Ein großer Technologiekonzern hat mal eine Sonde von uns gekauft und versucht sie zu reproduzieren. Irgendwann kamen sie zu uns und haben gestanden, dass sie bei ihren Versuchen gar keine Löcher mehr hinbekommen haben. Die kaufen noch heute bei uns", sagt Haigermoser. Genau wie vier weitere Formel-1-Teams die Hightech-Druckerzeugnisse aus Gilching in ihre Wagen einbauen.
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Gute Mitarbeiter zu finden, war ein Problem
Fachlich waren Haigermoser und Kreitz also voll auf der Höhe. "Unser Know-How liegt im Design der Druckdaten", erzählen sie. "Wir gehen da an die technischen Grenzen, arbeiten eng mit den führenden Druckerherstellern zusammen." Bloß bei der Suche nach weiteren Kunden, dem was man Marketing nennt, waren sie nicht so gut. "Und gute Mitarbeiter für unser kleines Start-up zu finden, war ein echtes Problem", sagt Kreitz. "Die wollten lieber zu den sicheren Großkonzernen. Also habe ich selber noch mal die Uni besucht." Beim MBA-Kurs in Paris lernte sie den dritten Mitgründer Florian Wehner kennen, auch er von Haus aus ein Maschinenbau-Ingenieur.
Und um wirklich an die Grenzen des Machbaren zu gehen, entschied die Kleinfirma sich, selber möglichst viel Wind zu machen: Haigermoser war es leid, immer in anderer Leute Windkanälen zu messen. Er entwarf selber einen, der nun in einem kompakten Container hinter einem Parkhaus in der Nähe des Firmensitzes steht. Die Abgeschiedenheit ist wichtig, denn das Erzeugen von Wind ist ziemlich laut. Dort können sie sogar Überschall-Messungen machen - so akkurat, dass auch für den Windkanal Großkonzerne Schlange stehen. "Rund 200.000 Euro hat uns die Anlage gekostet", sagt Haigermoser sichtlich stolz. "Das ist mein Baby: Man kann es überall aus der Welt per App steuern."
Großaufträge aus der Luftfahrt
60 Kunden hat das Start-up inzwischen, die meisten davon ordern aber nur geringe Stückzahlen der bis zu 25.000 Euro teuren Sonden. Doch erste Großaufträge sind in Sicht, etwa in der Luftfahrt. "Ich glaube nicht, dass man so ein Glücksgefühl bekommt, wenn man in einem Großkonzern arbeitet", sagt Kreitz und hofft, dass ihr Beispiel vielleicht auch das ein oder andere Mädchen motiviert, selber einen technischen Beruf zu wählen. "Die Frage: Und, wie ist es als Frau unter Ingenieuren? Die kann ich wirklich nicht mehr hören. Da muss sich noch einiges ändern."
Vectoflow ist für den Deutschen Gründerpreis 2018 nominiert, der am 11. September vom stern zusammen mit den Sparkassen, Porsche und dem ZDF in Berlin verliehen wird.