Die machtbewusste Königin Kleopatra hätte sich das Zeug bestimmt besorgt: ein Serum, das die Wimpern binnen weniger Wochen länger und dichter werden lässt. Denn sicher wusste auch die kluge Herrscherin: Wimpern wirken. Da aber Mutter Natur nur die wenigsten mit einem üppigen Lidkranz bestückt, bleibt allen anderen auch heute nur, kräftig nachzuhelfen. Wenn Mascara und Lidstrich allein nicht reichen, kann man sich wahlweise einzelne Haarbüschel oder glänzend schwarze Haarfächer an die Lider kleben. Einige transplantieren sich Wimpern sogar direkt in die Haut. Vor einigen Jahren tauchten im Internet und in Parfümerien Gels und Seren auf, die wie ein Eyeliner einmal täglich auf das Augenlid aufgetragen werden. "Diese Mittel wirken so gut, das hätte ich nicht für möglich gehalten", sagt Hautarzt Klaus Hoffmann. Der Leiter der Abteilung ästhetisch-operative Medizin am Universitätsklinikum Bochum hat Frauen gesehen, die Probleme mit ihrer Brille bekamen, weil die langen Wimpern ans Glas stießen.
Für Kosmetika sind solche Effekte ungewöhnlich. Normalerweise ist ihre Wirkung ziemlich begrenzt. Das Geld für teure Antifaltencremes etwa kann man sich in der Regel sparen. Selbst mit Wirkstoffen wie dem Coenzym Q10, Hyaluronsäure oder Kollagen, die die Haut prall und glatt machen sollen, lassen sich Falten nicht wegcremen. Aber die ausgesprochen wirksamen Wimpern-Wundermittel sind eines der immer zahlreicheren Beispiele für die Verwendung pharmakologisch wirksamer Substanzen zu Zwecken, an die ursprünglich niemand gedacht hat. Diese Nutzung ist hoch umstritten, insbesondere wegen möglicher Nebenwirkungen.
Regelmäßig aufgetragen, lassen sich erste Erfolge nach einigen Wochen sehen
Schaut man sich an, welche Wirkstoffgruppe den Erfolg der Wimpernseren ausmacht, trifft man immer wieder auf Wörter mit "prost". Gemeint sind damit unterschiedliche Verwandte des Gewebshormons Prostaglandin. Sie verlängern offenbar die Wachstumsphase der Wimpern und erhöhen die Aktivität der Follikel, die die Haarwurzel umgeben und sie quasi in der Haut verankern.
Bekannt geworden ist dieser Effekt eher zufällig: Patienten, die an einem erhöhten Augendruck aufgrund von einem Grünen Star leiden, tropfen sich mitunter Prostaglandin-Abkömmlinge wie Bimatoprost in die Augen. Das Hormon bewirkt, dass die Augenflüssigkeit abfließen kann und der Druck sinkt. Einige Patienten hatten jedoch bemerkt, dass ihre Wimpern während der Behandlung wuchsen und voller wurden. Die Visagistin Marci Marrek, die länger in den USA arbeitete, und ihre Freundin Elke Moysies erkannten früh das Potenzial von Prostaglandin und dessen Derivaten. "Marci erzählte, dass die Augentropfen in amerikanischen Celebrity-Kreisen als Wimpernwachstumsmittel zweckentfremdet wurden", erinnert sich Moysies.
Die Freundinnen setzten sich in den Kopf, ein Kosmetikprodukt zu entwickeln, das genauso effizient wie das besagte Medikament sein sollte. Sie lasen Studien, knüpften Kontakte zu Wissenschaftlern. "Über das Netzwerk meines Mannes bekamen wir schließlich Kontakt zu einem Forschungs- und Entwicklungslabor, das den Wirkstoff MDN entwickelt hat", erzählt Moysies. Auch MDN (Methylamido-Dihydro-Noralfaprostal) ist ein naher Verwandter von Bimatroprost. Im Sommer 2009 kam "M2 Lashes Eyelash Activating Serum" auf den Markt. Es war das erste Produkt in Europa, das nach diesem Prinzip funktioniert. Regelmäßig aufgetragen, lassen sich erste Erfolge nach einigen Wochen sehen. Hört man mit der Behandlung auf, verpufft die Wirkung, und die Haare entwickeln sich zurück. Die rund 120 Euro für fünf Milliliter zahlen die Käufer daher nicht nur einmal. Sie stört das offenbar nicht: M2 Lashes setzte im ersten Jahr 700.000 Euro um, im zweiten Jahr zwei Millionen. 2015 waren es laut Handelsregister 13 Millionen Euro. In 30 Ländern verkaufen die beiden Frauen ihr Wimpernserum. Auch andere Firmen bieten ähnliche Mittel an. Alles frei verkäuflich.
Brennende, rote und tränende Augen
Kundinnen berichten von Juckreiz oder brennenden, roten und tränenden Augen. Manchmal komme es zu Verfärbungen des Lidrands, in seltenen Fällen sogar der Iris. Bei direktem Augenkontakt mit den Seren, was beim Auftragen leicht passieren kann, können kurzfristig Sehstörungen auftreten. Womöglich verändert sich auch das Fettgewebe im Bereich der Augenhöhle so, dass das Auge ein wenig einsinkt. In Kosmetik-Foren schreiben Anwender von "dunklen Augenringen" und "Schatten, die nach Partywoche in Arenal aussehen".
Wie häufig die Nebenwirkungen auftreten und bei welchen Produkten die Risiken am größten sind, lässt sich jedoch schwer sagen. Denn da die Mittel hierzulande als Kosmetika verkauft werden, müssen sie kaum getestet werden. Zwar hantieren die Hersteller in diesen Fällen mit einer Wirkstoffgruppe aus der Pharmazie, sie brauchen aber weder eigens angefertigte und aussagekräftige Studien noch müssen Belege publiziert werden. Angaben zur Wirkstoffmenge oder möglichen Risiken sind nicht verpflichtend. Es reicht, ein paar Unterlagen zu Rezeptur und Sicherheit in der Schublade zu haben. Überprüft werden die Daten aber nur stichprobenartig oder bei einem Verdacht. Bis sich herausstellt, dass in einem Produkt vielleicht ein Stoff ist, der in der Drogerie nichts verloren hat, können damit Jahre vergehen.

So setzte die EU-Kommission beispielsweise den Wirkstoff Minoxidil auf eine Verbotsliste für kosmetische Mittel. Die haarfördernde Wirkung der Substanz hatten Mediziner ebenfalls zufällig entdeckt – bei der Behandlung von Bluthochdruckpatienten, für die der Wirkstoff zugelassen ist. Heute ist Minoxidil, das ähnlich wie Koffeintinkturen in die Kopfhaut massiert wird, als Mittel gegen Haarausfall nur in der Apotheke erhältlich. Ebenfalls umstritten ist die Injektionslipolyse, bekannter als Fett-weg-Spritze. Das Kosmetikprodukt basiert auf der Wirkung von Phospholipiden – die Substanz soll überzählige Fettzellen zerstören. Zugelassen ist sie als Medizin bei der Behandlung erhöhter Cholesterinspiegel.
Bei anderen Wirkstoffen ist es eine Frage der Dosis, wie sie bewertet werden. Denn mit der Konzentration steigt auch die Gefahr von Nebenwirkungen. Je nach Menge des Inhaltsstoffs kann eine Salbe mit Harnstoff als Medizinprodukt oder Kosmetik gelten. Das Gleiche gilt für Wasserstoffperoxid zum Zähnebleichen.
Die US-amerikanische Arzneimittelzulassungsbehörde FDA stufte das Wimpernwuchsmittel "Latisse" schon vor Jahren als Medikament ein. Bevor es auf den Markt kam, musste es Studien und Tests durchlaufen. Im Beipackzettel wird eine Liste von Nebenwirkungen präsentiert. Außerdem können Ärzte Latisse ihren Patienten erst verschreiben, wenn sie zuvor eine Wachstumsstörung der Wimpern diagnostizieren.
Mit der Konzentration steigt auch die Gefahr von Nebenwirkungen
Richtig so, findet Hautarzt Hoffmann. "Prostaglandin-Derivate sollten primär in Medikamenten verwendet werden." Allein ist er mit dieser Einschätzung nicht. Schon 2011 kritisierte das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) die Einstufung als Kosmetikprodukt. Einige Zeit später stellte schließlich auch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm) fest, dass es sich bei Produkten, in denen Prostaglandin-Analoga zur Verstärkung des Wimpernwuchses eingesetzt werden, eigentlich um Funktionsarzneimittel handelt. Passiert ist seitdem nichts. "Ein Hersteller hat gegen die Einschätzung der Behörde Widerspruch eingelegt", sagt Sabine Cibura, stellvertretende Pressesprecherin im Bfarm. Um welches Produkt es geht, kann sie nicht sagen, "da das Verfahren noch läuft".
Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) warnt inzwischen auf seiner Internetseite vor Prostaglandin-haltigen Wimpernwachstumsseren, weil von den Mitteln eine Gefahr für die Gesundheit ausgehen könnte. "Teilweise liegt die Konzentration des Wirkstoffs in der Zubereitung sogar oberhalb der höchsten auf dem Fertigarzneimittelmarkt verfügbaren Dosierung von Augentropfen", heißt es dort.
Kaufen kann man die Produkte trotzdem noch. "Die Behörden hätten hier längst eingreifen müssen, insbesondere wenn sie selber von arzneimittelartiger Wirkung sprechen", sagt Klaus Hoffmann. In anderen europäischen Ländern hat man bereits reagiert. In Schweden etwa verbannt die Arzneimittelbehörde seit 2012 regelmäßig Produkte mit Prostaglandin-Derivaten vom Kosmetikmarkt.
Sollte es auch hier dazu kommen, hat das Fraunhofer-Institut womöglich schon eine Alternative. Dessen Wissenschaftler haben ein Serum auf Grundlage eines alten Naturstoffs entwickelt. Alles rein kosmetisch und ohne Nebenwirkungen, meinen die Experten. Dafür dauere es länger, bis die Wimpern wachsen. Nach ein paar Monaten jedoch soll der Effekt vergleichbar sein. Was genau das für ein Stoff ist, wollen sie noch nicht verraten. "Nur so viel, er war schon bei den alten Ägyptern in Gebrauch", sagt Joachim Storsberg, der Leiter der Arbeitsgruppe Biomaterialien und Healthcare am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP. Vielleicht hatte Kleopatra also doch schon ein Wimpernwuchsmittel an der Hand.
