Die Zeit der ersten deutschen Kanzlerin geht zu Ende, so der einhellige Tenor nach der überraschenden Wahl von Ralph Brinkhaus zum CDU/CSU-Fraktionschef in der vergangenen Woche. Der stern hat ganz unterschiedliche Menschen gebeten, einen Brief an Angela Merkel zu schreiben – jeweils mit ihrem persönlichen Blick auf die Frau, die das Berliner Beben in Merkel-typischer Nüchternheit kommentiert hat: "Das ist eine Stunde der Demokratie, in der gibt es auch Niederlagen, und da gibt es auch nichts zu beschönigen." Es sind bewegende Briefe geworden, aufmunternde, dankbare und kritische. Eine Rücktrittsforderung ist auch dabei.
WOLFGANG KUBICKI (Bundestagsvizepräsident und stellvertretender FDP-Chef)

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,
es bleibt nicht aus, dass Sie sich am Ende Ihrer Amtszeit als Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland mit der Frage konfrontiert sehen, was das Thema Ihrer Amtszeit war, was sich in Ihrer Zeit zum Guten und was zum Schlechten gewandelt hat. Auch wenn Sie einst unser Land gemeinsam mit Peer Steinbrück mit ruhiger Hand durch die schwere Finanzkrise gelotst und damit deutlich Schlimmeres verhindert haben, auch wenn Sie mittlerweile als Ruhepol in einem unruhigen Europa und in einer wahnsinnig gewordenen Welt gelten, werden Sie von den rückblickenden Zeitgenossen vor allem mit der Flüchtlingspolitik in Verbindung gebracht.
Ihre als optimistisches Signal gebrauchten Worte "Wir schaffen das" stehen für viele symbolisch für eine politische und gesellschaftliche Zeitenwende. Die Entscheidungen vom September 2015 teilen Ihre Kanzlerschaft in ein "Davor" und ein "Danach".
Ich bin mir allerdings auch sicher, dass Sie von künftigen Historikern anders betrachtet werden. Denn Ihre Kanzlerschaft steht leider auch für ein Verkümmern unserer Debattenkultur, für asymmetrische Mobilisierung, für Aussitzen statt Problemlösungen. Über Ihre Fähigkeit, Ihre Gegner taktisch auszuhebeln, wissen wir viel. Wir wissen aber seit 13 Jahren noch immer nicht, welches langfristige politische Ziel Sie verfolgen, welche Vision Sie treibt. Ihr berühmt gewordener Ausspruch "Sie kennen mich" war über viele Jahre nicht nur eine ausreichende Charakterisierung Ihrer Person, sondern stand für Ihre Partei auch als Ersatz für ein Programm.

Das Wichtigste aus der Bundespolitik auf einen Blick
Abonnieren Sie unseren kostenlosen Hauptstadt-Newsletter – und lesen Sie die wichtigsten Infos der Woche, von unseren Berliner Politik-Expertinnen und -Experten für Sie ausgewählt!
Deutschland ist nach "Ihren" 13 Jahren nicht genug vorbereitet auf die Herausforderungen der Zukunft – in erster Linie die Digitalisierung, die unser Leben revolutionär verändern wird. Diese Zukunftsfragen zu lösen, haben Sie nicht mehr genug Zeit.
Und Sie haben nicht mehr viel Zeit, um wenigstens "Ihr" Thema einer Lösung zuzuführen. Um Ihr "Wir schaffen das" auch wirklich umzusetzen, müssen Sie nicht nur klären, wie wir das schaffen, sondern was das "Das" letztlich ist.
Mit freundlichen Grüßen
ANITA PIXBERG (Rentnerin)

Liebe Angela Merkel,
ich weiß, Sie befinden sich in einer schwierigen Lage. Ich möchte Ihnen dennoch einen persönlichen Brief schreiben. Ich bin 72 Jahre alt. Habe mehr als 33 Jahre gearbeitet, wenn auch in Teilzeit, habe drei Kinder großgezogen und kann von meiner Rente nicht leben. Konkret bedeutet das: 822 Euro pro Monat Rente für meine Lebensleistung. Miete, Strom und Versicherungen abgezogen, bleiben mir knapp 200 Euro. Liebe Frau Angela Merkel, Sie sagen, es gibt die Möglichkeit, eine Grundsicherung zu beantragen.
Aber: Für die Grundsicherung müsste ich zum Amt, müsste mich rechtfertigen, als wäre ich ein Bittsteller. Es ist würdelos. Ich habe meinen Anspruch auf Grundsicherung sowieso verwirkt, weil ich weiter arbeiten gehe. 350 Euro verdiene ich zusätzlich. Ich habe Glück, dass ich gesund bin und eine geeignete Arbeit gefunden habe.
Aber nicht alle in meinem Alter haben diese Möglichkeit. Liebe Frau Merkel, was ich mir wünschen würde? Ein System wie in vielen anderen Ländern Europas. Wo eine Grundsicherung ein Grundrecht ist. Deutschland ist ein reiches Land. Eine menschenwürdige Lösung muss möglich sein. Liebe Grüße aus Wuppertal,
Anita Pixberg
HARALD SCHMIDT (Entertainer, Moderator und Autor)

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,
bitte machen Sie genau so weiter wie bisher. Lassen Sie sich von den finsteren Propheten nicht beeindrucken, das Ende einer Karriere sieht anders aus.
Ich weiß, wovon ich spreche.
Herzlichen Gruß
Ihr
Harald Schmidt
ULRIKE GUÉROT (Politologin, Gründerin der Denkfabrik "European Democracy Lab")

Liebe Frau Merkel,
wie wird in einigen Jahren das historische Verdikt über Ihre Europapolitik ausfallen? At best gemischt!
Sie haben sich ja bemüht, die Euro-Rettungspakete gegen den Unmut der eigenen Fraktion – wahrscheinlich auch gegen die eigene Überzeugung – durchzusetzen und in der Flüchtlingspolitik die einzige gesinnungsethische Entscheidung mit politischer Dimension getroffen. Wer will nun Ihnen, die Sie vor dem Abgesang "the only remaining leader of the free world" waren, da irgendetwas ankreiden? Außer der AfD natürlich, für die beides ein Dorn im Auge war.
Die Beurteilung Ihrer Europapolitik hängt, wie kaum eine andere, vom politischen Auge des Betrachters ab. Und davon, worauf man schaut: den Euro? Die Sicherheitspolitik? Die Geflüchteten? Und schließlich davon, ob man aus Deutschland schaut oder aus Polen, Griechenland und Frankreich: vier Länder, vier Meinungen. Mindestens! Es gibt keine Europapolitik mehr! Die europäische Frage als solche ist zum Spaltpilz geworden. Der europapolitische Konsens ist aufgekündigt. Nicht nur in Deutschland, sondern überall. Siehe Brexit. Sind Sie nun, Frau Merkel, alleine dafür verantwortlich? Natürlich nicht. Doch Deutschland trägt – ohne dass es den meisten Deutschen bewusst wäre – eine große Mitverantwortung am derzeitigen Zustand Europas. Es ist eins der bestgehüteten Geheimnisse deutscher Politik. Pssst: Wenn Sie, Frau Merkel, erst einmal weg sind, wird es herauskommen.
Außerhalb von Berlin wird es schon laut geflüstert.
Mit freundlichen Grüßen
Ulrike Guérot
ANAS MODAMANI (Flüchtling aus Syrien, seit Sommer 2015 in Deutschland)

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, liebe Angela Merkel,
ich war einer der Flüchtlinge, die im Sommer vor drei Jahren ein Selfie mit Ihnen gemacht haben. Sie waren zu Besuch in meinem Heim. Ich habe damals nicht jedes Wort verstanden, aber diesen Satz habe ich nicht vergessen: "Wir schaffen das!" Sie hatten recht, es ist die Wahrheit: Wir haben schon einen großen Teil geschafft. Ich bin jetzt 21 Jahre alt. Ich habe meine Eltern seit vier Jahren nicht gesehen. Aber es geht mir gut, besser als damals. Ich arbeite als Kassierer in einem Sportstudio, habe eine eigene kleine Wohnung in Berlin. Ich bin dankbar. Wenn mein Deutsch noch besser wird, kann ich vielleicht schon bald ein Informatik-Studium beginnen. Das ist mein größter Wunsch. Das Selfie hat mir übrigens kein Glück gebracht. Es hat mich lange verfolgt. Schlechte Menschen haben es im Internet immer wieder für Propaganda gegen Flüchtlinge benutzt. Sie schrieben dazu, ich sei ein Terrorist. Ich war wütend und enttäuscht. Den Prozess gegen Facebook haben wir leider verloren, aber wenigstens konnte ich zeigen, wer ich wirklich bin, wer wir Flüchtlinge wirklich sind. Und was wir wollen. Die meisten, die ich kenne, wollen arbeiten, lernen, nicht nur einfach rumsitzen. Wir können uns gegenseitig helfen. Die Deutschen werden immer älter, die meisten Flüchtlinge sind junge Menschen. Wir sind stark und können uns schnell integrieren. Wir können im Altenheim arbeiten, auf Baustellen oder als Elektriker.
Der Anfang ist immer am schwersten, aber schon in ein paar Jahren wird es besser laufen. Das sage ich auch denen, die Sie gerade so heftig kritisieren. Ich wünsche Ihnen, dass Sie durchhalten. Sie sind eine starke Frau. Für mich sind Sie eine Heldin!
NICO HOFMANN (Regisseur, Produzent, Drehbuchautor und Geschäftsführer der UFA)

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,
schenkt man denen Glauben, die derzeit am lautesten schreien, dann ist es bald vorbei. "Kanzlerinnendämmerung" hallt es aus dem Echoraum der Aufgeregten, oder, in grotesk-göttergleicher Überhöhung: "Merkeldämmerung". So groß muss die Sehnsucht sein, Sie loszuwerden, dass selbst manch sonst kluger politischer Kopf dem Tenor nach derzeit fast so klingt wie die rechtsverblendeten Wutbürger mit ihrem ewigen "Merkel muss weg!"-Gebrüll. Allein, ich glaube, dass sich die, die da gerade mit aller Macht Ihr Ende herbeirufen und -schreiben, zu früh freuen. Denn mein Eindruck ist ein anderer: dass nämlich in diesen Tagen nicht Sie Ihr politisches Gespür und die Kontrolle verlieren, sondern der politische Betrieb um Sie herum. Dort, wo Reflexion und kluge Vorausschau die Maxime politischen Handelns sein sollten, haben sich Unberechenbarkeit und Panik breitgemacht. Statt ruhiger Analyse herrscht blanke Hysterie. Zugegeben, ich war in den vergangenen Jahren politisch nicht immer Ihrer Meinung, und nicht selten hätte ich mir von Ihnen mehr Mut gewünscht, in dringend notwendigen gesellschaftlichen Debatten deutlicher Position zu beziehen. Doch gerade angesichts dieser sich breitmachenden Hysterie empfinde ich Ihr immer lauter werdendes Schweigen und Ihre Weigerung, den Aufgeregten mit Aufgeregtheit zu begegnen, nicht als Schwäche, sondern als etwas, das nicht nur im Politikbetrieb ein seltenes Gut geworden ist: als Integrität. Ich frage mich oft, wie Sie das eigentlich aushalten. Dieses Geschrei um Sie herum, und neuerdings vor allem auch das irrlichternde Verhalten von allen guten Geistern verlassener alternder Männer. Aber oft ist es ja so, dass gerade dann, wenn einem alles um die Ohren zu fliegen droht und wenn man von allen Seiten zu hören bekommt, dass alles nur falsch sein kann und es eigentlich ohnehin vorbei ist, manche Menschen in einen besonderen Zustand von innerer Klarheit und vor allem von Angstfreiheit geraten, die sie Überraschendes tun lassen. Vieles in Ihrem Verhalten lässt mich hoffen, dass Sie ein solcher Mensch sind. Und dass wir noch einige Überraschungen mit Ihnen erleben werden. So wie damals, als Sie angesichts einer sich anbahnenden humanitären Katastrophe das einzig Richtige getan haben: die Grenzen dieses Landes vor den Tausenden vor Krieg und Gewalt fliehenden Menschen nicht zu schließen und damit dieses Land nachhaltiger zu verändern und offener zu machen als mit irgendeiner Ihrer Entscheidungen zuvor. Angesichts meiner Hoffnung bin ich deshalb versucht, für einen Moment selbst laut zu werden und gegen den herrschenden Trend zu rufen: "Nein, Freunde, es ist noch nicht vorbei. Da kommt noch etwas!" Etwas, das dieses Land wieder beruhigt und zusammenführt. Das noch mal einen dringend benötigten neuen Impuls für Europa liefert. Oder das uns jemanden präsentiert, dem wir dieses Land nach Ihnen anvertraut sehen möchten. Denn all das muss ja noch kommen. Und dann, Frau Merkel, werde ich nach kurzem Zögern noch ein zweites Mal laut und rufe erneut, diesmal in Ihre Richtung gewandt:
"Sie schaffen das!"
Herzlich
Ihr Nico Hofmann
ANTJE BOETIUS (Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung)

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, liebe Frau Merkel,
es war ein besonderer Moment für mich, wie Sie die Stellungnahme unserer Nationalakademie Leopoldina vor großem Publikum unterstützten: Ja, wir müssen die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen schnell stoppen. Und das nur wenige Jahre nach der Entscheidung zum Ausstieg aus der Kernenergie. Ich erinnere auch gerne, wie Sie bei einem Tiefsee-Vortrag laut lachten, als ich berichtete, wie die Weibchen der Tiefseeanglerfische ihre Zwergmännchen nach der Befruchtung verdauen, um keine Ressourcen zu verschwenden. So ein Effizienzmittel wünsche ich Ihnen gerade jetzt, für mehr Fruchtbarkeit Ihrer Kanzlerinnenschaft bei limitierten Ressourcen, für die finale Durchsetzungskraft gegenüber Zwergmännchen in Ihrer Umgebung.
In Kenntnis des Zustands der Meere und unserer einen Erde muss ich dabei mahnen: Es braucht nun deutlichen Fortschritt in den großen Aufgaben der großen Koalition. Wann wenn nicht jetzt sollen wir die Verringerung von CO2-Emissionen, Müll und Giftstoffen in der Umwelt hinbekommen, wann unsere Gestaltungsfähigkeit im globalen Wandel verbessern? Es braucht Gemeinschaftssinn und Innovationsgeist für den schnellen Umbau unserer Infrastruktur, für mehr Nachhaltigkeit in unserem Handeln, es braucht Leadership.
Im Ausland werde ich sehr oft auf Sie angesprochen und nicht nur von Wissenschaftlern: "Habt Ihr das gut mit Angela Merkel, dass eine solche Frau das Land regiert." Ich bin dann natürlich stolz auf Sie, die erste Kanzlerin Deutschlands. Doch frag ich mich: Warum kommt nicht noch viel mehr Konkretes, Gutes dabei heraus? Warum nicht sofort die Entscheidung für eine gute Umwelt und Natur? Warum wird es in unserem Land gerade dunkler, und der Druck steigt?
Antje Boetius, Tiefseeforscherin
ANDREAS RÖDDER (Historiker und CDU-Mitglied)

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, liebe Frau Merkel,
Sie selbst werden immer gewusst haben, dass lange und bedeutende Amtszeiten irgendwann zu Ende gehen, und je länger und bedeutender sie sind, desto dramatischer kann dies werden. Seit 13 Jahren sind Sie Bundeskanzlerin und seit 18 Jahren Bundesvorsitzende der CDU. Sie haben Großes geleistet, und Ihr Platz in den Geschichtsbüchern ist gewiss. Seit 2015 jedoch, auch das werden Sie selbst am besten wissen, mehren sich die Widerstände, die sich nun nicht mehr einfangen lassen. Eine zunehmende Polarisierung zwischen multikulturalistischen Hypermoralisten von links und fremdenfeindlichen Nationalisten von rechts bedroht die Balance unserer Gesellschaft. In der Mitte aber, bei den großen Volksparteien, herrschen Sprachlosigkeit oder rituelle Empörung. Was unsere Demokratie dringender braucht denn je, sind lebendige, debattenfähige Volksparteien: die SPD als Volkspartei der linken und die Union als Volkspartei der rechten Mitte. Dazu muss sich unsere Partei auf ihre Wurzeln besinnen, um im Wettbewerb der politischen Ideen neue und zugleich unterscheidbare Antworten auf die großen Fragen unserer Zeit zu finden – von einer nachhaltigen Migrationsund Integrationspolitik über die Europapolitik und die innere und äußere Sicherheit bis zur Bildungs- und Familienpolitik.
Es wäre von jeder Führung nach über 18 Jahren im Amt zu viel erwartet, einen solchen neuen Anstoß zu beginnen, zumal in Personalunion mit der Regierungsführung. Aber er kann nur von der Spitze der Partei kommen. Ich kann Ihre Argumente dafür nachvollziehen, Parteivorsitz und Kanzleramt in einer Hand zu halten. Wichtiger als das machtpolitische Kalkül aber ist unsere Verantwortung für die Demokratie, gerade jetzt. Deshalb bitte ich Sie herzlich, auf dem kommenden Parteitag den Weg freizumachen für einen Wechsel der Parteiführung, und zwar im offenen innerparteilichen Wettbewerb!
Mit besten Grüßen
Ihr Andreas Rödder
JÖRG MEUTHEN (AfD-Vorsitzender)

... Frau Bundeskanzlerin, verstehen Sie mich nicht falsch, es geht mir nicht um Missgunst, Häme oder Nachtreten im Zorn. Es geht auch nicht um Sie persönlich. Es geht allein um das Amt und was Sie in 13 Jahren daraus gemacht haben. Ihren Amtseid haben Sie nunmehr viermal geschworen und sich damit mehrfach verpflichtet, dem deutschen Volke zu dienen. Aber diesem Amtseid sind Sie angesichts zahlreicher politischer Fehlentscheidungen in keiner Weise gerecht geworden. Auch der Vergleich mit Ihren großen Amtsvorgängern muss Sie wahrhaft niederschmettern: Konrad Adenauer war der Kanzler des Wiederaufbaus und des deutschen Wirtschaftswunders. Helmut Kohl war der Kanzler der deutschen Einheit. Und Sie, Frau Merkel? Es gab Zeiten, da wollte Sie die "New York Times" sogar zur "mächtigsten Frau der Welt" hochstilisieren.
Doch ernüchtert müssen nun auch die einstigen Jubelanten erkennen, dass es für Sie längst an der Zeit ist abzutreten. Dieser dringenden Empfehlung muss auch ich mich anschließen.
Machen Sie den Weg frei für eine Politik, die den Schaden Ihrer Regierungszeit mühsam wieder gutmachen wird.
Jörg Meuthen
YANIS VAROUFAKIS (ehemaliger griechischer Finanzminister)

Liebe Frau Merkel,
am 6. September 1946 reiste der amerikanische Außenminister James F. Byrnes nach Stuttgart, um dort seine historische "Hoffnungsrede für Deutschland" zu halten. Sie markierte den Kurswechsel der USA gegenüber Deutschland und gab den Deutschen die Chance, wieder an Erholung, Wachstum und eine Rückkehr zur Normalität zu glauben.
Byrnes' Rede brachte nicht bloß Optimismus und einen Schimmer der Hoffnung in das besetzte Deutschland, sie signalisierte außerdem den Anfang von Europas Integration. Denn bevor die Europäische Union zusammenkommen konnte, musste Deutschland sich befreien von moralischen Anklagen, und das Gemeinwohl der europäischen Bürger musste Vorrang haben vor schlecht durchdachten Vorstellungen nationaler Interessen. Am 8. Juni 2015 hielt ich während meines Besuchs in Berlin als griechischer Finanzminister eine Rede, in der ich vorschlug, dass wir dringend eine "Hoffnungsrede für Europa" brauchten. Was sollte sie beinhalten? Eine Hoffnungsrede für Europa, so mein Gedanke, müsste nicht fachspezifisch sein. Sie sollte einfach einen grundlegenden Wandel markieren, einen Bruch mit den letzten fünf Jahren des Aufaddierens immer neuer Kredite auf bereits untragbare Schuldenlasten zusammen mit Entbehrungen für alle, inklusive der sich abstrampelnden Deutschen. Einen Bruch mit der Wir-gegen-die-Mentalität, die Europa daran hindert, seine Banken-Union zu bilden. Einen Bruch mit der nicht zukunftsfähigen Vereinbarung einer gemeinsamen Währung ohne einen gemeinsamen Haushalt, der durch direkt gewählte föderale Behörden verwaltet wird.
Wer sollte diese Rede halten? "Meiner Meinung nach", sagte ich, "sollte das die deutsche Kanzlerin tun." Wo sollte Frau Merkel sie halten? "Sie kann sich jede Stadt dafür aussuchen", habe ich geantwortet, "doch wenn sie Athen wählen würde, wäre das ein starkes Symbol für Europas neue Hoffnung unter ihrer Leitung." Am Schluss habe ich hinzugefügt: "Sie sollte die Möglichkeit nutzen, um eine neue Herangehensweise an Europas Integration aufzuzeigen."
Liebe Frau Merkel,
bereuen Sie jetzt, in diesem für Sie schwierigen Moment, dass Sie diese Rede nicht gehalten haben, als Sie noch die politische Kraft dazu hatten? Und würden Sie in Betracht ziehen, sie jetzt zu halten, unter allen Umständen, vielleicht nicht in Athen, sondern etwa in Lampedusa?
Yanis Varoufakis
ALEXANDER JORDE (Krankenpfleger)

Sehr geehrte Frau Dr. Merkel,
wir sind uns am 11. September 2017 in der "ARD Wahlarena" begegnet. Damals habe ich Sie mit den Missständen in der Pflege konfrontiert. In den vielen Jahren Ihrer Regierungszeit haben Sie es verfehlt, in diesem Bereich Maßnahmen zu ergreifen, um das Leben der Menschen zu verbessern. Im Gegenteil, die Situation hat sich für viele sogar noch verschlechtert. Doch ich halte nichts davon, Ihnen in einem Brief all die Verfehlungen noch einmal aufzutischen. Das bringt niemandem etwas. Sie sind die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. Sie haben die Chance, bei diesem Thema, welches das Leben vieler Millionen Menschen in Deutschland jeden Tag betrifft, etwas zu bewegen. Sie und Ihre Partei betonen immer, Deutschland ging es noch nie so gut. Dann sorgen Sie endlich dafür, dass dies auch alle Menschen erreicht. Was es jetzt braucht, sind konkrete Maßnahmen, um die jahrzehntelange Negativspirale in der Pflege zu durchbrechen und endlich einen Umschwung zu schaffen. Die ‚Konzertierte Aktion Pflege' war ein erster richtiger Schritt. Doch wir haben noch einen Marathon vor uns. Auch, wenn ich aus politischer Sicht in vielen Dingen anderer Meinung bin und auch, wenn Sie in meinen Augen in der Sozialpolitik vieles verpasst haben, so möchte ich dennoch ‚Danke' sagen. Ich wünsche Ihnen alles Gute.
Mit freundlichen Grüßen
Alexander Jorde
MICHAEL HARIG (CDU-Landrat in Bautzen)

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Dr. Merkel,
Deutschland ist erfolgreich und in guter Verfassung. Letzteres bezieht sich insbesondere auf die wirtschaftliche Entwicklung, in deren Folge auf die beste Beschäftigungsquote seit der Wiedervereinigung verwiesen werden kann. Dem äußeren Betrachter zeigt sich also ein gutes Bild. All dies steht neben anderem mit Ihrem Regierungshandeln in Verbindung. So weit so gut. Es macht sich jedoch eine Stimmung breit, welche zu diesem Bild einfach nicht passt. Die Menschen machen sich Sorgen darüber, ob und wie Zukunft gelingen kann. Unsere Eltern- und Großelterngenerationen sind mit der Motivation zu Werke gegangen, dass es ihren Kindern einmal besser gehen sollte. Der heutige Alltag ist von der Sorge geprägt, ob das Gegenwärtige haltbar ist und in eine gute Zukunft geführt werden kann. Woran liegt der aufkommende Missmut?
Spätestens seit der Finanzkrise 2008 ff. haben die westlichen Werte an Strahlkraft verloren. Bis heute leidet das Vertrauen in unsere demokratische Rechts- und Wirtschaftsordnung. Die Geschehnisse in der arabischen Welt und die Interessengeleitete Intervention der Weltmächte führten zu Fluchtwellen, in denen unser deutscher Staat zumindest zeitweise die Kontrolle verloren hat. Europäische Lösungen kommen leider noch zu wenig zum Tragen. All das wirkt nach und verästelt sich im Nirwana sozialer Medien auch durch Fake News und Verschwörungstheorien ins Uferlose. Politische Alternativen bieten sich an, mit einfachen Antworten auf komplexe Fragen. In einer solchen medialen und kommunikativen Umbruchsituation bedarf es einer starken Führung mit Visionen, welche den Menschen vermittelbar sind. An alldem scheint es gegenwärtig zu fehlen, was sich nicht zuletzt auch im Führungswechsel an der Spitze der CDU/CSU-Bundestagsfraktion manifestierte. Ich bitte Sie sehr, im Sinne unseres Gemeinwesens und der erforderlichen Stabilität, diesen Erneuerungsprozess nach Kräften zu unterstützen. Bringen wir gemeinsam die Kraft auf, die aktuelle Situation zu analysieren, die Ergebnisse mit der Fähigkeit zur Selbstkritik zu bewerten, und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Deutschland ist erfolgreich und in guter Verfassung. Ich würde mir sehr wünschen, dass dies auch in Zukunft so ist.
Mit freundlichen Grüßen
Michael Harig
FRANK THELEN(Unternehmer, "Die Höhle der Löwen"-Juror und Buchautor "Startup-DNA")

Sehr verehrte Frau Bundeskanzlerin, liebe Angela Merkel,
eigentlich lässt mich meine Startup-DNA vor nichts und niemandem zurückschrecken. Ich liebe Herausforderungen und versuche, das Unmögliche möglich zu machen. Doch in diesen Tagen möchte ich nicht mit Ihnen tauschen.
Lästiger Streit um Personalien, auf die eigene Fraktion ist kein Verlass mehr, und die BILD titelt "Kann Merkel noch Kanzlerin?" Dabei vergessen Ihre Kritiker: Ihre Bilanz für Deutschland und Europa ist eindrucksvoll.
Wann immer ich Sie persönlich erleben durfte, waren Sie interessiert, fokussiert und informiert. Sie haben noch kurz vor Mitternacht darauf bestanden, die nächsten konkreten Schritte festzuhalten. Nüchtern und klar, wie eine gute Unternehmerin. Sie dienen im wahrsten Sinne des Wortes unserem Land. Effizient, überlegt, geräuschlos. Und das für ein Gehalt, für das viele Führungskräfte nicht einmal ihr Haus verlassen würden.
Es ist aber auch die Aufgabe eines CEOs, ein funktionierendes Team aufzubauen. Und das ist es, was ich bei Ihnen - bei allem Respekt - vermisse. Statt Team-Spirit und "Getting Things Done" gibt es in dieser GroKo gefühlt 80 % Streit und 20 % Regierungsarbeit.
Dabei werden die kommenden 10-15 Jahre die herausforderndsten der Menschheit. Und Deutschland ist schlecht vorbereitet: Wir haben - Stichwort DSGVO - zu viel Regulierungswut. Einen Steuerwahnsinn, bei dem für Trüffel 7% und für Windeln 19 % Mehrwertsteuer fällig werden. Wir haben auf Ämtern Zettel-Bürokratie wie in den 50ern und glauben noch an die Vollbeschäftigung, die kein Modell für die Zukunft ist, denn die Entwicklung von KI und Robotern wird unweigerlich zu einem Grundeinkommen führen. In Schulen mit Frontalunterricht und Latein ziehen wir keine "10x Denker" heran. Politik und Gesellschaft müssen sich dringend ändern, damit Deutschland das Land der digitalen Pioniere wird!
Mein Rat: Haben Sie den Mut, die wichtigen und nicht die dringlichen Themen voran zu bringen. Führen Sie Deutschland mit einer progressiven Agenda 2025 konsequent in das digitale Zeitalter. Denn Sie können Kanzlerin und wir brauchen Sie jetzt!
Ihr Frank Thelen
MICHAEL EHLERS(Kommunikationstrainer für Top-Manager, Politiker und Sportler, Buchautor "Rhetorik: Die Kunst der Rede im digitalen Zeitalter")

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,
liebe "Mutti"!
Als jemand, der an der Küste (Ostsee, Kreis Plön) groß geworden ist, weiß ich: Gegenwind kann sehr erfrischend sein. Gerade, wenn man sich seiner Stärken bewusst ist. Ich habe mich schon oft über Sie geärgert, und Sie tragen sogar eine Mitschuld daran, dass ich aus Ihrer Schwesterpartei CSU ausgetreten bin. Aber Sie haben große Stärken, die Sie gerade jetzt in schwierigen Zeiten nicht vergessen dürfen. Ihre oft spröde wirkende Art zum Beispiel. Ein Vorteil? Auf jeden Fall! Weil Sie authentisch und ehrlich wirken. Gerade das Spröde ist so unglaublich wahrhaftig. Ihr Auftreten strahlt Ruhe und Kompetenz aus. Jede Ihrer Reden und jedes Interview mit Ihnen ist maximal strukturiert. Ihre Sätze wirken alle durchdacht. Ihre Argumente setzen Sie zahlreich, aufeinander aufbauend und in kurzen, wirkungsvollen Sätzen ein. Gekonnt gebrauchen Sie Kausaladverbien wie "deshalb" und "weil" - und verbinden damit die einzeln angesprochenen Punkte sinnhaft miteinander. Ihre Körpersprache ist immer beherrscht, Ihre Sakkos sitzen, Ihre Merkel-Raute hat weltweit Kultstatus erlangt. All' diese Eigenschaften und Entscheidungen führen zu Ihrem berühmten Pragmatismus. Alles an Ihnen ist überlegt und kontrolliert. Trotzdem finde ich in Ihren Worten immer ausreichend Verbindendes. Sie benutzen oft die Wörter "gemeinsam", "lieb" und "herzlich". Das macht Sie nahbar, auch wenn diese Begriffe in Konkurrenz zu Ihrer emotionsbefreiten Körpersprache stehen. Das ist Ihre Wirkung. Die Wirkung eines Leaders. Seit so vielen Jahren schon. Darin stecken mehr Chancen als Gefahren. Sie müssen sie nur richtig nutzen. Machen Sie aus dem Gegenwind einen Aufwind. Gegen Sie sind Ihre Gegner Leichtmatrosen. Ich wünsche Ihnen dafür von Herzen die nötige Kraft - Ihr Michael Ehlers.
Die Briefeschreiber wurden angesprochen von Christian Ewers, Tilman Gerwien, Marc Goergen, Wigbert Löer, Barbara Opitz, Ulrike Posche, Andrea Ritter, Jan Rosenkranz, Doris Schneyink und Axel Vornbäumen.
Dieser Artikel wurde dem aktuellen stern entnommen: